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Mittwoch, 7. Dezember 2016

Brexit und Trump dank Bigdata

Originalartikel: Das Magazin N°48 – 3. Dezember 2016 https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt

Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.
Am 9. November gegen 8.30 Uhr erwacht Michal Kosinski in Zürich im Hotel Sunnehus. Der 34-jährige Forscher ist für einen Vortrag am Risikocenter der ETH angereist, zu einer Tagung über die Gefahren von Big Data und des sogenannten digitalen Umsturzes. Solche Vorträge hält Kosinski ständig, überall auf der Welt. Er ist ein führender Experte für Psychometrik, einen datengetriebenen Nebenzweig der Psychologie. Als er an diesem Morgen den Fernseher einschaltet, sieht er, dass die Bombe geplatzt ist: Entgegen den Hochrechnungen aller führenden Statistiker ist Donald J. Trump gewählt worden.
Lange betrachtet Kosinski Trumps Jubelfeier und die Wahlergebnisse der einzelnen Bundesstaaten. Er ahnt, dass das Ergebnis etwas mit seiner Forschung zu tun haben könnte. Dann atmet er tief durch und schaltet den Fernseher aus.
Am gleichen Tag versendet eine bis dahin kaum bekannte britische Firma mit Sitz in London eine Pressemitteilung: «Wir sind begeistert, dass unser revolutionärer Ansatz der datengetriebenen Kommunikation einen derart grundlegenden Beitrag zum Sieg für Donald Trump leistet», wird ein Alexander James Ashburner Nix zitiert. Nix ist Brite, 41 Jahre alt und CEO von Cambridge Analytica. Er tritt stets im Massanzug und mit Designerbrille auf, die leicht gewellten blonden Haare nach hinten gekämmt.
Der nachdenkliche Kosinski, der gestriegelte Nix, der breit grinsende Trump – einer hat den digitalen Umsturz ermöglicht, einer hat ihn vollführt, einer davon profitiert.

Wie gefährlich ist Big Data?
Jeder, der nicht die letzten fünf Jahre auf dem Mond gelebt hat, kennt den Begriff «Big Data». Big Data bedeutet auch, dass alles, was wir treiben, ob im Netz oder ausserhalb, digitale Spuren hinterlässt. Jeder Einkauf mit der Karte, jede Google-Anfrage, jede Bewegung mit dem Handy in der Tasche, jeder Like wird gespeichert. Besonders jeder Like. Lange war nicht ganz klar, wozu diese Daten gut sein sollen – ausser dass in unserem Facebook-Feed Blutdrucksenker beworben werden, weil wir grad «Blutdruck senken» gegoogelt haben. Unklar war auch, ob Big Data eine grosse Gefahr oder ein grosser Gewinn für die Menschheit ist. Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix. Wer den Ausgang der Wahl verstehen will – und was auf Europa in den nächsten Monaten zukommen könnte –, muss mit einem merkwürdigen Vorfall an der britischen Universität Cambridge im Jahr 2014 beginnen. Und zwar an Kosinskis Department für Psychometrik.
Psychometrie, manchmal auch Psychografie genannt, ist der wissenschaftliche Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen zu vermessen. In der modernen Psychologie ist dafür die sogenannte Ocean-Methode zum Standard geworden. Zwei Psychologen war in den 1980ern der Nachweis gelungen, dass jeder Charakterzug eines Menschen sich anhand von fünf Persönlichkeitsdimensionen messen lässt, den Big Five: Offenheit (Wie aufgeschlossen sind Sie gegenüber Neuem?), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch sind Sie?), Extraversion (Wie gesellig sind Sie?), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ sind Sie?) und Neurotizismus (Sind Sie leicht verletzlich?). Anhand dieser Dimensionen kann man relativ genau sagen, mit was für einem Menschen wir es zu tun haben, also welche Bedürfnisse und Ängste er hat, und aber auch, wie er sich tendenziell verhalten wird. Das Problem aber war lange Zeit die Datenbeschaffung, denn zur Bestimmung musste man einen komplizierten, sehr persönlichen Fragebogen ausfüllen. Dann kam das Internet. Und Facebook. Und Kosinski.
Für den Warschauer Studenten Michal Kosinski begann ein neues Leben, als er 2008 an der ehrwürdigen Cambridge University in England aufgenommen wurde: am Zentrum für Psychometrie, im Cavendish Laboratory, dem ersten Psychometrie-Labor überhaupt. Mit einem Studienkollegen stellte Kosinski eine kleine App ins damals noch überschaubare Facebook: Auf MyPersonality, so hiess die Applikation, konnte man eine Handvoll psychologischer Fragen aus dem Ocean-Fragebogen ausfüllen («Lassen Sie sich bei Stress leicht aus der Ruhe bringen?» – «Neigen Sie dazu, andere zu kritisieren?»). Als Auswertung erhielt man sein «Persönlichkeitsprofil» – eigene Ocean-Werte –, und die Forscher bekamen die wertvollen persönlichen Daten. Statt, wie erwartet, ein paar Dutzend Studienfreunde hatten schnell Hunderte, Tausende, bald Millionen ihre innersten Überzeugungen verraten. Plötzlich verfügten die beiden Doktoranden über den grössten jemals erhobenen psychologischen Datensatz.
Das Verfahren, das Kosinski mit seinen Kollegen über die nächsten Jahre entwickelt, ist eigentlich recht einfach. Zuerst legt man Testpersonen einen Fragebogen vor. Das ist das Onlinequiz. Aus ihren Antworten kalkulieren die Psychologen die persönlichen Ocean-Werte der Befragten. Damit gleicht Kosinskis Team dann alle möglichen anderen Onlinedaten der Testpersonen ab: was sie auf Facebook gelikt, geshared oder gepostet haben, welches Geschlecht, Alter, welchen Wohnort sie angegeben haben. So bekommen die Forscher Zusammenhänge. Aus einfachen Onlineaktionen lassen sich verblüffend zuverlässige Schlüsse ziehen. Zum Beispiel sind Männer, die die Kosmetikmarke MAC liken, mit hoher Wahrscheinlichkeit schwul. Einer der besten Indikatoren für Heterosexualität ist das Liken von Wu-Tang Clan, einer New Yorker Hip-Hop-Gruppe. Lady-Gaga-Follower wiederum sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit extrovertiert. Wer Philosophie likt, ist eher introvertiert.
Kosinski und sein Team verfeinern die Modelle unablässig. 2012 erbringt Kosinski den Nachweis, dass man aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users vorhersagen kann, welche Hautfarbe er hat (95-prozentige Treffsicherheit), ob er homosexuell ist (88-prozentige Wahrscheinlichkeit), ob Demokrat oder Republikaner (85 Prozent). Aber es geht noch weiter: Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum lassen sich berechnen. Sogar, ob die Eltern einer Person bis zu deren 21. Lebensjahr zusammengeblieben sind oder nicht, lässt sich anhand der Daten ablesen. Wie gut ein Modell ist, zeigt sich daran, wie gut es vorhersagen kann, wie eine Testperson bestimmte Fragen beantworten wird. Kosinski geht wie im Rausch immer weiter: Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben. Am Tag, als Kosinski diese Erkenntnisse publiziert, erhält er zwei Anrufe. Eine Klageandrohung und ein Stellenangebot. Beide von Facebook.

Nur für Freunde sichtbar
Facebook hat inzwischen die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Posten eingeführt. Im «privaten» Modus können nur die eigenen Freunde sehen, was man likt. Aber das bleibt kein Hindernis für Datensammler: Während Kosinski stets das Einverständnis der Facebook-User erfragt, verlangen viele Onlinequiz heute den Zugang zu privaten Daten als Vorbedingung für Persönlichkeitstests. (Wer keine grosse Sorge um die eigenen Daten hat und sich selbst anhand seiner Likes auf Facebook einschätzen lassen will, kann das auf Kosinskis Seite  applymagicsauce.com machen und anschliessend seine Ergebnisse mit denen eines «klassischen» Ocean-Fragebogens vergleichen: discovermyprofile.com/personality.html.)
Aber es geht nicht nur um die Likes auf Facebook: Kosinski und sein Team können inzwischen Menschen allein anhand des Porträtfotos den Ocean-Kriterien zuordnen. Oder anhand der Anzahl unserer Social-Media-Kontakte (ein guter Indikator für Extraversion). Aber wir verraten auch etwas über uns, wenn wir offline sind. Der Bewegungssensor zeigt zum Beispiel, wie schnell wir das Telefon bewegen oder wie weit wir reisen (korreliert mit emotionaler Instabilität). Das Smartphone, stellt Kosinski fest, ist ein gewaltiger psychologischer Fragebogen, den wir konstant bewusst und unbewusst ausfüllen. Vor allem aber, und das ist wichtig zu verstehen, funktioniert es auch umgekehrt: Man kann nicht nur aus Daten psychologische Profile erstellen, man kann auch umgekehrt nach bestimmten Profilen suchen – etwa: alle besorgten Familienväter, alle wütenden Introvertierten. Oder auch: alle unentschlossenen Demokraten. Was Kosinski genau genommen erfunden hat, ist eine Menschensuchmaschine.
Immer deutlicher erkennt Kosinski das Potenzial – aber auch die Gefahr seiner Arbeit.
Das Netz erschien ihm immer wie ein Geschenk des Himmels. Er will ja eigentlich zurückgeben, teilen, sharen. Daten sind kopierbar, sollen doch alle etwas davon haben. Es ist der Geist einer ganzen Generation, der Beginn eines neuen Zeitalters ohne die Grenzen der physischen Welt. Aber was passiert, fragt sich Kosinski, wenn jemand seine Menschensuchmaschine missbraucht, um Menschen zu manipulieren? Er beginnt, alle seine wissenschaftlichen Arbeiten mit Warnungen zu versehen. Mit seinen Methoden könnten «das Wohlergehen, die Freiheit oder sogar das Leben von Menschen bedroht» werden. Aber niemand scheint zu verstehen, was er meint.
In dieser Zeit, Anfang 2014, tritt ein junger Assistenzprofessor namens Aleksandr Kogan an Kosinski heran. Er habe eine Anfrage eines Unternehmen, das sich für Kosinskis Methode interessiere. Die Facebook-Profile von zehn Millionen US-Nutzern sollen psychometrisch vermessen werden. Zu welchem Zweck, das könne er nicht sagen, es gebe strenge Geheimhaltungsauflagen. Kosinski will erst zusagen, es geht um sehr viel Geld für sein Institut, zögert dann aber. Schliesslich rückt Kogan mit dem Namen der Firma heraus: SCL – Strategic Communications Laboratories. Kosinski googelt die Firma: «Wir sind eine weltweit agierende Wahl-Management-Agentur», liest er auf der Unternehmenswebsite. SCL bieten Marketing auf Basis eines psycho-logischen Modells. Schwerpunkt: Wahlbeeinflussung. Wahlbeeinflussung? Verstört klickt sich Kosinski durch die Seiten. Was ist das für eine Firma? Und was haben diese Leute in den USA vor?
Was Kosinski zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Hinter SCL verbirgt sich ein kompliziertes Firmenkonstrukt mit Ablegern in Steuerparadiesen – wie die Panama Papers und Wikileaks-Enthüllungen zeigen. Manche haben bei Umstürzen in Entwicklungsländern mitgewirkt, andere entwickelten für die Nato Methoden zur psychologischen Manipulation der Bevölkerung in Afghanistan. Und mittlerweile sind SCL auch die Mutterfirma von Cambridge Analytica, jener ominösen Big-Data-Bude, die für Trump und Brexit den Onlinewahlkampf organisierte.
Kosinski weiss davon nichts, aber er ahnt Ungutes. «Die Sache begann zu stinken», erinnert er sich. Bei seinen Nachforschungen entdeckt er, dass Aleksandr Kogan heimlich eine Firma registriert hat, die mit SCL Geschäfte macht. Aus einem Dokument, das dem «Magazin» vorliegt, geht hervor, dass SCL Kosinskis Methode durch Kogan kennenlernte. Plötzlich dämmert Kosinski, dass Kogan sein Ocean-Modell kopiert oder nachgebaut haben könnte, um es der Wahlbeeinflussungsfirma zu verkaufen. Sofort bricht er den Kontakt zu ihm ab und informiert den Institutsleiter. Innerhalb der Universität entfacht sich ein komplizierter Konflikt. Das Institut sorgt sich um seinen Ruf. Aleksandr Kogan zieht erst einmal nach Singapur, heiratet und nennt sich fortan Dr. Spectre. Michal Kosinski wechselt an die Stanford University in den USA.
Ein Jahr lang ist es ziemlich ruhig, dann, im November 2015, verkündet die radikalere der beiden Brexit-Kampagnen, «leave.eu», getragen von Nigel Farage, sie habe eine Big-Data-Firma beauftragt, ihren Wahlkampf online zu unterstützen: Cambridge Analytica. Kernkompetenz der Firma: neuartiges Politmarketing, sogenanntes Mikrotargeting – auf Basis des psychologischen Ocean-Modells. 
Kosinski bekommt Mails, was er damit zu tun habe – bei den Stichworten Cambridge, Ocean und Analytics denken viele zuerst an ihn. Zum ersten Mal hört er von der Firma. Entsetzt schaut er auf die Website. Sein Albtraum ist wahr geworden: Seine Methodik wird im grossen Stil für politische Zwecke eingesetzt.
Nach dem Brexit im Juli prasseln Beschimpfungen auf ihn ein: Schau nur, was du getan hast, schreiben Freunde und Bekannte. Überall muss Kosinski erklären, dass er mit dieser Firma nichts zu tun hat.

