Posts mit dem Label money werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label money werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Freitag, 26. Oktober 2018
Charles Eisenstein - New Story
Sacred Economics traces the history of money from ancient gift economies to modern capitalism, revealing how the money system has contributed to alienation, competition, and scarcity, destroyed community, and necessitated endless growth. Today, these trends have reached their extreme - but in the wake of their collapse, we may find great opportunity to transition to a more connected, ecological, and sustainable way of being.
This short contains some visuals from the upcoming feature doc Occupy Love http://occupylove.org
and here an another video "Charles Eisenstein Full-length Interview from Living the Change":
We hope you get as much from this interview as we did! Below are a list of questions we asked Charles:
1:06 - What are the 'old story' and 'new story' that you describe in your writing?
14:37 - Where does the sense that a better world is possible come from?
19:16 - What guides us in the space between stories to creating the new story?
21:11 - How did the world get to where it is now?
28:20 - Do you think advancements in technology can solve the problems we're facing?
33:50 - Do you see the current money system as a symptom of separation?
37:50 - What could an alternative system look like? Would the current system need to collapse to make way for the new?
43:24 - Can individual action create big change?
48:14 - What is the wound of separation and how do we see it expressed in society?
54:32 - What do you advise people to do in times of not knowing what to do?
1:01:33 - Can doing nothing take you to a place of knowing what to do?
1:06:39 - When you imagine the new story, what does it look like?
Labels:
capitalism,
connection,
documentary,
finance,
financial crisis,
growth,
happiness,
holistic,
money,
money-free,
nature,
new society,
society
Mittwoch, 27. Dezember 2017
Neoliberalismus - Die Idee, die die Welt verschlingt
Original auf Freitag.de: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-idee-die-die-welt-verschlang
Die Idee, die die Welt verschlingt
Neoliberalismus
Er ist die herrschende Ideologie unserer Zeit – eine, die den
Gott des Marktes verehrt und uns das nimmt, was uns menschlich macht
Der Neoliberalismus ist ein Werkzeug, die gesellschaftliche
Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen neu zu denken
Foto: Chris Hondros/Getty Images
Im Sommer 2016 beendeten Wissenschaftler des Internationalen Währungsfonds eine lange und erbitterte Debatte über den Neoliberalismus.
Sie räumten ein, dass er existiert. Drei führende Ökonomen des IWF –
eine Organisation, die nicht gerade dafür bekannt ist, mit linken
Analysen vorzupreschen – veröffentlichten einen Bericht,
in dem sie erstmals die Zweckdienlichkeit des Neoliberalismus in Frage
stellten. Sie trugen so dazu bei, die Vorstellung zu begraben, dass der
Ausdruck nicht mehr sei denn ein verleumderischer politischer
Kampfbegriff ohne analytische Wirkmacht. Der Bericht kritisierte zaghaft
eine „neoliberale Agenda“, welche Ökonomien auf der ganzen Welt zu
Deregulierung dränge, nationale Märkte zur Öffnung für Handel und
Kapital zwinge und fordere, dass Regierungen sich selbst durch
Austerität und Privatisierung klein schrumpfen. Die Autoren belegten
statistisch die Ausbreitung neoliberaler Politik seit 1980 – und deren
Korrelation mit schwachem Wachstum, dem Auf und Ab der Boom-Bust-Zyklen und nicht zuletzt steigender Ungleichheit.
Neoliberalismus ist ein altes Wort, das zunächst in den 1930er Jahren aufkam. Jedoch wird der Begriff nun wiederbelebt, um die derzeit vorherrschende Politik zu beschreiben
– oder präziser: das bisschen Denk-Bandbreite, das unsere Politik noch
erlaubt. Nach der Finanzkrise 2008 bot der Neoliberalismus so eine
Möglichkeit, einen Verantwortlichen für das Debakel jenseits politischer
Parteien an sich zu benennen: ein Establishment, das seine Autorität
willfährig an den Markt verkauft hatte.
Für
einige US-Demokraten und Anhänger der Labour-Partei in Großbritannien
war dies eine geradezu groteske Prinzipienverletzung. Bill Clinton und
Tony Blair, so hieß es, hätten die traditionelle Verpflichtung der
Linken, insbesondere gegenüber den Arbeitern, aufgegeben. Stattdessen
wandten sie sich nun einer globalen Finanzelite zu, die sich wie im
Selbstbedienungsladen bereichert hatte. So legten sie den Grundstein für
ein verheerendes Anwachsen der Ungleichheit.
Eine Brille, mit der man die Welt sehen kann
In
den vergangenen Jahren – in denen die Debatte mit zunehmend
schmutzigeren Mitteln geführt wurde – ist der Begriff Neoliberalismus zu
einer rhetorischen Waffe geworden, einer Möglichkeit für jeden links
der Mitte, jene anzuschwärzen, die sich auch nur ein bisschen rechts von
ihm bewegten. Es ist kein Wunder, dass die politische Mitte die
Zuschreibung „neoliberal“ als bedeutungslose Beleidigung empfindet: sie
ist es, auf die sie am ehesten zutrifft. Aber Neoliberalismus sollte für
Linke mehr sein als eine bequeme – wenn auch gerechtfertigte –
Verhöhnung des politischen Gegners. Auf gewisse Weise ist er auch eine
Brille, ein Art, die Welt zu sehen.
Blickt
man durch ihre Linsen, sieht man klarer, wie die von Thatcher und Reagan
ach so verehrten politischen Vordenker dazu beigetragen haben, das
Ideal der Gesellschaft als allumfassenden Markt – und nicht etwa als
Polis, einen zivilgesellschaftlichen Bereich oder eine Art Familie – zu
prägen. Es ist ein Bild vom Menschen als Gewinn-und-Verlust-Rechner –
und eben nicht als Inhaber unveräußerlicher Rechte und Pflichten. Ziel
war freilich, den Wohlfahrtsstaat abzubauen, jede Verpflichtung zur
Vollbeschäftigung über Bord zu werfen, Steuern immer weiter zu senken
und fleißig zu deregulieren. Aber „Neoliberalismus“ ist weit mehr als
eine klassische rechte Wunschliste. Er war und ist ein Werkzeug, die
gesellschaftliche Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen
neu zu denken.
Ein weiterer Blick zeigt,
dass der freie Markt – genau wie der Wohlfahrtsstaat – eine menschliche
Erfindung ist. Man erkennt, wie allgegenwärtig wir heute dazu gedrängt
werden, uns als Individuen zu verstehen, die für ihr Glück
eigenverantwortlich sind. Wie selbstverständlich uns mit auf den Weg
gegeben wird, dass wir miteinander konkurrieren und uns anpassen müssen.
Man erkennt ebenfalls das Ausmaß, in dem eine Logik, die sich früher
auf die vereinfachte Darstellung von Warenmärkten auf einer Tafel
beschränkte (Wettbewerb, perfekte Information, rationales Verhalten),
mittlerweile auf die gesamte Gesellschaft angewandt wird – bis sie unser
ganzes Leben beherrscht. „Verkauf dich immer richtig“ ist Leitspruch
der Selbstverwirklichung geworden.
Der Freie Markt – blutleerer Inbegriff der Effizienz
„Neoliberalismus“
ist also nicht einfach eine Bezeichnung für marktorientierte Politik
oder den nächsten faulen Kompromiss mit dem Finanzkapitalismus, den
abgehalfterte sozialdemokratische Parteien eingehen. Der Begriff
bezeichnet die Prämisse, die sich still und leise in unser Leben
geschlichen hat und bestimmt, was wir tun und glauben: dass nämlich
Wettbewerb das einzig legitime Organisationsprinzip menschlichen
Handelns ist.
Keine Sekunde nachdem der IWF
den Neoliberalismus als Realität zertifiziert und so die
Scheinheiligkeit des Marktes entlarvt hatte, standen Populisten und
Authoritaristen schon auf der Matte. In den USA verlor Hillary Clinton,
die Archetypin einer Neoliberalen, die Wahl – gegen einen Mann, der
gerade genug wusste, um vorgeben zu können, den Freihandel zu hassen.
Taugt also die Brille des Neoliberalismus nicht mehr? Kann sie uns noch
irgendwie helfen zu verstehen, was in der Politik schief läuft? Gegen
die Kräfte der Globalisierung wird plumper Nationalismus wieder in
Stellung gebracht – und das auf krudeste Weise. Was könnten der
militante Provinzialismus von Brexit-Großbritannien und das
Trump-Amerika mit neoliberaler Rationalität zu tun haben? Welche
Verbindung könnte zwischen dem Präsidenten – einem freilaufenden Irren –
und dem blutleeren Inbegriff der Effizienz – besser bekannt als freier
Markt – bestehen?
Nicht nur, dass der freie
Markt bloß eine Handvoll Gewinner und im Gegensatz dazu eine Heerschar
an Verlierern produziert – und sich diese Verlierer auf Rache sinnend
dem Brexit und Trump zugewandt haben. Von Beginn an gab es auch eine
vorprogrammierte Beziehung zwischen dem utopischen Ideal des freien
Marktes und der dystopischen Gegenwart, in der wir uns heute befinden;
zwischen dem Markt als einzigem Wertgeber und Freiheitswächter und dem
aktuellen Abstieg hin zum Postfaktischen und Illiberalismus.
Die Möglichkeit, eine neue Welt zu erfinden
Will
man die stagnierende Debatte über Neoliberalismus vorwärtsbringen, muss
man damit anfangen, das Ausmaß seiner kumulativen Wirkung auf uns alle,
unabhängig unseres politischen Standpunkts, ernst zu nehmen. Und das
erfordert eine Rückkehr zu seinen Ursprüngen, die nichts mit Bill oder
Hillary Clinton zu tun haben. Es gab einmal eine Gruppe von Leuten, die
sich als Neoliberale bezeichneten. Sie taten dies mit Stolz und ihr
Ansporn war nichts weniger als eine komplette Revolution des Denkens.
Der Prominenteste von ihnen, Friedrich Hayek,
hätte nicht damit gerechnet, dass er eine Position auf dem politischen
Spektrum abstecken, Entschuldigungen für die Superreichen suchen oder an
den Ecken der Mikroökonomie herumschrauben würde.
Er
glaubte, er würde das Problem der Moderne lösen: das Problem des
objektiven Wissens. Für Hayek ermöglichte der Markt nicht nur den Handel
mit Gütern und Dienstleistungen, er offenbarte Wahrheit. Wie konnte
Hayeks Zielsetzung in ihr Gegenteil umschlagen – die
bewusstseinsverändernde Möglichkeit, dass – dank unserer gedankenlosen
Verehrung des freien Marktes – die Wahrheit komplett aus dem
öffentlichen Leben vertrieben werden könnte?
Als
Friedrich Hayek 1936 die Idee kam, wusste er mit der Überzeugung einer
„plötzlichen Erleuchtung“, dass er auf etwas Neues gestoßen war. „Wie
kann die Kombination aus Einzelteilen an Wissen, die in verschiedenen
Köpfen existieren“, schrieb er, „zu Ergebnissen führen, die – wenn man
sie gezielt herbeiführen wollte, ein Wissen auf übergeordneter Ebene
erfordern würde, über das kein Einzelner verfügen kann?“
Hier
ging es nicht um eine technische Frage von Zinsraten oder
Deflationskrisen, nicht um eine reaktionäre Polemik gegen Kollektivismus
oder den Wohlfahrtsstaat, sondern um die Möglichkeit, eine neue Welt zu
erfinden. Hayek erkannte, dass der Markt als eine Art Bewusstsein
verstanden werden konnte.
Friedrich Hayek freute sich über das, was er geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus angeht
Foto: Hulton Archive/Getty Images
Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken
Adam Smiths „unsichtbare Hand“
hatte uns bereits das moderne Konzept des Markts eröffnet – als eine
autonome Sphäre für menschliches Handeln und daher potenziell als
Objekt, das man wissenschaftlich durchdringen kann. Aber Smith war bis
zum Ende seines Lebens ein Moralist des 18. Jahrhunderts. Er dachte, der
Markt sei nur im Licht individueller Tugend zu rechtfertigen, und seine
Sorge war, dass eine Gesellschaft, die durch nichts als vollständiges
Eigeninteresse regiert wird, überhaupt keine Gesellschaft ist.
Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken.
Dass
Hayek als Ahnherr des Neoliberalismus gilt – einer Denkschule, die
alles auf die Wirtschaft reduziert – ist angesichts der Tatsache, dass
er ein solch mittelmäßiger Ökonom war, ein wenig paradox. Eigentlich war
er nichts weiter als ein junger, unbedeutender Wiener Technokrat, als
er an die London School of Economics berufen wurde, um mit John Maynard Keynes in Cambridge zu wetteifern oder dessen aufsteigenden Stern möglicherweise sogar ein wenig in den Schatten zu stellen.
Der Plan ging nach hinten los, denn Hayek konnte Keynes nicht im Geringsten das Wasser reichen. Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money,
veröffentlicht 1936, wurde als Meisterwerk gefeiert und dominierte die
öffentliche Debatte, insbesondere unter jungen, in der Ausbildung
befindlichen englischen Ökonomen, für die der brillante, schneidige und
sozial gut vernetzte Keynes auch ein gewisses Schönheitsideal
darstellte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich viele prominente
Anhänger der Theorie des freien Marktes Keynes Denkweise angeschlossen
und räumten ein, dass dem Staat bei der Führung einer modernen
Volkswirtschaft möglicherweise doch eine Rolle zukommen könne. Die
ursprüngliche Aufregung über Hayek war verfolgen. Seine befremdliche
Vorstellung, man könne eine Wirtschaftskrise überwinden, indem man
einfach überhaupt nichts unternehme, war sowohl theoretisch als auch
praktisch diskreditiert. Später räumte er selbst ein, er würde sich
wünschen, die Arbeiten, in denen er Keynes kritisiert hatte, würden
vergessen werden.
Hayeks Denken durchdringt die Welt
Hayek
gab eine seltsame Figur ab: ein hochaufgeschossener, aufrechter
Professor mit breitem Akzent, der einen hochgeschnittenen Tweed trug und
darauf bestand, mit „von Hayek“ angesprochen zu werden, aber hinter
seinem Rücken mit dem Spitznamen „Mr Fluctooations“ bedacht wurde. Im
Jahr 1936 war er ein Wissenschaftler ohne Portfolio und ohne absehbare
Zukunft. Und dennoch leben wir heute in Hayeks Welt, so wie wir einst in
der von Keynes lebten. Der Clinton-Berater und ehemalige Präsident der
Harvard University, Lawrence Summers, sagte einmal, Hayeks Konzeption
des Preissystems als kollektiver Verstand sei „eine so durchdringende
und originelle Idee wie sie die Mikroökonomie im 20. Jahrhundert
hervorgebracht“ habe und „die wichtigste Einzelheit, die man heute in
einem Kurs über Ökonomie lernen“ könne. Und das ist sogar noch
untertrieben. Keynes hat den Kalten Krieg weder hervorgerufen noch
vorhergesagt, doch sein Denken durchdrang jeden Aspekt der Welt des
Kalten Krieges. Und in gleicher Weise ist Hayeks Denken in jeden Aspekt
der Welt nach 1989 eingedrungen.
Hayeks
Weltsicht war absolut: eine Art, die gesamte Realität nach dem Modell
der wirtschaftlichen Konkurrenz zu gestalten. Das beginnt bei der
Annahme, dass fast die gesamte – wenn nicht die gesamte – menschliche
Aktivität eine Form der ökonomischen Berechnung darstelle und somit an
die übergeordneten Konzepte von Wohlstand, Wert, Tausch, Kosten – und
insbesondere dem Preis angepasst werden könne. Preise sind ein Mittel,
um knappe Ressourcen effizient bereitzustellen, entsprechend dem Bedarf
und dem Nutzen, wie sie durch Angebot und Nachfrage geregelt werden.
