Posts mit dem Label future werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label future werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, 29. September 2016
The Choice is Ours (2016) by The Venus Project
Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple
This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.
Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.
Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.
Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.
Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.
Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project
Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut
Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University
Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"
Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower
Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT
Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author
Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"
Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org
Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author
Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".
Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"
Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project
*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.
The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com
Labels:
capitalism,
consumerism,
corruption,
democracy,
economy,
finance,
future,
hunger,
money,
psychology,
slavery,
social gap,
technology,
usa,
video
Dienstag, 13. September 2016
Gebildet, aber kurzsichtig
Immer mehr Menschen sehen schlecht in die Ferne. Mitschuldig daran scheint der Schulunterricht. Mit einfachen Mitteln liesse sich die Beeinträchtigung eindämmen.
original: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/gebildet-aber-kurzsichtig/story/25460713Jedes Kind in der Grundschule im chinesischen Wuhan hat einen Metallbügel unter dem Kinn, egal, ob es lesen oder schreiben soll. Die gebogene Stütze soll verhindern, dass die Kinderaugen Büchern und Heften zu nah kommen, aus Angst, sie könnten später kurzsichtig werden. In vielen Ländern Asiens wird derzeit nahezu alles versucht, um der Augenerkrankung entgegenzuwirken – zum Beispiel mit Massen-Sehtests bei Schülern. Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der Kurzsichtigen. In Ländern wie China, Korea und Singapur sind oft 80 Prozent der Schüler und Studenten kurzsichtig, in Städten wie Seoul und Shanghai beinahe 100 Prozent. Jeder Fünfte ist mit mehr als minus sechs Dioptrien hochgradig fehlsichtig.
Auch in Europa ist die Fehlsichtigkeit ein wachsendes Problem. Das European Eye Epidemiology Consortium schätzt, dass ein Drittel der Europäer kurzsichtig ist. Für 2050 prognostiziert das Brien Holden Vision Institute, dass die Hälfte aller Menschen kurzsichtig sein wird, jeder Fünfte hochgradig. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es ein globales Problem. In Entwicklungsländern und ländlichen Regionen fehlen Tausende Augenärzte und damit der Zugang zu Behandlungen und Sehhilfen.
Wenn nichts passiert, kann das für viele Länder teuer werden und für Betroffene weitreichende Folgen haben. Die WHO schätzt, dass etwa 158 Millionen Menschen wegen ihrer Kurzsichtigkeit nur einfachste Aushilfsberufe ausüben können. Das bedeute Einkommensverluste zwischen 90 und 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Experten wie Norbert Pfeiffer von der Augenklinik Mainz halten das Leiden für unterschätzt, weil Folgeerkrankungen drohen. «Hochgradig Kurzsichtige leiden zehnmal so häufig an Netzhautablösungen», sagt Pfeiffer. Grüner oder grauer Star treten häufiger und schwerer auf.
Schuld an den Problemen sind nur wenige Millimeter, die der Augapfel bei Kurzsichtigen länger gewachsen ist. Ein Millimeter entspricht 2,7 Dioptrien. Hornhaut und Linse des Auges brechen das Bild dann so, dass es vor der Netzhaut liegt und alles in der Ferne unscharf wird. Bei den meisten Menschen fängt es mit acht Jahren an, bis fünfzehn nimmt Kurzsichtigkeit schnell zu. Je später die Fehlsichtigkeit auftritt, desto langsamer schreitet sie fort.
Ruin der Augen
Über die möglichen Ursachen der Kurzsichtigkeit diskutieren Wissenschaftler schon lange: der Zeitpunkt der Geburt, das Stadtleben, sozialer Status, UV-Strahlung und Lichtfarben. Das meiste ist kaum belegt. Mittlerweile dominieren drei Thesen die Diskussion: Der Sehabstand ist zu kurz. Die Menschen halten sich in zu dunklen Räumen auf. Oder die Genetik ist schuld. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus diesen Faktoren. Zumindest finden Forscher dafür seit einigen Jahren belastbare Hinweise.
Die Orinda-Studie in den USA hat Hunderte Schulkinder bis zu sieben Jahre lang begleitet und untersucht, wie sehr die Augenerkrankung davon abhängt, ob die Eltern kurzsichtig sind. Die Fehlsichtigkeit tritt dann tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit auf. Verhalten und Umwelt scheinen aber eine grössere Rolle zu spielen als die Gene.
Die These wird schon sehr lange diskutiert. Bis 1867 untersuchte etwa der Augenheilkundler Hermann Cohn über mehrere Jahre Tausende Schüler. Etwa 60 Prozent der Jugendlichen waren kurzsichtig. Mit einem Fotometer versuchte er, die Helligkeit der Räume zu messen, in denen sie unterrichtet wurden. Cohn kam zu dem Schluss, dass die Naharbeit, also das Lesen und Schreiben, und dunkle Schulräume schuld seien am «Ruin der Augen».
Heutige Untersuchungen bestätigen Cohns Ergebnisse. Mit der Gutenberg-Studie aus Mainz etwa, die zwischen 2007 und 2012 mehr als 15 '000 Probanden untersuchte, konnte Norbert Pfeiffer zeigen, dass Kurzsichtigkeit mit der Zahl der Schuljahre zunimmt. Nach dreizehn Jahren Schule waren jeder Zweite und beinahe doppelt so viele kurzsichtig wie nach neun Jahren.
Den Zusammenhang zwischen Helligkeit und Kurzsichtigkeit hat auch Frank Schaeffel von der Universität Tübingen untersucht. Der Neurobiologe setzte für seine Experimente Hühnern Streulinsen auf und liess sie so künstlich kurzsichtig werden. Eine Gruppe hielt er bei typischer Bürobeleuchtung (500 Lux), eine bei tageslichtähnlicher Beleuchtung (15'000 Lux). Die anderen durften raus auf den Balkon ans Tageslicht (mehr als 30'000 Lux). Die Augen der Balkonhühner waren nach dem Versuch weniger kurzsichtig. Schaeffel führt das auf die lichtabhängige Freisetzung von Dopamin aus der Netzhaut zurück. Der Botenstoff soll das Augenwachstum hemmen. Viel Licht führt zu viel Dopamin und verhindert so Kurzsichtigkeit.
Die Naharbeit in der Schule und die Helligkeit spielen also wahrscheinlich eine Rolle. Aber wie genau? «Bisher gibt es keine eindeutigen Beweise, wir sprechen davon, dass die Faktoren mit dem Problem assoziiert sind», sagt Pfeiffer. Für Frank Schaeffel hingegen ist die Datenlage überzeugend. Man könnte also erste Massnahmen ergreifen – mehr Licht in Schulen etwa.
In China gibt es nun dazu Versuche. Vor kurzem ist in der Stadt Yanxi eine Studie zu Ende gegangen, bei der Schulklassen in einem verglasten Raum unterrichtet wurden. Die Forscher haben die Helligkeit im Raum gemessen und wollen die Werte nun mit den Dioptrien der Schüler in Verbindung bringen. Sie sprechen von «ermutigenden» Ergebnissen.
Politik agiert kurzsichtig
Es könnte auch einfacher gehen. Mehrere Studien mit Hunderten Kindern belegen mittlerweile, dass Zeit im Freien die Folgen von Naharbeit kompensieren kann. 45 Minuten bei Tageslicht verringern die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit um etwa 30 Prozent, 80 Minuten um circa 60 Prozent. Bisher werden diese Erkenntnisse aber kaum in Empfehlungen oder Vorschriften umgesetzt. Angesichts der drohenden Kosten und Verluste, die die WHO prognostiziert, verhält sich die Politik kurzsichtig.
Nur Taiwan ist offenbar entschlossen. 1999 rief die damalige Regierung einen Aktionsplan im Kampf gegen Kurzsichtigkeit aus. Innerhalb von fünf Jahren sollte der Anteil kurzsichtiger Grundschüler von 55 auf 10 Prozent sinken. Kindergärten und Schulen sollten Naharbeit einschränken, die Kinder eine aufrechte Sitz- und Lesehaltung lernen. Mehr als 15 Jahre später ist das ambitionierte Projekt gescheitert und doch ein Erfolg. Seit 2012 müssen sich taiwanesische Schüler täglich mindestens zwei Stunden draussen aufhalten. Die «3010-Regel» schreibt zudem nach jeder halben Stunde Naharbeit zehn Minuten Pause vor. Bis 2015 war die Häufigkeit der kurzsichtigen Erstklässler dennoch nur um drei Prozent gesunken.
Womöglich liegt das am Leistungsdruck. «Viele Kinder lernen bis zu zwölf Stunden am Tag und sind vielleicht pro Woche zwei Stunden draussen», sagt Pfeiffer. Und selbst wenn Kinder heute ihre Hausaufgaben beiseitelegen, sind Smartphones und Tablets zur Hand. Wie und ob Handys Kurzsichtigkeit verstärken können, ist wissenschaftlich aber noch nicht geklärt. Trotzdem: Taiwan ist das erste Land, in dem die Zahl kurzsichtiger Primarschüler sinkt. Ähnliche Massnahmen zur Vermeidung der Fehlsichtigkeit gibt es in anderen Ländern bislang nicht. Man beschränkt sich auf die Korrektur der Sehschwäche, sinnvoller wäre es, sie zu verhindern.