Erst Brexit, dann Trump
Zehn Monate später. Es ist der 19. September 2016, die US-Wahl rückt näher. Gitarrenriffs erfüllen den dunkelblauen Saal des New Yorker Grand Hyatt Hotels, Creedence Clearwater Revival: «Bad Moon Rising». Der Concordia Summit ist eine Art Weltwirtschaftsforum in Klein. Entscheidungsträger aus aller Welt sind eingeladen, unter den Gästen befindet sich auch Bundesrat Schneider-Ammann. «Bitte heissen Sie Alexander Nix, Chief Executive Officer von Cambridge Analytica, willkommen», verkündet eine sanfte Frauenstimme aus dem Off. Ein schlanker Mann im dunklen Anzug betritt die Bühnenmitte. Es herrscht gebannte Stille. Viele hier wissen: Das ist Trumps neuer Digital-Mann. «Bald werden Sie mich Mr. Brexit nennen», hatte Trump einige Wochen zuvor etwas kryptisch getwittert. Politikbeobachter hatten zwar auf die inhaltliche Ähnlichkeit zwischen Trumps Agenda und jener des rechten Brexit-Lagers verwiesen. Die wenigsten aber hatten den Zusammenhang mit Trumps kürzlichem Engagement einer weithin unbekannten Marketingfirma bemerkt: Cambridge Analytica.
Trumps Digitalkampagne hatte davor mehr oder minder aus einer Person bestanden: Brad Parscale, einem Marketingunternehmer und gescheiterten Start-up-Gründer, der Trump für 1500 Dollar eine rudimentäre Website aufgebaut hatte. Der 70-jährige Trump ist kein Digitaltyp, auf seinem Arbeitstisch steht nicht einmal ein Computer. So etwas wie eine E-Mail von Trump gibt es nicht, hat seine persönliche Assistentin einmal verraten. Sie selber habe ihn zum Smartphone überredet – von dem aus er seither unkontrolliert twittert.
Hillary Clinton hingegen verliess sich auf das Erbe des ersten Social-Media-Präsidenten, Barack Obama. Sie hatte die Adresslisten der Demokratischen Partei, sammelte Millionen über das Netz, bekam Unterstützung von Google und Dreamworks. Als im Juni 2016 bekannt wurde, dass Trump Cambridge Analytica angeheuert hatte, rümpfte man in Washington die Nase. Ausländische Gecken in Massanzügen, die Land und Leute nicht verstehen? Seriously?
«Es ist mein Privileg, vor Ihnen, verehrte Zuhörer, über die Macht von Big Data und der Psychografie im Wahlkampf zu sprechen.» Hinter Alexander Nix erscheint das Logo von Cambridge Analytica – ein Gehirn, zusammengesetzt aus ein paar Netzwerkknoten, wie eine Landkarte. «Vor ein paar Monaten war Cruz noch einer der weniger beliebten Kandidaten», sagt der blonde Mann mit diesem britischen Zungenschlag, der Amerikanern dasselbe Gefühl einjagt wie vielen Schweizern Hochdeutsch, «nur 40 Prozent der Wähler kannten seinen Namen.» Alle im Saal haben den Blitzaufstieg des konservativen Senators Cruz mitbekommen. Es war einer der seltsamsten Momente des Wahlkampfes. Der letzte grosse innerparteiliche Gegner Trumps, der aus dem Nichts gekommen war. «Wie also hat er das geschafft?», fährt Nix fort. Ende 2014 war Cambridge Analytica in den US-Wahlkampf eingestiegen, zunächst als Berater des Republikaners Ted Cruz, finanziert vom verschwiegenen US-Softwaremilliardär Robert Mercer. Bisher, so Nix, seien Wahlkampagnen nach demografischen Konzepten geführt worden, «eine lächerliche Idee, wenn Sie drüber nachdenken: Alle Frauen erhalten die gleiche Nachricht, bloss weil sie das gleiche Geschlecht haben – oder alle Afroamerikaner, wegen ihrer Rasse?» So dilettantisch arbeitet das Kampagnenteam von Hillary Clinton, das braucht Nix hier gar nicht zu erwähnen, es unterteilt die Bevölkerung in vermeintlich homogene Gruppen – genauso wie all die Meinungsforschungsinstitute es taten, die Clinton bis zuletzt als Gewinnerin sahen.
Stattdessen klickt Nix weiter zur nächsten Folie: fünf verschiedene Gesichter, jedes Gesicht entspricht einem Persönlichkeitsprofil. Es ist das Ocean-Modell. «Wir bei Cambridge Analytica», sagt Nix, «haben ein Modell entwickelt, das die Persönlichkeit jedes Erwachsenen in den USA berechnen kann.» Jetzt ist es absolut still im Saal. Der Erfolg des Marketings von Cambridge Analytica beruhe auf der Kombination dreier Elemente: psychologische Verhaltensanalyse nach dem Ocean-Modell, Big-Data-Auswertung und Ad-Targeting. Ad-Targeting, das ist personalisierte Werbung, also Werbung, die sich möglichst genau an den Charakter eines einzelnen Konsumenten anpasst.
Nix erklärt freimütig, wie seine Firma das macht (der Vortrag ist auf Youtube frei einsehbar). Aus allen möglichen Quellen kauft Cambridge Analytica persönliche Daten: Grundbucheinträge, Bonuskarten, Wählerverzeichnisse, Clubmitgliedschaften, Zeitschriftenabonnements, medizinische Daten. Nix zeigt die Logos global tätiger Datenhändler wie Acxiom und Experian – in den USA sind quasi alle persönlichen Daten käuflich zu erwerben. Wenn man wissen will, wo zum Beispiel jüdische Frauen wohnen, kann man diese Informationen einfach kaufen. Inklusive Telefonnummern. Nun kreuzt Cambridge Analytica diese Zahlenpakete mit Wählerlisten der Republikanischen Partei und Onlinedaten wie Facebook-Likes – dann errechnet man das Ocean-Persönlichkeitsprofil: Aus digitalen Fussabdrücken werden plötzlich reale Menschen mit Ängsten, Bedürfnissen, Interessen – und mit einer Wohnadresse.
Das Vorgehen ist identisch mit den Modellen, die Michal Kosinski entwickelt hatte. Auch Cambridge Analytica verwendet IQ-Quiz und andere kleine Ocean-Test-Apps, um an die aussagekräftigen Facebook-Likes von Usern zu gelangen. Und Cambridge Analytica macht genau das, wovor Kosinski gewarnt hatte: «Wir haben Psychogramme von allen erwachsenen US Bürgern – 220 Millionen Menschen», Nix öffnet den Screenshot, «so sehen unsere Kontrollzentren aus. Lassen Sie mich zeigen, was wir damit tun.» Ein digitales Cockpit erscheint. Links Diagramme, rechts eine Karte von Iowa, wo Cruz überraschend viele Stimmen im Vorwahlkampf gesammelt hatte. Darauf Hunderttausende kleiner Punkte, rot und blau. Nix grenzt die Kriterien ein: Republikaner – die blauen Punkte verschwinden; «noch nicht überzeugt» – wieder verschwinden Punkte; «männlich» und so weiter. Am Schluss erscheint ein einzelner Name, darunter Alter, Adresse, Interessen, politische Neigung. Wie bearbeitet Cambridge Analytica nun eine solche Person mit politischen Botschaften?
In einer anderen Präsentation zeigt Nix am Beispiel des Waffengesetzes zwei Versionen, wie man psychografisch durchleuchtete Wähler ansprechen kann: «Für einen ängstlichen Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten verkaufen wir die Waffe als Versicherung. Sehen Sie links das Bild dazu: die Hand eines Einbrechers, die eine Scheibe einschlägt.» Die rechte Seite zeigt einen Mann und ein Kind im Sonnenuntergang, beide mit Flinten in einem Feld, offensichtlich bei der Entenjagd: «Das ist für konservative Typen mit hoher Extraversion.»