Damit das Preissystem effizient funktioniert, müssen die Märkte frei und
wettbewerbsorientiert sein. Seitdem Smith sich die Wirtschaft als
autonome Sphäre vorgestellt hat, existiert die Möglichkeit, dass der
Markt nicht nur ein Teil der Gesellschaft sein könnte, sondern die
Gesellschaft als Ganzes. In solch einer Gesellschaft müssen Männer und
Frauen nur ihrem Eigeninteresse folgen und um rare Güter konkurrieren.
Durch Wettbewerb „wird es möglich“, wie der Soziologe Will Davies schreibt, „festzustellen, wer und was wertvoll ist“.
Was
jeder, der mit der Geschichte vertraut ist, als notwendiges Bollwerk
gegen Tyrannei und Ausbeutung begreift – eine prosperierende
Mittelschicht und Zivilgesellschaft; freie Institutionen; allgemeines
Wahlrecht; Gedanken-, Versammlungs-, Religions- und Pressefreiheit; die
grundsätzliche Anerkennung der menschlichen Würde – nahm in Hayeks
Gedanken keinen besonderen Platz ein. Er baute in den Neoliberalismus
die Annahme ein, dass der Markt allen nötigen Schutz gegen die einzige
wirkliche politische Gefahr bietet: den Totalitarismus. Um diesen zu
verhindern, muss der Staat Hayek zufolge nichts weiter tun, als den
Markt frei zu halten.
Der letzte Punkt steht
für das „Neo“ in Neoliberalismus und stellt eine entscheidende
Veränderung des älteren Glaubens an einen freien Markt und einen
möglichst schlanken Staat dar, der als „klassischer Liberalismus“
bekannt ist. Im klassischen Liberalismus wollten die Kaufleute
lediglich, dass der Staat sie in Ruhe lässt – laissez-nous faire. Der
Neoliberalismus hingegen vertritt die Auffassung, der Staat müsse aktiv
an der Organisation einer Marktwirtschaft mitwirken. Die Bedingungen,
die einen freien Markt zulassen, müssen politisch gewonnen und der Staat
so umgestaltet werden, dass er den Bestand des freien Marktes dauerhaft
gewährleistet.
Schmollend in Cambridge
Das
ist aber noch nicht alles: Jeder Aspekt demokratischer Politik, von der
Wahlentscheidung der Bürgerinnen und Bürger bis hin zu den
Entscheidungen der Politiker, muss einer rein ökonomischen Analyse
unterworfen werden. Der Gesetzgeber ist dazu verpflichtet, die als
natürlich unterstellten Handlungen auf dem Marktplatz nicht zu stören
und darf sie auf keinen Fall verzerren. So stellt der Staat idealerweise
einen festen, neutralen und rechtlich umfassenden Rahmen bereit,
innerhalb dessen die Marktkräfte spontan wirken können. Die bewusste
Lenkung durch eine Regierung ist nie dem „automatischen Mechanismus der
Anpassung“ vorzuziehen – d. h. dem Preissystem, das nicht nur effizient
ist, sondern auch die Freiheit vergrößert oder die Möglichkeit für
Männer und Frauen, bezüglich ihres Lebens freie Entscheidungen zu
treffen.
Während Keynes zwischen London und
Washington hin- und her flog, um die Nachkriegsordnung zu gestalten, saß
Hayek schmollend in Cambridge. Dorthin war er während der Evakuierungen
des Krieges geschickt worden und beklagte sich darüber, von
„Ausländern“ umgeben zu sein, an „Orientalen aller Art“ und „Europäern
praktisch aller Nationalitäten“ bestehe kein Mangel, doch nur sehr
wenige von ihnen seien „wirklich intelligent“.
Hayek
saß in England fest, ohne Einfluss oder Ansehen, und konnte sich nur
mit seiner Idee trösten, einer Idee so groß, dass sie Keynes und allen
anderen Intellektuellen eines Tages den Boden unter den Füßen wegziehen
würde. Sich selbst überlassen funktioniere das Preissystem wie eine Art
Bewusstsein – und nicht nur irgendein Bewusstsein, sondern ein
allwissendes Bewusstsein: der Markt berechne, was Individuen nicht zu
fassen vermögen. Der amerikanische Journalist Walter Lippmann wandte
sich als intellektueller Mitstreiter in einem Brief an Hayek: „Kein
menschlicher Geist hat je das gesamte Schema der Gesellschaft verstanden
… Am ehesten kann ein Geist seine eigene Version dieses Schemas
verstehen, etwas wesentlich Dünneres, das zur Realität in etwa in
demselben Verhältnis steht wie eine Silhouette zu einer Person.“
Das
ist eine große erkenntnistheoretische Behauptung – dass der Markt eine
Form des Wissens darstelle, die die Möglichkeiten eines jeden
individuellen Verstandes radikal übersteige. Solch ein Markt ist weniger
eine menschliche Erfindung, die manipuliert werden kann wie jede
andere, als vielmehr eine Kraft, die studiert und beschwichtigt wird.
Ökonomie ist keine Technik mehr – wofür Keynes sie hielt –, mit der man
erstrebenswerte gesellschaftliche Ziele wie Wachstum oder
Währungsstabilität erreicht. Das einzige gesellschaftliche Ziel besteht
im Fortbestand des Marktes. In seiner Allwissenheit konstituiert der
Markt die einzig legitime Form von Wissen, mit dem verglichen alle
anderen Formen der Reflexion unvollständig sind, im doppelten Sinne: Sie
erfassen nur ein Bruchstück des Ganzen und stehen immer im Dienste
eines Partialinteresses. Unsere individuellen Werte sind immer
persönlich oder reine Meinungen; kollektiv konvertiert der Markt sie in
Preise oder objektive Tatsachen.
„Sie ist so wunderbar“
Nachdem
er bei der London School of Economics ausgeschieden war, hatte Hayek
nie wieder eine dauerhafte Anstellung, die nicht von privaten Geldgebern
finanziert worden wäre. Selbst seine konservativen Kollegen an der
University of Chicago – dem weltweiten Epizentrum für liberalistischen
Widerspruch in den 1950er Jahren – betrachteten Hayek als ein
reaktionäres Sprachrohr, einen „stockkonservativen Mann“ mit einem
„stockkonservativen Sponsor“, wie einer es einmal formulierte. Als ihn
1972 ein Freund in Salzburg besuchte, wo er mittlerweile lebte, fand er
einen älteren Herrn, der sich in Selbstmitleid erging und glaubte, sein
Lebenswerk sei vergebens gewesen. Niemand kümmerte sich um das, was er
geschrieben hatte.
Es gab allerdings
Zeichen der Hoffnung: Hayek war Barry Goldwaters politischer
Lieblingsphilosoph und angeblich schätzte ihn sogar Ronald Reagan sehr.
Und dann war da Margaret Thatcher. Gegenüber jedem, der es hören wollte,
schwärmte sie von Hayek und versprach, seine Philosophie des freien
Marktes mit einem Revival viktorianischer Werte zu vereinen: Familie,
Gemeinschaft, harte Arbeit.
Hayek traf 1975
privat auf Thatcher, in einem Augenblick, in dem sie, gerade zur
Oppositionsführerin im britischen Unterhaus ernannt, sich darauf
vorbereitete, seine große Idee in die Tat umzusetzen. Sie hockten 30
Minuten im Institute for Economic Affairs in der Londoner Lord North
Street zusammen. Danach fragte ein Mitarbeiter Thatchers Hayek besorgt,
was er denke. Was sollte er sagen? Zum ersten Mal in vierzig Jahren
spiegelte die Macht Friedrich von Hayek das Bild zurück, das er selbst
von sich hatte – das eines Mannes, der Keynes besiegen und die Welt
verändern könnte.
Er antwortete: „Sie ist so wunderbar.“
„So etwas wie Gesellschaft
gibt es nicht, ich kenne nur Individuen, Männer und Frauen und Familien –
und die denken alle zuerst an sich.“ Margaret Thatcher
Foto: Keystone/Getty Images
Die ganze Gesellschaft als Markt
Hayeks
große Idee ist eigentlich gar keine großartige Idee – solange man sie
nicht gehörig aufbläst. Organische, spontane, elegante Prozesse die, wie
eine Million Finger auf einem Ouija-Brett, koordinieren, um etwas zu
schaffen, was ansonsten ungeplant wäre. Angewandt auf einen aktuellen
Markt – einen für Schweinebäuche oder Getreide-Futures – handelt es sich
bei dieser Beschreibung um wenig mehr als eine Binsenweisheit. Sie kann
erweitert werden, um zu beschreiben, wie verschiedene Märkte, in Form
von Waren und Arbeit und sogar von Geld selbst jenen Teil der
Gesellschaft bilden, der als „die Wirtschaft“ bekannt ist. Das ist
weniger banal, aber noch immer inkonsequent. Ein Keynesianer akzeptiert
diese Beschreibung gern. Was aber, wenn wir es einen Schritt weiter
aufblasen? Was, wenn wir unterstellen, die ganze Gesellschaft sei eine
Art von Markt?
Je mehr Hayeks Idee sich
ausweitet, desto reaktionärer wird sie, je mehr versteckt sie sich
hinter der Behauptung ihrer wissenschaftlichen Neutralität – und desto
mehr erlaubt es der Ökonomie, sich mit dem intellektuellen Trend zu
verbinden, der im Westen seit dem 17. Jahrhundert prägend ist. Der
Aufstieg der modernen Wissenschaft hat zu einem Problem geführt: Wenn
die Welt vollständig Naturgesetzen unterworfen ist, was bedeutet es
dann, Mensch zu sein? Ist ein menschliches Wesen einfach ein Objekt in
der Welt, wie jedes andere auch? Es scheint keine Möglichkeit zu geben,
die subjektive, innere Perspektive des Menschen in die Natur zu
integrieren, wie die Wissenschaft sie versteht – als etwas Objektives,
dessen Gesetzmäßigkeiten wir durch Beobachtung ergründen.
Alles
an der politischen Nachkriegskultur kam John Maynard Keynes und einer
erweiterten Rolle des Staates bei der Führung der Wirtschaft entgegen.
Doch alles an der akademischen Nachkriegskultur begünstigte Hayeks Große
Idee. Vor dem Krieg hatte selbst der konservativste Ökonom den Markt
als ein Mittel zum Zweck betrachtet, der effizienten Verteilung knapper
Güter. Seit den Zeiten Adam Smiths Mitte des 17. Jahrhunderts und bis
hin zu den Gründungsvätern der Chicago School
in den Nachkriegsjahren war der Glaube allgemein verbreitet, dass die
ultimativen Zwecke der Gesellschaft und des Lebens in der
nicht-ökonomischen Sphäre angesiedelt sind.
Dieser
Weltsicht zufolge werden Fragen nach der Wertigkeit politisch und
demokratisch beantwortet, nicht ökonomisch – durch moralische Reflexion
und öffentliche Debatten. Der klassisch-moderne Ausdruck für diese
Auffassung geht auf den Essay Ethics and the Economic von Frank
Knight aus dem Jahr 1922 zurück, der zwei Jahrzehnte vor Hayek nach
Chicago gekommen war. „Die rationale ökonomische Kritik von Werten führt
zu Ergebnissen, die dem gesunden Menschenverstand widerstreben”,
schreibt Knight. „Der homo oeconomicus ist das egoistische,
rücksichtslose Objekt, das wir moralisch verurteilen.“
Von der hoffnungslosen menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der Wissenschaft
Ökonomen
hatten seit 200 Jahren mit der Frage gerungen, wie sie die Werte
begründen sollten, auf denen eine ansonsten durch und durch kommerzielle
Gesellschaft jenseits des bloßen Egoismus und der Berechnung
organisiert ist. Knight und seine Kollegen Henry Simons und Jacob Viner
verweigerten sich Franklin D Roosevelt und den Markt-Interventionen des
New Deal. Sie etablierten die University of Chicago als die rigorose
intellektuelle Heimat der Ökonomie des freien Marktes, die sie bis heute
geblieben ist. Simons, Viner und Knight begannen ihre Karrieren jedoch
alle, bevor das konkurrenzlose Prestige der Atomphysik enorme Geldsummen
in das Universitätssystem lockte und den “exakten“ Wissenschaften in
der Nachkriegszeit zu einem Boom verhalf. Sie beteten weder Gleichungen
noch Modelle an, sondern machten sich über nicht-wissenschaftliche
Fragen Gedanken. Am ausdrücklichsten dachten sie über Fragen des Wertes
nach, bei denen der Wert völlig vom Preis unterschieden war.
Simons,
Viner und Knight waren nicht nur weniger dogmatisch als Hayek, oder
eher bereit, dem Staat zu verzeihen, dass er Steuern erhebt und sie
wieder ausgibt. Hayek war ihnen intellektuell nicht überlegen. Aber sie
erkannten als erstes Prinzip an, dass die Gesellschaft nicht dasselbe
ist wie der Markt und Preis nicht dasselbe ist wie Wert.
Hayek
war derjenige, der uns zeigte, wie wir von der hoffnungslosen
menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der
Wissenschaft gelangen. Hayeks große Idee fungiert als Verbindungsglied
zwischen unserer subjektiven menschlichen Natur und der Natur selbst.
Dabei stellt sie jeden Wert, der nicht als Preis ausgedrückt werden kann
– als Urteil des Marktes – auf die gleiche unsichere Basis, macht sie
zu nichts anderem als einer bloßen Meinung, Vorliebe, Folklore oder
Aberglauben.
Mehr als jeder andere, selbst
als Hayek selbst, war es der große Chicagoer Nachkriegsökonom Milton
Friedman, der dabei half, Regierungen und Politiker von der Wirkmacht
von Hayeks großer Idee zu überzeugen. Zuvor brach er allerdings mit
einer zwei Jahrhunderte alten Tradition und erklärte, die Ökonomie sei
„im Prinzip unabhängig von jeder ethischen Position oder normativem
Urteil“, „eine ‘objektive’ Wissenschaft, in genau dem Sinn wie alle
Naturwissenschaften“. Traditionelle, normative Werte betrachtete er als
mangelhaft, bei ihnen handelte es sich um „Unterschiede, um die die
Menschen letzten Endes nur kämpfen können“. Mit anderen Worten: Es gibt
den Markt und es gibt den Relativismus.
Eine aufgeblasene Idee
Märkte
mögen menschliche Reproduktionen natürlicher Systeme sein, und wie das
Universum selbst, hat niemand sie erschaffen, und sie haben keinen Wert.
Doch Hayeks Idee auf jeden Aspekt unseres Lebens anzuwenden, negiert
das, was uns ausmacht. Sie tritt das, was am Menschen am menschlichsten
ist – unser Bewusstsein und unser Wille – an Algorithmen und Märkte ab
und lässt uns nachahmend und zombiehaft zurück, die geschrumpften
Idealisierungen ökonomischer Modelle. Hayeks Idee aufzublasen und das
Preissystem radikal zu etwas sozial Allwissendem aufzuwerten, bedeutet,
die Bedeutung unserer individuellen Fähigkeit zur Vernunft radikal
abzuwerten – unsere Fähigkeit, unsere Taten und Vorstellungen zu
begründen und zu bewerten.
Dies führt dazu,
dass die öffentliche Sphäre – der Raum, in dem wir Gründe anführen und
die Begründungen anderer infrage stellen – aufhört, ein Raum zu sein, in
dem debattiert wird, und zu einem Markt von Klicks, Likes und Retweets
verkommt. Das Internet ist die persönliche Vorliebe, vervielfältigt
durch Algorithmen – ein pseudo-öffentlicher Raum, der lediglich die
Stimme widerhallen lässt, die sich bereits in unserem Kopf befindet.