Schon Hermann Cohn forderte Ruhetage für das Auge. Kurzsichtige sollten daher das Lesen und Schreiben einige Wochen im Jahr ruhen lassen. Schaeffel und Pfeiffer raten, die Kinder einfach rauszuschicken. Es funktioniert ja, man weiss nur nicht, warum. «Selbst wenn es keinen Effekt auf die Kurzsichtigkeit hat, dann senkt es das Risiko für Diabetes, Haltungsschäden und vieles andere», sagt Pfeiffer. Das wäre doch auch was.
(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 14.03.2016, 23:40 Uhr)
Dienstag, 9. August 2016
Kinder in den USA
Original: https://www.dasmagazin.ch/2016/08/05/das-bose-lauert-uberall/
Das Böse lauert überall
Amerikas
Vorstadtstrassen sind wie leer gefegt, weil Eltern ihre Kinder nicht
mehr allein vor die Tür lassen, aus Angst, verhaftet zu werden.
Vertrauen ist das grösste Tabu, Paranoia oberste Pflicht. In den USA
grassiert die Furcht vor allem und jedem.
Das Magazin N°31/32 – 6. August 2016
In den
ersten Wochen fällt es einem gar nicht auf. Wer neu aus Europa in eine
durchschnittliche amerikanische Vorstadt zieht, der ist zunächst von der
geballten Ladung Idylle erschlagen, den netten Holzveranden, den
freundlichen Nachbarn, Jack und Cindy, die immerzu lächeln und Kuchen
vorbeibringen und am 4. Juli ihren Garten mit amerikanischen Fahnen
schmücken. Es müssen erst ein paar Monate vergehen, bis man merkt, dass
hier etwas nicht stimmt. Noch aber kommt man nicht drauf, blickt dafür
immer öfter verstohlen aus dem Fenster, weil man etwas sucht, weil hier
einfach etwas fehlt. Nur: was denn? Bis einem endlich die Augen
aufgehen.
Bei mir dauerte das ungefähr ein Jahr.
Als ich an einem späten Nachmittag mit dem Auto durch unser Quartier
fuhr, vorbei an Vorgärten mit Rasensprinklern, vorbei an adretten
Backsteinhäusern mit Basketballkorb an der Garage, sah ich es plötzlich
ganz deutlich. Es war, als hätte ich auf einmal eines dieser
Vexierbilder entschlüsselt und das andere Bild entdeckt im Bild. Nicht
mehr den alten Mann mit Glatze und Bart, sondern die nackte Frau. In
diesem Moment brach die amerikanische Vorstadtidylle zusammen, denn ich
sah – Tschernobyl.
Alles war wie immer, Cindys Blumen
strahlten um die Wette, in der Luft lag der Geruch von gemähtem Gras
dividiert durch gegrilltes Fleisch, doch endlich erkannte ich, was hier
fehlt: Kinder. Keine Mädchen mit Zöpfen. Keine Jungs mit aufgeschlagenen
Knien. Keine Kreidezeichnungen am Boden, lachende Sonnen und
Marienkäfer auf zwei Beinen. Kein Geschrei zu hören, kein «18–19–20, ich
koommeeee». In der Vorstadt, in der wir wohnen, zwanzig Minuten vom
Weissen Haus entfernt, ist es so gespenstisch leer wie in einem
dieser Roland-Emmerich-Filme über die Postapokalypse.
Jeden Donnerstag kommt bei uns die
Müllabfuhr vorbei, was bedeutet, dass sämtliche Anwohner am
Mittwochabend ihren Müll an die Strasse stellen. Und wenn man heimlich
in ihre Säcke schaut, dann sieht man durchaus Spuren von Kinderleben,
blaue Legokartons, Cornflakes-Schachteln in XXL-Familiengrösse,
Babynahrung mit Bananengeschmack – allein die Kinder sieht man nie.
Man kennt das Klischee, das die
Anti-Amerikaner unter uns, und davon gibt es in der Schweiz ja einige,
immer wiederholen: Amerikaner würden ihre Kinder halt lieber vor den
Fernseher setzen, während wir unsere draussen im Dreck wühlen lassen.
Doch es ist, wie bei allen Klischees, komplexer.
Man kennt auch die Berichte über
Helikoptereltern, die ihre Kinder überwachen und in Watte packen, als
würden sie unter der Glasknochenkrankheit leiden. Doch auch hier ist der
elterliche Überprotektionismus nur ein Symptom eines tiefer liegenden
Phänomens, das nicht nur die Kindererziehung, sondern das ganze Land
bestimmt: Die Angst geht um in Amerika.
Und plötzlich ergibt vieles Sinn, was man
anfänglich als anders oder seltsam empfand: Warum man in der Schule
täglich ein Formular unterschreiben muss, bevor man seine Kinder abholt.
Warum auf Kindergeburtstagen nur die aufs Trampolin dürfen, deren
Eltern eine schriftliche Bewilligung einreichen. Warum auf den
Spielplätzen und in Parks, wo sich durchaus Kinder finden lassen, immer
so viele Erwachsene herumstehen, die bei Not eingreifen und bei
Streitereien schlichten. Warum die Liste mit möglichen Nebenwirkungen,
auch wenn es sich nur um Kindermückenspray handelt, so endlos lang ist.
Und warum man vor allem so selten Kinder sieht, die sich ohne Aufsicht
irgendwo aufhalten. Weder in Bussen noch im Wald oder vor dem
Supermarkt. Im Schwimmbad sowieso nicht.
Erotische Beziehung zur Angst
Keine Woche vergeht ohne neue Angst.
Angst vor Terror, vor Muslimen und Mexikanern; vor zu vielen Waffen oder
davor, keine Waffen mehr tragen zu dürfen; vor heimischen Zecken,
südamerikanischen Zika-Viren und Atombomben aus Nordkorea; vor dem
sozialen Abstieg, schlechten Schulnoten, hohen Cholesterinwerten und vor
Schneefällen, die sich zu «Monsterstürmen» auftürmen könnten, wie es im
vergangenen Winter im Fernsehen hiess. Worauf die Anwohner in meiner
Vorstadt sämtliche Supermärkte leer kauften und sich im Keller
Notunterkünfte einrichteten, als würden sie sich auch ein wenig drauf
freuen. Als dann nach ein paar Tagen doch nur harmlose Schneeflocken vom
Himmel fielen, die sich puderzuckrig auf die Vorgärten legten, da waren
unsere Nachbarn Jack und Cindy nicht etwa empört, weil man sie in die
Irre geführt hatte und sie sich umsonst Sorgen machten. Sie waren
erleichtert und froh, dass alles noch einmal gut ausging. Kinder beim
Schlitteln allerdings sah ich keine.
Dafür wurden in jenem Winter sämtliche Sitzbänke vor den Schulen in der Umgebung abgeschraubt, weil man nicht will, dass die Kinder nach dem Unterricht auf dem Schulhof spielen und
sich die Eltern auf den Bänken ausruhen – wie man das bei Bahnhöfen
macht, um die Penner zu vertreiben. So will man aus
Versicherungsgründen, dass sich Eltern wie Kinder ohne Umwege sofort
nach Hause begeben, es könnte ja sonst etwas passieren.
Es ist eine Unart dieser Tage, dass kein einziger Bericht
über die USA ohne Verweis auf Donald Trump auskommt. Doch hier muss der
Immobilienspekulant, der sich durch die Vorwahlen pöbelte und nun gegen
Hillary Clinton antritt, erwähnt sein, denn natürlich ist der Aufstieg
Trumps ohne Amerikas erotische Beziehung zur Angst nicht zu verstehen.
Die Angst ist ein Lustgewinn, deshalb wird sie zelebriert und gepflegt,
und sie ist der Kitt in der amerikanischen Gesellschaft.
Mehrmals schon liess Danielle Meitiv ihre Kinder Rafi, 11, und Dvora, 8, allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt.
Während Barack Obama seit acht Jahren
vorgibt, alles immer im Griff zu haben, schürt Trump Ängste, wo er nur
kann. «Wir sind ein Land der Verlierer geworden und werden verspottet»,
sagt er dauernd, worauf seine Anhänger johlen, als hätte er ihnen eine
Gehaltserhöhung versprochen. Die Furcht vor dem eigenen Niedergang entfacht gleichzeitig Begeisterung, weil sie zusammenhält:
Wir gegen die. Und wo kräftig mit Angst gedüngt wird, da gedeiht Hass,
das weiss man aus der europäischen Geschichte.
Nüsse sind verboten, Schokolade ist erlaubt
Die Angst um die Kinder ist aber vielleicht die intimste,
sie sagt viel aus über den Zustand dieses Landes und verunsichert eine
ganze Generation junger Eltern, die doch nur das Beste für ihre Kinder
wollen, aber bei all den Schauermärchen und ob all der Panikmache nicht
mehr wissen, was das Beste ist. Hinzu kommt, dass sie sich mit einer
Fülle von Gesetzen herumschlagen müssen, die von Staat zu Staat
variieren: Wer Kinder ohne Aufsicht auch nur für wenige Minuten im Auto
lässt, in einem Park oder nur schon zu Hause, wer fremden Schulmädchen
auf dem Spielplatz beim Klettern hilft und sie zufällig auch noch
berührt, läuft Gefahr, von Beamten der Child Protective Services (CPS)
ins Visier genommen zu werden, und das möchte niemand. C-P-S – diese
drei Buchstaben lassen amerikanischen Eltern das Blut in den Adern
gefrieren.