Wie man Clinton-Wähler von der Urne fernhält
Trumps auffällige Widersprüche, seine oft kritisierte Haltungslosigkeit und die daraus resultierende ungeheure Menge an unterschiedlichen Botschaften entpuppen sich plötzlich als sein grosser Vorteil: Jedem Wähler seine Botschaft. «Trump agiert wie ein perfekt opportunistischer Algorithmus, der sich nur nach Publikumsreaktionen richtet», notiert bereits im August die Mathematikerin Cathy O’Neil. Am Tag der dritten Präsidentschaftsdebatte zwischen Trump und Clinton versendet Trumps Team 175 000 verschiedene Variationen seiner Argumente, vor allem via Facebook. Die Botschaften unterscheiden sich meist nur in mikroskopischen Details, um den Empfängern psychologisch optimal zu entsprechen: verschiedene Titel, Farben, Untertitel, mit Foto oder mit Video. Die Feinkörnigkeit der Anpassung geht hinunter bis zu Kleinstgruppen, erklärt Nix im Gespräch mit «Das Magazin». «Wir können Dörfer oder Häuserblocks gezielt erreichen. Sogar Einzelpersonen.» In Miamis Stadtteil Little Haiti versorgte Cambridge Analytica Einwohner mit Nachrichten über das Versagen der Clinton-Stiftung nach dem Erdbeben in Haiti – um sie davon abzuhalten, Clinton zu wählen. Das ist eines der Ziele: potenzielle Clinton-Wähler – hierzu gehören zweifelnde Linke, Afroamerikaner, junge Frauen – von der Urne fernzuhalten, ihre Wahl zu «unterdrücken», wie ein Trump-Mitarbeiter erzählt. In sogenannten dark posts, das sind gekaufte Facebook-Inserate in der Timeline, die nur User mit passendem Profil sehen können, werden zum Beispiel Afroamerikanern Videos zugespielt, in denen Hillary Clinton schwarze Männer als Raubtiere bezeichnet.
«Meine Kinder», beendet Nix seinen Vortrag am Concordia Summit, «werden sich so etwas wie ein Werbeplakat mit der gleichen Nachricht für alle, ja das ganze Konzept eines Massenmediums, nicht mehr erklären können. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und kann Ihnen sagen, dass wir mittlerweile für einen der beiden verbliebenen Kandidaten arbeiten.» Dann verlässt er die Bühne.
Wie gezielt die amerikanische Bevölkerung bereits in diesem Moment von Trumps digitalen Truppen massiert wird, ist nicht erkennbar – weil sie selten breit im Mainstream-TV attackieren, sondern meist personalisiert auf Social Media oder im Digitalfernsehen. Und während sich das Clinton-Team auf Basis demografischer Hochrechnungen in Sicherheit wiegt, entsteht in San Antonio im Sitz der Trump-Digitalkampagne ein «zweites Hauptquartier», wie Bloomberg-Journalist Sasha Issenberg nach einem Besuch überrascht notiert. Das Cambridge-Analytica-Team, angeblich nur ein Dutzend Leute, hatte im Juli von Trump etwa 100 000 Dollar erhalten, im August bereits 250 000 Dollar, fünf Millionen im September. Insgesamt, so sagt Nix, habe man etwa 15 Millionen Dollar eingenommen.
Und die Massnahmen der Firma sind radikal: Ab Juli 2016 wird für Trump-Wahlhelfer eine App bereitgestellt, mit der sie erkennen können, welche politische Einstellung und welchen Persönlichkeitstyp die Bewohner eines Hauses haben. Wenn Trumps Leute an der Tür klingeln, dann nur bei jenen, die die App als empfänglich für seine Botschaften einstuft. Die Wahlhelfer haben auf den Persönlichkeitstyp des Bewohners angepasste Gesprächsleitfaden bereit. Die Reaktion wiederum geben die Wahlhelfer in die App ein – und die neuen Daten fliessen zurück in den Kontrollraum von Cambridge Analytica.
Die Firma unterteilt die US-Bevölkerung in 32 Persönlichkeitstypen, man konzentriert sich nur auf 17 Staaten. Und wie Kosinski festgestellt hatte, dass Männer, die MAC Cosmetic liken, sehr wahrscheinlich schwul sind, fand Cambridge Analytica heraus, dass eine Vorliebe für US-gefertigte Autos das beste Anzeichen für mögliche Trump-Wähler ist. Unter anderem solche Erkenntnisse zeigen nun Trump, welche Botschaften ziehen und wo genau am besten. Die Entscheidung, dass er sich in den letzten Wochen auf Michigan und Wisconsin konzentriert, geschieht auf Basis einer Datenauswertung. Der Kandidat wird zum Umsetzungsinstrument eines Modells.

Was macht Cambridge Analytica in Europa?
Aber wie gross war der Einfluss der psychometrischen Methoden auf den Ausgang der Wahl? Cambridge Analytica will auf Anfrage keine Belege für die Wirksamkeit der Kampagne liefern. Und es ist gut möglich, dass die Frage nicht zu beantworten ist. Und doch gibt es Anhaltspunkte: Da ist die Tatsache, dass Ted Cruz dank der Hilfe von Cambridge Analytica aus dem Nichts zum schärfsten Konkurrenten Trumps in den Primaries aufstieg. Da ist die Zunahme der ländlichen Wählerschaft. Da ist der Rückgang der Stimmenabgabe durch Afroamerikaner. Auch der Umstand, dass Trump so wenig Geld ausgab, könnte sich mit der Effektivität persönlichkeitsbasierter Werbung erklären. Und auch, dass er drei Viertel seines Marketingbudgets in den Digitalbereich steckte. Facebook erwies sich als die ultimative Waffe und der beste Wahlhelfer, wie ein Trump-Mitarbeiter twitterte. Das dürfte beispielsweise in Deutschland der AfD gefallen, die mehr Facebook-Freunde hat als CDU und SPD zusammen.
Es ist also keineswegs so, wie oft behauptet wird, dass die Statistiker diese Wahl verloren haben, weil sie mit ihren Polls so danebenlagen. Das Gegenteil ist richtig: Die Statistiker haben die Wahl gewonnen. Aber nur jene mit der neuen Methode. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Trump oft über die Wissenschaft schimpfte, aber wohl dank ihr die Wahl gewonnen hat.
Ein anderer grosser Gewinner heisst Cambridge Analytica. Ihr Vorstandsmitglied Steve Bannon, Herausgeber der ultrarechten Onlinezeitung «Breitbart News», ist gerade zu Donald Trumps Chefstrategen ernannt worden. Marion Maréchal-Le Pen, aufstrebende Front-National-Aktivistin und Nichte der Präsidentschaftskandidatin, twitterte bereits, dass sie seine Einladung zur Zusammenarbeit annehme, und auf einem internen Firmenvideo steht über dem Mitschnitt einer Besprechung «Italy». Alexander Nix bestätigt, dass er auf Kundenakquise sei, weltweit. Es gebe Anfragen aus der Schweiz und Deutschland.
All das hat Kosinski von seinem Büro in Stanford aus beobachtet. Nach der US-Wahl steht die Universität kopf. Kosinski antwortet auf die Entwicklungen mit der schärfsten Waffe, die einem Forscher zur Verfügung steht: mit einer wissenschaftlichen Analyse. Zusammen mit seiner Forscherkollegin Sandra Matz hat er eine Reihe von Tests durchgeführt, die bald veröffentlicht werden. Erste Ergebnisse, die dem «Magazin» vorliegen, sind beunruhigend: Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um über 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tätigen oder eben wählen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent*.
Die Welt hat sich gedreht. Die Briten verlassen die EU, in Amerika regiert Donald Trump. Begonnen hat alles mit einem Mann, der eigentlich vor der Gefahr warnen wollte. Bei dem jetzt wieder diese Mails eintreffen, die ihn anklagen. «Nein», sagt Kosinski leise und schüttelt den Kopf, «das hier ist nicht meine Schuld. Ich habe die Bombe nicht gebaut. Ich habe nur gezeigt, dass es sie gibt.»

Mitarbeit: Paul-Olivier Dehaye; www.personaldata.io

*Die genannte Studie bezieht sich auf eine Vergleichsreihe: Ein Konsum-Produkt wurde online beworben. Verglichen wurde die Reaktion auf zwei unterschiedliche Ansprachen: Eine genau auf den Charakter des Konsumenten angepasste Werbung mit einer dem Charakter widersprechenden Werbung. Die Steigerung der Conversionrate liegt bei genau angepasster Werbung bei 1’400 Prozent gegenüber dem Charakter widersprechender Werbung.

Donnerstag, 29. September 2016

The Choice is Ours (2016) by The Venus Project



Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple

This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.

Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.

Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.

Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.

Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.

Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project

Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut

Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University

Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"

Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower

Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT

Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author

Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"

Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org

Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author

Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".

Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"

Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project

*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.

The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com

Dienstag, 9. August 2016

Kinder in den USA

Original: https://www.dasmagazin.ch/2016/08/05/das-bose-lauert-uberall/

Das Böse lauert überall

Amerikas Vorstadtstrassen sind wie leer gefegt, weil Eltern ihre Kinder nicht mehr allein vor die Tür lassen, aus Angst, verhaftet zu werden. Vertrauen ist das grösste Tabu, Paranoia oberste Pflicht. In den USA grassiert die Furcht vor allem und jedem.

 Das Magazin N°31/32 – 6. August 2016

In den ersten Wochen fällt es einem gar nicht auf. Wer neu aus Europa in eine durchschnittliche amerikanische Vorstadt zieht, der ist zunächst von der geballten Ladung Idylle erschlagen, den netten Holzveranden, den freundlichen Nachbarn, Jack und Cindy, die immerzu lächeln und Kuchen vorbeibringen und am 4. Juli ihren Garten mit amerikanischen Fahnen schmücken. Es müssen erst ein paar Monate vergehen, bis man merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Noch aber kommt man nicht drauf, blickt dafür immer öfter verstohlen aus dem Fenster, weil man etwas sucht, weil hier einfach etwas fehlt. Nur: was denn? Bis einem endlich die Augen aufgehen.
Bei mir dauerte das ungefähr ein Jahr. Als ich an einem späten Nachmittag mit dem Auto durch unser Quartier fuhr, vorbei an Vorgärten mit Rasensprinklern, vorbei an adretten Backsteinhäusern mit Basketballkorb an der Garage, sah ich es plötzlich ganz deutlich. Es war, als hätte ich auf einmal eines dieser Vexierbilder entschlüsselt und das andere Bild entdeckt im Bild. Nicht mehr den alten Mann mit Glatze und Bart, sondern die nackte Frau. In diesem Moment brach die amerikanische Vorstadtidylle zusammen, denn ich sah – Tschernobyl.
Alles war wie immer, Cindys Blumen strahlten um die Wette, in der Luft lag der Geruch von gemähtem Gras dividiert durch gegrilltes Fleisch, doch endlich erkannte ich, was hier fehlt: Kinder. Keine Mädchen mit Zöpfen. Keine Jungs mit aufgeschlagenen Knien. Keine Kreidezeichnungen am Boden, lachende Sonnen und Marienkäfer auf zwei Beinen. Kein Geschrei zu hören, kein «18–19–20, ich koommeeee». In der Vorstadt, in der wir wohnen, zwanzig Minuten vom Weissen Haus entfernt, ist es so gespenstisch leer wie in einem dieser Roland-Emmerich-Filme über die Postapokalypse.
Jeden Donnerstag kommt bei uns die Müllabfuhr vorbei, was bedeutet, dass sämtliche Anwohner am Mittwochabend ihren Müll an die Strasse stellen. Und wenn man heimlich in ihre Säcke schaut, dann sieht man durchaus Spuren von Kinderleben, blaue Legokartons, Cornflakes-Schachteln in XXL-Familiengrösse, Babynahrung mit Bananengeschmack – allein die Kinder sieht man nie.
Man kennt das Klischee, das die Anti-Amerikaner unter uns, und davon gibt es in der Schweiz ja einige, immer wiederholen: Amerikaner würden ihre Kinder halt lieber vor den Fernseher setzen, während wir unsere draussen im Dreck wühlen lassen. Doch es ist, wie bei allen Klischees, komplexer.
Man kennt auch die Berichte über Helikoptereltern, die ihre Kinder überwachen und in Watte packen, als würden sie unter der Glasknochenkrankheit leiden. Doch auch hier ist der elterliche Überprotektionismus nur ein Symptom eines tiefer liegenden Phänomens, das nicht nur die Kindererziehung, sondern das ganze Land bestimmt: Die Angst geht um in Amerika.
Und plötzlich ergibt vieles Sinn, was man anfänglich als anders oder seltsam empfand: Warum man in der Schule täglich ein Formular unterschreiben muss, bevor man seine Kinder abholt. Warum auf Kindergeburtstagen nur die aufs Trampolin dürfen, deren Eltern eine schriftliche Bewilligung einreichen. Warum auf den Spielplätzen und in Parks, wo sich durchaus Kinder finden lassen, immer so viele Erwachsene herumstehen, die bei Not eingreifen und bei Streitereien schlichten. Warum die Liste mit möglichen Nebenwirkungen, auch wenn es sich nur um Kindermückenspray handelt, so endlos lang ist. Und warum man vor allem so selten Kinder sieht, die sich ohne Aufsicht irgendwo aufhalten. Weder in Bussen noch im Wald oder vor dem Supermarkt. Im Schwimmbad sowieso nicht.