Anstatt eines Raums, in dem diskutiert wird, in dem wir – als
Gesellschaft – einen Weg zum Konsens suchen, haben wir es mit einem
Apparat der gegenseitigen Affirmation zu tun, der banal als „Marktplatz
der Ideen“ bezeichnet wird. Was aussieht, als wäre es etwas Öffentliches
und Übersichtliches, ist in Wahrheit nur die Verlängerung unserer
eigenen, bereits bestehenden Meinungen und Ansichten, während die
Autorität der Institutionen und Experten durch die aggregierte Logik von
Big Data ersetzt wurde. Wenn wir uns der Welt durch eine Suchmaschine
nähern, haben die Ergebnisse eine Reihenfolge, wie der Google-Gründer es
ausdrückt, „rekursiv” – durch eine unendliche Zahl individueller
Nutzer, die wie ein Markt funktionieren, unablässig und in Echtzeit.
Wenn
man die unglaublich praktischen Aspekte der digitalen Technologie
einmal beiseite lässt, unterschied eine frühere und humanistischere
Tradition, die jahrhundertelang die dominierende war, stets zwischen
unseren Geschmäckern und Vorlieben – die Begierden, die Ausdruck im
Markt finden – und unserer Fähigkeit, über diese Vorlieben nachzudenken,
was es uns erlaubt, Werte zu begründen und zum Ausdruck zu bringen.
„Ein
Geschmack ist nahezu definiert als eine Vorliebe, über die man nicht
diskutiert“, hat der Philosoph und Ökonom Albert O Hirschman einmal
geschrieben. „Ein Geschmack, über den man mit anderen oder sich selbst
streitet, hört dadurch auf, ein Geschmack zu sein – und verwandelt sich
in einen Wert.“
Weiß, dass seine Sünden erst noch auf dem Markt bestraft werden müssen: Donald Trump
Foto: Scott Olson/Getty Images
Wir entscheiden, wer und was wir sind
Hirschman
machte einen Unterschied zwischen jenem Teil des eigenen Selbst, das
als Konsument agiert, und dem, der Gründe bereitstellt. Der Markt
spiegelt wider, was Hirschman die Vorlieben nannte, die „die Akteure
offenbaren, wenn sie Waren und Dienstleistungen erstehen“. Doch, so
Hirschman weiter, verfügen Männer und Frauen gleichzeitig über die
„Fähigkeit, von ihren ‘offenbarten’ Bedürfnissen, ihrem Willen und ihren
Vorlieben zurückzutreten, um sich zu fragen, ob sie wirklich wollen,
was sie sich da wünschen und diese Vorlieben wirklich lieben“. Wir
formen unser Selbst und unsere Identität auf der Grundlage dieser
Fähigkeit zur Reflexion. Die Anwendung der individuellen reflexiven
Fähigkeiten nennt man Verstand, die kollektive Anwendung dieser
Fähigkeiten Vernunft; die Anwendung von Vernunft zur Formulierung von
Gesetzen und politischen Auseinandersetzung heißt Demokratie. Wenn wir
Gründe für unsere Taten und Überzeugungen anführen, bringen wir uns
selbst hervor: individuell und kollektiv, wir entscheiden, wer und was
wir sind.
Der Logik von Hayeks großer Idee
zufolge sind diese Ausdrucksformen menschlicher Subjektivität
bedeutungslos, solange sie nicht durch den Markt ratifiziert wurden –
wie Friedman sagte, sie sind nichts außer Relativismus, jede so gut wie
irgendeine andere. Wenn die einzig objektive Wahrheit vom Markt bestimmt
wird, haben alle anderen Werte den Status bloßer Meinungen, alles
andere ist relativistische heiße Luft. Doch Friedmans „Relativismus“ ist
ein Vorwurf, der gegen jede Behauptung gerichtet werden kann, die auf
der menschlichen Vernunft basiert. Es ist eine unsinnige Beleidigung, da
alle humanistischen Zwecke auf eine Art „relativ“ sind, wie die
Wissenschaften dies nicht sind. Sie sind relativ zu dem privaten
Zustand, ein Bewusstsein zu besitzen, und der allgemeinen und
öffentlichen Notwendigkeit, nachzudenken und zu verstehen, selbst wenn
wir keinen wissenschaftlichen Beweis erwarten können. Wenn unsere
Debatten nicht mehr länger durch die Erörterung von Gründen gelöst
werden, dann bestimmen die Launen der Macht über das Ergebnis.
An
dieser Stelle treffen der Triumph des Neoliberalismus und der
politische Albtraum, in dem wir heute leben, zusammen. Hayeks großes
Projekt, wie er es zuerst in den 1930ern und 1940ern verstand, war
ausdrücklich darauf ausgerichtet, einen Rückfall ins politische Chaos
und den Faschismus zu verhindern. Doch die große Idee war in
Wirklichkeit stets dieses Gräuel, das darauf wartete, einzutreten. Sie
ging, von Anfang an, schwanger mit der Sache, die sie angeblich
verhindern wollte. Wenn man die Gesellschaft nur noch als gigantischen
Markt begreift, führt das zu einem öffentlichen Leben, das auf Gezänk
über bloße Meinungen verkommt, bis die Menschen sich schließlich einem
starken Mann zuwenden, als vermeintlich letztem Ausweg, ihre ansonsten
scheinbar unlösbaren Probleme zu bewältigen.
Ein zweifelhaftes Paradies
1989
klopfte ein US-amerikanischer Reporter bei dem mittlerweile 90-jährigen
Hayek an die Tür, der inzwischen in einer Wohnung in der Freiburger
Urachstrasse lebte. Die beiden Männer setzten sich in ein sonniges
Zimmer, dessen Fenster zu den Bergen hinausgingen, und Hayek, der sich
von einer Lungenentzündung erholte, zog sich während ihres Gesprächs
eine Decke über die Beine.
Dies war nicht
mehr länger der Mann, der sich einst darin gesuhlt hatte, dass er gegen
Keynes das Nachsehen hatte. Thatcher hatte ihm erst in einem Ton von
millenarischem Triumph geschrieben. Nichts von dem, was sie und Reagan
erreicht hätten, „wäre möglich gewesen, ohne die Werte und
Überzeugungen, die uns auf den rechten Weg gebracht und uns die richtige
Richtung gewiesen haben“. Hayek freute sich nun über das, was er
geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus
angeht. Der Journalist schrieb: „Insbesondere sieht Hayek eine größere
Wertschätzung für den Markt unter der jüngeren Generation. Heute gehen
arbeitslose Jugendliche in Algier und Rangun nicht für einen zentral
geplanten Wohlfahrtsstaat auf die Straße, sondern für Möglichkeiten: die
Freiheit zu kaufen und zu verkaufen – Jeans, Autos, was auch immer – zu
den Preisen, die der Markt bestimmt.“
30
Jahre später leben wir in einem Paradies, das auf Hayeks großer Idee
errichtet wurde. Je mehr die Welt so eingerichtet werden kann, dass sie
einem idealen Markt ähnelt, der lediglich vom perfekten Wettbewerb
regiert wird, desto mehr gesetzmäßiger und „wissenschaftlicher“ wird das
menschliche Verhalten insgesamt. Jeden Tag streben wir danach – das
muss uns niemand mehr sagen – wie vereinzelte, diskrete, anonyme Käufer
und Verkäufer; und jeden Tag behandeln wir den Wunsch, mehr zu sein als
nur Konsumenten, als Nostalgie oder Elitismus.
Was
als neue Form intellektueller Autorität begann – verwurzelt in einer
zutiefst unpolitischen Weltsicht – verwandelte sich schnell in eine
ultra-reaktionäre Politik. Was nicht quantifizierbar ist, darf nicht
real sein, sagt der Ökonom. Und wie misst man die Vorteile der
Grundwerte der Aufklärung – namentlich kritisches Denken, persönliche
Autonomie und demokratisches Selbstbestimmung? Wenn wir die Vernunft
verwerfen, weil sie immer an Subjektivität gebunden bleibt, und die
Wissenschaft zum einzigen Vermittler sowohl des Realen als auch des
Wahren machen, schaffen wir eine Lücke, die von der Pseudowissenschaft
dankend gefüllt wird.
Die Autorität der
Professorin, des Reformers, der Gesetzgeberin oder des Juristen erwächst
diesen nicht aus dem Markt, sondern aus humanistischen Werten wie
Gemeinschaftsgefühl, Bewusstsein oder dem Wunsch nach Gerechtigkeit.
Lange bevor die Trump-Regierung damit begann, sie herabzusetzen, hatten
sie an Strahlkraft verloren. Sicherlich besteht eine Verbindung zwischen
ihrer wachsenden Irrelevanz und der Wahl Trumps, einer Kreatur, die
allein von ihren Launen regiert wird, einem Mann, der weder Prinzipien
oder Überzeugungen braucht, um mit sich im Reinen zu sein. Ein Mann ohne
Bewusstsein, der die totale Abwesenheit der Vernunft repräsentiert,
regiert die Welt – oder ruiniert sie zumindest. Als erfahrener
Manhattaner Immobilenhai weiß er aber immerhin, dass seine Sünden erst
noch auf dem Markt bestraft werden müssen.
Stephen Metcalf ist Kolumnist des Slate Magazines und Host des Podcasts Culture Gabfest
Labels:
capitalism,
economy,
ideology,
money,
neoliberalism,
society
Donnerstag, 29. September 2016
The Choice is Ours (2016) by The Venus Project
Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple
This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.
Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.
Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.
Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.
Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.
Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project
Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut
Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University
Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"
Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower
Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT
Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author
Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"
Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org
Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author
Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".
Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"
Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project
*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.
The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com
Labels:
capitalism,
consumerism,
corruption,
democracy,
economy,
finance,
future,
hunger,
money,
psychology,
slavery,
social gap,
technology,
usa,
video
Dienstag, 22. Oktober 2013
Wie Reiche denken und lenken Reichtum in der Schweiz
Wie Reiche denken und lenken Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche Autor Presse-Echo Leseprobe Wer sind eigentlich die Vermögenden und Gutbetuchten?
Dieses Buch liefert Einblicke, Analysen und Statistiken zu den in der Schweiz wohnenden Reichen. Die Schweiz ist ein kleines Land. Doch jeder zehnte Milliardär der Welt wohnt in der Schweiz. Drei Prozent der hier wohnhaften privaten Steuerpflichtigen haben gleich viel Nettovermögen wie die restlichen 97 Prozent. Die Vermögen der 300 Reichsten stiegen in den letzten zwanzig Jahren von 86 Milliarden auf 459 Milliarden Franken. Wer sind diese Menschen? Wo und wie leben sie? Die Autoren dieses Buchs zeigen auf, wie dieser Reichtum entstanden und verteilt ist, wie er sich erneuert, wie Reiche denken und lenken, wie sie soziale Gegensätze wahrnehmen und wie Medien über Reiche berichten. Diese Studie knüpft an die frühere Untersuchung über den Reichtum in der Schweiz (Mäder/Streuli 2002) an und erweitert den Kontext. Der Blick richtet sich auf soziale Ungleichheiten, auf Kontinuitäten und Wandel, auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Reichen, besonders auch im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise. Als Grundlage dienen statistische Auswertungen aktueller Daten, ethnografische Zugänge im Feld der Reichen, Auswertungen von Medienberichten sowie zahlreiche Gespräche mit Reichen. -Presseecho- »Ein informatives wie unterhaltsames Buch, welches das Phänomen Reichtum in der Schweiz erklärt, aber auch etwas entzaubert.« Martin Mäder, der arbeitsmarkt »Ueli Mäder, Professor für Soziologie in Basel, und zwei seiner dortigen Mitarbeiter haben ein exzellentes, gut lesbares Buch geschrieben, das spannender ist als so mancher Krimi.« Wolfgang Bortlik, 20 Minuten »Nebst vielen Einsichten in die rasante Zunahme der sozialen Ungerechtigkeit bietet das neue Buch auch Aspekte einer beängstigenden Parallelgesellschaft, die sich zu einer eigentlichen Klassengesellschaft entwickelt hat.« Ignaz Vogel, Hälfte »Die informativ und verständlich geschriebene Studie rückt den sozialen Ausgleich ins Bewusstsein.« Stefan Schuppli, Saldo »Einstweilen gewährt die Veröffentlichung vielfältige und tiefe Einblicke in eine Welt, über die wenig bekannt ist und die schwierig zu verstehen ist. Wenngleich sich die Darstellung ausschließlich auf die Schweiz bezieht, können die Ergebnisse zur sozialen Ungleichheit auch auf andere Länder übertragen werden.«
Hubert Kolling, socialnet.de Artikel lesen
Donnerstag, 20. September 2012
Goldman Sachs - Eine Bank lenkt die Welt
Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs ist in den letzten Jahren zum Symbol für Maßlosigkeit und ausufernde Spekulationen im Finanzbereich geworden. Ihre Geschäfte mit der Zahlungsunfähigkeit amerikanischer Privathaushalte haben sie zwar an den Rand des Bankrotts gebracht, aber letztlich wurde sie dank ihrer politischen Verbindungen vor dem Aus bewahrt. Auch gegen den Euro soll Goldman Sachs spekuliert haben und an der Wirtschaftskrise Griechenlands nicht unbeteiligt sein.
Der Dokumentarfilm gibt Einblicke in die Mechanismen der finanziellen und politischen Machenschaften der Bank.
Seit fünf Jahren steht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs für sämtliche Exzesse und Entgleisungen der Finanzspekulation. Durch hochspekulative Geschäfte mit der Zahlungsunfähigkeit der amerikanischen Privathaushalte konnte sich die Bank an der aktuellen Finanzkrise bereichern und wurde dank ihrer politischen Verbindungen selbst vor dem Bankrott bewahrt. Als die amerikanische Krise über den Atlantik nach Europa schwappte, wurde Goldman Sachs zu einem der Protagonisten der Euro-Krise: Die Bank soll gegen die europäische Einheitswährung spekuliert und die griechische Staatsschuldenbilanz mit Hilfe komplexer und undurchsichtiger Währungsgeschäfte geschönt haben. Als die europäischen Regierungen nacheinander dem Zorn der Wähler zum Opfer fielen, nutzte Goldman Sachs die Gunst der Stunde, um ihr komplexes Einflussgeflecht auf den alten Kontinent auszuweiten.
Goldman Sachs ist mehr als eine Bank. Sie ist ein unsichtbares Imperium, dessen Vermögen mit 700 Milliarden Euro das Budget des französischen Staates um das Zweifache übersteigt. Sie ist ein Finanzimperium auf der Sonnenseite, das die Welt mit seinen wilden Spekulationen und seiner Profitgier in ein riesiges Kasino verwandelt hat. Mit weltweit einzigartigen Verflechtungen und einem Heer aus 30.000 Bankern konnte Goldman Sachs auch in den letzten fünf Krisenjahren kräftige Gewinne einstreichen, seine Finanzkraft weiter ausbauen, seinen Einfluss auf die Regierungen stärken und sich vonseiten der amerikanischen und europäischen Justiz völlige Straffreiheit zusichern.
Das Geschäftsgebaren der Bank ist überaus diskret. Ihr Einfluss reicht weit in den Alltag der Bürger hinein - vom Facebook-Börsengang über die Ernennung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank bis hin zum Lobbying gegen die Regulierung des Finanzsektors. Der Arm der Bank ist lang, und sie befindet sich stets auf der Gewinnerseite.
Der Dokumentarfilm gibt Einblicke in die Mechanismen der finanziellen und politischen Machenschaften der Bank.