Dabei sind die USA doch das «land of the free»,
so dachte man jedenfalls, als man neu aus Europa herzog. Dass Eltern
alles andere als frei sind, merkt man, wenn man die Kinder zur Schule
anmeldet und sich durch die seitenlange Liste von Regeln kämpft: Die
Badekappe muss weiss sein, das Kind gegen Hepatitis geimpft und die
Lunchbox natürlich aus Plastik, sonst könnten sich die Kinder damit ja
noch die Nasen blutig schlagen. An Nüssen könnten sie sich verschlucken,
an Äpfeln die Zähne ausbeissen, Schokolade ist erlaubt.
Die ganze Verunsicherung führt ja nicht
nur zu dieser gespenstischen Leere in meinem Quartier und dem Umstand,
dass wir drei Tage lang alle Geschäfte nach weissen Badekappen
absuchten. Die Folgen sind weitreichender und über das ganze Land
verteilt. Wobei das nicht ganz stimmt. Kinder aus ärmeren Familien sind
durchaus auf der Strasse, in Schwarzenvierteln von D.C., Chicago oder
Baltimore etwa klettern sie ohne Aufsicht auf Gerüste und Bäume, weil
die Eltern keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern. Weil sie arbeiten
und abends zu müde sind. Angst zu haben und teilzunehmen an der
nationalen Panik ist ein Privileg und gehört auf die Liste von Christian
Landers hervorragendem Blog: «Stuff White People Like».
Revolutionärin oder Rabenmutter
In Connecticut überhörte Maria Hasankolli eines Morgens im
November ihren Wecker, worauf sich ihr Sohn, 8 Jahre alt, allein auf
den Weg machte. Zwei Polizisten hielten ihn an, begleiteten ihn zur
Schule, fuhren daraufhin zur verschlafenen Mutter zurück und legten ihr
Handschellen an. Die Anklage lautete, sie habe ihr Kind willentlich in
Gefahr gebracht, es war von einer 10-jährigen Gefängnisstrafe die Rede.
Hasankolli kam gegen 2500 Dollar Kaution wieder frei. Sie geht jetzt
jeden Abend mit der Angst ins Bett, sie könnte den Wecker noch einmal
überhören, schreibt sie: «Dann nehmen sie mir meinen Sohn weg.»
In Arizona fuhr Brenda Mayers mit ihrem
Mann und ihren vier Kindern vom Schwimmbad nach Hause, es war später
Nachmittag, und sie wollten noch etwas essen. Die Jüngeren schliefen,
die beiden Älteren folgten dem Vater in eine Filiale von Burger King.
Mayers stieg aus dem Auto und setzte sich an einen der Tische neben den
Parkplätzen, der Wagen keine fünf Meter von ihr entfernt, die Fenster
offen. Nur einmal ging sie kurz hinein, um Servietten zu holen und sich
die Hände zu waschen, doch das reichte: Ein Gast am Nebentisch rief die
Polizei.
Mayers erhielt eine Busse, weil es verboten ist, Kinder
unter sieben Jahren mehr als fünf Minuten allein im Auto zu lassen.
«Dass es nicht mal eine Minute war, tat nichts zur Sache.» Ein paar
Wochen später führten Beamte der Kinderschutzbehörde CPS mit den Lehrern
von Mayers’ Kindern Gespräche. Auch die Kinder wurden vernommen,
ohne dass Mayers dabei sein durfte. Sie hat nun eine dicke Akte und
musste einen mehrtägigen Elternkurs besuchen, obwohl sie vier Kinder hat. Und als sie neulich in einem Park von einem Polizisten gerügt wurde, weil ihr Sohn zu nahe am Ufer lief, wollte sie sich erst wehren, liess es dann aber bleiben und entschloss sich, von nun an zu Hause zu bleiben. «Burger essen und im Park spazieren gehen, das ist in diesem Land zu gefährlich geworden.»
Mittagessen mit Danielle Meitiv, Mutter von Rafi, 11, und
Dvora, 8. Meitiv ist entweder Revolutionärin oder Rabenmutter, je
nachdem, wie man es betrachtet. Sie selbst will gegen «diese
Totalhysterie» ankämpfen, die in Amerika grassiere und die Städte «in
tote Kulissen verwandelt», für die sich keiner mehr zuständig fühle,
«weil wir ja immer zu Hause sind».
Dank einer nationalen Kampagne gelten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als verdächtig.
Mehrmals schon liess Meitiv ihre Kinder
allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie
ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt. Meitiv hörte auch nicht damit
auf, nachdem die Polizei bereits interveniert hatte und die Männer von
der Jugendschutzbehörde CPS begannen, sie auszuspionieren. Sie nahm sich
einen Anwalt und hielt dagegen. Die Meldung der renitenten Mutter, die
sich nicht verbieten lassen will, ihre Kinder ohne Aufsicht in der
Nachbarschaft herumlaufen zu lassen, ging vor einem Jahr um die Welt,
selbst das russische Fernsehen hat darüber berichtet. «In anderen
Ländern ist das doch ganz normal. Was also soll die Aufregung?»
Danielle Meitiv ist in den
Siebzigerjahren in einem jüdischen Viertel in Queens aufgewachsen.
«Einen gefährlicheren Ort gab es damals nicht in den USA», Bandenkriege,
Cracktote, «und dennoch liessen mich meine Eltern draussen spielen. Und
wenn ich die sechsspurige Strasse zur Synagoge überqueren musste, da
habe ich jemanden um Hilfe gefragt.» Das Bauchgefühl habe sich
verändert, so Meitiv, man gehe heute immer davon aus, dass etwas
passiert; und wer das schlimmstmögliche Szenario nicht einkalkuliert,
der gelte als schlechte Mutter oder mieser Vater.
Die Angst mit Löffeln gegessen
Wann war der Tag, die Woche, das Jahr, als sich die Angst
in den Köpfen der Amerikaner ausbreitete und immer häufiger auch in
jenen der Schweizer? Warum hat sich unser Blick derart verändert? Wie
ist es möglich, dass dieses Bauchgefühl allen Statistiken trotzt und
sich so hartnäckig hält? Mord, Raub, Vergewaltigung, Entführung, das
Leben in den USA war nie sicherer als heute. Selbst für Schwarze. Und
dennoch wurden noch nie so viele Ortungsgeräte verkauft. Handy-Apps und
Zimmerkameras, mit denen man seinen Nachwuchs jederzeit überwachen kann,
sind mittlerweile Standard im Kinderzimmer. Mit der Angst der Eltern
lässt sich Geld verdienen.
Als Meitiv in den Siebzigerjahren
aufwuchs, wurden Bilder verschwundener Kinder auf Milchflaschen
gedruckt, die auf den Frühstückstischen standen: «Hast du mich
gesehen?», war auf den Flaschen zu lesen, mit denen Millionen von
Amerikanern ihre Cornflakes-Schüsseln füllten – sie assen die Angst mit
dem Löffel. Damals begann man, den Kindern zu verbieten, mit Fremden
mitzugehen, «Stranger Danger» hiess die nationale Kampagne, und fortan
galten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als
verdächtig. Auch dafür gibt es, wie für so vieles, eine Bezeichnung:
«Man in a Van» – diese Warnung vor Fremden kennt hier jedes Kind. Obwohl
90 Prozent der Kindsmisshandlungen von Verwandten oder Freunden
begangen werden, aber das nur nebenbei.
Als dann das Fernsehen 24 Stunden pro Tag
zu senden begann, explodierte die elterliche Paranoia, sagt Danielle
Meitiv. «Die emotionalen Einzelschicksale, die pausenlos auf uns
niederprasseln, haben unser Denken und unsere Risikowahrnehmung
verändert und uns alle in einen permanenten Schreckenszustand versetzt.»
Denn die Botschaft, die alle diese Geschichten in die Wohnzimmer
transportieren, sei: Pass bloss auf, es könnte auch deinen Kindern
passieren. Mit dem Resultat, dass alle überall Gefahr wittern. «Wer ein
Kind allein auf der Strasse sieht, der denkt sich: Was ist denn mit dem
passiert?, anstatt sich zu fragen: Und wo, bitte schön, sind all die
anderen?»
Mit dem Aufstieg der Angst, so Meitiv,
erhielt die Jugendschutzbehörde CPS, so etwas wie die Schweizer Kesb,
immer mehr Macht. Sie habe keine Angst vor Einbrechern, sagt Meitiv, sie
habe Angst davor, dass Nachbarn die CPS anrufen, weil sie ihre Kinder
wieder mal allein spielen lässt. «Die Leute von den CPS sind
unantastbar. Sie können Familien entzweien, Kinder in Internate stecken,
Männer als potenzielle Vergewaltiger abstempeln. Ein Wort der CPS
genügt, und dein Leben stellt sich auf den Kopf.»