Erotische Beziehung zur Angst
Keine Woche vergeht ohne neue Angst. Angst vor Terror, vor Muslimen und Mexikanern; vor zu vielen Waffen oder davor, keine Waffen mehr tragen zu dürfen; vor heimischen Zecken, südamerikanischen Zika-Viren und Atombomben aus Nordkorea; vor dem sozialen Abstieg, schlechten Schulnoten, hohen Cholesterinwerten und vor Schneefällen, die sich zu «Monsterstürmen» auftürmen könnten, wie es im vergangenen Winter im Fernsehen hiess. Worauf die Anwohner in meiner Vorstadt sämtliche Supermärkte leer kauften und sich im Keller Notunterkünfte einrichteten, als würden sie sich auch ein wenig drauf freuen. Als dann nach ein paar Tagen doch nur harmlose Schneeflocken vom Himmel fielen, die sich puderzuckrig auf die Vorgärten legten, da waren unsere Nachbarn Jack und Cindy nicht etwa empört, weil man sie in die Irre geführt hatte und sie sich umsonst Sorgen machten. Sie waren erleichtert und froh, dass alles noch einmal gut ausging. Kinder beim Schlitteln allerdings sah ich keine.
Dafür wurden in jenem Winter sämtliche Sitzbänke vor den Schulen in der Umgebung abgeschraubt, weil man nicht will, dass die Kinder nach dem Unterricht auf dem Schulhof spielen und sich die Eltern auf den Bänken ausruhen – wie man das bei Bahnhöfen macht, um die Penner zu vertreiben. So will man aus Versicherungsgründen, dass sich Eltern wie Kinder ohne Umwege sofort nach Hause begeben, es könnte ja sonst etwas passieren.
Es ist eine Unart dieser Tage, dass kein einziger Bericht über die USA ohne Verweis auf Donald Trump auskommt. Doch hier muss der Immobilienspekulant, der sich durch die Vorwahlen pöbelte und nun gegen Hillary Clinton antritt, erwähnt sein, denn natürlich ist der Aufstieg Trumps ohne Amerikas erotische Beziehung zur Angst nicht zu verstehen. Die Angst ist ein Lustgewinn, deshalb wird sie zelebriert und gepflegt, und sie ist der Kitt in der amerikanischen Gesellschaft.
Mehrmals schon liess Danielle Meitiv ihre Kinder Rafi, 11, und Dvora, 8, allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt.
Während Barack Obama seit acht Jahren vorgibt, alles immer im Griff zu haben, schürt Trump Ängste, wo er nur kann. «Wir sind ein Land der Verlierer geworden und werden verspottet», sagt er dauernd, worauf seine Anhänger johlen, als hätte er ihnen eine Gehaltserhöhung versprochen. Die Furcht vor dem eigenen Niedergang entfacht gleichzeitig Begeisterung, weil sie zusammenhält: Wir gegen die. Und wo kräftig mit Angst gedüngt wird, da gedeiht Hass, das weiss man aus der europäischen Geschichte.

Nüsse sind verboten, Schokolade ist erlaubt
Die Angst um die Kinder ist aber vielleicht die intimste, sie sagt viel aus über den Zustand dieses Landes und verunsichert eine ganze Generation junger Eltern, die doch nur das Beste für ihre Kinder wollen, aber bei all den Schauermärchen und ob all der Panikmache nicht mehr wissen, was das Beste ist. Hinzu kommt, dass sie sich mit einer Fülle von Gesetzen herumschlagen müssen, die von Staat zu Staat variieren: Wer Kinder ohne Aufsicht auch nur für wenige Minuten im Auto lässt, in einem Park oder nur schon zu Hause, wer fremden Schulmädchen auf dem Spielplatz beim Klettern hilft und sie zufällig auch noch berührt, läuft Gefahr, von Beamten der Child Protective Services (CPS) ins Visier genommen zu werden, und das möchte niemand. C-P-S – diese drei Buchstaben lassen amerikanischen Eltern das Blut in den Adern gefrieren.
Dabei sind die USA doch das «land of the free», so dachte man jedenfalls, als man neu aus Europa herzog. Dass Eltern alles andere als frei sind, merkt man, wenn man die Kinder zur Schule anmeldet und sich durch die seitenlange Liste von Regeln kämpft: Die Badekappe muss weiss sein, das Kind gegen Hepatitis geimpft und die Lunchbox natürlich aus Plastik, sonst könnten sich die Kinder damit ja noch die Nasen blutig schlagen. An Nüssen könnten sie sich verschlucken, an Äpfeln die Zähne ausbeissen, Schokolade ist erlaubt.
Die ganze Verunsicherung führt ja nicht nur zu dieser gespenstischen Leere in meinem Quartier und dem Umstand, dass wir drei Tage lang alle Geschäfte nach weissen Badekappen absuchten. Die Folgen sind weitreichender und über das ganze Land verteilt. Wobei das nicht ganz stimmt. Kinder aus ärmeren Familien sind durchaus auf der Strasse, in Schwarzenvierteln von D.C., Chicago oder Baltimore etwa klettern sie ohne Aufsicht auf Gerüste und Bäume, weil die Eltern keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern. Weil sie arbeiten und abends zu müde sind. Angst zu haben und teilzunehmen an der nationalen Panik ist ein Privileg und gehört auf die Liste von Christian Landers hervorragendem Blog: «Stuff White People Like».

Revolutionärin oder Rabenmutter
In Connecticut überhörte Maria Hasankolli eines Morgens im November ihren Wecker, worauf sich ihr Sohn, 8 Jahre alt, allein auf den Weg machte. Zwei Polizisten hielten ihn an, begleiteten ihn zur Schule, fuhren daraufhin zur verschlafenen Mutter zurück und legten ihr Handschellen an. Die Anklage lautete, sie habe ihr Kind willentlich in Gefahr gebracht, es war von einer 10-jährigen Gefängnisstrafe die Rede. Hasankolli kam gegen 2500 Dollar Kaution wieder frei. Sie geht jetzt jeden Abend mit der Angst ins Bett, sie könnte den Wecker noch einmal überhören, schreibt sie: «Dann nehmen sie mir meinen Sohn weg.»
In Arizona fuhr Brenda Mayers mit ihrem Mann und ihren vier Kindern vom Schwimmbad nach Hause, es war später Nachmittag, und sie wollten noch etwas essen. Die Jüngeren schliefen, die beiden Älteren folgten dem Vater in eine Filiale von Burger King. Mayers stieg aus dem Auto und setzte sich an einen der Tische neben den Parkplätzen, der Wagen keine fünf Meter von ihr entfernt, die Fenster offen. Nur einmal ging sie kurz hinein, um Servietten zu holen und sich die Hände zu waschen, doch das reichte: Ein Gast am Nebentisch rief die Polizei.
Mayers erhielt eine Busse, weil es verboten ist, Kinder unter sieben Jahren mehr als fünf Minuten allein im Auto zu lassen. «Dass es nicht mal eine Minute war, tat nichts zur Sache.» Ein paar Wochen später führten Beamte der Kinderschutzbehörde CPS mit den Lehrern von Mayers Kindern Gespräche. Auch die Kinder wurden vernommen, ohne dass Mayers dabei sein durfte. Sie hat nun eine dicke Akte und musste einen mehrtägigen Elternkurs besuchen, obwohl sie vier Kinder hat. Und als sie neulich in einem Park von einem Polizisten gerügt wurde, weil ihr Sohn zu nahe am Ufer lief, wollte sie sich erst wehren, liess es dann aber bleiben und entschloss sich, von nun an zu Hause zu bleiben. «Burger essen und im Park spazieren gehen, das ist in diesem Land zu gefährlich geworden.»
Mittagessen mit Danielle Meitiv, Mutter von Rafi, 11, und Dvora, 8. Meitiv ist entweder Revolutionärin oder Rabenmutter, je nachdem, wie man es betrachtet. Sie selbst will gegen «diese Totalhysterie» ankämpfen, die in Amerika grassiere und die Städte «in tote Kulissen verwandelt», für die sich keiner mehr zuständig fühle, «weil wir ja immer zu Hause sind».
Dank einer nationalen Kampagne gelten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als verdächtig.
Mehrmals schon liess Meitiv ihre Kinder allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt. Meitiv hörte auch nicht damit auf, nachdem die Polizei bereits interveniert hatte und die Männer von der Jugendschutzbehörde CPS begannen, sie auszuspionieren. Sie nahm sich einen Anwalt und hielt dagegen. Die Meldung der renitenten Mutter, die sich nicht verbieten lassen will, ihre Kinder ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herumlaufen zu lassen, ging vor einem Jahr um die Welt, selbst das russische Fernsehen hat darüber berichtet. «In anderen Ländern ist das doch ganz normal. Was also soll die Aufregung?»
Danielle Meitiv ist in den Siebzigerjahren in einem jüdischen Viertel in Queens aufgewachsen. «Einen gefährlicheren Ort gab es damals nicht in den USA», Bandenkriege, Cracktote, «und dennoch liessen mich meine Eltern draussen spielen. Und wenn ich die sechsspurige Strasse zur Synagoge überqueren musste, da habe ich jemanden um Hilfe gefragt.» Das Bauchgefühl habe sich verändert, so Meitiv, man gehe heute immer davon aus, dass etwas passiert; und wer das schlimmstmögliche Szenario nicht einkalkuliert, der gelte als schlechte Mutter oder mieser Vater.

Die Angst mit Löffeln gegessen
Wann war der Tag, die Woche, das Jahr, als sich die Angst in den Köpfen der Amerikaner ausbreitete und immer häufiger auch in jenen der Schweizer? Warum hat sich unser Blick derart verändert? Wie ist es möglich, dass dieses Bauchgefühl allen Statistiken trotzt und sich so hartnäckig hält? Mord, Raub, Vergewaltigung, Entführung, das Leben in den USA war nie sicherer als heute. Selbst für Schwarze. Und dennoch wurden noch nie so viele Ortungsgeräte verkauft. Handy-Apps und Zimmerkameras, mit denen man seinen Nachwuchs jederzeit überwachen kann, sind mittlerweile Standard im Kinderzimmer. Mit der Angst der Eltern lässt sich Geld verdienen.
Als Meitiv in den Siebzigerjahren aufwuchs, wurden Bilder verschwundener Kinder auf Milchflaschen gedruckt, die auf den Frühstückstischen standen: «Hast du mich gesehen?», war auf den Flaschen zu lesen, mit denen Millionen von Amerikanern ihre Cornflakes-Schüsseln füllten – sie assen die Angst mit dem Löffel. Damals begann man, den Kindern zu verbieten, mit Fremden mitzugehen, «Stranger Danger» hiess die nationale Kampagne, und fortan galten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als verdächtig. Auch dafür gibt es, wie für so vieles, eine Bezeichnung: «Man in a Van» – diese Warnung vor Fremden kennt hier jedes Kind. Obwohl 90 Prozent der Kindsmisshandlungen von Verwandten oder Freunden begangen werden, aber das nur nebenbei.
Als dann das Fernsehen 24 Stunden pro Tag zu senden begann, explodierte die elterliche Paranoia, sagt Danielle Meitiv. «Die emotionalen Einzelschicksale, die pausenlos auf uns niederprasseln, haben unser Denken und unsere Risikowahrnehmung verändert und uns alle in einen permanenten Schreckenszustand versetzt.» Denn die Botschaft, die alle diese Geschichten in die Wohnzimmer transportieren, sei: Pass bloss auf, es könnte auch deinen Kindern passieren. Mit dem Resultat, dass alle überall Gefahr wittern. «Wer ein Kind allein auf der Strasse sieht, der denkt sich: Was ist denn mit dem passiert?, anstatt sich zu fragen: Und wo, bitte schön, sind all die anderen?»
Mit dem Aufstieg der Angst, so Meitiv, erhielt die Jugendschutzbehörde CPS, so etwas wie die Schweizer Kesb, immer mehr Macht. Sie habe keine Angst vor Einbrechern, sagt Meitiv, sie habe Angst davor, dass Nachbarn die CPS anrufen, weil sie ihre Kinder wieder mal allein spielen lässt. «Die Leute von den CPS sind unantastbar. Sie können Familien entzweien, Kinder in Internate stecken, Männer als potenzielle Vergewaltiger abstempeln. Ein Wort der CPS genügt, und dein Leben stellt sich auf den Kopf.»
Weil keiner Ärger will, würden Amerikaner alles für ihre Kinder tun, daher der Überprotektionismus. «Wir züchten eine Generation polierter Kids, für die wir alles tun und die wir möglichst lang von der Welt abschotten. Mit 16 kiffen sie zwar heimlich und haben Oralsex, aber vom Leben keine Ahnung.»