Seit fünf Jahren steht die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs für sämtliche Exzesse und Entgleisungen der Finanzspekulation. Durch hochspekulative Geschäfte mit der Zahlungsunfähigkeit der amerikanischen Privathaushalte konnte sich die Bank an der aktuellen Finanzkrise bereichern und wurde dank ihrer politischen Verbindungen selbst vor dem Bankrott bewahrt. Als die amerikanische Krise über den Atlantik nach Europa schwappte, wurde Goldman Sachs zu einem der Protagonisten der Euro-Krise: Die Bank soll gegen die europäische Einheitswährung spekuliert und die griechische Staatsschuldenbilanz mit Hilfe komplexer und undurchsichtiger Währungsgeschäfte geschönt haben. Als die europäischen Regierungen nacheinander dem Zorn der Wähler zum Opfer fielen, nutzte Goldman Sachs die Gunst der Stunde, um ihr komplexes Einflussgeflecht auf den alten Kontinent auszuweiten.
Goldman Sachs ist mehr als eine Bank. Sie ist ein unsichtbares Imperium, dessen Vermögen mit 700 Milliarden Euro das Budget des französischen Staates um das Zweifache übersteigt. Sie ist ein Finanzimperium auf der Sonnenseite, das die Welt mit seinen wilden Spekulationen und seiner Profitgier in ein riesiges Kasino verwandelt hat. Mit weltweit einzigartigen Verflechtungen und einem Heer aus 30.000 Bankern konnte Goldman Sachs auch in den letzten fünf Krisenjahren kräftige Gewinne einstreichen, seine Finanzkraft weiter ausbauen, seinen Einfluss auf die Regierungen stärken und sich vonseiten der amerikanischen und europäischen Justiz völlige Straffreiheit zusichern.
Das Geschäftsgebaren der Bank ist überaus diskret. Ihr Einfluss reicht weit in den Alltag der Bürger hinein - vom Facebook-Börsengang über die Ernennung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank bis hin zum Lobbying gegen die Regulierung des Finanzsektors. Der Arm der Bank ist lang, und sie befindet sich stets auf der Gewinnerseite.
Labels:
bank,
documentary,
finance,
financial crisis,
globalisation,
money,
social gap
Mittwoch, 9. Mai 2012
Spekulation mit Lebensmitteln Allianz als Hungermacher
Spekulation mit Lebensmitteln Allianz als Hungermacher
09.05.2012, 10:53
Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken
Die Finanzwelt muss sich seit kurzem mit einem heiklen Thema befassen: Spekulation mit Nahrungsmitteln. Nun klagt die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam die Allianz an. Der deutsche Versicherungskonzern verstärke den Hunger in der Welt. Geht es nach der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, wird es für den Allianz-Vorstand an diesem Mittwoch ungemütlich. Bei der Hauptversammlung in München werden kritische Aktionäre beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten. Der Grund: Das Unternehmen spekuliere mit Nahrungsmitteln - und zwar wie kein zweiter deutscher Konzern. Die Finanzwelt muss sich seit dem vergangenen Herbst mit dem heiklen Thema befassen. Damals beschrieb ein Bericht der Organisation Foodwatch den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hungersnöten. Als Nummer fünf im globalen Rohstoffhandel stand seinerzeit vor allem die Deutsche Bank am Pranger, die daraufhin zumindest zusagte, die fragwürdigen Geschäfte zu überprüfen. "Mit Besorgnis verfolgt auch die Deutsche Bank, dass immer wieder Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden müssen", schrieb das Geldhaus wenige Monate später. Weitere "börsengehandelte Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln" würden nicht aufgelegt, so lange eigene Untersuchungen der Bank nicht abgeschlossen seien. Sie sind im Gange. Doch eine Studie von Oxfam, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, rückt nun auch den Münchner Allianz-Konzern in den Fokus. Nach Recherchen der Organisation handelt der Versicherer wie kein zweites deutsches Unternehmen an Warenterminbörsen mit Nahrungsmitteln. In fünf Fonds setze das Unternehmen demnach auf steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere über die zum Konzern gehörende Kapitalanlage-Gesellschaft Pimco. Der Studie zufolge hatte die Allianz 2011 mehr als 6,2 Milliarden Euro in solche Fonds investiert, die Deutsche Bank knapp 4,6 Milliarden Euro. In einem globalen Markt, den Analysten auf rund 70 Milliarden Euro schätzen, kämen allein diese beiden Geldinstitute auf einen Anteil von rund 14 Prozent. Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Der Zusammenhang zwischen Termingeschäften und Hunger ist für Oxfam evident. Der Handel mit Agrar-Rohstoffderivaten stieg - einer Barclays-Untersuchung zufolge - von neun Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 99 Milliarden Dollar acht Jahre später. Schon ohne solche Geschäfte sei die Nahrungsmittelproduktion in armen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich erschwert worden, schreibt Oxfam - sei es durch den Klimawandel, sei es wegen der Vertreibung von Kleinbauern durch Großinvestoren oder sei es aufgrund der zunehmenden Erzeugung von Biokraftstoffen auf Flächen, die vormals Nahrungsmittel abwarfen.Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Dadurch werde der Markt insgesamt instabiler, die Preise schwankten stärker. "Genau darauf wetten Nahrungsmittelspekulanten", heißt es in der Oxfam-Studie (Titel: "Mit Essen spielt man nicht"): "Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisaufschläge auf die Spitze." Die Folge für die Ärmsten sei zwangsläufig Hunger. "Menschen in armen Ländern geben bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus", sagt Frank Braßel, Leiter der Oxfam-Kampagne. Die seien "den Preissprüngen durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln schutzlos ausgeliefert". Die deutsche Finanzwirtschaft reagiert unterschiedlich auf die Vorwürfe. Während die Deutsche Bank zwar prüft, aber ansonsten bestehende Fonds einstweilen weiterlaufen lässt, haben die Deka-Fonds im vorigen Monat die Reißleine gezogen. Zwar seien die Auswirkungen noch nicht "hinreichend und abschließend" geklärt, argumentierte die Sparkassen-Finanzgruppe - allerdings gebe es auch keine Entwarnung. Weswegen sich die Deka aus dem Geschäft mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Soja bis Ende des Jahres zurückziehe. Ein Allianz-Sprecher erklärt zu den Vorwürfen, Ursachen der hohen Nahrungsmittelpreise seien vor allem Bevölkerungswachstum, Klimawandel, politische Krisen oder Biosprit - und nicht der Derivatehandel. Für den Oxfam-Mann Braßel ist das kein Argument: "Viele der Gründe, warum Menschen hungern, können wir nicht beeinflussen. Aber die Spekulation mit Nahrungsmitteln könnten wir sofort stoppen." Aus Sicht der Allianz stellen sich die Dinge anders dar. Der Finanzkonzern investiere weniger als ein Prozent seiner Anlagen in Nahrungsmittelderivate. "Unsere Fonds setzen dabei nicht gezielt auf steigende Preise", sagt ein Sprecher, an den Finanzmärkten lasse sich ja auch auf fallende Preise setzen. Außerdem betont die Allianz, dass sie Geld in Hersteller von Düngemitteln oder Maschinen investiert - und die würden die Produktion von Nahrungsmitteln ankurbeln und den Hunger begrenzen. Kein Wunder, dass der Konzern die Oxfam-Forderung ablehnt, die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu stoppen: "Ein Ausstieg steht zurzeit nicht zur Debatte."
sueddeutsche.de wirtschaft
Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken
Die Finanzwelt muss sich seit kurzem mit einem heiklen Thema befassen: Spekulation mit Nahrungsmitteln. Nun klagt die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam die Allianz an. Der deutsche Versicherungskonzern verstärke den Hunger in der Welt. Geht es nach der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, wird es für den Allianz-Vorstand an diesem Mittwoch ungemütlich. Bei der Hauptversammlung in München werden kritische Aktionäre beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten. Der Grund: Das Unternehmen spekuliere mit Nahrungsmitteln - und zwar wie kein zweiter deutscher Konzern. Die Finanzwelt muss sich seit dem vergangenen Herbst mit dem heiklen Thema befassen. Damals beschrieb ein Bericht der Organisation Foodwatch den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hungersnöten. Als Nummer fünf im globalen Rohstoffhandel stand seinerzeit vor allem die Deutsche Bank am Pranger, die daraufhin zumindest zusagte, die fragwürdigen Geschäfte zu überprüfen. "Mit Besorgnis verfolgt auch die Deutsche Bank, dass immer wieder Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden müssen", schrieb das Geldhaus wenige Monate später. Weitere "börsengehandelte Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln" würden nicht aufgelegt, so lange eigene Untersuchungen der Bank nicht abgeschlossen seien. Sie sind im Gange. Doch eine Studie von Oxfam, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, rückt nun auch den Münchner Allianz-Konzern in den Fokus. Nach Recherchen der Organisation handelt der Versicherer wie kein zweites deutsches Unternehmen an Warenterminbörsen mit Nahrungsmitteln. In fünf Fonds setze das Unternehmen demnach auf steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere über die zum Konzern gehörende Kapitalanlage-Gesellschaft Pimco. Der Studie zufolge hatte die Allianz 2011 mehr als 6,2 Milliarden Euro in solche Fonds investiert, die Deutsche Bank knapp 4,6 Milliarden Euro. In einem globalen Markt, den Analysten auf rund 70 Milliarden Euro schätzen, kämen allein diese beiden Geldinstitute auf einen Anteil von rund 14 Prozent. Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Der Zusammenhang zwischen Termingeschäften und Hunger ist für Oxfam evident. Der Handel mit Agrar-Rohstoffderivaten stieg - einer Barclays-Untersuchung zufolge - von neun Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 99 Milliarden Dollar acht Jahre später. Schon ohne solche Geschäfte sei die Nahrungsmittelproduktion in armen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich erschwert worden, schreibt Oxfam - sei es durch den Klimawandel, sei es wegen der Vertreibung von Kleinbauern durch Großinvestoren oder sei es aufgrund der zunehmenden Erzeugung von Biokraftstoffen auf Flächen, die vormals Nahrungsmittel abwarfen.Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Dadurch werde der Markt insgesamt instabiler, die Preise schwankten stärker. "Genau darauf wetten Nahrungsmittelspekulanten", heißt es in der Oxfam-Studie (Titel: "Mit Essen spielt man nicht"): "Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisaufschläge auf die Spitze." Die Folge für die Ärmsten sei zwangsläufig Hunger. "Menschen in armen Ländern geben bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus", sagt Frank Braßel, Leiter der Oxfam-Kampagne. Die seien "den Preissprüngen durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln schutzlos ausgeliefert". Die deutsche Finanzwirtschaft reagiert unterschiedlich auf die Vorwürfe. Während die Deutsche Bank zwar prüft, aber ansonsten bestehende Fonds einstweilen weiterlaufen lässt, haben die Deka-Fonds im vorigen Monat die Reißleine gezogen. Zwar seien die Auswirkungen noch nicht "hinreichend und abschließend" geklärt, argumentierte die Sparkassen-Finanzgruppe - allerdings gebe es auch keine Entwarnung. Weswegen sich die Deka aus dem Geschäft mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Soja bis Ende des Jahres zurückziehe. Ein Allianz-Sprecher erklärt zu den Vorwürfen, Ursachen der hohen Nahrungsmittelpreise seien vor allem Bevölkerungswachstum, Klimawandel, politische Krisen oder Biosprit - und nicht der Derivatehandel. Für den Oxfam-Mann Braßel ist das kein Argument: "Viele der Gründe, warum Menschen hungern, können wir nicht beeinflussen. Aber die Spekulation mit Nahrungsmitteln könnten wir sofort stoppen." Aus Sicht der Allianz stellen sich die Dinge anders dar. Der Finanzkonzern investiere weniger als ein Prozent seiner Anlagen in Nahrungsmittelderivate. "Unsere Fonds setzen dabei nicht gezielt auf steigende Preise", sagt ein Sprecher, an den Finanzmärkten lasse sich ja auch auf fallende Preise setzen. Außerdem betont die Allianz, dass sie Geld in Hersteller von Düngemitteln oder Maschinen investiert - und die würden die Produktion von Nahrungsmitteln ankurbeln und den Hunger begrenzen. Kein Wunder, dass der Konzern die Oxfam-Forderung ablehnt, die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu stoppen: "Ein Ausstieg steht zurzeit nicht zur Debatte."
sueddeutsche.de wirtschaft
Mittwoch, 14. März 2012
Die post-revolutionäre Möhre. Hier und Jetzt.
reblog: https://ecobasa.org/nkl/?p=201
Publiziert am Februar 29, 2012 von bine
Publiziert am Februar 29, 2012 von bine
Solidarische Landwirtschaft auf dem Weg zur Schenkökonomie
von Jan-Hendrik Cropp
Wir, ein Kollektiv von fünf „Gärtner_innen“, suchten uns eine Gruppe von 60 Personen, die „Begärtnerten“, die von uns durch die Bearbeitung von 5000 qm Ackerfläche im nordhessischen Witzenhausen-Freudenthal mit Gemüse von April bis November versorgt werden wollten. Zusammen formten wir eine verbindliche Gemeinschaft.
Wann und wieviel wir Gärtner_innen in diesem Projekt arbeiten, nein besser, tätig sein wollen, wurde von jedem einzelnen selbstverantwortlich und je nach Bedürfnissen (flexibel) festgelegt und im Kollektiv vereinbart. Der Teil unserer finanziellen Bedürfnisse („Lohn“), der über das Projekt befriedigt werden soll, wurde weitgehend unabhängig von dieser Tätigkeitszeit bestimmt und mit den laufenden Betriebskosten (ohne Investitionen) zu den Gesamtkosten (Budget) einer Jahresproduktion zusammengerechnet.
Die Begärtnerten boten dann anonym einen auf den Zeitraum der Produktion verbindlichen, monatlichen finanziellen Beitrag, der ihren Möglichkeiten entspricht. Von null Euro aufwärts war und ist alles möglich. Diese Zusage und andere Punkte (Entscheidungsfindung, Ausstiegsgründe, Scheiterkriterien, gemeinsame Übernahme von Verantwortung und Risiko, Kommunikation etc.) wurden in einer Vereinbarung schriftlich und verbindlich festgehalten und unterschrieben. Das zuvor beschriebene Budget wurde mit diesen freiwilligen finanziellen Beiträgen gedeckt, woraufhin der genaue Bedarf an Gemüse abgefragt und mit der Produktion des Gemüses begonnen wurde.
Die Ernte wird der Gemeinschaft von Begärtnerten in Depots frei zur Verfügung gestellt. Die Verteilung vor Ort organisiert die Gemeinschaft je nach den individuellen Bedürfnissen. Es gibt keine genormten „Gemüsekisten“, sondern jede_r nimmt, was gebraucht wird. Ein weiteres Mitwirken am Projekt durch Mitarbeit, Erntesicherung / Einmachen und das Einbringen von weiteren Fähigkeiten steht den Mitgliedern frei, ist aber erwünscht und wird gemeinsam organisiert.
Durch dieses Experiment sollen kapitalistische Prinzipien in unserem Verhältnis zueinander überwunden und transformiert werden:
Freiwilliges Beitragen und Schenken statt Tausch, Wert, Ware
Freies Tätigsein statt abstrakter Arbeit in Konkurrenz
Tätigkeit wird zu Arbeit und Arbeit zur Last, wenn unsere Produkte auf dem Markt einen Wert erzielen müssen oder wir primär für einen Lohn arbeiten.
In unserem Projekt müssen wir beides nicht: Wir liefern keine normierten Waren und unsere finanziellen Bedürfnisse werden von vornherein abgedeckt.
Daher können wir Anbauweise und Arbeitsabläufe frei bestimmen, um unsere und die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen.
Kommt es zu Problemen, lösen wir diese nicht wie in der Gesellschaft der Vereinzelten mit dem Ellenbogen und dem „Ausschalten von Konkurrenten“ sondern durch kollektive Lösungsfindung.