Weil keiner Ärger will, würden Amerikaner
alles für ihre Kinder tun, daher der Überprotektionismus. «Wir züchten
eine Generation polierter Kids, für die wir alles tun und die wir
möglichst lang von der Welt abschotten. Mit 16 kiffen sie zwar heimlich
und haben Oralsex, aber vom Leben keine Ahnung.»
Ruhe statt Panik – ein Tabu in Amerika
Die geistige Mutter des Widerstands gegen
Meitivs «Totalhysterie» heisst Lenore Skenazy und lebt in New York. Sie
liess ihren 9-jährigen Sohn in Manhattan allein mit der U-Bahn fahren
und schrieb 2008 eine Kolumne darüber, mit dem Titel: «Here’s Your
Metrocard, Kid». Damit löste sie eine landesweite Empörung aus.
«Andauernd wurde ich gefragt, was ich getan hätte, wenn er nicht zu
Hause angekommen wäre. Aber das ist ja gar keine Frage. Es ist
eine Verurteilung.» Sie habe sich erlaubt, nicht mit dem
Schlimmstmöglichen zu rechnen, sondern damit, dass alles gut kommt. Ruhe
statt Panik. Ein Tabu in Amerika.
Seitdem wird Skenazy jährlich zur schlechtesten Mutter des
Landes gewählt, in den USA gibt es ja für alles eine Liste. Sie führt
einen Blog, hilft Eltern, die mit Behörden Schwierigkeiten haben, weil
sie etwa ihr Kind für eine Minute im Auto liessen, und sie hat die «Free
Range Kids»-Bewegung gegründet – so etwas wie die Freilandhaltung bei
Hühnern. Skenazy nennt es «Streifradius». Kinder sollen umherstreunen
und ihr Viertel entdecken, statt die Jugend im elterlichen Käfig
abzusitzen. Zudem unterstützt sie Projekte in Schulen, die die
Selbstständigkeit der Kinder fördern, und spricht an Tagungen von
«diesem total überhitzten Land» und den Auswirkungen auf die Kleinsten.
Dieser Überhitzung bin ich vor Kurzem wieder begegnet, als ich von einer freundlichen Fahrkartenverkäuferin daran gehindert wurde, mit meinen drei Kindern in den Zug zu steigen: «So
sind nun mal die Regeln.» Und die Regel lautet, dass ein Erwachsener
nur mit maximal zwei Kindern reisen darf, weil man allein auf drei nicht
aufpassen könne, was streng genommen ja auch stimmt. Falls etwa ein
Helikopter auf den fahrenden Zug stürzen würde und es zur Entgleisung käme, hätte ich tatsächlich Mühe, mich um alle zu kümmern. «Dann nehme ich halt das Auto», sagte ich, und sie nickte.
Jährlich kommt es zu 1,5 Millionen
Unfällen auf den Strassen der USA, 35 000 Menschen sterben, das Auto ist
das gefährlichste Verkehrsmittel von allen. Aber hey, keine Panik.
Labels:
children,
criminalisation,
culture,
fear,
future,
outdoor,
social gap,
society,
surveillance,
usa
Montag, 19. Oktober 2015
Privatisierte Gemeinwesen
Privatisierte Gemeinwesen
Die Stadt als Festung
Originalartikel: http://www.nzz.ch/feuilleton/kunst_architektur/die-stadt-als-festung-1.18629764
Überall auf der Welt entstehen derzeit luxuriöse Privatstädte, die einer breiteren Öffentlichkeit keinen Zutritt bieten. Was bedeutet diese Entwicklung für das Gemeinwesen?
Überall auf der Welt entstehen derzeit luxuriöse Privatstädte, die einer breiteren Öffentlichkeit keinen Zutritt bieten. Was bedeutet diese Entwicklung für das Gemeinwesen?
- von Adrian Lobe
Es
ist ein spektakulärer Plan: Der US-Ökonom Paul Romer will in der
Dritten Welt ganze Städte neu gründen. «Charter Cities» heisst seine
Vision. Das Konzept ist ebenso simpel wie radikal: Ein Entwicklungsland
stellt eine nicht besiedelte Fläche zur Verfügung und schliesst mit
einem Investor bzw. einer Industrienation einen Gründungsvertrag ab,
eine Charta, in der das gesamte Rechtssystem der Stadt festgelegt ist.
Mit frischem Wagniskapital und schlanken Staatsstrukturen soll so eine
prosperierende Metropole aus dem Boden gestampft werden: gleichsam eine
Stadt als Startup. Der Ökonom ist überzeugt, man könne ein zweites
Hongkong überall auf der Welt implantieren, es müssten nur die
Rahmenbedingungen stimmen.
Man kann die Charter City auf die Formel bringen: Die armen Länder liefern das Land, die reichen Know-how und Gesetze. Die Menschen entkleiden sich ihrer demokratischen Mitsprache, in der Hoffnung, einen Arbeitsplatz zu finden. Job gegen Stimmzettel – das ist der Deal. Unter dem Statut der Zede würde zwar das Selbstbestimmungsrecht formal erhalten bleiben, doch die Rechte würden massiv eingeschränkt. Alles würde dem Ziel der Investoren untergeordnet.
Dabei stellt sich die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Den Bewohnern oder den Geldgebern? In seinem Buch «City of Quartz» zeichnete der amerikanische Historiker und Stadtsoziologe Mike Davis schon 1990 am Beispiel von Los Angeles das Bild einer Hochsicherheitsstadt mit privatisierten Enklaven und Wohnanlagen, die von der Polizei bewacht und geschützt werden. Die Stadt wird zu einer Festung. Solche abgeschotteten Siedlungen sind vielerorts bereits Realität – in Kalifornien genauso wie in Brasilien oder Malaysia. Diejenigen, die es sich leisten können, ziehen sich in die isolierte Welt von Gated Communities zurück. Der grenzenlose Wille zur Sicherung der Stadt, argumentiert Davis, führe zwangsläufig zu einer Abwertung öffentlicher Räume. Das eigentliche öffentliche Leben findet hinter verschlossenen Mauern statt. In Dubai gibt es bereits ganze Stadtteile, deren glitzernde Konsumtempel und Luxuswohntürme grösstenteils im Besitz privater Investoren sind.
Die Occupy-Aktivistin Naomi Colvin sagte gegenüber dem «Guardian»: «Es ist eine Vision einer Gesellschaft, in der man arbeiten und einkaufen kann. Und in Zeiten, wo man weder arbeitet noch shoppt, kann man in Restaurants gehen.» Aus Bürgern werden Konsumenten – ähnlich wie bei Paul Romers Charter City. Hierin zeigt sich die Vorstellung einer konsumistischen Gesellschaft, in der der Einzelne lieber Geld ausgeben als demonstrieren soll. Auf der von Thomas Heatherwick projektierten Garden Bridge in London, einem künftigen städtischen Themenpark, soll dereinst politischer Protest verboten werden und sollen Gruppen von mehr als acht Personen nur nach vorangegangener Reservierung zugelassen werden – und dies, obwohl die öffentliche Hand an diesem Privatprojekt beteiligt ist. Die Verbreitung von gesicherten und privatisierten Plätzen macht das städtische Erlebnis vergleichbar mit einem Besuch in einem exquisiten Klub mit edlem Ambiente. Alles ist schön und gut, aber man muss es sich leisten können.
Nachdem bereits vor zwanzig Jahren die Walt Disney Company die kleine, nach ihren Vorstellungen verwaltete «Idealstadt» Celebration in Florida realisiert hat, entsteht derzeit vor den Toren der nigerianischen Megastadt Lagos ein weit radikaleres Projekt: «Eko Atlantic City». Auf einer künstlichen Insel werden luxuriöse Wohnblöcke, palmengesäumte Avenuen und Wolkenkratzer gebaut. Hier sollen dereinst 250 000 Menschen wohnen und 150 000 Arbeitsplätze in Bürotürmen entstehen, die für Banken aus Afrika, Europa und den USA in den Himmel wachsen werden. Das Projekt könnte eine Vorbildfunktion für die Zukunft übernehmen: eine privatisierte Enklave für Wohlhabende, die sich räumlich von den Slums abgrenzt und über ein eigenes Versorgungsnetz (Strom, Wasser, Gas usw.) verfügt. Die Separation zwischen Arm und Reich gab es ja schon immer. Neu ist hingegen, dass sich Reiche ihre eigenen Städte bauen. In diesen privaten Städten vollzieht sich eine moralische und soziale Sezession von der Gesellschaft. Die idealtypische Polis, die Keimzelle der Demokratie, gerät unter Druck, und der öffentliche Raum verschwindet mehr und mehr.
Der Ökonomieprofessor Alexander T. Tabarrok vom James M. Buchanan Center for Political Economy der George Mason University in Fairfax, Virginia, ist einer der wenigen Intellektuellen, die sich für die Privatstadt engagieren. Im Gespräch sagt er: «Die meisten neuen Städte werden in Entwicklungsländern gebaut, und dort haben die Regierungen beim Thema Armut versagt. Wenn Städte kein Wasser, keinen Strom und keine Kanalisation zu liefern imstande sind, können die Reichen diese Aufgabe durch private Alternativen ersetzen – die Armen können das nicht.» Ein System privater, kompetitiver Städte eröffne die besten Chancen für die effiziente Erbringung öffentlicher Daseinsvorsorge.