Ruhe statt Panik – ein Tabu in Amerika
Die geistige Mutter des Widerstands gegen Meitivs «Totalhysterie» heisst Lenore Skenazy und lebt in New York. Sie liess ihren 9-jährigen Sohn in Manhattan allein mit der U-Bahn fahren und schrieb 2008 eine Kolumne darüber, mit dem Titel: «Here’s Your Metrocard, Kid». Damit löste sie eine landesweite Empörung aus. «Andauernd wurde ich gefragt, was ich getan hätte, wenn er nicht zu Hause angekommen wäre. Aber das ist ja gar keine Frage. Es ist eine Verurteilung.» Sie habe sich erlaubt, nicht mit dem Schlimmstmöglichen zu rechnen, sondern damit, dass alles gut kommt. Ruhe statt Panik. Ein Tabu in Amerika.
Seitdem wird Skenazy jährlich zur schlechtesten Mutter des Landes gewählt, in den USA gibt es ja für alles eine Liste. Sie führt einen Blog, hilft Eltern, die mit Behörden Schwierigkeiten haben, weil sie etwa ihr Kind für eine Minute im Auto liessen, und sie hat die «Free Range Kids»-Bewegung gegründet – so etwas wie die Freilandhaltung bei Hühnern. Skenazy nennt es «Streifradius». Kinder sollen umherstreunen und ihr Viertel entdecken, statt die Jugend im elterlichen Käfig abzusitzen. Zudem unterstützt sie Projekte in Schulen, die die Selbstständigkeit der Kinder fördern, und spricht an Tagungen von «diesem total überhitzten Land» und den Auswirkungen auf die Kleinsten.
Dieser Überhitzung bin ich vor Kurzem wieder begegnet, als ich von einer freundlichen Fahrkartenverkäuferin daran gehindert wurde, mit meinen drei Kindern in den Zug zu steigen: «So sind nun mal die Regeln.» Und die Regel lautet, dass ein Erwachsener nur mit maximal zwei Kindern reisen darf, weil man allein auf drei nicht aufpassen könne, was streng genommen ja auch stimmt. Falls etwa ein Helikopter auf den fahrenden Zug stürzen würde und es zur Entgleisung käme, hätte ich tatsächlich Mühe, mich um alle zu kümmern. «Dann nehme ich halt das Auto», sagte ich, und sie nickte.
Jährlich kommt es zu 1,5 Millionen Unfällen auf den Strassen der USA, 35 000 Menschen sterben, das Auto ist das gefährlichste Verkehrsmittel von allen. Aber hey, keine Panik.

Samstag, 6. August 2016

Wer den Wind sät… Was westliche Politik im Orient anrichtet | Michael Lüders


https://www.youtube.com/watch?v=syygOaRlwNE

Michael Lüders untersucht in seinem Vortrag die Folgen westlicher Politik in der arabisch-islamischen Welt. Er beginnt mit dem von britischen und amerikanischen Geheimdiensten inszenierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Mossadegh im Iran 1953, die als "Ursünde" westlicher Interventionen in der Region angesehen werden kann. Denn auf Mossadegh folgte die Diktatur des Schah, die wiederum durch die Islamische Revolution 1979 hinweggefegt wurde. Ohne Putsch gegen Mossadegh keine islamische Revolution - in dieser Einschätzung sind sich die Historiker weitgehend einig. Doch der Westen hat aus seinen Fehlern nichts gelernt, wie Lüders aufzeigt. So hatte das Eingreifen in den Krieg in Afghanistan, das 1979 von den Sowjets besetzt worden war, ebenfalls weitreichende Folgen. Aus der Unterstützung für die Mudschahedin, die Glaubenskämpfer, die gegen die Sowjets kämpften, erwuchsen später Al-Qaida und Osama bin Laden. Der Aufstieg des "Islamischen Staates" wiederum ist nicht zu erklären ohne die US-geführte Militärintervention zum Sturz Saddam Husseins 2003. Was also tun? Wie kann eine konstruktive Politik in der Region aussehen? Wie ist das Erstarken radikaler islamistischer Strömungen zu bekämpfen?

Mehr Infos: http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta150412.php

Donnerstag, 8. Oktober 2015

STOP TTIP - Freier Handel oder freie Bürger (Arte Doku 2015)



TTIP – der Freihandel der EU mit den USA – werde der “größte Wirtschaftsdeal der Geschichte” schwärmen Politiker: Wachstum, Wohlstand und mehr Jobs für 800 Millionen Menschen, dazu faire Regeln für die Globalisierung. Doch Kritiker warnen: Durch das TTIP werden nicht nur Verbraucher-, Umwelt- und Datenschutz dem Kapitalismus geopfert, sondern auch Grundrechte der Demokratie.
„Wir schaffen Wachstum, Arbeitsplätze – gemeinsam mit den USA setzen wir die Regeln für die Globalisierung!“, schwärmt EU-Top-Handelsbürokrat Jean-Luc Demarty über das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP. Auch in Washington träumt man von einem Markt von Hawaii bis zum Baltikum für 800 Millionen Menschen. Der Westen soll die Führung übernehmen, bevor China und andere es tun.
Kritiker sehen den EU-Kanada-Freihandelsvertrag CETA als Blaupause und warnen vor einer Absenkung von Umwelt-, Verbraucher- und Datenschutz im Interesse internationaler Konzerne. Auch Befürworter räumen ein: Es geht den USA um „Big Data“ – die Erhebung und Auswertung von Daten für Werbung und Kulturindustrie sowie um Exporte ihrer High-Tech Agrarindustrie.

Damit öffnet die EU-Kommission neuen gentechnisch veränderten Lebensmitteln Tür und Tor. Sie verhandelt über Klagerechte von Unternehmen gegen unsere demokratische Gesetzgebung, die etwa im Datenschutz wirksam werden könnte. Besonders brisant ist für viele EU-Bürger, dass einheitliche transatlantische Produktionsstandards fernab jeder demokratischen Öffentlichkeit vorangetrieben werden.

Ein „Staatsstreich in Zeitlupe“ sei der Freihandel, glaubt die US-Bürgerrechtlerin Lori Wallach. Frankreichs Regie-Ikone Costa-Gavras fordert, Europa solle aus der eigenen kulturellen Vielfalt heraus seine Stärke schöpfen. Am Horizont erscheint die neue Leitfrage: Was zählt mehr – der freie Handel oder der freie Bürger – Kapitalismus oder Demokratie?

Samstag, 21. Februar 2015

Food Inc



An unflattering look inside America's corporate controlled food industry.

IMDB: http://www.imdb.com/title/tt1286537/

Samstag, 9. März 2013

Monsanto, mit Gift und Genen



Der Dokumentarfilm erkundet das Reich des US-amerikanischen Konzerns "Monsanto Chemical Works", dem weltweiten Marktführer für Biotechnologie. Dem Engagement auf diesem Gebiet verdankt "Monsanto" auch, dass es zum umstrittensten Unternehmen des modernen Industriezeitalters wurde, stellte es doch das im Vietnamkrieg zu trauriger Berühmtheit gelangte Herbizid "Agent Orange" her. Heute sind 90 Prozent der angebauten gentechnisch veränderten Organismen "Monsanto"-Patente. Diesen Umstand halten viele für bedenklich.

Das 1901 in St. Louis im US-Staat Missouri gegründete Unternehmen "Monsanto Chemical Works" war im 20. Jahrhundert weltweit eines der größten Chemieunternehmen, bevor es zum mächtigen Agrochemiekonzern wurde. In der Vergangenheit machte "Monsanto" mehrfach von sich reden. Das Unternehmen produzierte das im Vietnamkrieg zu trauriger Berühmtheit gelangte Herbizid Agent Orange, das heute als chemischer Kampfstoff klassifiziert ist. Zur Produktpalette gehört ferner der umstrittene Süßstoff Aspartam, das Wachstumshormon rBST zur Steigerung der Milchleistung von Kühen sowie die in der Industrie häufig verwendete Substanz PCB, die in Deutschland unter dem Namen Clophen bekannt ist und seit Beginn der 80er Jahre als hochgiftig eingestuft wird.

Heute ist "Monsanto" weltweiter Marktführer auf dem Gebiet der Biotechnologie. 90 Prozent der heute derzeit angebauten gentechnisch veränderten Organismen, unter anderem Soja, Raps, Mais und Baumwolle, sind "Monsanto"-Patente. Und über kurz oder lang scheint das Unternehmen die gesamte Nahrungsmittelkette zu kontrollieren. Überall auf der Welt gibt es mittlerweile transgene Organismen von "Monsanto". Aber noch nie hat ein agro-industrielles Patent so sehr die Gemüter erhitzt. Der Dokumentarfilm fragt nach den Gründen für die Aufregung und erklärt, worum es bei gentechnisch veränderten Organismen überhaupt geht. Am Ende steht die Frage, ob "Monsanto"-Produkte Fluch oder Segen für die Menschheit sind.


Der Dokumentarfilm stützt sich auf bisher unveröffentlichte Dokumente und auf Stellungnahmen von Wissenschaftlern, Vertretern von Bürgerinitiativen, Geschädigten, Rechtsanwälten, Politikern sowie Vertretern der staatlichen Food and Drug Administration (FDA).