*Zur Entstehung dieses Textes: Er wurde von mir selbst als persönliche Reflexion verfasst und spricht deshalb hauptsächlich für mich. Allerdings wurde er auch der gesamten Gemeinschaft vorgelegt und etwaige Kommentare wurden berücksichtigt.
Knapp 11 Monate nach Beginn des Projektes haben sich allerdings einige Problemfelder in unserem Projekt aufgetan. Deren Analyse halte ich für wichtig, wenn Projekte über die Waren- und Tauschgesellschaft hinausweisen wollen:
Problemfeld 1
Der verinnerlichte Kapitalismus im Kollektiv
Das Problemfeld betrifft vor allem uns als Kollektiv von Gärtner_innen. Was Tausch und Geld im Kapitalismus so hervorragend machen, nämlich Menschen und Tätigkeiten zu vergleichen und gleichzusetzen, verschwindet in einem weniger kapitalistischen System nicht sofort. Diese Verhaltensweisen scheinen wir tief verinnerlicht zu haben. Wir, also einmalige Individuen, die im Kollektiv zusammenarbeiten, vergleichen weiterhin, wieviel Zeit wir in das Projekt investieren. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir „zu wenig“ tun, oder werden grummelig, weil wir „zu viel“ tun. Schnell kommt es zu Situationen, in denen wir uns für unsere Bedürfnisse (die ja so sind wie sie sind) rechtfertigen wollen, oder denken, dass wir es müssen. Oft ist es gar nicht das Kollektiv, das diesen Druck erzeugt, sondern wir, die Individuen selbst. Denn schließlich ist unser Kopf vom allgegenwärtigen Kapitalismus vollkommen durchzogen.
Eine schnelle Abhilfe für das Problem scheinen die üblichen Abstraktionen des Kapitalismus zu bieten. So geschieht es beizeiten auch in unserem Kollektiv: Ein Ruf nach einer Abstraktion der Zeit in greifbare „Arbeitsstunden“ oder „Urlaubszeiten“ wird laut. Und darauf aufbauend: Das Verlangen nach einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff. Statt zu sagen: „Es soll allen gut gehen mit dem, was und wieviel sie tun“, sagen wir schnell: „Alle sollen das gleiche Maß an Arbeit verrichten bzw. die gleiche Anzahl an Urlaubswochen haben“. Nicht nur, dass eine Stunde an einem Tag sich anfühlen kann wie acht Stunden an einem anderen. Nein, wer Arbeitsstunden normieren will, ist auch schnell dabei, die ganze Tätigkeit zu normieren: Was zählt als Arbeitszeit? Welche Tätigkeit ist wichtig, welche nicht? Was, wenn eine Person schneller oder „effizienter“ (was ist das?) arbeitet als die andere? Diese Fragen und Probleme und die Erkenntnis, dass es statt Gleichmacherei darum gehen sollte, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen, führen diese Abstraktions-Versuche schnell ad absurdum.
Ähnlich schwierig zu akzeptieren scheint auch die Gleichgewichtung aller Tätigkeit außerhalb der Projektes zu sein. Es sollte schließlich egal sein, ob einzelne außerhalb des Projektes (freiwillig) an der Uni büffeln oder in der Badewanne mit einem Glas Sekt liegen und sich ein gutes Buch zu Gemüte führen. Diese Akzeptanz erfordert allerdings eine hohe Selbstverantwortung und ein gutes Reflexionsvermögen.
Hinzu kommt: Der Acker ist vor der Tür. Wir wohnen zwar in verschiedenen WGs, aber doch zusammen auf einem Hof, und die räumliche Nähe führt zu einem Gefühl sozialer Kontrolle, das die oben beschriebenen Tendenzen verstärkt. Wir bekommen schließlich alles von den anderen mit. Ob eine räumliche Distanz das Problem löst oder nicht vielmehr beiseite schiebt, bleibt dahingestellt. Eine Lösung wären klare Vereinbarungen (z.B. feste Tage und Zeiten, in denen man im Projekt tätig ist) und trotzdem ein flexibler Umgang damit (z.B. andere spontane Absprachen, wenn die Zeiten mal nicht passen), um den Bedürfnissen der einzelnen im Jetzt den angemessenen Respekt zu zollen. Dann kann kollektiv nach einer Problemlösung gesucht werden, statt individuelle Schuldzuweisungen und Selbstausbeutungs-Forderungen zu formulieren. Angenommen, eine_r von uns ist überlastet, dann kann so z.B. gemeinsam nach Mithilfe gesucht werden, um der_dem Betroffenen entsprechenden Freiraum zu gewähren. Dennoch bleibt diese Frage bestehen und muss kontinuierlich neu beantwortet werden: Wie stehen individuelle Bedürfnisse im Jetzt und Verantwortung für im Kollektiv getroffene Vereinbarungen zueinander? Klar ist beides wichtig. Eine Grenze ist allerdings überschritten, wenn selbstbestimmte Tätigkeit zu abstrakter, entfremdeter Arbeit wird und es Menschen dadurch mittelfristig schlecht geht.
Wenn Tätigkeit wieder zur abstrakten Arbeit wird (ein fließender Übergang?), wird „der Rest der Zeit“ schnell wieder zur „Freizeit“. Letzteres macht Spaß. Das erstere „muss getan werden“. Sollte die aktuelle „Arbeits“situation tatsächlich unerträglich sein, kann die Wiedereinführung dieser Trennung in Arbeit und Freizeit ein Rettungsanker sein. Eine Möglichkeit zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Dazu braucht es aber sehr wahrscheinlich die oben beschriebene Normierung von Zeit und Tätigkeit. Wenigstens für eine_n selbst: „Ich hab so und so viel gearbeitet – deshalb hab ich jetzt frei!“ Eine Überwindung dieser Trennung und ein konkretes Tätigsein statt einer abstrakten, entfremdeten Arbeit sollten aber weiterhin die Losung bleiben.
Auch in unserem Tätigsein können sich andere (z.B. feministische) Ansprüche verlieren. Wenn das Gemüse ruft und wir alle Hände voll zu tun haben, stellt sich stereotypes Verhalten ein und bleibt wenig Zeit, unsere Privilegien zu reflektieren und uns gegenseitig Fähigkeiten beizubringen, vor deren Aneignung wir sonst Scheu hätten. Oder ich (ein männlich sozialisierter Gärtner) habe den ganzen Tag auf dem Acker verbracht, komme zurück in meine WG und ärgere mich darüber, dass ich, gerade ich (!), es bin, der um neun Uhr Abends noch anfangen „muss“ (!) zu kochen und zu spülen, weil es niemand anderes gemacht hat. Als ob die anderen Mitbewohner_innen nichts zu tun gehabt hätten. Wir wollen die geschlechtliche Arbeitsteilung (produktiv / „männliche“ vs. reproduktiv / „weibliche“) überwinden? Pustekuchen!
Allgemein sei auch noch angemerkt, dass Landnutzung, um sie fachlich gut und angepasst betreiben zu können, ein mehrjähriges Engagement verlangt, das in Zeiten steigender Flexibilisierung und Unverbindlichkeit nicht so leicht organisierbar ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen könnte. Wir haben uns im Kollektiv auch nur für ein Jahr zusammengetan.
In diesem Sinne abschließend noch ein kleiner Seitenhieb in Richtung Revolutionsromantiker: Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen also nicht automatisch mit dem Wegfall der kapitalistischen Strukturen. Dies ist zwar eine notwendige Voraussetzung. Hinreichend wird es aber erst, wenn wir uns vom Kapitalismus in unserem Kopf befreien. Und dies ist ein langwieriger, kollektiver genauso wie individueller Prozess.
Problemfeld 2
Lustprinzip und Verantwortung
Auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft braucht es Verantwortung und Verbindlichkeit. Wir haben einer Gruppe von 60 Menschen zugesagt, für sie Gemüse zu produzieren. Damit rechnen sie. Zwar kann durch den weiterhin bestehenden Zugang zum kapitalistischen Markt ein Ernteausfall durch den Gang zum Supermarkt oder Container abgefedert werden. Aber die Vermeidung eines solchen Rückgriffs ist ja erklärtes Ziel des Projektes. Zwar ist anzunehmen, dass eine vernetzte, nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion entsprechende Lücken in der Versorgung durch Risikostreuung (verschiedene Anbaustandorte etc.) überbrücken kann. Aber (vielleicht) nicht, wenn alle Beteiligten (v.a. die Produzierenden) unbedingt dem Lustprinzip („Ich mach, wozu ich Lust habe.“) folgen. Das Lustprinzip kann zwar eine Leitlinie sein. Allerdings ist Landnutzung vor allem die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Da kann die Witterung ein Handeln erzwingen, auf das mensch gerade keine Lust hat. Das erzeugt Druck. Druck, der aus gegenseitiger Abhängigkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit und aus einem Arbeiten mit der Natur entsteht. Auch dieser wird in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft nicht gänzlich verschwinden. Wir mussten uns dieses Jahr zum Beispiel durch eine beispiellose Trockenheit kämpfen: Die Pflanzen warten nicht darauf, bis jemand Lust hat, sie zu gießen. Sie vertrocknen einfach. Diesen Druck erzeugen wir allerdings auch durch uns selbst. Lohnenswert bleibt deshalb darüber nachzudenken, welches Handeln wir gerade für unbedingt erforderlich halten und welches nicht. Wie weit wollen wir das Lustprinzip hinten runterfallen lassen? Was passiert mit meiner Lust, wenn alles vertrocknet und es nix mehr zu ernten gibt? Wie weit geht unsere Verantwortung für andere? Ähnlich wie bei der Balance zwischen Kollektiv und Individuum bleibt es auch bei Lustprinzip und Verantwortung ein Lernprozess, die Situationen richtig einzuschätzen und aus Fehlern zu lernen.
Problemfeld 3
Abhängigkeit vom Kapitalismus und die Frage nach dem technischen Niveau
Es ist leider unmöglich, das technische Niveau einer nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Produktion abzusehen. Dafür müsste die Grundlage des technischen Potentials, nämlich die Rohstoffe dieser Erde, als globales Gemeingut eingerichtet werden. Dann könnte darüber verhandelt werden, ob überhaupt, wie und für welche Technik wir sie als Menschheit verwenden wollen. Die Ergebnisse dieses hypothetischen Aushandlungprozesses bleiben zwangsläufig unbekannt. Deshalb wird es zu dem Thema, welches technische Niveau einer nicht-kapitalistische Produktion angemessen ist, unterschiedlichste Einschätzungen geben.
Diese Unklarheit spielt in unserem landwirtschaftlichen Projekt folgendermaßen eine Rolle: Durch den Kauf moderner Technik greifen wir erstens auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Durchsetzungsmechanismen von Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung durch Rohstoffgewinnung und industrielle Produktion zurück. Deshalb können wir den Menschen, für deren Nahrungmittelversorgung wir Verantwortung übernehmen, nicht versprechen, dass es Traktoren und Landmaschinen in der heutigen Form in einer nicht-kapitalistischen Welt weiterhin geben wird. Schlimmer noch könnte es sein, dass das Wissen um weniger technisierte Anbauverfahren in der Zwischenzeit verloren geht und damit die Nahrungsmittelversorgung in Frage gestellt wird.
Ganz konkret entsteht durch den Rückgriff auf die kapitalistischen Durchsetzungsmechanismen besonders dann ein Bedürfniskonflikt, wenn ich mich nach Rationalisierung und effektiver „Arbeitswirtschaft“ statt „Selbstausbeutung“, durch arbeitserleichternde Landmaschinen sehne und sich auf der anderen Seite eine Bäuerin in Bergbaugebieten in Chile wünscht, dass ich dem kapitalistischen Zwangssystem, das ihre Lebensgrundlage zerstört, keinen Vorschub leiste, indem ich darauf basierende Waren kaufe.
Wollen oder können wir die Produktion von Landmaschinen nicht selbst organisieren, können wir dem Dilemma aus dem Weg gehen, indem wir die nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion mit wenig technisierten Verfahren organisieren und bei der Anschaffung neuer Geräte auf die lange Haltbarkeit, einfache Reparierbarkeit, Recycelbarkeit und Durchschaubarkeit der Technik achten, sowie deren ökologische Verträglichkeit in Produktion und Nutzung, sowie den Enfremdungsgrad für die Produzierenden und Nutzer_innen prüfen. Die eventuell entstehende Mehrarbeit in einem wenig technisierten System könnte auch, wenn gewollt, von der Gemeinschaft um das Projektkollektiv erledigt werden, um einem Gefühl der Selbstausbeutung und Monotonie der Hauptproduzierenden vorzubeugen.
Ein weiterer Schritt, um die Abhängigkeit vom Kapitalismus zu mindern, wäre es, die laufenden Kosten zu minimieren, d.h. das Produktions-System unabhängiger von Geld-Inputs zu machen. Größere Investitionen in Infrastruktur sollten dann nur getätigt werden, wenn sie uns langfristig unabhängiger von Geld-Inputs machen: ausgeklügelte Handmaschinen, Ölpressen zur Kraftstoffgewinnung, Infrastruktur / Geräte zur eigenen Saatgut-Gewinnung; oder andere Betriebe in das Netzwerk integrieren, die diese Möglichkeiten haben.
Problemfeld 4
Fehlende Selbstorganisation im Netzwerk und Erweiterung des Konzeptes
Genauso wie wir Gärtner_innen in unserem Tätigsein Aspekte der „arbeits-wahnsinnigen“ Gesellschaft verinnerlicht haben, so haben die „Begärtnerten“ sehr wahrscheinlich eine Konsumhaltung verinnerlicht. Gerade auch der freiwillige, monatliche finanzielle Beitrag kann diese Haltung verstärken. Während sich einige eine weitreichende Selbstorganisation als radikales Experiment gegen den Kapitalismus wünschen, ist anderen die „alternative Gemüsebeschaffungsmaßnahme“ revolutionär genug. Wichtig, um Enttäuschungen durch diese Tendenz vorzubeugen, kann die Formulierung der gemeinsamen Vision sein und darauf folgend die selbstbestimmte, aber verantwortliche Übernahme von anfallenden Aufgaben (in der oder um die Produktion herum) je nach den Fähigkeiten und Wünschen der „Begärtnerten“. In diesem Dialog können dann auch Hindernisse auf dem Weg der Selbstorganisation (Prioritätensetzung, Zeit- und / oder Geldmangel, fehlende Transparenz, Unlust etc.) gemeinsam beschrieben und überwunden werden.
Wenn die Vision auch eine Ausweitung der schenkökonomischen Prinzipien auf andere Lebensbereiche beinhaltet, macht es Sinn, eine Vernetzung mit anderen umsonstökonomischen Projekten anzustreben und zu forcieren. Innerhalb des Projektes wäre es weiterhin auch möglich, die Bedürfnis-Befriedigung der „Produzierenden“ (d.h. uns Gärtner_innen), nicht durch Geld, sondern durch die Fähigkeiten der Gemeinschaft zu decken. So könnte ein Begärtnerter, der gleichzeitig Arzt ist, andere in der Gemeinschaft, vor allem aber die Gärtner_innen, umsonst behandeln. Oder der Schlosser im Netzwerk könnte unsere Maschinen umsonst reparieren. Damit werden scheinbar erst mal unvermeidbare finanzielle Kosten (hier z.B. Geld für Krankenversicherung oder Werkstattkosten) irgendwann wegfallen.