Als Beispiel nennt er die indische Stadt Jamshedpur («Steel City»). Sie wurde 1908 von Tata Steel als Arbeiterstadt gegründet. Im Gegensatz zu russigen Schwerindustrierevieren anderswo ist Jamshedpur eine recht ansehnliche Stadt mit grosszügigen Parkanlagen und einem intakten Strassennetz. Die Steel City zählt zu den wohlhabendsten Städten Indiens. «Wir brauchen mehr Städte wie Jamshedpur», fordert Tabarrok. Die Stadt hat insofern exklusiven Charakter, als sie ausschliesslich Mitarbeitern der Tata-Gruppe Zugang zu günstigem Wohnraum verschafft – ähnlich wie einst die Bata-Städte.
Autonome Modellstädte
Im Jahre 2011 verhandelte Romer mit der honduranischen Regierung über die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen (Zonas Especiales de Desarrollo Económico, kurz: Zede), die das Land aus dem Klammergriff der Kriminalität und Korruption befreien sollen. Der Kongress erliess ein Dekret, das den «Modellstädten» vollständige Autonomie, ja fast schon Souveränität gewährte. Gegen die Pläne aber regte sich Widerstand. Namentlich die Volksgruppe der Garifuna, die für den Bau einer Investorenstadt hätte umgesiedelt werden müssen, protestierte gegen das Projekt. Noch bevor die Bagger anrollten, erklärte das Verfassungsgericht die Charter City für verfassungswidrig. Das Projekt unterminiere die nationale Souveränität. Romer zog sich zurück. Unter dem jetzigen konservativen Präsidenten Juan Orlando Hernández soll eine abgespeckte Version in Form einer Sonderverwaltungszone in der Stadt Amapala geschaffen werden, gewissermassen eine «Charter City light». Südkorea hat für das Projekt bereits 40 Milliarden Dollar Unterstützung zugesagt.Man kann die Charter City auf die Formel bringen: Die armen Länder liefern das Land, die reichen Know-how und Gesetze. Die Menschen entkleiden sich ihrer demokratischen Mitsprache, in der Hoffnung, einen Arbeitsplatz zu finden. Job gegen Stimmzettel – das ist der Deal. Unter dem Statut der Zede würde zwar das Selbstbestimmungsrecht formal erhalten bleiben, doch die Rechte würden massiv eingeschränkt. Alles würde dem Ziel der Investoren untergeordnet.
Dabei stellt sich die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Den Bewohnern oder den Geldgebern? In seinem Buch «City of Quartz» zeichnete der amerikanische Historiker und Stadtsoziologe Mike Davis schon 1990 am Beispiel von Los Angeles das Bild einer Hochsicherheitsstadt mit privatisierten Enklaven und Wohnanlagen, die von der Polizei bewacht und geschützt werden. Die Stadt wird zu einer Festung. Solche abgeschotteten Siedlungen sind vielerorts bereits Realität – in Kalifornien genauso wie in Brasilien oder Malaysia. Diejenigen, die es sich leisten können, ziehen sich in die isolierte Welt von Gated Communities zurück. Der grenzenlose Wille zur Sicherung der Stadt, argumentiert Davis, führe zwangsläufig zu einer Abwertung öffentlicher Räume. Das eigentliche öffentliche Leben findet hinter verschlossenen Mauern statt. In Dubai gibt es bereits ganze Stadtteile, deren glitzernde Konsumtempel und Luxuswohntürme grösstenteils im Besitz privater Investoren sind.
Bürger werden Konsumenten
Städte verkaufen mittlerweile nicht nur Immobilien, sondern auch öffentliche Orte. In Athen soll der alte Flughafen Ellinikon privatisiert und in ein Spielkasino umgewandelt werden, das an die Marina Bay in Singapur erinnert. Der 2012 eröffnete Granary Square in London ist in den Händen eines Investors. Und der Paternoster Square gehört der Mitsubishi Estate Company. Als Mitglieder der Protestbewegung Occupy auf dem Platz nahe der St. Paul's Cathedral demonstrieren wollten, erwirkte Mitsubishi eine einstweilige Verfügung, die den öffentlichen Zugang untersagte. Der Paternoster Square sei ein privater Ort, auf dem das Recht auf Demonstrationsfreiheit keine Anwendung finde, urteilte der High Court. Ein verstörender Vorgang: Ein Konzern darf in einer Stadt über Grundrechte disponieren.Die Occupy-Aktivistin Naomi Colvin sagte gegenüber dem «Guardian»: «Es ist eine Vision einer Gesellschaft, in der man arbeiten und einkaufen kann. Und in Zeiten, wo man weder arbeitet noch shoppt, kann man in Restaurants gehen.» Aus Bürgern werden Konsumenten – ähnlich wie bei Paul Romers Charter City. Hierin zeigt sich die Vorstellung einer konsumistischen Gesellschaft, in der der Einzelne lieber Geld ausgeben als demonstrieren soll. Auf der von Thomas Heatherwick projektierten Garden Bridge in London, einem künftigen städtischen Themenpark, soll dereinst politischer Protest verboten werden und sollen Gruppen von mehr als acht Personen nur nach vorangegangener Reservierung zugelassen werden – und dies, obwohl die öffentliche Hand an diesem Privatprojekt beteiligt ist. Die Verbreitung von gesicherten und privatisierten Plätzen macht das städtische Erlebnis vergleichbar mit einem Besuch in einem exquisiten Klub mit edlem Ambiente. Alles ist schön und gut, aber man muss es sich leisten können.
Nachdem bereits vor zwanzig Jahren die Walt Disney Company die kleine, nach ihren Vorstellungen verwaltete «Idealstadt» Celebration in Florida realisiert hat, entsteht derzeit vor den Toren der nigerianischen Megastadt Lagos ein weit radikaleres Projekt: «Eko Atlantic City». Auf einer künstlichen Insel werden luxuriöse Wohnblöcke, palmengesäumte Avenuen und Wolkenkratzer gebaut. Hier sollen dereinst 250 000 Menschen wohnen und 150 000 Arbeitsplätze in Bürotürmen entstehen, die für Banken aus Afrika, Europa und den USA in den Himmel wachsen werden. Das Projekt könnte eine Vorbildfunktion für die Zukunft übernehmen: eine privatisierte Enklave für Wohlhabende, die sich räumlich von den Slums abgrenzt und über ein eigenes Versorgungsnetz (Strom, Wasser, Gas usw.) verfügt. Die Separation zwischen Arm und Reich gab es ja schon immer. Neu ist hingegen, dass sich Reiche ihre eigenen Städte bauen. In diesen privaten Städten vollzieht sich eine moralische und soziale Sezession von der Gesellschaft. Die idealtypische Polis, die Keimzelle der Demokratie, gerät unter Druck, und der öffentliche Raum verschwindet mehr und mehr.
Der Ökonomieprofessor Alexander T. Tabarrok vom James M. Buchanan Center for Political Economy der George Mason University in Fairfax, Virginia, ist einer der wenigen Intellektuellen, die sich für die Privatstadt engagieren. Im Gespräch sagt er: «Die meisten neuen Städte werden in Entwicklungsländern gebaut, und dort haben die Regierungen beim Thema Armut versagt. Wenn Städte kein Wasser, keinen Strom und keine Kanalisation zu liefern imstande sind, können die Reichen diese Aufgabe durch private Alternativen ersetzen – die Armen können das nicht.» Ein System privater, kompetitiver Städte eröffne die besten Chancen für die effiziente Erbringung öffentlicher Daseinsvorsorge.
Als Beispiel nennt er die indische Stadt Jamshedpur («Steel City»). Sie wurde 1908 von Tata Steel als Arbeiterstadt gegründet. Im Gegensatz zu russigen Schwerindustrierevieren anderswo ist Jamshedpur eine recht ansehnliche Stadt mit grosszügigen Parkanlagen und einem intakten Strassennetz. Die Steel City zählt zu den wohlhabendsten Städten Indiens. «Wir brauchen mehr Städte wie Jamshedpur», fordert Tabarrok. Die Stadt hat insofern exklusiven Charakter, als sie ausschliesslich Mitarbeitern der Tata-Gruppe Zugang zu günstigem Wohnraum verschafft – ähnlich wie einst die Bata-Städte.