Die mit dem angesehenen Journalistenpreis "Albert Londres" ausgezeichnete Regisseurin Marie-Monique Robin hat drei Jahre in Nord- und Südamerika sowie in Europa und Asien recherchiert. Sie hat mit Bauern in Indien, Mexiko und Paraguay gesprochen, um die Geschichte des heute vielleicht mächtigsten Samenherstellers der Welt zu rekonstruieren. Dabei zeichnete sich hinter dem von den Werbekampagnen bedienten Image des sauberen und umweltfreundlichen Konzerns eine gnadenlos nach Marktführerschaft strebende Unternehmenspolitik ab.

http://www.arte.tv/de/monsanto/1912794.html 

Alternativer Link: http://www.youtube.com/watch?v=gDrvFiRwWP8

Dienstag, 4. September 2012

Das Geheimnis des Bienensterbens



2006 machte die Nachricht aus den USA Schlagzeilen, Milliarden von Bienen seien verendet. Viele Bienenzüchter fanden leere Bienenstöcke vor. Die US-Regierung beauftragte eine Gruppe von Wissenschaftlern mit der Untersuchung dieses mysteriösen Sterbens, das sogleich einen eigenen Namen bekam: Colony Collapse Disorder (CCD; auf Deutsch: "Völkerkollaps"). Über die Ursachen gibt es bisher nur Vermutungen - Genmutation, neue Pestizide, Mobilfunkstrahlungen, ein Virus -, aber keine endgültige Erkenntnis. Seit vier Jahren investieren Regierungen und verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen beachtliche Mittel in die Erforschung und mögliche Beseitigung der Ursache dieser programmierten Katastrophe. Hat die Wissenschaft eine Antwort gefunden? Kann sie die Bienen überhaupt retten?

Um diese Fragen zu beantworten, verfolgte der Dokumentarfilm "Das Geheimnis des Bienensterbens" die Arbeit verschiedener Wissenschaftlerteams, die mit unterschiedlichen Hypothesen die Ursachen der weltweiten Bedrohung der Honig- und Wildbienen zu verstehen versuchen. Der Film geht auch der Frage nach, wie es zu den radikalen Veränderungen im Verhältnis von Mensch und Biene kam, das sich lange Zeit im Gleichgewicht befand. Lange bevor das Colony Collapse Disorder in die Schlagzeilen geriet, hatten Wissenschaftler und Bienenzüchter den Schwund der Bienen und anderer Bestäuber festgestellt.

Bisher gibt es keine genauen Diagnosen der Wissenschaftler. Aber selbst wenn die Forschung die Ursachen dingfest macht, ist damit noch kein Heilmittel gefunden. Die Wissenschaft bleibt machtlos, solange landwirtschaftliche Produktionsmethoden nicht hinterfragt und verändert werden. Aber ist die Menschheit bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen?

 (Frankreich, Kanada, 2010, 89mn) ARTE F

Alternativer Link: https://www.youtube.com/watch?v=jL1e5v83EDI

Montag, 17. Oktober 2011

Zeitgeist Addendum

Bei all diesen Geldkritiken möchte ich gern auf diesen sehr fundamentalen Vortrag verweisen:
http://meandthesociety.blogspot.com/2011/02/grundkurs-marktwirtschaft.html

Das Problem ist nicht das Geld, sondern die ihm zugrunde liegende Vorstellung eines abstrakten Werts. Das Geld entsteht aus der Logik der Wertverwertung aka Marktwirtschaft, genau so deren Geldschöpfung durch Privatbanken und der Kredit. Die Marktwirtschaft könnte ohne eine solche Geldschöpfung und den Kredit gar nicht exisiteren: Hörst du hier



Zeitgeist: Addendum ist ein von Peter Joseph 2008 produzierter Film, der mit den Mitteln eines Dokumentarfilms Betrachtungen des 2007 erschienenen Films Zeitgeist, Der Film desselben Regisseurs vertieft und ergänzt.[1] Der Film behandelt das amerikanische Federal Reserve System, die CIA, Regierungsformen, Religionen und die Unternehmens- und Wirtschaftssituation der Welt an Beispielen der USA. Er schlussfolgert eine diesen Institutionen innewohnende Korruption, die der Menschheit insgesamt nur schädlich sein kann und abgelöst werden sollte. Der Film beschreibt das „Venus Project“ als nicht perfekte, aber heutzutage mögliche Lösung.

Dem Regisseur Peter Joseph zufolge versucht der Film die Ursachen der überall vorhandenen, gesellschaftlichen Korruption aufzudecken und gleichzeitig eine Lösung anzubieten. In dieser Schlussfolgerung betont der Film, dass jegliche Glaubenssysteme immer ein Bedürfnis von Abhängigkeit erzeugten. Es werden konkrete Möglichkeiten dargestellt, wie das derzeitige Geldsystem geschwächt werden kann. Der Film schlägt verschiedene Ansätze vor, die zu einer „sozialen Transformation“ führen sollen; unter anderem Boykott der großen Banken, die das Federal Reserve System ausmachen, Ausblenden der Mainstream-Massenmedien, Boykott des Militärs und Ausstieg aus der Energieabhängigkeit den großen Energiekonzernen gegenüber.

Deutsch:


Englisch:

Montag, 3. Oktober 2011

Solidarität mit den Protestierenden wächst

Aus der Zeit: http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-10/wall-street-proteste


Die anhaltenden Proteste gegen die Macht der Wall Street gewinnen an Aufmerksamkeit. Prominente solidarisieren sich, die US-Fernsehsender schicken Übertragungswagen.

Occupy Wall Street, die Protestaktion von Wall Street-Kritikern an der Liberty Street in New York, findet langsam größere Resonanz. Mittlerweile haben auch die amerikanischen Medien die Proteste entdeckt. Und immer mehr Prominente solidarisieren sich mit den Demonstranten.

Die Proteste auf der Brooklyn Bridge am Samstag

Die Edelfeder der New York Times, Nicholas Kristof, der sonst über die Demonstrationen in Ägypten, Syrien und Libyen berichtet, fühlt sich an den Tahrir-Platz in Kairo erinnert: Es sei die gleiche Kohorte junger Menschen, die sich entfremdet fühlten und die Twitter und soziale Netzwerke nutzten, um ihren Protest zu organisieren, schreibt er in seiner Kolumne. Auch sie verurteilten das politische und ökonomische System als korrupt, taub und unverantwortlich.

Am Samstag hatten die Protestierenden die Brooklyn Bridge stundenlang lahmgelegt. Die Polizei nahm mehrere Hundert von ihnen fest. Anlass der Aktion war ein Demonstrationszug gegen Zwangsversteigerungen, die hohe Arbeitslosigkeit sowie die Milliarden-Geldspritzen für Banken während der Finanzkrise. Die locker organisierte Bewegung "Besetzt die Wall Street" protestiert seit zwei Wochen in New York. Ihr Lager haben die Protestler in einem Park aufgeschlagen, das sich nahe des bei den Anschlägen des 11. September 2001 zusammengestürzten World Trade Center befindet.



Bislang hatten die amerikanischen Medien die Proteste weit gehend ignoriert. Nun ist aber auch das Fernsehen auf die Aktivisten aufmerksam geworden. Der Lokalsender NY1 hat einen Übertragungswagen postiert, die NBC ist vor Ort und TV-Linke wie Jon Stewart, Keith Olbermann, Rachel Maddow und Amy Goodman berichten. Geholfen hat auch, dass Prominente zur Liberty Street pilgern, darunter Susan Sarandon und Roseanne Barr, der Filmemacher Michael Moore und der Hip-Hop-Mogul Russell Simmons.

Die Protestierenden geben mittlerweile ihre eigene Zeitung heraus, das Occupied Wall Street Journal, das am Samstag in einer Erstauflage von 50.000 erschienen ist. Finanziert wird es von zwei Journalisten des Indypendent; Leitartikler ist Chris Hedges von Nation Institute. Inzwischen gibt es auch Protestaktionen in anderen Städten wie Boston, Los Angeles und Providence.

Am Sonntag haben Joseph Stiglitz und Jeff Madrick auf dem Platz zwischen Wall Street und World Trade Center gesprochen. Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz lehrt an der New Yorker Columbia University; Madrick arbeitet für das Roosevelt Institut, ein gemeinnütziger Verein, der progressive Ideen fördert. Es gebe einen Krieg gegen die Mittelklasse in Amerika, sagte Stiglitz. Die Banken hätten die politischen Prozesse gekarpert. Außerdem bräuchten die USA ein faires Steuersystem – will heißen: höhere Steuern für die Wohlhabenden. Er forderte die US-Bürger auf, mehr Druck auf die Abgeordneten auszuüben. "Wir müssen unsere Demokratie demokratisieren”, sagte Stiglitz.

Stiglitz sprach sich auch für eine Steuer auf Finanztransaktionen aus. Und auch die Federal Reserve müsse umstrukturiert werden, das seien Banker, die Banker kontrollieren. "Bis heute wissen wir nicht, wohin die Milliarden geflossen sind, um AIG zu retten", kritisierte Stiglitz.
Den Rednern an der Liberty Street ist es verboten, ein Megafon zu benutzen. Deshalb wird jeder Satz von den Zuhörern wiederholt, um ihn so für alle hörbar zu machen. Das verleiht den vielen Vorträgen eine gottesdienstähnliche Atmosphäre.

Und die Protestierenden sind gut organisiert: Wenn es dämmert, werden Donuts, Erdnussbutterbrote, Äpfel und Pizza verteilt. Der nahe Pizzaladen hat inzwischen den OccuPie special kreiert. Die Protestierenden sind bunt gemischt und kommen aus ganz Amerika. Joe, ein Arbeiter vom World Trade Center erklärt seine Solidarität. Zwei Soldaten sind hier, ein paar Ron-Paul-Anhänger, sogar die ersten Gewerkschaftler lassen sich blicken. Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, die am Sonntag in New York war, stattete zwar keinen Besuch ab, meinte aber immerhin, die Anliegen seien berechtigt.

Nachdem die New York Times den Demonstranten vorgeworfen hatte, die hätten keine echten Forderungen, werden nun überall Schilder mit Parolen hochgehalten, von "Enteignet die Banken” bis "Schafft die Fed ab”. Und auch die Forderung, den Indianerschlächter Andrew Jackson von dem 20-Dollar-Schein zu entfernen, wird aufrechterhalten.

mehr:

Montag, 15. August 2011

«Der Kapitalismus zerstört sich selbst»

Tages-Anzeiger vom 15.8.2011: http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/konjunktur/Der-Kapitalismus-zerstoert-sich-selbst/story/17292866
Von Philipp Löpfe.

Die Ungleichgewichte zwischen Superreichen und Mittelstand in den westlichen Industriestaaten werden zu einer Gefahr für Marktwirtschaft und Demokratie. Es gibt nur ein Rezept.

«US-Konzerne horten Geld», schreibt die «NZZ» heute im Wirtschaftsteil und fügt dann eine eindrückliche Liste an, welche Firmen auf wie grossen Geldbergen sitzen. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: US-Unternehmen horten derzeit rund 2000 Milliarden Dollar. Das ist doppelt so viel wie der Börsenwert aller im S&P-500-Index enthaltenen Firmen, oder rund 500 Milliarden Dollar mehr als das US-Bruttoinlandprodukt im Jahr 2010. «Amerikanische Firmen haben so viel Geld in ihren Kassen wie noch nie zuvor», stellt die «NZZ» lakonisch fest.

In der «New York Times» von heute Montag stellt der legendäre Investor Warren Buffett heute ebenfalls eine Rechnung an: «Die Superreichen zahlen 15 Prozent Steuern auf dem grössten Teil ihres Einkommens und sie zahlen praktisch keine Lohn-Nebenkosten», schreibt er. «Ganz anders sieht die Lage für die Mittelschicht aus: Sie zahlt typischerweise zwischen 15 und 25 Prozent Steuer auf ihrem Einkommen und dazu gesellt sich zusätzlich eine kräftige Portion Lohn-Nebenkosten.» Die Superreichen sind in den letzten 20 Jahren gemäss Buffett extrem gut gefahren. Seit 1992 hat sich ihre Steuerbelastung von durchschnittlich 29,2 Prozent auf 21,5 Prozent verringert, obwohl sich das steuerbare, jährliche Einkommen der 400 Reichsten auf unglaubliche 227,4 Millionen Dollar erhöht hat.