Problemfeld 5
Investitionen in und Zugang zu Produktionsmitteln
Das oben beschriebene Budget beinhaltet weder den Kauf von Hof und Land noch die Investition in teurere Produktionsmittel. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden: Zum Beispiel durch das Abschreiben und Einbeziehen der Investitionen in das Budget oder die Einrichtung eines Fonds für nicht-kapitalistische Projekte, in den geneigte und betuchte Menschen Gelder investieren, die dann entweder eine Sicherheit für Kredite bieten oder direkt für den Kauf von Produktionsmitteln verwendet werden. Beispiele dafür gibt es z.B. in Frankreich.
Diese Produktionsmittel sollten dann für ein langfristig angelegtes nicht-kapitalistisches Experiment unumkehrbar entprivatisiert werden. Dafür braucht es eine Rechtsform, die genau diese nicht-kapitalistischen, ökologischen Nutzungsbestimmungen festschreibt und verankert. Dies würde auch der Forderung Rechnung tragen, dass Land von jenen bewirtschaftet werden sollte, die es am ehesten im Einklang mit den Bedürfnissen der zu versorgenden Gemeinschaft und den ökologischen Gesetzmäßigkeiten nutzen.
Problemfeld 6
Der Zugang zu den zur Zeit begrenzten nicht-kapitalistischen Erzeugnissen
Ähnlich wichtig wäre die Beantwortung der Frage danach, wer Zugang zu den nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen bekommt. Nicht-kapitalistisches Gemüse ist unter jetzigen Verhältnissen ein begrenztes Gut. Die Wartelisten von uns ähnlichen Höfen zeigen auch, dass sich das Problem nicht „einfach“ bzw. kurzfristig mit der „Neugründung weiterer Projekte“ oder der „Vergrößerung“ bestehender Projekte lösen lässt. Dies wäre die ideale Lösung und ihr sollte die meiste Energie zufließen.
Wer hat also Zugang zu den Erzeugnissen? Diejenigen, die als erste da waren? Die mit den besseren persönlichen Connections? Auf jeden Fall nicht (nur) diejenigen, die (am meisten) zahlen? Oder jene, die die brauchbarsten Fähigkeiten einbringen? Wohl eher auch nicht. Schließlich geht es um die Entkoppelung von Geben und Nehmen. Ohne die Frage abschließend beantworten zu können, bleibt klar: Das finanzielle Budget des Projektes muss gedeckt werden. Und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Im Ergebnis wohl ein weiterer Aushandlungsprozess.
Eine weitere Frage des Zugangs stellt sich, wenn wir reflektieren, dass unser Projekt zumeist aus Menschen der weißen Ober- und Mittelklasse besteht. Was ist mit sozial Ausgegrenzten? Wir stellen unser Gemüse zwar auch illegalisierten Migrant_innen in der Umgebung zur Verfügung. Diese sind allerdings nicht organisiert, wurden an den Stadtrand gedrängt, und es bestehen deshalb Barrieren auf Grund fehlender Mobilität (keine Fahrräder, kein Geld für die Öffentlichen), sozialer Isolation und auch unterschiedlicher Sprachen. Die Abholung und Verteilung der Produkte steht und fällt deshalb mit den wenigen Migrant_innen, bei denen diese Barrieren überwindbar sind und zu denen wir deshalb einen Kontakt aufbauen konnten. Hier wäre kontinuierlicher Austausch mit den Menschen vor Ort nötig. Einfacher hingegen könnte die Arbeit mit organisierten Zusammenhängen sein (z.B. Erwerblosen- und Flüchtlingsinitiativen), zu denen wir Kontakt aufzubauen versuchen.
Die Zukunft. Kommende Herausforderungen
Überzeugt von dem Potential dieser Idee erwarten wir, dass sich in Zukunft Fragen nach der Erweiterung auf zwei Ebenen stellen.
Wir könnten regional mehr Gemüse und auch mehr Produkte nach diesem Modell organisieren. Hier sind Imker_innen und Obstbäuer_innen bereits am Grübeln. Allerdings stellt sich die Frage der Organisierung neu, wenn immer mehr Menschen in einer Region Teil des Projektes werden. Wie können wir uns in Großgruppen methodisch organisieren? Ab wann müssen wir uns aufteilen und wollen wir delegieren?
Außerdem könnten wir uns überregional umschauen, wo unser Wein und unsere Avocados herkommen könnten. Wer stellt diese zu Verfügung? Was für Bedürfnisse haben deren Produzent_innen? Können wir dazu irgendetwas beitragen? Wird es dann nicht wieder zum Tausch? Kohl wollen sie in Spanien als Gegenleistung doch eh nicht haben.
Wenn die beschriebene Gegenseitigkeit also weiter ausgedehnt werden soll, wird es umso komplizierter. Es stellen sich ganze neue Fragen der Organisierung, Bedarfserfassung, Logistik, Ausstattung und Finanzierung. Fragen also, die wohl am besten im Tun beantwortet werden können.
Abschließend sei auch noch auf das „Netzwerk Solidarische Landwirtschaft“ (http://www.solidarische-landwirtschaft.org/) hingewiesen, das versucht bestehende, ähnliche Projekte zu vernetzen, Neugründungen zu unterstützen und die Idee in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.
von Jan-Hendrik Cropp
Wir, ein Kollektiv von fünf „Gärtner_innen“, suchten uns eine Gruppe von 60 Personen, die „Begärtnerten“, die von uns durch die Bearbeitung von 5000 qm Ackerfläche im nordhessischen Witzenhausen-Freudenthal mit Gemüse von April bis November versorgt werden wollten. Zusammen formten wir eine verbindliche Gemeinschaft.
Wann und wieviel wir Gärtner_innen in diesem Projekt arbeiten, nein besser, tätig sein wollen, wurde von jedem einzelnen selbstverantwortlich und je nach Bedürfnissen (flexibel) festgelegt und im Kollektiv vereinbart. Der Teil unserer finanziellen Bedürfnisse („Lohn“), der über das Projekt befriedigt werden soll, wurde weitgehend unabhängig von dieser Tätigkeitszeit bestimmt und mit den laufenden Betriebskosten (ohne Investitionen) zu den Gesamtkosten (Budget) einer Jahresproduktion zusammengerechnet.
Die Begärtnerten boten dann anonym einen auf den Zeitraum der Produktion verbindlichen, monatlichen finanziellen Beitrag, der ihren Möglichkeiten entspricht. Von null Euro aufwärts war und ist alles möglich. Diese Zusage und andere Punkte (Entscheidungsfindung, Ausstiegsgründe, Scheiterkriterien, gemeinsame Übernahme von Verantwortung und Risiko, Kommunikation etc.) wurden in einer Vereinbarung schriftlich und verbindlich festgehalten und unterschrieben. Das zuvor beschriebene Budget wurde mit diesen freiwilligen finanziellen Beiträgen gedeckt, woraufhin der genaue Bedarf an Gemüse abgefragt und mit der Produktion des Gemüses begonnen wurde.
Die Ernte wird der Gemeinschaft von Begärtnerten in Depots frei zur Verfügung gestellt. Die Verteilung vor Ort organisiert die Gemeinschaft je nach den individuellen Bedürfnissen. Es gibt keine genormten „Gemüsekisten“, sondern jede_r nimmt, was gebraucht wird. Ein weiteres Mitwirken am Projekt durch Mitarbeit, Erntesicherung / Einmachen und das Einbringen von weiteren Fähigkeiten steht den Mitgliedern frei, ist aber erwünscht und wird gemeinsam organisiert.
Durch dieses Experiment sollen kapitalistische Prinzipien in unserem Verhältnis zueinander überwunden und transformiert werden:
Freiwilliges Beitragen und Schenken statt Tausch, Wert, Ware
- Niemand muss, alle können nach ihren Fähigkeiten (u.a. finanziell) beitragen.
- Bedürfnisse werden erhoben und ihnen entsprechend wird produziert. Daher werden den Leuten keine Waren mehr vor die Füße geschmissen, für die sie dann doch bitte auch ein Bedürfnis haben sollen; sondern Bedürfnisse werden formuliert und die Produktion wird dafür selbst organisiert.
- Die Produkte haben keinen Tausch- bzw. Geldwert. Damit werden Dinge nicht abstrakt gleichgesetzt wie im Kapitalismus: Alles, was einen Euro kostet, ist gleich viel „wert“. Alles, was nix kostet, ist nix „wert“.
- Daher entfällt Geld als primäre Wertschätzung und es kann mit neuen Formen der Wertschätzung experimentiert werden; durch Worte, Gesten und vor allem gegenseitige Verantwortung.
Freies Tätigsein statt abstrakter Arbeit in Konkurrenz
Tätigkeit wird zu Arbeit und Arbeit zur Last, wenn unsere Produkte auf dem Markt einen Wert erzielen müssen oder wir primär für einen Lohn arbeiten.
In unserem Projekt müssen wir beides nicht: Wir liefern keine normierten Waren und unsere finanziellen Bedürfnisse werden von vornherein abgedeckt.
Daher können wir Anbauweise und Arbeitsabläufe frei bestimmen, um unsere und die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen.
Kommt es zu Problemen, lösen wir diese nicht wie in der Gesellschaft der Vereinzelten mit dem Ellenbogen und dem „Ausschalten von Konkurrenten“ sondern durch kollektive Lösungsfindung.
*Zur Entstehung dieses Textes: Er wurde von mir selbst als persönliche Reflexion verfasst und spricht deshalb hauptsächlich für mich. Allerdings wurde er auch der gesamten Gemeinschaft vorgelegt und etwaige Kommentare wurden berücksichtigt.
Knapp 11 Monate nach Beginn des Projektes haben sich allerdings einige Problemfelder in unserem Projekt aufgetan. Deren Analyse halte ich für wichtig, wenn Projekte über die Waren- und Tauschgesellschaft hinausweisen wollen:
Problemfeld 1
Der verinnerlichte Kapitalismus im Kollektiv
Das Problemfeld betrifft vor allem uns als Kollektiv von Gärtner_innen. Was Tausch und Geld im Kapitalismus so hervorragend machen, nämlich Menschen und Tätigkeiten zu vergleichen und gleichzusetzen, verschwindet in einem weniger kapitalistischen System nicht sofort. Diese Verhaltensweisen scheinen wir tief verinnerlicht zu haben. Wir, also einmalige Individuen, die im Kollektiv zusammenarbeiten, vergleichen weiterhin, wieviel Zeit wir in das Projekt investieren. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir „zu wenig“ tun, oder werden grummelig, weil wir „zu viel“ tun. Schnell kommt es zu Situationen, in denen wir uns für unsere Bedürfnisse (die ja so sind wie sie sind) rechtfertigen wollen, oder denken, dass wir es müssen. Oft ist es gar nicht das Kollektiv, das diesen Druck erzeugt, sondern wir, die Individuen selbst. Denn schließlich ist unser Kopf vom allgegenwärtigen Kapitalismus vollkommen durchzogen.
Eine schnelle Abhilfe für das Problem scheinen die üblichen Abstraktionen des Kapitalismus zu bieten. So geschieht es beizeiten auch in unserem Kollektiv: Ein Ruf nach einer Abstraktion der Zeit in greifbare „Arbeitsstunden“ oder „Urlaubszeiten“ wird laut. Und darauf aufbauend: Das Verlangen nach einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff. Statt zu sagen: „Es soll allen gut gehen mit dem, was und wieviel sie tun“, sagen wir schnell: „Alle sollen das gleiche Maß an Arbeit verrichten bzw. die gleiche Anzahl an Urlaubswochen haben“. Nicht nur, dass eine Stunde an einem Tag sich anfühlen kann wie acht Stunden an einem anderen. Nein, wer Arbeitsstunden normieren will, ist auch schnell dabei, die ganze Tätigkeit zu normieren: Was zählt als Arbeitszeit? Welche Tätigkeit ist wichtig, welche nicht? Was, wenn eine Person schneller oder „effizienter“ (was ist das?) arbeitet als die andere? Diese Fragen und Probleme und die Erkenntnis, dass es statt Gleichmacherei darum gehen sollte, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen, führen diese Abstraktions-Versuche schnell ad absurdum.
Ähnlich schwierig zu akzeptieren scheint auch die Gleichgewichtung aller Tätigkeit außerhalb der Projektes zu sein. Es sollte schließlich egal sein, ob einzelne außerhalb des Projektes (freiwillig) an der Uni büffeln oder in der Badewanne mit einem Glas Sekt liegen und sich ein gutes Buch zu Gemüte führen. Diese Akzeptanz erfordert allerdings eine hohe Selbstverantwortung und ein gutes Reflexionsvermögen.
Hinzu kommt: Der Acker ist vor der Tür. Wir wohnen zwar in verschiedenen WGs, aber doch zusammen auf einem Hof, und die räumliche Nähe führt zu einem Gefühl sozialer Kontrolle, das die oben beschriebenen Tendenzen verstärkt. Wir bekommen schließlich alles von den anderen mit. Ob eine räumliche Distanz das Problem löst oder nicht vielmehr beiseite schiebt, bleibt dahingestellt. Eine Lösung wären klare Vereinbarungen (z.B. feste Tage und Zeiten, in denen man im Projekt tätig ist) und trotzdem ein flexibler Umgang damit (z.B. andere spontane Absprachen, wenn die Zeiten mal nicht passen), um den Bedürfnissen der einzelnen im Jetzt den angemessenen Respekt zu zollen. Dann kann kollektiv nach einer Problemlösung gesucht werden, statt individuelle Schuldzuweisungen und Selbstausbeutungs-Forderungen zu formulieren. Angenommen, eine_r von uns ist überlastet, dann kann so z.B. gemeinsam nach Mithilfe gesucht werden, um der_dem Betroffenen entsprechenden Freiraum zu gewähren. Dennoch bleibt diese Frage bestehen und muss kontinuierlich neu beantwortet werden: Wie stehen individuelle Bedürfnisse im Jetzt und Verantwortung für im Kollektiv getroffene Vereinbarungen zueinander? Klar ist beides wichtig. Eine Grenze ist allerdings überschritten, wenn selbstbestimmte Tätigkeit zu abstrakter, entfremdeter Arbeit wird und es Menschen dadurch mittelfristig schlecht geht.
Wenn Tätigkeit wieder zur abstrakten Arbeit wird (ein fließender Übergang?), wird „der Rest der Zeit“ schnell wieder zur „Freizeit“. Letzteres macht Spaß. Das erstere „muss getan werden“. Sollte die aktuelle „Arbeits“situation tatsächlich unerträglich sein, kann die Wiedereinführung dieser Trennung in Arbeit und Freizeit ein Rettungsanker sein. Eine Möglichkeit zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Dazu braucht es aber sehr wahrscheinlich die oben beschriebene Normierung von Zeit und Tätigkeit. Wenigstens für eine_n selbst: „Ich hab so und so viel gearbeitet – deshalb hab ich jetzt frei!“ Eine Überwindung dieser Trennung und ein konkretes Tätigsein statt einer abstrakten, entfremdeten Arbeit sollten aber weiterhin die Losung bleiben.
Auch in unserem Tätigsein können sich andere (z.B. feministische) Ansprüche verlieren. Wenn das Gemüse ruft und wir alle Hände voll zu tun haben, stellt sich stereotypes Verhalten ein und bleibt wenig Zeit, unsere Privilegien zu reflektieren und uns gegenseitig Fähigkeiten beizubringen, vor deren Aneignung wir sonst Scheu hätten. Oder ich (ein männlich sozialisierter Gärtner) habe den ganzen Tag auf dem Acker verbracht, komme zurück in meine WG und ärgere mich darüber, dass ich, gerade ich (!), es bin, der um neun Uhr Abends noch anfangen „muss“ (!) zu kochen und zu spülen, weil es niemand anderes gemacht hat. Als ob die anderen Mitbewohner_innen nichts zu tun gehabt hätten. Wir wollen die geschlechtliche Arbeitsteilung (produktiv / „männliche“ vs. reproduktiv / „weibliche“) überwinden? Pustekuchen!