Gemeinwohl oder Profit
Die Stadt Sandy Springs im US-Bundesstaat Georgia hat 2005 sämtliche Verwaltungsaufgaben an ein privates Unternehmen ausgegliedert. Das Unternehmen übernimmt alle wichtigen Aufgaben. Die 90 000 Einwohner zählende Stadt beschäftigt (abgesehen von Feuerwehr und Polizei, die nicht privatisiert wurden) lediglich acht Mitarbeiter. Sandy Springs werde effektiver verwaltet als andere Städte und generiere sogar Überschüsse, sagen Experten. Doch ein Unternehmen ist nicht in erster Linie am Gemeinwohl interessiert, sondern an Profit. Evan McKenzie warnte bereits 1994 in seinem Buch «Privatopia: Homeowner Associations and the Rise of Residential Private Government» vor den unkontrollierbaren Folgen einer Privatisierung. Die Frage ist, ob man alles auf dem Altar des Gewinnstrebens opfern sollte. Wenn ganze Innenstadtbezirke in die Hände privater Investoren fallen, dürfte dies das Gemeinwesen nachhaltig verändern. Die Bürger werden die Privatisierung der Städte nicht nur mit höheren Mietpreisen bezahlen, sondern auch mit dem Verlust von politischer Mitsprache – und letztlich auch von Identifikation.
Labels:
democracy,
development,
economy,
future,
globalisation,
poverty,
power,
privatisation,
social gap
Montag, 26. September 2011
Die soziale Schere öffnet sich
Artikel der Zeit: http://www.zeit.de/2011/34/Deutschland-Ungleichheit
Mehr Arme und mehr Millionäre: In Deutschland wächst die Ungleichheit – ist der Trend noch zu stoppen?
Lange Zeit gehörte er zu den Markenzeichen der Bundesrepublik. Wie Mercedes, Pünktlichkeit und Qualität: der soziale Ausgleich. Zwischen Flensburg und dem Bodensee gab es weniger Reiche als in anderen Industrieländern – und weniger Arme. Die sozialen Gegensätze waren geringer als anderswo, die Einkommensunterschiede vergleichsweise klein. Auch darin bestand der »rheinische Kapitalismus«. Doch das ist vorbei. Heute klafft zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik eine nahezu gleich große Lücke wie im Durchschnitt der Industrieländer. Die viel gerühmte soziale Marktwirtschaft macht keinen Unterschied mehr. Die Reichen wurden auch hier in den vergangenen Jahrzehnten reicher und die Armen ärmer.
Eine beunruhigende Entwicklung, die vor allem in dieser Zeit der Krise zum Sprengsatz werden kann. Schließlich stellt sich die Verteilungsfrage heute mit neuer Schärfe. Angesichts der Milliardensummen, die nötig sind, um die Banken zu stützen, den Euro zu retten und die Staatsschulden abzutragen – und die irgendjemand wird aufbringen müssen. Die Bundesregierung stellt Steuersenkungen in Aussicht, dabei ist zu befürchten, dass in Zukunft vor allem über neue Lasten gestritten wird. Bei den Arbeitslosen wurde schon begonnen, Hilfsprogramme in Milliardenumfang zusammenzustreichen. Das dürfte – sollte die Krise nicht eine unerwartet positive Wendung nehmen – nur der Anfang sein. Vor diesem Hintergrund steigert sich das Unbehagen über die Entwicklung der vergangenen Jahre zur Empörung. Der Niedriglohnsektor wuchs, die Mittelschicht schrumpfte – und nun sollen die nächsten Zumutungen folgen?
Selbst im eher bürgerlichen Lager wächst der Unmut. »Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat«, lautete am vergangenen Wochenende die Überschrift über einem ganzseitigen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung . Darin zitierte Herausgeber Frank Schirrmacher mit Wonne aus der Kolumne eines konservativen britischen Kolumnisten, der inzwischen fürchtet, das Wirtschaftssystem diene am Ende doch nur den Reichen. Das mag zugespitzt sein, entspricht jedoch einem verbreiteten Unbehagen. Einem Rumoren in weiten Teilen der Gesellschaft, das nicht nur in Großbritannien, sondern auch hierzulande jede zukünftige Debatte über eine gerechte Verteilung begleiten wird – mehr oder minder laut.
Dabei ist der Trend zu einer ungleicheren Beteiligung am Wohlstand weder unausweichlich, noch hat er sich in den vergangenen Jahren so bruchlos fortgesetzt, wie es oft erscheint. Und vor allem sind die Ursachen zum Teil völlig andere als die, über die in der politischen Debatte am heftigsten gestritten wird. Tatsache ist aber: Die soziale Kluft hat sich enorm verbreitert.
Heute haben die zehn Prozent Haushalte mit den höchsten Einkommen in Deutschland fast elfmal so viel Geld zur Verfügung wie die zehn Prozent mit den niedrigsten. Ab einem Haushaltsnetto von 7.545 Euro im Monat gehört man zur Spitze, mit weniger als 712 Euro zählt man zum untersten Zehntel. Berücksichtigt sind dabei sämtliche Einnahmen – egal, ob Lohn, Arbeitslosengeld, Rente oder Dividenden – nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben. Unmittelbar vergleichbare Zahlen für die Vergangenheit hat das Statistische Bundesamt nicht. Doch nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD wuchsen die Einkommen des obersten Zehntels in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Vielfaches schneller als die am unteren Rand. Der Abstand zwischen oben und unten wurde also immer größer.
Ebenfalls zugenommen hat die Zahl der Menschen mit solch niedrigen Einkommen, dass Statistiker von relativer Armut sprechen. Die gilt als erreicht, wenn jemand über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Zuletzt war ein Alleinstehender hierzulande demnach »armutsgefährdet«, sofern sein Nettoeinkommen (inklusive Sozialleistungen) bei weniger als 929 Euro im Monat lag. Einer EU-Erhebung zufolge lagen im Jahr 2004 zwölf Prozent aller Deutschen unter der (damaligen) Armutsschwelle, 2008 waren es schon 15,5 Prozent. Mehr relative Armut verzeichnen vor allem osteuropäische Länder, aber auch Italien (18 Prozent), deutlich weniger die Skandinavier, die Niederlande und Österreich (zwischen 11 und 13 Prozent). Auch hier zeigt sich: Deutschland ist im Mittelfeld angekommen.
Noch viel extremer als bei den Einkommen sieht es indes bei den Vermögen aus. Laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung besaßen zuletzt 10 Prozent der Bevölkerung 56 Prozent des hierzulande angehäuften Eigentums. Auf die untere Hälfte der Bundesbürger entfiel dagegen nahezu nichts: Ihr gehörten bloß zwei Prozent aller Vermögenswerte. Eine nur schwer vorstellbare Vermögenskonzentration. Womöglich gab es sie allerdings auch vor zwanzig, dreißig Jahren schon. Darauf deuten ältere Erhebungen hin, die jedoch nicht voll vergleichbar sind. Unzählige Wirtschaftsdaten werden laufend erfasst, doch ausgerechnet bei den Vermögen bleibt vieles im Dunkeln.
Zumindest fühlen sich Wohlhabende in Deutschland offenbar viel wohler, als es oft behauptet wird. Die Beratungsfirma Capgemini untersucht jedes Jahr, wie es um die Reichen in der Welt steht – um die High Net Worth Individuals, kurz HNWI. Als solche bezeichnen die Berater Personen, die ohne ihre hauptsächlich genutzte Immobilie, ohne Autos und andere Gebrauchsgegenstände, ohne Sammlungen und nach Abzug von Schulden über ein freies Vermögen von über einer Million Dollar verfügen. Rund 924000 Bundesbürger sind nach diesen Kriterien derzeit reich – mehr als doppelt so viele wie in Großbritannien oder Frankreich. Es gibt demzufolge überhaupt nur zwei Länder auf dem Globus, die USA und Japan, in denen mehr dieser HNWI zu Hause sind als in Deutschland. Die Bundesrepublik – Heimat der Reichen und zugleich Heim der Habenichtse. Das gehört mittlerweile zur deutschen Realität.
Deutschland hat den höchsten Anstieg der Lohnungleichheit
Schon im Herbst 2008 warnten Experten der OECD: Armut und Ungleichheit haben sich in keinem anderen Industrieland so schnell ausgebreitet wie zuletzt in der Bundesrepublik. Nirgendwo habe sich die Kluft zwischen den Topverdienern und den Verlierern am Fuß der Einkommensskala so rasant ausgedehnt wie hier. Ein alarmierendes Urteil, das vielen als Beleg dafür galt, wohin die Niedriglohnstrategie Deutschland führt. »Hartz IV ist schuld«, auf diese schlichte Formel verengten sich viele Diskussionen. Dabei führt die Suche nach den Ursachen noch zu ganz anderen Problemen und Versäumnissen.
Denn: Drastisch auseinandergegangen sind die Einkommen insbesondere vor Einführung von Hartz IV im Jahr 2005. Ein wichtiger Grund für die Spaltung, so die OECD-Experten, war der enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit. In keinem anderen Land der OECD lebte ein größerer Teil der Bevölkerung in einem Erwerbslosenhaushalt als in Deutschland.
Inzwischen haben wieder mehr Bundesbürger einen eigenen Broterwerb. Und tatsächlich scheint der rasante Anstieg der Einkommensungleichheit zumindest gebremst. Nach einer EU-Erhebung war die Spaltung 2006 am höchsten und ging danach zwei Jahre lang geringfügig zurück. Neuere Zahlen gibt es nicht. Vollständig korrigiert hat sich das einmal entstandene Gefälle aber nicht. Und insbesondere die Armut nahm noch etwas zu. Die Arbeitslosigkeit ist ein wichtiger Faktor für Ungleichheit, aber nicht der einzige.