Dramatischer Einbruch

In einem Video-Interview mit dem «Wall Street Journal» analysiert der Star-Ökonom Nouriel Roubini den Zustand der westlichen Industriestaaten. Wegen einer massiven Umverteilung des Wohlstandes zugunsten der Superreichen sei die Nachfrage in den westlichen Industriestaaten zusammengebrochen. Der Einbruch sei so dramatisch, dass wir Glück gehabt hätten, nicht bereits jetzt in eine Depression abgerutscht zu sein, sagt Roubini und prophezeit im besten Fall lange Jahre einer schmerzhaften Stagnation.

In den letzten Wochen haben sich die Erwartungen an die Zukunft der Ökonomen dramatisch verändert. Die neue Einschätzung lautet: Die USA stehen unmittelbar vor einem Rückfall in die Rezession, einem Double Dip, in Europa wird das Wirtschaftswachstum ebenfalls zum Stillstand kommen. Nicht nur die üblichen Problemländer verharren in ihrem Schlamassel. Auch in Frankreich herrscht de facto Null-Wachstum, der deutsche Wirtschaftsboom ist bereits vorbei. Allein im Juni ist die industrielle Produktion der Eurozone gegenüber dem Vormonat durchschnittlich um 0,7 Prozent eingebrochen. «Wir haben eine neue Gefahrenzone betreten», warnt auch der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick.

Unmögliches Rezept

Vereinfacht gesagt sieht die Lage der westlichen Industriestaaten derzeit wie folgt aus: Konzerne und Superreiche haben in den letzten Jahrzehnten ungeheure Vermögen angehäuft und profitieren heute von tieferen Löhnen, billigem Geld und sinkenden Steuern. Der Mittelstand hingegen blutet aus: Die Löhne sinken, die Wohnkosten und die Steuerbelastung steigen. Das Resultat ist eine einbrechende Nachfrage, die im Begriff ist, in eine Verelendungsspirale zu münden. Dieses Phänomen ist Ökonomen bestens bekannt, sei es als «Liquiditätsfalle» oder als «Balance Sheet Recession».

Vermeintliche Freunde des Kapitalismus, Liberale und Konservative, wollen mit Sparen und Steuersenken der Liquiditätsfalle entrinnen. Das kann unmöglich zum Erfolg führen. Wie soll bei fallenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit Nachfrage entstehen? Und weshalb sollten Unternehmen investieren, wenn keine Nachfrage besteht?

Massive Umverteilung

Der Weg aus der Liquiditätsfalle sieht anders aus: Kurzfristig muss mit sinnvollen Investitionsprogrammen in Infrastruktur und Bildung Nachfrage geschaffen werden, um Massenarbeitslosigkeit und Deflation zu verhindern. Gleichzeitig muss der Lohnzerfall der Mittelschicht gestoppt werden. Um zu verhindern, dass die Staatsschulden ausser Kontrolle geraten, muss die massive Umverteilung zugunsten der neuen Oligarchie wieder rückgängig gemacht werden. Das geht nur – wie es auch Buffett fordert – mit einer Erhöhung der Steuern für Superreiche.

All dies ist keine Frage der Ideologie mehr und es geht auch nicht um Fairness oder Moral. Wer das System retten will, muss jetzt handeln. «Die Märkte funktionieren nicht mehr», sagt Roubini. «Der Kapitalismus ist im Begriff, sich selbst zu zerstören.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)


Donnerstag, 11. August 2011

Der rechte Abschied von der Politik

Aus dem Tages Anzeiger: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/Der-rechte-Abschied-von-der-Politik/story/22710602

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 08.08.2011

Charles Moore ist Konservativer bis in die Knochen. Er war 20 Jahre lang Chefredakteur strenger und konservativer Zeitungen, zuletzt des «Telegraph». Er konvertierte zum Katholizismus, ist ein beliebter Gast des Papstes und der offizielle Biograf von Margaret Thatcher. Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat».

Moore schreibt: «Ich habe mehr als 30 Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch Recht?» Und fährt fort: «Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken. Die Freiheit, die dadurch entsteht, ist allein ihre Freiheit. Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.»

Dann blendet Moore zurück zu seinen Anfängen als Journalist. Damals, in den 80er-Jahren, entfesselte Thatcher die Finanzmärkte und zerschlug die Gewerkschaften. Moore unterstützte beides. Nun schreibt er: «Die Kreditkrise hat gezeigt, wie diese Freiheit gekidnappt wird. Die Banken sind ein Spielfeld für Abenteurer, die reich werden, auch wenn sie Milliarden verfeuern. Die Rolle aller anderen ist, ihre Rechnung zu zahlen.»

Und zum damaligen Verbündeten von Thatcher, dem Verleger Rupert Murdoch, schreibt er: «Murdoch argumentierte immer mit dem Recht der Leser. Aber seine Zeitungen informieren erbärmlich. Sie verschafften ihm persönlich Macht, nicht seinen Lesern.»

Moore beschreibt die «schrille» Kompromisslosigkeit der Republikaner in den USA. Und bemerkt: «Die westliche Demokratie fängt an, wie ein aussterbender Luxus auszusehen. Klar können wir Fähnchen mit dem Aufdruck ‹Freiheit› schwingen. Aber auf ihnen steht, kleingedruckt, ‹Made in China›.»

Und er endet: «Das alles ist eine schreckliche Enttäuschung für uns, die wir an freie Märkte glaubten, weil sie freie Menschen hervorbringen würden...»

Reinheit statt Politik

Gleichzeitig verzweifelte auf der anderen Seite des Atlantiks ein anderer konservativer Kolumnist. David Brooks, überzeugter Republikaner, schrieb in der «New York Times», über seine eigene Partei: «Die Mitglieder dieser Bewegung akzeptieren die Logik des Kompromisses nicht, egal wie gut die Offerten sind. Sie akzeptieren nicht die Legitimität von Wissenschaftlern. Tausend Experten können ihnen sagen, dass ein Staatsbankrott furchtbare Effekte nach sich zieht, die schlimmer als eine kleine Steuererhöhung sind. Aber sie hören sie nicht.»

Was Brooks entsetzte, war, dass die Republikaner einen gigantischen Sieg aus der Hand gaben. Sie lehnten einen fast selbstmörderischen Vorschlag Präsident Obamas ab, das Defizit durch brutale Einsparungen zu reduzieren. Und zwar, weil dabei auch Steuerlöcher gestopft werden sollten. Es war ein Vorschlag, der ihnen alles schenkte: einen Sieg ihrer Sparpolitik plus eine Spaltung der gegnerischen Partei. Stattdessen riskierten sie den Bankrott des eigenen Landes.

Warum? Weil, so Brooks, Politik nicht mehr ihr Ziel ist. «Ihr Geschäft sind Radio-Shows, nicht Gesetze», schrieb er. Und um das Publikum nicht zu irritieren, bewegten sich die Republikaner nur «im konservativen Ghetto», einem «ewigen Wahlkampf, in dem es nicht um die Sache geht, sondern um möglichst scharfe Kontraste zum Gegner, dem man in Abstimmungen grösstmögliche Probleme macht».

Die Republikaner stellten «Reinheit über Resultate»: «Sie haben sich von der Politik als der Kunst des Möglichen verabschiedet.»

Zen-Buddhisten an der Macht

Sicher, Moore und Brooks sind zwei einsame Männer. Gläubige, die denken, bleiben immer einsam. Doch Ihr Entsetzen über das, was aus der konservativen Rechten geworden ist, ist nicht ihr Privatproblem. Es ist das Problem der ganzen Welt.

Zum ersten ist die jetzige seit Jahren wie ein Schwelbrand eskalierende Krise – die schlimmste seit der grossen Depression – das Ergebnis rechter Politik: Das Resultat von blinder Deregulierung von Wirtschaft und Finanzmärkten. Zum zweiten sind die Rezepte, die gegen die Krise angewandt werden, wieder rechte Rezepte: eine blinde Sparpolitik. Und drittens ist die Rechte daran, die westliche Gesellschaft fundamental zu verändern. Die 60 Jahre Herrschaft der westlichen Mittelklasse geht ihrem Ende zu. Installiert wird eine Oligarchie.

Der Grund für den enormen Erfolg der der Rechten und der Grund ihrer Radikalisierung ist in einem einzigen Wort zu finden: Einfachheit. Sie haben ein Rezept für jedes Problem – und fast immer nur eines. Damit sind sie perfekt gewappnet für eine stetig komplexere Welt.
Ihr Aufstieg begann mit den Anfängen der Globalisierung in den 80er-Jahren. Das Rezept auf komplexere Märkte, komplexere Krisen, überforderte Verwaltung war: Entschlossen dafür zu kämpfen, möglichst nichts zu tun. Denn der Markt regelt das besser und alleine.

Dass Märkte sehr verschieden sind, dass sich in regellosen Märkten immer die Stärksten durchsetzen – die Monopolisten oder die Reichsten – spielte keine Rolle. Denn mit dem Mehr-Markt-Argument hatte man als Politiker fast jedes Problem im Griff. Ohne sich (wie die Dummköpfe, die Verantwortung wollten) in Widersprüche, Pannen und Ärger zu verwickeln.

Ausserdem ergab sich ein angenehmer Nebeneffekt. Es klopften einem die Erfolgreichsten und Mächtigsten auf die Schulter. Manchmal mit einem Geldschein.

Das Verheerende dabei war nicht einmal das. Geld und Politik sassen schon immer nahe beisammen. Sondern dass Politiker und Wirtschaftsleute anfingen, wirklich daran zu glauben, dass die Dinge sich durch das Patentrezept «weniger Kontrolle!» besser regeln liessen. Ausgerechnet die harten Kerle an der Macht, die sich deshalb als noch härtere Realisten sahen, wurden zu Träumern: zu Idealisten des Nichthandelns, zu Zen-Buddhisten im Chefbüro.

Das Vakuum

Die Träumerei verhinderte natürlich keineswegs realistische Taten: die Arbeitsgesetze, die Unternehmens- und Spitzensteuersätze, die Arbeitslosenzuschüsse wurden überall geschleift. (In den USA zahlt General Electric etwa bei einem Gewinn von 12 Milliarden Dollar nicht nur keine Steuern, sondern bekommt auch noch eine Steuergutschrift.)

Aber solche Manöver brauchten keine besonderen geistigen Anstrengungen. Das Problem war: Politiker und Bosse verlernten, ihr Metier zu durchschauen. Die cleversten Bankenchefs vertrauten blind auf die Risikomodelle ihrer Experten: Am Ende investierten sie fast alle gleich, im amerikanischen Häusermarkt. Sie hielten sich für gefährliche Wölfe. Und waren noch gefährlichere Schafe.

Es ist kein Zufall, dass die Finanzmärkte in den letzten 15 Jahren die Treiber der Politik sind. Vor der Krise wurden sie mit Gefälligkeiten aller Art umworben; nach der Krise mit tausenden Milliarden gerettet; heute sind sie auf der Jagd nach den verschuldeten Rettern. So dass die reichsten Staaten der Welt vor dem Bankrott stehen.