Allgemein sei auch noch angemerkt, dass Landnutzung, um sie fachlich gut und angepasst betreiben zu können, ein mehrjähriges Engagement verlangt, das in Zeiten steigender Flexibilisierung und Unverbindlichkeit nicht so leicht organisierbar ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen könnte. Wir haben uns im Kollektiv auch nur für ein Jahr zusammengetan.
In diesem Sinne abschließend noch ein kleiner Seitenhieb in Richtung Revolutionsromantiker: Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen also nicht automatisch mit dem Wegfall der kapitalistischen Strukturen. Dies ist zwar eine notwendige Voraussetzung. Hinreichend wird es aber erst, wenn wir uns vom Kapitalismus in unserem Kopf befreien. Und dies ist ein langwieriger, kollektiver genauso wie individueller Prozess.
Problemfeld 2
Lustprinzip und Verantwortung
Auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft braucht es Verantwortung und Verbindlichkeit. Wir haben einer Gruppe von 60 Menschen zugesagt, für sie Gemüse zu produzieren. Damit rechnen sie. Zwar kann durch den weiterhin bestehenden Zugang zum kapitalistischen Markt ein Ernteausfall durch den Gang zum Supermarkt oder Container abgefedert werden. Aber die Vermeidung eines solchen Rückgriffs ist ja erklärtes Ziel des Projektes. Zwar ist anzunehmen, dass eine vernetzte, nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion entsprechende Lücken in der Versorgung durch Risikostreuung (verschiedene Anbaustandorte etc.) überbrücken kann. Aber (vielleicht) nicht, wenn alle Beteiligten (v.a. die Produzierenden) unbedingt dem Lustprinzip („Ich mach, wozu ich Lust habe.“) folgen. Das Lustprinzip kann zwar eine Leitlinie sein. Allerdings ist Landnutzung vor allem die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Da kann die Witterung ein Handeln erzwingen, auf das mensch gerade keine Lust hat. Das erzeugt Druck. Druck, der aus gegenseitiger Abhängigkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit und aus einem Arbeiten mit der Natur entsteht. Auch dieser wird in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft nicht gänzlich verschwinden. Wir mussten uns dieses Jahr zum Beispiel durch eine beispiellose Trockenheit kämpfen: Die Pflanzen warten nicht darauf, bis jemand Lust hat, sie zu gießen. Sie vertrocknen einfach. Diesen Druck erzeugen wir allerdings auch durch uns selbst. Lohnenswert bleibt deshalb darüber nachzudenken, welches Handeln wir gerade für unbedingt erforderlich halten und welches nicht. Wie weit wollen wir das Lustprinzip hinten runterfallen lassen? Was passiert mit meiner Lust, wenn alles vertrocknet und es nix mehr zu ernten gibt? Wie weit geht unsere Verantwortung für andere? Ähnlich wie bei der Balance zwischen Kollektiv und Individuum bleibt es auch bei Lustprinzip und Verantwortung ein Lernprozess, die Situationen richtig einzuschätzen und aus Fehlern zu lernen.
Problemfeld 3
Abhängigkeit vom Kapitalismus und die Frage nach dem technischen Niveau
Es ist leider unmöglich, das technische Niveau einer nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Produktion abzusehen. Dafür müsste die Grundlage des technischen Potentials, nämlich die Rohstoffe dieser Erde, als globales Gemeingut eingerichtet werden. Dann könnte darüber verhandelt werden, ob überhaupt, wie und für welche Technik wir sie als Menschheit verwenden wollen. Die Ergebnisse dieses hypothetischen Aushandlungprozesses bleiben zwangsläufig unbekannt. Deshalb wird es zu dem Thema, welches technische Niveau einer nicht-kapitalistische Produktion angemessen ist, unterschiedlichste Einschätzungen geben.
Diese Unklarheit spielt in unserem landwirtschaftlichen Projekt folgendermaßen eine Rolle: Durch den Kauf moderner Technik greifen wir erstens auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Durchsetzungsmechanismen von Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung durch Rohstoffgewinnung und industrielle Produktion zurück. Deshalb können wir den Menschen, für deren Nahrungmittelversorgung wir Verantwortung übernehmen, nicht versprechen, dass es Traktoren und Landmaschinen in der heutigen Form in einer nicht-kapitalistischen Welt weiterhin geben wird. Schlimmer noch könnte es sein, dass das Wissen um weniger technisierte Anbauverfahren in der Zwischenzeit verloren geht und damit die Nahrungsmittelversorgung in Frage gestellt wird.
Ganz konkret entsteht durch den Rückgriff auf die kapitalistischen Durchsetzungsmechanismen besonders dann ein Bedürfniskonflikt, wenn ich mich nach Rationalisierung und effektiver „Arbeitswirtschaft“ statt „Selbstausbeutung“, durch arbeitserleichternde Landmaschinen sehne und sich auf der anderen Seite eine Bäuerin in Bergbaugebieten in Chile wünscht, dass ich dem kapitalistischen Zwangssystem, das ihre Lebensgrundlage zerstört, keinen Vorschub leiste, indem ich darauf basierende Waren kaufe.
Wollen oder können wir die Produktion von Landmaschinen nicht selbst organisieren, können wir dem Dilemma aus dem Weg gehen, indem wir die nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion mit wenig technisierten Verfahren organisieren und bei der Anschaffung neuer Geräte auf die lange Haltbarkeit, einfache Reparierbarkeit, Recycelbarkeit und Durchschaubarkeit der Technik achten, sowie deren ökologische Verträglichkeit in Produktion und Nutzung, sowie den Enfremdungsgrad für die Produzierenden und Nutzer_innen prüfen. Die eventuell entstehende Mehrarbeit in einem wenig technisierten System könnte auch, wenn gewollt, von der Gemeinschaft um das Projektkollektiv erledigt werden, um einem Gefühl der Selbstausbeutung und Monotonie der Hauptproduzierenden vorzubeugen.
Ein weiterer Schritt, um die Abhängigkeit vom Kapitalismus zu mindern, wäre es, die laufenden Kosten zu minimieren, d.h. das Produktions-System unabhängiger von Geld-Inputs zu machen. Größere Investitionen in Infrastruktur sollten dann nur getätigt werden, wenn sie uns langfristig unabhängiger von Geld-Inputs machen: ausgeklügelte Handmaschinen, Ölpressen zur Kraftstoffgewinnung, Infrastruktur / Geräte zur eigenen Saatgut-Gewinnung; oder andere Betriebe in das Netzwerk integrieren, die diese Möglichkeiten haben.
Problemfeld 4
Fehlende Selbstorganisation im Netzwerk und Erweiterung des Konzeptes
Genauso wie wir Gärtner_innen in unserem Tätigsein Aspekte der „arbeits-wahnsinnigen“ Gesellschaft verinnerlicht haben, so haben die „Begärtnerten“ sehr wahrscheinlich eine Konsumhaltung verinnerlicht. Gerade auch der freiwillige, monatliche finanzielle Beitrag kann diese Haltung verstärken. Während sich einige eine weitreichende Selbstorganisation als radikales Experiment gegen den Kapitalismus wünschen, ist anderen die „alternative Gemüsebeschaffungsmaßnahme“ revolutionär genug. Wichtig, um Enttäuschungen durch diese Tendenz vorzubeugen, kann die Formulierung der gemeinsamen Vision sein und darauf folgend die selbstbestimmte, aber verantwortliche Übernahme von anfallenden Aufgaben (in der oder um die Produktion herum) je nach den Fähigkeiten und Wünschen der „Begärtnerten“. In diesem Dialog können dann auch Hindernisse auf dem Weg der Selbstorganisation (Prioritätensetzung, Zeit- und / oder Geldmangel, fehlende Transparenz, Unlust etc.) gemeinsam beschrieben und überwunden werden.
Wenn die Vision auch eine Ausweitung der schenkökonomischen Prinzipien auf andere Lebensbereiche beinhaltet, macht es Sinn, eine Vernetzung mit anderen umsonstökonomischen Projekten anzustreben und zu forcieren. Innerhalb des Projektes wäre es weiterhin auch möglich, die Bedürfnis-Befriedigung der „Produzierenden“ (d.h. uns Gärtner_innen), nicht durch Geld, sondern durch die Fähigkeiten der Gemeinschaft zu decken. So könnte ein Begärtnerter, der gleichzeitig Arzt ist, andere in der Gemeinschaft, vor allem aber die Gärtner_innen, umsonst behandeln. Oder der Schlosser im Netzwerk könnte unsere Maschinen umsonst reparieren. Damit werden scheinbar erst mal unvermeidbare finanzielle Kosten (hier z.B. Geld für Krankenversicherung oder Werkstattkosten) irgendwann wegfallen.
Problemfeld 5
Investitionen in und Zugang zu Produktionsmitteln
Das oben beschriebene Budget beinhaltet weder den Kauf von Hof und Land noch die Investition in teurere Produktionsmittel. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden: Zum Beispiel durch das Abschreiben und Einbeziehen der Investitionen in das Budget oder die Einrichtung eines Fonds für nicht-kapitalistische Projekte, in den geneigte und betuchte Menschen Gelder investieren, die dann entweder eine Sicherheit für Kredite bieten oder direkt für den Kauf von Produktionsmitteln verwendet werden. Beispiele dafür gibt es z.B. in Frankreich.
Diese Produktionsmittel sollten dann für ein langfristig angelegtes nicht-kapitalistisches Experiment unumkehrbar entprivatisiert werden. Dafür braucht es eine Rechtsform, die genau diese nicht-kapitalistischen, ökologischen Nutzungsbestimmungen festschreibt und verankert. Dies würde auch der Forderung Rechnung tragen, dass Land von jenen bewirtschaftet werden sollte, die es am ehesten im Einklang mit den Bedürfnissen der zu versorgenden Gemeinschaft und den ökologischen Gesetzmäßigkeiten nutzen.
Problemfeld 6
Der Zugang zu den zur Zeit begrenzten nicht-kapitalistischen Erzeugnissen
Ähnlich wichtig wäre die Beantwortung der Frage danach, wer Zugang zu den nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen bekommt. Nicht-kapitalistisches Gemüse ist unter jetzigen Verhältnissen ein begrenztes Gut. Die Wartelisten von uns ähnlichen Höfen zeigen auch, dass sich das Problem nicht „einfach“ bzw. kurzfristig mit der „Neugründung weiterer Projekte“ oder der „Vergrößerung“ bestehender Projekte lösen lässt. Dies wäre die ideale Lösung und ihr sollte die meiste Energie zufließen.
Wer hat also Zugang zu den Erzeugnissen? Diejenigen, die als erste da waren? Die mit den besseren persönlichen Connections? Auf jeden Fall nicht (nur) diejenigen, die (am meisten) zahlen? Oder jene, die die brauchbarsten Fähigkeiten einbringen? Wohl eher auch nicht. Schließlich geht es um die Entkoppelung von Geben und Nehmen. Ohne die Frage abschließend beantworten zu können, bleibt klar: Das finanzielle Budget des Projektes muss gedeckt werden. Und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Im Ergebnis wohl ein weiterer Aushandlungsprozess.
Eine weitere Frage des Zugangs stellt sich, wenn wir reflektieren, dass unser Projekt zumeist aus Menschen der weißen Ober- und Mittelklasse besteht. Was ist mit sozial Ausgegrenzten? Wir stellen unser Gemüse zwar auch illegalisierten Migrant_innen in der Umgebung zur Verfügung. Diese sind allerdings nicht organisiert, wurden an den Stadtrand gedrängt, und es bestehen deshalb Barrieren auf Grund fehlender Mobilität (keine Fahrräder, kein Geld für die Öffentlichen), sozialer Isolation und auch unterschiedlicher Sprachen. Die Abholung und Verteilung der Produkte steht und fällt deshalb mit den wenigen Migrant_innen, bei denen diese Barrieren überwindbar sind und zu denen wir deshalb einen Kontakt aufbauen konnten. Hier wäre kontinuierlicher Austausch mit den Menschen vor Ort nötig. Einfacher hingegen könnte die Arbeit mit organisierten Zusammenhängen sein (z.B. Erwerblosen- und Flüchtlingsinitiativen), zu denen wir Kontakt aufzubauen versuchen.
Die Zukunft. Kommende Herausforderungen
Überzeugt von dem Potential dieser Idee erwarten wir, dass sich in Zukunft Fragen nach der Erweiterung auf zwei Ebenen stellen.
Wir könnten regional mehr Gemüse und auch mehr Produkte nach diesem Modell organisieren. Hier sind Imker_innen und Obstbäuer_innen bereits am Grübeln. Allerdings stellt sich die Frage der Organisierung neu, wenn immer mehr Menschen in einer Region Teil des Projektes werden. Wie können wir uns in Großgruppen methodisch organisieren? Ab wann müssen wir uns aufteilen und wollen wir delegieren?
Außerdem könnten wir uns überregional umschauen, wo unser Wein und unsere Avocados herkommen könnten. Wer stellt diese zu Verfügung? Was für Bedürfnisse haben deren Produzent_innen? Können wir dazu irgendetwas beitragen? Wird es dann nicht wieder zum Tausch? Kohl wollen sie in Spanien als Gegenleistung doch eh nicht haben.
Wenn die beschriebene Gegenseitigkeit also weiter ausgedehnt werden soll, wird es umso komplizierter. Es stellen sich ganze neue Fragen der Organisierung, Bedarfserfassung, Logistik, Ausstattung und Finanzierung. Fragen also, die wohl am besten im Tun beantwortet werden können.
Abschließend sei auch noch auf das „Netzwerk Solidarische Landwirtschaft“ (http://www.solidarische-landwirtschaft.org/) hingewiesen, das versucht bestehende, ähnliche Projekte zu vernetzen, Neugründungen zu unterstützen und die Idee in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.
Labels:
agriculture,
economy,
farming,
food,
hope,
howto,
money,
money-free
Donnerstag, 23. Februar 2012
Grundkurs »Marktwirtschaft«
reblog: http://keimform.de/2012/grundkurs-marktwirtschaft/
Lothar Galow-Bergemann hat am passenden Ort (im Karl-Marx-Haus in Trier) einen Vortrag gehalten, der den Titel trägt »Warum kann die Politik die Misere der Wirtschaft nicht stoppen?« Zwar geht der Referent auch auf »die Politik« ein, aber das eigentlich nur am Rande. Der größte Teil des Vortrag ist eine sehr verständliche Einführung in die Marktwirtschaft (aka Kapitalismus).
Hier anhören (54:36 Minuten):
oder hier als mp3 downloaden!
Galow-Bergemann stellt anschaulich dar, warum die Krise in die Grundkonstruktion der Marktwirtschaft eingebaut ist. Seine zentrale These, die Keimform-Leser_innen nicht wirklich überraschen dürfte, ist, dass stofflicher Reichtum und abstrakter Reichtum (der als Geld erscheint) auseinander fallen.Was bedeutet das?
An der heute zugespitzten Krise seien nicht »die Zocker« schuld (obwohl’s die auch gibt) oder »Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt« hätten, sondern die sich vergrößernde Differenz zwischen den beiden Reichtumsformen. Es müssten exponentiell wachsende Mengen Güter (stofflicher Reichtum) produziert werden, um den erforderlichen abstrakten Reichtum zu erzielen, damit die Marktwirtschaftsmaschine weiterläuft. Für diese Systemlogik könne man niemanden personal verantwortlich machen. Zugespitzt formuliert er am Schluss: »Die Krise ist da, weil sich alle richtig verhalten haben« — nämlich systemkonform.