Auch die Lohnentwicklung hat zur Spreizung bei den verfügbaren Einkommen beigetragen. Wiederum nicht erst seit den Hartz-Reformen, sondern seit rund 20 Jahren. Denn so lange wächst bereits der Anteil der Niedriglöhne. »Deutschland gilt heute als eines der OECD-Länder mit dem höchsten Anstieg der Lohnungleichheit«, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Gehaltsunterschiede zwischen hoch und gering qualifizierten Arbeitnehmern seien immer größer geworden. Während die Gehälter von Universitätsabsolventen seit Mitte der achtziger Jahre inflationsbereinigt um 22 Prozent gestiegen seien, liege das reale Lohnplus bei Ungelernten im gleichen Zeitraum bei null. Die Fallhöhe je nach Bildungsabschluss war offenbar noch nie so unterschiedlich wie heute.
Dabei handelt es sich um einen internationalen Trend. In fast allen Industrieländern, auch in Skandinavien, drifteten die Löhne und die Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten spürbar auseinander. Den tieferen Grund dafür sehen Experten zum einen in der Globalisierung, durch die Millionen neuer Arbeitskräfte in Niedriglohnländern auf den Weltmarkt gekommen sind, und zum anderen im technischen Fortschritt, der vor allem einfache Arbeit ersetzbar und viele Jobs verlagerbar macht. Wie sehr in Deutschland die Wiedervereinigung und die Öffnung nach Mittel- und Osteuropa für zusätzlichen Druck auf die Löhne sorgten, können auch Fachleute nicht beziffern. In jedem Fall schafft der Markt heute offenbar stärker als je zuvor eine soziale Unwucht. Für den Staat heißt das: Will er die gleiche Balance wie früher wahren, muss er mehr tun. Doch geschehen ist das Gegenteil.
Man kann darauf verweisen, dass es noch ein ganzes Bündel anderer Gründe für mehr Ungleichheit gibt: Familienstrukturen haben sich aufgelöst, es gibt mehr – häufig arme – Alleinerziehende und mehr Dinks ( Double Income No Kids) , also mehr kinderlose Doppelverdiener . »All das spielt eine Rolle«, sagt der Frankfurter Verteilungsforscher Richard Hauser. »Eine einzige Ursache«, so der emeritierte Professor, »gibt es nicht.«
Doch es sind nicht nur die Umstände, es sind nicht nur unbeeinflussbare wirtschaftliche oder merkwürdige soziale Prozesse, die die Gesellschaft auseinanderdriften lassen. Auch der Staat, ausgerechnet er, hat dazu beigetragen. Er ist kein ohnmächtiger Akteur. Er kann Bildungs- und Erwerbschancen beeinflussen, er kann durch Steuern und soziale Leistungen korrigierend in das soziale Gefüge eingreifen. Doch zuletzt – in der politischen Diskussion kaum beachtet – trug er eher dazu bei, den Trend zur Ungleichheit zu verstärken, statt ihn zu verringern.
Zwar blieb der Anteil des Bruttoinlandsproduktes, den der Staat über Steuern eingesammelt und neu verteilt hat, über die vergangenen zwanzig Jahre nahezu konstant. Aber in jüngster Zeit gab es zumindest bei der Einkommensteuer und den Sozialabgaben eine Reihe von Entlastungen. Am meisten profitiert haben, so das Ergebnis einer OECD-Untersuchung, alleinstehende Spitzenverdiener. Umgekehrt fällt Deutschland laut dieser Analyse dadurch auf, dass es ausgerechnet alleinstehende Geringverdiener und Alleinerziehende außergewöhnlich stark mit Steuern und vor allem Sozialabgaben belastet. So verstärkte der Staat die Ungleichgewichte noch.
Darauf weisen auch EU-Daten hin, nach denen die Sozialtransfers in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weniger dazu beitrugen, die Armut zu verringern. Während die Armut vor Umverteilung – also allein aufgrund von Markteinkommen – in den vergangenen Jahren nur noch minimal zugenommen hat, sah das bei der Armutsquote nach Sozialtransfers ganz anders aus. Sie ist zwar immer geringer als ohne Umverteilung. Aber sie stieg spürbar an, von 12 Prozent auf die bereits erwähnten 15,5 Prozent. Ausgerechnet für die Schwächsten hat der Staat also die Hilfen verringert.
Auch in die Vermögensverteilung greift der Staat heute weniger ein als noch vor wenigen Jahren. Dabei werden Vermögen in Deutschland traditionell schon äußerst gering besteuert. Inzwischen erhebt der Fiskus aber gar keine Vermögenssteuer mehr, und zuletzt wurde die Erbschaftsteuer so reformiert, dass heute ganze Konzerne praktisch steuerfrei vererbt werden können. Stärker wurden die Reichen in der Bundesrepublik wahrscheinlich noch nie entlastet. So trägt neben der unsichtbaren Hand des Marktes heute vor allem die öffentliche Hand dazu bei, dass Deutschland ein anderes Land geworden ist.
Mehr Arme und mehr Millionäre: In Deutschland wächst die Ungleichheit – ist der Trend noch zu stoppen?
Lange Zeit gehörte er zu den Markenzeichen der Bundesrepublik. Wie Mercedes, Pünktlichkeit und Qualität: der soziale Ausgleich. Zwischen Flensburg und dem Bodensee gab es weniger Reiche als in anderen Industrieländern – und weniger Arme. Die sozialen Gegensätze waren geringer als anderswo, die Einkommensunterschiede vergleichsweise klein. Auch darin bestand der »rheinische Kapitalismus«. Doch das ist vorbei. Heute klafft zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik eine nahezu gleich große Lücke wie im Durchschnitt der Industrieländer. Die viel gerühmte soziale Marktwirtschaft macht keinen Unterschied mehr. Die Reichen wurden auch hier in den vergangenen Jahrzehnten reicher und die Armen ärmer.
Eine beunruhigende Entwicklung, die vor allem in dieser Zeit der Krise zum Sprengsatz werden kann. Schließlich stellt sich die Verteilungsfrage heute mit neuer Schärfe. Angesichts der Milliardensummen, die nötig sind, um die Banken zu stützen, den Euro zu retten und die Staatsschulden abzutragen – und die irgendjemand wird aufbringen müssen. Die Bundesregierung stellt Steuersenkungen in Aussicht, dabei ist zu befürchten, dass in Zukunft vor allem über neue Lasten gestritten wird. Bei den Arbeitslosen wurde schon begonnen, Hilfsprogramme in Milliardenumfang zusammenzustreichen. Das dürfte – sollte die Krise nicht eine unerwartet positive Wendung nehmen – nur der Anfang sein. Vor diesem Hintergrund steigert sich das Unbehagen über die Entwicklung der vergangenen Jahre zur Empörung. Der Niedriglohnsektor wuchs, die Mittelschicht schrumpfte – und nun sollen die nächsten Zumutungen folgen?
Selbst im eher bürgerlichen Lager wächst der Unmut. »Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat«, lautete am vergangenen Wochenende die Überschrift über einem ganzseitigen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung . Darin zitierte Herausgeber Frank Schirrmacher mit Wonne aus der Kolumne eines konservativen britischen Kolumnisten, der inzwischen fürchtet, das Wirtschaftssystem diene am Ende doch nur den Reichen. Das mag zugespitzt sein, entspricht jedoch einem verbreiteten Unbehagen. Einem Rumoren in weiten Teilen der Gesellschaft, das nicht nur in Großbritannien, sondern auch hierzulande jede zukünftige Debatte über eine gerechte Verteilung begleiten wird – mehr oder minder laut.
Dabei ist der Trend zu einer ungleicheren Beteiligung am Wohlstand weder unausweichlich, noch hat er sich in den vergangenen Jahren so bruchlos fortgesetzt, wie es oft erscheint. Und vor allem sind die Ursachen zum Teil völlig andere als die, über die in der politischen Debatte am heftigsten gestritten wird. Tatsache ist aber: Die soziale Kluft hat sich enorm verbreitert.
Heute haben die zehn Prozent Haushalte mit den höchsten Einkommen in Deutschland fast elfmal so viel Geld zur Verfügung wie die zehn Prozent mit den niedrigsten. Ab einem Haushaltsnetto von 7.545 Euro im Monat gehört man zur Spitze, mit weniger als 712 Euro zählt man zum untersten Zehntel. Berücksichtigt sind dabei sämtliche Einnahmen – egal, ob Lohn, Arbeitslosengeld, Rente oder Dividenden – nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben. Unmittelbar vergleichbare Zahlen für die Vergangenheit hat das Statistische Bundesamt nicht. Doch nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD wuchsen die Einkommen des obersten Zehntels in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Vielfaches schneller als die am unteren Rand. Der Abstand zwischen oben und unten wurde also immer größer.