Denn der Finanzmarkt ist der reinste Ausdruck des zeitgenössischen Denkens: der Herde. Die Märkte sind ewig nervös, da sie nur zwei Zustände kennen – Angst und Gier – und nur zwei Dinge respektieren: Erfolg und Misserfolg. Das liefert sie nackt Euphorie und Angst – und damit dem allgemeinen Gerede aus: Die Börse bewegt nicht primär, was ist, sondern was alle darüber sagen.
Wohin zum Teufel sind die Intellektuellen verschwunden? Überall findet man sich orientierende, kaum irgendwo Orientierung gebende Köpfe. Das macht sie anfällig für Moden aller Art. Die Führungspersönlichkeit des 21. Jahrhunderts ist: das Modeopfer.

Die Macht des Geredes

Einmal, 2008 nach der Krise, sah das kurz anders aus: Die Banken krachten zusammen. Die verachteten Politiker retteten sie. Nun schien sich der Spiess umzukehren. («Wir dürfen das Geschenk einer solchen riesigen Krise nicht verschwenden», sagte etwa Obamas Stabschef Rahm Emanuel.)

Die Bankenrettung war das teuerste Unternehmen der Menschheitsgeschichte – sie kostete bis heute 15 Billionen Dollar, das Zehnfache des Zweiten Weltkriegs. Doch als sich der Staub legte, sah man, was die Banken dafür hinnehmen mussten: viel Moralpredigten, kaum Regulierungen.

Und noch schlimmer. Kaum waren die ersten Feuer gelöscht, fing das Gerede an. Journalisten, Analysten, dann Politiker sprachen immer lauter von der Vernunft: vom Sparen. Nach den enormen Ausgaben müsse man den Gürtel enger schnallen. Und zwar massiv.

Was sie dabei vergassen, war: Für ein Unternehmen wäre eine solche Strategie vernünftig. Für einen Staat war es Selbstmord. Denn wer zum Teufel sollte in der Krise investieren, wenn nicht er? Die Banken waren pleite, die Konsumenten auch und die Konzerne weigerten sich zu investieren.

Nach ersten, zaghaften Konjunkturprogrammen schnitten die USA und Grossbritannien die Ausgaben bald zurück – für die bankrotten Banken gab es Geld, für Arbeitslose, Kranke, bankrotte Hausbesitzer nicht mehr. Obwohl diese das Geld sofort wieder ausgegeben hätten. Budgets wurden gestrichen; in England entliess die neue Regierung des Konservativen David Cameron demonstrativ hunderttausende Beamte. Die Folgen waren schrecklich. In beiden Ländern stieg die Arbeitslosigkeit auf 11 Prozent. Wirkliche Armut, wirkliche Angst, wirklicher Zorn. In den USA leben heute 42 Millionen Leute von Essensmarken. In Grossbritannien rutschte gleich die gesamte Wirtschaft in die Rezession.

Doch die Jobkrise wurde nie als Priorität behandelt – alle Politiker sprachen, was alle sprachen: von der Defizitkrise. Dabei ist eine Schrumpfkur in der Rezession etwa so wirksam, wie der Ökonom Paul Krugman schrieb, «wie ein mittelalterlicher Arzt, der einen Kranken kräftig zur Ader lässt».

Als die USA diese Woche ein Rekord-Sparpaket schnürten, sah man, dass das Defizit selbst in Augen der Urheber des Geflüsters, der Börse, nicht das wahre Problem war: Seither brechen weltweit die Kurse zusammen.

Kurz: Die Politiker in den USA und in England fuhren eine Politik, die ihrer Bevölkerung viele Schmerzen bereitet. Eine unpopuläre Politik. Und unnötige Schmerzen. Und dann versenken sie dabei auch die eigene Wirtschaft. – Warum? So mächtig ist das Gerede.

Die radikale Rechte

Es sind die Rezepte der Rechten, die in diese Krise geführt haben. Schon allein, weil sie darin so erfolgreich waren, dass sie zu allgemeinen Wahrheiten wurden. Doch was passiert nun mit der Rechten?

Sie radikalisiert sich. Sie besäuft sich an ihrer eigenen Einfachheit. Ronald Reagan, das Idol der neuen Rechten, war ein Cowboy als Redner, aber als Politiker im Ernstfall Pragmatiker. Die Sowjetunion war «das Reich des Bösen», klar, aber er nahm Abrüstungsverhandlungen auf. «Die Regierung ist nicht die Lösung, sondern das Problem», sicher, aber Reagan erhöhte elf Mal die Steuern.

Heute würde Reagan aus der republikanischen Partei gemobbt. Heute müssen Abgeordnete, um gewählt zu werden, einen Eid unterschreiben, nie, auf keinen Fall Steuern zu erhöhen. Und ihre Antworten auf komplexe Fragen sind unverhandelbar kurz: Budgetkürzungen? Wenn nicht bei der Armee – immer gut. Steuergeschenke? Immer gut. Defizit? Des Teufels. Sozialprogramme? Des Teufels. Renten, medizinische Versorgung? Des Teufels. Den eigenen Verhandlungsführer niedermachen? Kein Problem. Den Staat bankrott gehen lassen? «Dann geht trotzdem morgen die Sonne auf.»

Es sind Positionen, mit denen keine Politik mehr zu machen ist, nur Revolution. In einer Karikatur sagte Obama: «Wir geben euch alles, was ihr wollt.» Worauf die Republikaner sagen: «Das ist inakzeptabel.»

Die Milliardärspartei

Das Verblüffende ist: Warum sind die Rechten in Europa und den USA so erfolgreich? Warum mit einem Programm, das weder funktioniert, noch für den Mittelstand – bei Licht besehen – lukrativ ist?

Der Vorteil der Rechten ist zum ersten ihre Energie: Schnelligkeit ist die Waffe derer, die lange nachgedacht haben. Aber auch die Waffe derer, die nie nachgedacht haben.

Dann, mit Sicherheit, fasziniert der Ton der Härte: Er passt zur Zeit, die als hart angesehen wird.

Und schliesslich funktioniert der Paket-Trick, wie ihn Paul Krugman beschrieb: «Die Rechte redet von Schulgebeten, von Waffenbesitz, Schwulenehe, Wohlfahrtsempfängern, die Mercedes fahren, sie redet von Stolz, dem einfachen Mann, der verbrecherischen Elite und amerikanischen Werten – und wenn sie an der Macht ist, beschliesst sie Steuererleichterungen für Reiche.»

Tatsächlich senkte George W. Bush an der Macht die Steuern für Reiche und Unternehmen derart, dass ein solider Budgetüberschuss in ein tiefes Minus kippte: Man rechnet mit 2 Billionen Dollar Ausfällen in den letzten 10 Jahren.

Weltkonzerne zahlen oft gar keine Steuern; und von den Superreichen nur die Hälfte den Spitzensteuersatz. Und der ist tiefer als je zuvor. Dabei hat niemand in den drei Jahrzehnten der rechten Politik so profitiert wie die Superreichen: Vor 25 Jahren besass das reichste Prozent der Amerikaner 33 Prozent des Landes. Heute sind es 40. Noch krasser ist die Situation beim Einkommen: Es verdoppelte sich von 12 auf 25 Prozent des Kuchens.

Die durchschnittliche Mittelstandsfamilie hingegen sackte leicht unter das Niveau von 1980. Für sie waren es drei verlorene Jahrzehnte.

Die Politiker der Rechten reden von Freiheit und dem kleinen Mann, aber sie betreiben das, was Joseph Stiglitz trocken «Sozialismus für Reiche» nannte. Das Resultat ihrer Politik ist unter dem Strich die Oligarchie. Kein Zufall, werden die Parteien, etwa der Tea-Party-Flügel in den USA oder auch die SVP in der Schweiz von Milliardären geführt.

Was tun?

«Ich vertraue auf die Vernunft. Wir alle sind verantwortungsvolle Leute», sagte Obama. Er sagte es vor der Bankenregulierung. Und vor den jetzigen Defizitverhandlungen. Er irrte sich.

Denn es ist ein Fehler der Linken und Liberalen, diese Parteien aus langer Gewohnheit heraus für Politiker zu halten. Es sind nicht mehr die guten alten Konservativen, die sie gegründet haben. Ihr Metier sind nicht Kompromisse, sondern Wahlkämpfe.

Obama, ein ernsthaft praktizierender Christ, glaubte das Gegenteil. Und scheitert deshalb politisch. Die Rechten nahmen der Reihe nach die Arbeitslosenunterstützung, das Konjunkturprogramm und schliesslich den ganzen Staat als Geisel. Obama gab jedes Mal nach, kürzte Programme für die Armen und verschonte die Steuerprivilegien der Reichen. Zum Dank beschimpften die Republikaner den Präsidenten als Sozialisten, islamischen Agenten und weiss-der-Teufel-was. Auch die gemässigten Liberaldemokraten in England, die mit den Tories koalierten, gingen unter. Sie wurden von der der konservativen Sparagenda überrollt. Auch Obama wurde von seinem Gott verlassen, als er seinen Gegnern die Hand reichte.

Was also tun? Zunächst ist nur klar: Man kann von dieser Sorte Rechten weder als Linker, noch als Liberaler Kompromisse erwarten. Auch kein Nachlassen. Die neue Rechte wird aus der Krise gestärkt hervorgehen: Sie werden gewählt und befeuert von der Angst und dem Hass der Verlierer, die ihre Politik schafft.

Es bleibt kein Weg, die neurechte Wir-oder-Ihr-Position zu vermeiden. Es wird ein langer, harter, zäher, frucht- und freudloser Kampf.

Das was sich tun lässt, ist den Kopf dabei nicht zu verlieren. Genau hinzusehen und das allgemeine Gerede nicht einfach zu kopieren. Wie nie zuvor regiert die Ökonomie die Welt und ihre Entscheidungen. Und trotzdem besteht sie fast nur aus Jargon. Wenn verhandelt wird, dann fast nur in Schlagworten, die als Universalrezepte verstanden werden. Meist fällt, irgendwie verlängert, der Jahrhundertsatz, den einst Margaret Thatcher erfand: «There is no alternative!»

Das ist Lüge: Ökonomie ist keine Wissenschaft, sie ist eine Kunst. Wer hinsieht, weiss: Es gibt keine Situation ohne Alternativen. Und damit beginnt jede Politik. Es ist Zeit, die selbstverschuldete ökonomische Unmündigkeit hinter sich zu lassen.

Und drittens dürfen Linke und Liberale nicht mehr eine Krise verschwenden – so wie die Bankenkrise. Kein Land hat es geschafft, seine Finanzindustrie in den Griff zu bekommen. Und aus ihr das langweilige, solide Geschäft zu machen, dass es über Jahrzehnte hinweg war.

Und schliesslich sollte man die alten Konservativen ein wenig stärken. Schon, um zu zeigen, dass es einst eine kluge, respektable Rechte gab. Es war ein Republikaner, Oliver Wendell Holmes, der sagte: «Ich zahle gern meine Steuern. Mit ihnen kaufe ich mir Zivilisation.»

Es lohnt sich, gegen die neue Rechte anzutreten: Sie sind keine konservative Partei, sondern eine revolutionäre. Sie sind eine Gefahr für die Wirtschaft. Sie sind Totengräber der Mittelklasse. Und Verbündete einer neuen Oligarchie des Geldes. Sie sind die Feinde der Zivilisation.


nochmals einen Artikel darüber in der FAZ: http://www.faz.net/artikel/C30351/buergerliche-werte-ich-beginne-zu-glauben-dass-die-linke-recht-hat-30484461.html
und im Telegraph: http://www.telegraph.co.uk​/news/politics/8655106/Im-​starting-to-think-that-the​-Left-might-actually-be-ri​ght.html