Am Schluss greift er eine im Kalten Krieg im Westen populäre Forderung auf: »Die Mauer muss weg!« Allerdings meint er aktuell die Mauer zwischen dem riesigen stofflichen Reichtum, der ein gutes Leben für alle ermöglichen könnte, und der Form, in der dieser Reichtum alleine zugänglich ist: über das Geld. Wie aber die »Mauer weg kommt«, dazu sagt der Referent nichts. [via]
Von Stefan Meretz
Lothar Galow-Bergemann hat am passenden Ort (im Karl-Marx-Haus in Trier) einen Vortrag gehalten, der den Titel trägt »Warum kann die Politik die Misere der Wirtschaft nicht stoppen?« Zwar geht der Referent auch auf »die Politik« ein, aber das eigentlich nur am Rande. Der größte Teil des Vortrag ist eine sehr verständliche Einführung in die Marktwirtschaft (aka Kapitalismus).Hier anhören (54:36 Minuten):
Galow-Bergemann stellt anschaulich dar, warum die Krise in die Grundkonstruktion der Marktwirtschaft eingebaut ist. Seine zentrale These, die Keimform-Leser_innen nicht wirklich überraschen dürfte, ist, dass stofflicher Reichtum und abstrakter Reichtum (der als Geld erscheint) auseinander fallen.Was bedeutet das?
An der heute zugespitzten Krise seien nicht »die Zocker« schuld (obwohl’s die auch gibt) oder »Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt« hätten, sondern die sich vergrößernde Differenz zwischen den beiden Reichtumsformen. Es müssten exponentiell wachsende Mengen Güter (stofflicher Reichtum) produziert werden, um den erforderlichen abstrakten Reichtum zu erzielen, damit die Marktwirtschaftsmaschine weiterläuft. Für diese Systemlogik könne man niemanden personal verantwortlich machen. Zugespitzt formuliert er am Schluss: »Die Krise ist da, weil sich alle richtig verhalten haben« — nämlich systemkonform.
Am Schluss greift er eine im Kalten Krieg im Westen populäre Forderung auf: »Die Mauer muss weg!« Allerdings meint er aktuell die Mauer zwischen dem riesigen stofflichen Reichtum, der ein gutes Leben für alle ermöglichen könnte, und der Form, in der dieser Reichtum alleine zugänglich ist: über das Geld. Wie aber die »Mauer weg kommt«, dazu sagt der Referent nichts. [via]
Labels:
capitalism,
dept,
finance,
financial crisis,
interest,
money,
money-free
Dienstag, 21. Februar 2012
Mainstream über Geldschöpfung
Bei all diesen Geldkritiken möchte ich gern auf diesen sehr fundamentalen Vortrag verweisen:
http://meandthesociety.blogspot.com/2011/02/grundkurs-marktwirtschaft.html
Das Problem ist nicht das Geld, sondern die ihm zugrunde liegende Vorstellung eines abstrakten Werts. Das Geld entsteht aus der Logik der Wertverwertung aka Marktwirtschaft, genau so deren Geldschöpfung durch Privatbanken und der Kredit. Die Marktwirtschaft könnte ohne eine solche Geldschöpfung und den Kredit gar nicht exisiteren: Hörst du hier
von: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/geldschoepfung-wie-kommt-geld-in-die-welt-11637825.html
über: http://www.zeitpunkt.ch/news/artikel-einzelansicht/artikel/geldschoepfung-das-thema-kommt-im-mainstream-an.html
Geldschöpfung Wie kommt Geld in die Welt?
05.02.2012 · Nicht nur die Europäische Zentralbank kann Geld schaffen, sondern auch jede ganz normale Bank. Sie schöpft ihre Kredite aus dem Nichts. Aber ist das schlimm, wie Occupy behauptet?
Von Christian Siedenbiedel Es gibt Dinge, die sind so selbstverständlich, dass man nicht über sie nachdenkt. Zu ihnen gehört das Geld. Man holt die Scheine aus dem Automaten, trägt sie im Portemonnaie mit sich herum, zählt sie bisweilen und benutzt sie zum Zahlen. Aber wo kommt das Geld her? Es wird halt irgendwer drucken, denkt man.
Die bankenkritische Bewegung Occupy vertritt die provokante These, es seien die Banken, die in unserem Wirtschaftssystem das Geld schaffen. Die Kapitalismuskritiker finden das nicht gut: Gewinnorientierte private Institutionen, die in keiner Weise demokratisch kontrolliert würden, sind Schöpfer des Geldes. Das sei gefährlich, sagt Occupy.Nicht nur Scheine und Münzen
Occupy hat recht, nicht mit der Wertung, aber mit der Erklärung. Es sind die Banken, die einen Großteil unseres Geldes erschaffen. Und zwar große Geschäftsbanken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank genauso wie kleine Volksbanken und Sparkassen.Zwar können die Banken weder Geldscheine drucken noch Münzen prägen. Das dürfen im Euroraum nur die Europäische Zentralbank und die nationalen Notenbanken. Allen anderen ist es von Staats wegen untersagt und wird mit einer „Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr“ geahndet, wie es im Paragraphen 146 des Strafgesetzbuches heißt.
Doch die Geldschöpfung der Banken ist ohnehin von anderer Natur. Wer das verstehen will, muss zunächst einen Definition akzeptieren: Geld, das sind heutzutage nicht nur Scheine und Münzen. Auch was irgendwo auf Konten schlummert, ist echtes Geld. Wenn Zahlen von einem Konto auf ein anderes wandern, fließt Geld. Man kann dafür Dinge kaufen und es sich auszahlen lassen.
Dieser elektronische Teil des Geldes ist mittlerweile sogar der größere Teil: In Europa gibt es eine sogenannte zahlungsfähige Geldmenge (Fachleute nennen sie „M1“) von etwa 4,8 Billionen Euro. Darin enthalten sind 858 Milliarden Euro Bargeld in Scheinen und Münzen. Der unvorstellbar große Rest hingegen ist nur auf Konten existent, die „Sichteinlagen“. Genau dieses Geld ist es, das überwiegend von den Banken geschaffen wird.
Wie machen die Banken das? Indem sie Kredite vergeben. Der Großteil unseres Geldes entsteht heute nicht mehr durch die Bearbeitung von Edelmetallen wie noch in früheren Jahrhunderten. Aristoteles und Platon philosophierten zu ihrer Zeit noch darüber, ob der Wert des Geldes durch den Metallwert der Münzen („physis“) entstehe oder durch den Nennwert, den der Staat qua Erlass festlegt („nomos“). Heute entsteht Geld durch vielfältige Schuldenmacherei. Was ist auch Papiergeld schließlich anderes als eine Art Schuldschein der ausgebenden Stelle, der von dem Vertrauen lebt, dass er jederzeit weiterzugeben oder einzulösen ist?
Sie schafft Geld aus nichts
Bei dem Geld, das die Banken schaffen, dem sogenannten „Buchgeld“ oder „Giralgeld“, ist es nicht viel anders. Diese Art von Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gibt und den Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Der Kunde (es kann eine Privatperson sein, ein Unternehmen oder auch der Staat) kann den Betrag wie Geld weiterverwenden. Eigentlich handelt es sich zwar technisch nur um eine Forderung, die auf Bargeld lautet. Er kann den Betrag aber an andere überweisen, ihn mit der EC-Karte zum Shoppen nutzen oder am Automaten bar abheben. Der Betrag ist nicht nur „wie Geld“ - es ist Geld entstanden.Um einem Kunden einen Kredit zu geben, braucht die Bank noch nicht einmal die Spareinlage eines anderen Kunden aus ihrem Tresor zu holen. Sie schafft Geld aus nichts. Allerdings: Die Bank muss im Gegenzug für den Kredit Geld bei der Zentralbank deponieren - die sogenannte Mindestreserve. Sie ist viel kleiner als der Kredit: Lange Zeit betrug sie zwei Prozent des Kreditbetrags, gerade wurde sie auf ein Prozent gesenkt. Eine Bank, die 10.000 Euro Kredit vergeben will, braucht also 100 Euro Mindestreserve.
Sicherheiten hinterlegen, Zinsen zahlen
Die Bank muss auch dieses Geld nicht durch Spareinlagen ihrer Kunden aufbringen. Sie kann vielmehr ihrerseits von der Zentralbank Kredit bekommen. Dafür muss sie Sicherheiten hinterlegen, in der Regel Wertpapiere, und Zinsen zahlen.Wenn das geborgte Geld früher oder später als Einlage bei einer (anderen) Bank landet, kann diese andere Bank damit auch einen Kredit vergeben. Das Bankensystem als Ganzes schafft so ein Vielfaches von dem Geld, das am Anfang stand. Ökonomen nennen das „multiple Geldschöpfung“.
Die Notenbank ist dabei der Regisseur. Sie hat zwei Steuerungsgrößen, mit denen sie den Prozess kontrollieren kann. Zum einen den Satz der Mindestreserve: Senkt sie ihn, können die Banken mehr Geld schaffen. Zum anderen den Zins, den sie von Banken für Kredite verlangt: Fordert sie mehr, halten die Banken sich mit den Ausleihungen tendenziell zurück.
Auch die Banken sind vorsichtiger
Allerdings hängt die Frage, wie viel Geld die Banken schaffen, nicht allein von Zins und Mindestreserve ab. Es geht dabei ja am Ende um die Frage, wie viel Kredit sie vergeben. Läuft die Wirtschaft gut, wollen viele Firmen Kredit, und die Banken geben ihn gern, weil sie gute Geschäfte machen. Ist hingegen die Unsicherheit groß, sinkt die Kreditnachfrage, und auch die Banken sind vorsichtiger.Letzteres ist im Augenblick der Fall: Die Zentralbank vergibt zuhauf billige Kredite an Banken - aber die halten sich mit der Geldschöpfung vornehm zurück.
Über das Wachstum der Geldmenge entscheiden also tatsächlich Banken, aber auch Privatleute und Unternehmen mit - je nachdem, in welchem Umfang sie Geld leihen oder verleihen.
Nicht nur Occupy diskutiert Geldschöpfung
Ist das alles schlimm, wie Occupy behauptet? Es ist nicht schlimm, solange die Zentralbank die Kontrolle behält. Aber nicht nur bei Occupy, auch in der Wissenschaft gibt es eine Debatte, ob man nach den Erfahrungen der Bankenkrise die Geldschöpfung noch den Banken überlassen kann. Ausgerechnet der Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Hans Christoph Binswanger, gehört zu den Protagonisten.Er meint: Man sollte die Mindestreserve auf 100 Prozent hochsetzen. Das würde bedeuten: Die Banken müssten für jeden Euro, den sie verleihen, einen Euro bei der Zentralbank hinterlegen. Damit hätte die Zentralbank die vollständige Kontrolle über die Geldschöpfung.
Der Charme der Idee: Man könnte vielleicht vermeiden, dass Banken zu viel Geld schaffen und Blasen und Inflation entstehen.
Der Mainstream der Ökonomen aber hält das nicht für praktikabel. „Bei einer Mindestreserve von 100 Prozent würde das Bankensystem, wie wir es heute kennen, aufhören zu bestehen“, sagt Bankenprofessor Hans-Peter Burghof. Und Volker Wieland, Professor für Geldtheorie in Frankfurt, meint: „Man kann durchaus über die normale Zinspolitik das Geldmengenwachstum kontrollieren.“ Die Europäische Zentralbank habe genug Macht, für stabiles Geld zu sorgen. Sie müsse nur wollen.
Donnerstag, 24. November 2011
Geldlose Gesellschaft 2 - "Beitragen statt tauschen"
(Teil 1: http://meandthesociety.blogspot.com/2011/08/geldlose-gesellschaft.html)
(aus: http://www.gemeingueter.de/?p=2342)
Heute zum Thema "Beitragen statt tauschen" was etwas institutionalisierter unter dem Namen "Peer-Production" bekannt ist.
Hier das Buch "Beitragen statt tauschen" von Christian Siefkes, in dem ein geld- und wert-freies Zusammenarbeiten und -leben skizziert wird: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/meandthesociety/peer-oekonomie.pdf
Auszug aus dem Vorwort:
Hier in Kurzform: http://keimform.de/2010/selbstorganisierte-fuelle-1/
Kommentar von Christian Siefkes dazu (aus einem Interview):
Noch ein anderer Artikel auf keimform.de der das bespricht:
http://keimform.de/2011/spw/
Und hier noch eine weitere Seite zum geldlosen Leben: http://demonetize.it/
Diskussion über Arbeit beim Elevate-Festival:
Ab 1h11min gehts um Peer-Production.
hier noch der Beitrag dazu auf keimform.de: http://keimform.de/2011/elevate-diskussion/
(aus: http://www.gemeingueter.de/?p=2342)
Heute zum Thema "Beitragen statt tauschen" was etwas institutionalisierter unter dem Namen "Peer-Production" bekannt ist.
Peer-Produktion ist die freiwillige Kooperation zwischen Gleichberechtigten (englisch: peers), die zu einem gemeinsamen Ziel beitragen. Bezahlt werden sie dafür nicht.
Hier das Buch "Beitragen statt tauschen" von Christian Siefkes, in dem ein geld- und wert-freies Zusammenarbeiten und -leben skizziert wird: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/meandthesociety/peer-oekonomie.pdf
Auszug aus dem Vorwort:
In den letzten Jahrzehnten ist eine neue Produktionsweise entstanden, die auf Kooperation und Teilen beruht. Diese Produktionsweise hat ausgereifte Betriebssysteme wie GNU/Linux sowie unzählige andere Freie Softwareprogramme hervorgebracht. Auch riesige Wissenssysteme wie die Wikipedia, eine große Bewegung Freier Kultur, und die sogenannte Blogosphäre – ein neues, dezentralisiertes Medium für die Verbreitung und Diskussion von Nachrichten und Wissen – sind auf ihrer Grundlage entstanden.
Bislang wird diese neue Produktionsweise – Peer-Produktion genannt – allerdings nur bei Informationsgütern praktiziert. In diesem Buch wird die Frage diskutiert, ob diese Beschränkung notwendig ist oder ob das Potential der Peer-Produktion weiter reicht. Ist eine Gesellschaft möglich, in der Peer-Produktion die dominierende Produktionsweise ist?
Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, wo die Bedürfnisse, nicht der Profit bestimmen, was und wie produziert wird? Wo es keinen Bedarf gibt, irgendetwas zu verkaufen, und somit auch keine Arbeitslosigkeit? Wo Konkurrenz eher ein Spiel ist als ein Kampf ums Überleben? Wo es keinen Unterschied mehr zwischen Menschen mit und Menschen ohne Kapital gibt? Eine Gesellschaft, die keine Knappheit braucht und in der es dumm wäre, Ideen und Wissen geheim zu halten statt sie zu teilen?
Hier in Kurzform: http://keimform.de/2010/selbstorganisierte-fuelle-1/
Kommentar von Christian Siefkes dazu (aus einem Interview):
Inzwischen glaube ich auch, dass die formelle Ebene des Aufwand-Abrechnens typischerweise ganz verzichtbar sein dürfte. Bei Freier Software und anderen heute verbreiteten Formen von Peer-Produktion funktioniert es ja auch ohne Aufwands-Abrechnung, und ich denke inzwischen, dass Ähnliches auch in der materiellen Welt möglich ist. Darüber schreibe ich in meinem neuen Text über „Selbstorganisierte Fülle“.
Noch ein anderer Artikel auf keimform.de der das bespricht:
http://keimform.de/2011/spw/
Und hier noch eine weitere Seite zum geldlosen Leben: http://demonetize.it/
Diskussion über Arbeit beim Elevate-Festival:
Ab 1h11min gehts um Peer-Production.
hier noch der Beitrag dazu auf keimform.de: http://keimform.de/2011/elevate-diskussion/
Labels:
capitalism,
hope,
money,
money-free,
new society,
work,
working conditions
Abonnieren
Posts (Atom)