Ebenfalls zugenommen hat die Zahl der Menschen mit solch niedrigen Einkommen, dass Statistiker von relativer Armut sprechen. Die gilt als erreicht, wenn jemand über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Zuletzt war ein Alleinstehender hierzulande demnach »armutsgefährdet«, sofern sein Nettoeinkommen (inklusive Sozialleistungen) bei weniger als 929 Euro im Monat lag. Einer EU-Erhebung zufolge lagen im Jahr 2004 zwölf Prozent aller Deutschen unter der (damaligen) Armutsschwelle, 2008 waren es schon 15,5 Prozent. Mehr relative Armut verzeichnen vor allem osteuropäische Länder, aber auch Italien (18 Prozent), deutlich weniger die Skandinavier, die Niederlande und Österreich (zwischen 11 und 13 Prozent). Auch hier zeigt sich: Deutschland ist im Mittelfeld angekommen.
Noch viel extremer als bei den Einkommen sieht es indes bei den Vermögen aus. Laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung besaßen zuletzt 10 Prozent der Bevölkerung 56 Prozent des hierzulande angehäuften Eigentums. Auf die untere Hälfte der Bundesbürger entfiel dagegen nahezu nichts: Ihr gehörten bloß zwei Prozent aller Vermögenswerte. Eine nur schwer vorstellbare Vermögenskonzentration. Womöglich gab es sie allerdings auch vor zwanzig, dreißig Jahren schon. Darauf deuten ältere Erhebungen hin, die jedoch nicht voll vergleichbar sind. Unzählige Wirtschaftsdaten werden laufend erfasst, doch ausgerechnet bei den Vermögen bleibt vieles im Dunkeln.
Zumindest fühlen sich Wohlhabende in Deutschland offenbar viel wohler, als es oft behauptet wird. Die Beratungsfirma Capgemini untersucht jedes Jahr, wie es um die Reichen in der Welt steht – um die High Net Worth Individuals, kurz HNWI. Als solche bezeichnen die Berater Personen, die ohne ihre hauptsächlich genutzte Immobilie, ohne Autos und andere Gebrauchsgegenstände, ohne Sammlungen und nach Abzug von Schulden über ein freies Vermögen von über einer Million Dollar verfügen. Rund 924000 Bundesbürger sind nach diesen Kriterien derzeit reich – mehr als doppelt so viele wie in Großbritannien oder Frankreich. Es gibt demzufolge überhaupt nur zwei Länder auf dem Globus, die USA und Japan, in denen mehr dieser HNWI zu Hause sind als in Deutschland. Die Bundesrepublik – Heimat der Reichen und zugleich Heim der Habenichtse. Das gehört mittlerweile zur deutschen Realität.
Deutschland hat den höchsten Anstieg der Lohnungleichheit
Schon im Herbst 2008 warnten Experten der OECD: Armut und Ungleichheit haben sich in keinem anderen Industrieland so schnell ausgebreitet wie zuletzt in der Bundesrepublik. Nirgendwo habe sich die Kluft zwischen den Topverdienern und den Verlierern am Fuß der Einkommensskala so rasant ausgedehnt wie hier. Ein alarmierendes Urteil, das vielen als Beleg dafür galt, wohin die Niedriglohnstrategie Deutschland führt. »Hartz IV ist schuld«, auf diese schlichte Formel verengten sich viele Diskussionen. Dabei führt die Suche nach den Ursachen noch zu ganz anderen Problemen und Versäumnissen.
Denn: Drastisch auseinandergegangen sind die Einkommen insbesondere vor Einführung von Hartz IV im Jahr 2005. Ein wichtiger Grund für die Spaltung, so die OECD-Experten, war der enorme Anstieg der Arbeitslosigkeit. In keinem anderen Land der OECD lebte ein größerer Teil der Bevölkerung in einem Erwerbslosenhaushalt als in Deutschland.
Inzwischen haben wieder mehr Bundesbürger einen eigenen Broterwerb. Und tatsächlich scheint der rasante Anstieg der Einkommensungleichheit zumindest gebremst. Nach einer EU-Erhebung war die Spaltung 2006 am höchsten und ging danach zwei Jahre lang geringfügig zurück. Neuere Zahlen gibt es nicht. Vollständig korrigiert hat sich das einmal entstandene Gefälle aber nicht. Und insbesondere die Armut nahm noch etwas zu. Die Arbeitslosigkeit ist ein wichtiger Faktor für Ungleichheit, aber nicht der einzige.
Auch die Lohnentwicklung hat zur Spreizung bei den verfügbaren Einkommen beigetragen. Wiederum nicht erst seit den Hartz-Reformen, sondern seit rund 20 Jahren. Denn so lange wächst bereits der Anteil der Niedriglöhne. »Deutschland gilt heute als eines der OECD-Länder mit dem höchsten Anstieg der Lohnungleichheit«, sagt Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Gehaltsunterschiede zwischen hoch und gering qualifizierten Arbeitnehmern seien immer größer geworden. Während die Gehälter von Universitätsabsolventen seit Mitte der achtziger Jahre inflationsbereinigt um 22 Prozent gestiegen seien, liege das reale Lohnplus bei Ungelernten im gleichen Zeitraum bei null. Die Fallhöhe je nach Bildungsabschluss war offenbar noch nie so unterschiedlich wie heute.
Dabei handelt es sich um einen internationalen Trend. In fast allen Industrieländern, auch in Skandinavien, drifteten die Löhne und die Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten spürbar auseinander. Den tieferen Grund dafür sehen Experten zum einen in der Globalisierung, durch die Millionen neuer Arbeitskräfte in Niedriglohnländern auf den Weltmarkt gekommen sind, und zum anderen im technischen Fortschritt, der vor allem einfache Arbeit ersetzbar und viele Jobs verlagerbar macht. Wie sehr in Deutschland die Wiedervereinigung und die Öffnung nach Mittel- und Osteuropa für zusätzlichen Druck auf die Löhne sorgten, können auch Fachleute nicht beziffern. In jedem Fall schafft der Markt heute offenbar stärker als je zuvor eine soziale Unwucht. Für den Staat heißt das: Will er die gleiche Balance wie früher wahren, muss er mehr tun. Doch geschehen ist das Gegenteil.
Man kann darauf verweisen, dass es noch ein ganzes Bündel anderer Gründe für mehr Ungleichheit gibt: Familienstrukturen haben sich aufgelöst, es gibt mehr – häufig arme – Alleinerziehende und mehr Dinks ( Double Income No Kids) , also mehr kinderlose Doppelverdiener . »All das spielt eine Rolle«, sagt der Frankfurter Verteilungsforscher Richard Hauser. »Eine einzige Ursache«, so der emeritierte Professor, »gibt es nicht.«
Doch es sind nicht nur die Umstände, es sind nicht nur unbeeinflussbare wirtschaftliche oder merkwürdige soziale Prozesse, die die Gesellschaft auseinanderdriften lassen. Auch der Staat, ausgerechnet er, hat dazu beigetragen. Er ist kein ohnmächtiger Akteur. Er kann Bildungs- und Erwerbschancen beeinflussen, er kann durch Steuern und soziale Leistungen korrigierend in das soziale Gefüge eingreifen. Doch zuletzt – in der politischen Diskussion kaum beachtet – trug er eher dazu bei, den Trend zur Ungleichheit zu verstärken, statt ihn zu verringern.
Zwar blieb der Anteil des Bruttoinlandsproduktes, den der Staat über Steuern eingesammelt und neu verteilt hat, über die vergangenen zwanzig Jahre nahezu konstant. Aber in jüngster Zeit gab es zumindest bei der Einkommensteuer und den Sozialabgaben eine Reihe von Entlastungen. Am meisten profitiert haben, so das Ergebnis einer OECD-Untersuchung, alleinstehende Spitzenverdiener. Umgekehrt fällt Deutschland laut dieser Analyse dadurch auf, dass es ausgerechnet alleinstehende Geringverdiener und Alleinerziehende außergewöhnlich stark mit Steuern und vor allem Sozialabgaben belastet. So verstärkte der Staat die Ungleichgewichte noch.
Darauf weisen auch EU-Daten hin, nach denen die Sozialtransfers in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weniger dazu beitrugen, die Armut zu verringern. Während die Armut vor Umverteilung – also allein aufgrund von Markteinkommen – in den vergangenen Jahren nur noch minimal zugenommen hat, sah das bei der Armutsquote nach Sozialtransfers ganz anders aus. Sie ist zwar immer geringer als ohne Umverteilung. Aber sie stieg spürbar an, von 12 Prozent auf die bereits erwähnten 15,5 Prozent. Ausgerechnet für die Schwächsten hat der Staat also die Hilfen verringert.
Auch in die Vermögensverteilung greift der Staat heute weniger ein als noch vor wenigen Jahren. Dabei werden Vermögen in Deutschland traditionell schon äußerst gering besteuert. Inzwischen erhebt der Fiskus aber gar keine Vermögenssteuer mehr, und zuletzt wurde die Erbschaftsteuer so reformiert, dass heute ganze Konzerne praktisch steuerfrei vererbt werden können. Stärker wurden die Reichen in der Bundesrepublik wahrscheinlich noch nie entlastet. So trägt neben der unsichtbaren Hand des Marktes heute vor allem die öffentliche Hand dazu bei, dass Deutschland ein anderes Land geworden ist.
Abonnieren
Posts (Atom)