Turn on the Closed Captions (CC) to know the countries where the images were filmed and the first name of the interviewees.
What
is it that makes us human? Is it that we love, that we fight ? That we
laugh ? Cry ? Our curiosity ? The quest for discovery ? Driven by
these questions, filmmaker and artist Yann Arthus-Bertrand spent three
years collecting real-life stories from 2,000 women and men in 60
countries. Working with a dedicated team of translators, journalists and
cameramen, Yann captures deeply personal and emotional accounts of
topics that unite us all; struggles with poverty, war, homophobia, and
the future of our planet mixed with moments of love and happiness.
The VOL.1 deals with the themes of love, women, work and poverty.
In order to share this unique image bank everywhere and for everyone, HUMAN exist in several versions : A theatre version (3h11) , a tv version (2h11) and a 3 volumes version for the web
CONTACTS Office Yann Arthus-Bertrand : Yann2@yab.fr Project manager: jessica@human-themovie.org Head of international screenings and distribution : lara@human-themovie.org French events and non-commercial distribution : event@human-themovie.org
Bangladesch
Tausende protestieren nach Feuer in Textilfabrik
(Video: Reuters, Foto: AP)
Die Frauen nähen wie Getriebene, sie werden beleidigt, sexuell
belästigt, geschlagen. Die Textilproduktion für westliche Konzerne in
Billiglohnländern fußt auf der Ausbeutung von Frauen. Wenn Menschen bei
der Herstellung von Billigtextilien sterben wie jetzt in Bangladesch,
ist der Aufschrei jedes Mal groß. Doch an der Situation ändert sich
nichts.
Von Karin Steinberger und Stefan Weber
Jetzt werden wieder alle aufschreien. So wie im September 2012, als in Pakistan zwei Fabriken abbrannten und mehr als 300 Menschen in den Trümmern erstickten.
Es sind immer die gleichen Bilder: verschmurgelte Nähmaschinen, Männer,
die mit bloßen Händen nach ihren Frauen oder Töchtern graben. Es sind
immer die gleichen Probleme: abgesperrte Notausgänge, vergitterte
Fenster, gefälschte Sicherheitszertifikate, korrupte Fabrikbesitzer. Es
sind immer die gleichen Ausreden: der Druck der Weltwirtschaft.
Jetzt kommen die Bilder also aus Bangladesch.
Jetzt graben die Männer in Savar nach den Resten ihrer Frauen, sammeln
Sandalen und bunte Schals aus der Asche. Mehr als 112 Menschen sind am
Wochenende in der Tazreen-Fashion-Fabrik gestorben, in der jeden Monat
eine Million T-Shirts, 800.000 Polo-Shirts und 300.000 Fleecejacken
produziert wurden, unter anderem für C&A, Carrefour, Kik und
Walmart. Fliederfarben, orange, wie es die Branche gerade wünscht. Jeder
neue Trend in Europa bedeutet, dass die Frauen in Bangladesch
Überstunden machen.
In Bangladesch trauerten sie, Nationalflaggen im ganzen
Land wurden auf Halbmast gesetzt, in den Tempeln beteten die Menschen,
Politiker sagten, was zu sagen ist. Dann schlug die Trauer um in Wut.
Tausende Arbeiter gingen in den vergangenen Tagen auf die Straße,
bewarfen Fabrikgebäude mit Steinen, zerstörten Autos und blockierten
Straßen. Hunderte Fabriken wurden geschlossen.
Ein Mindestlohn von 46 Euro im Monat
Es herrscht eine Stimmung wie im Sommer 2010,
als Zehntausende durch die Straßen der Hauptstadt Dhaka zogen und für
eine bessere Bezahlung in der Branche demonstrierten. Damals kämpften
sie für einen Mindestlohn von 5000 Taka im Monat, 46 Euro. Sie hatten es
satt, mit einem Drittel davon abgespeist zu werden. Sie hatten es satt,
ihr Leben zu riskieren für so wenig Geld. Nichts hatte man von ihnen
gehört in all den Jahren, nichts gelesen außer dem kleinen Schild hinten
in zahllosen T-Shirts und Hosen, in Millionen von knappen
Sommerkleidchen und dicken Winterpullovern: Made in Bangladesch.
Jetzt standen sie auf der Straße, die meisten von ihnen
Frauen. Mit glitzernden Ohrringen und golddurchwirkten Saris. Es war
das erste Mal, dass sie aufbegehrten. Die Fabrikdirektoren jammerten,
dass sie die Forderungen ihrer westlichen Auftraggeber nicht werden
erfüllen können. Es gab Verletzte, Tote. Dann war wieder Ruhe.
Bangladesch
Erneut Brand in einer Textilfabrik
Nur drei Tage nach dem tödlichen Großbrand in einer Textilfabrik
ist in einem weiteren Betrieb in Bangladesch ein Feuer ausgebrochen.
Derweil gingen Tausende Arbeiter auf die Straße, um ihrer Wut über den
verheerenden Großbrand vom Wochenende Luft zu machen.
Millionen von Menschen arbeiten in den
Bekleidungsfabriken Bangladeschs. Die Textilindustrie ist der wichtigste
Industriezweig des Landes. Knapp zehn Prozent aller Textilimporte von
Europa kommen aus Bangladesch, das nach China und der Türkei der
drittgrößte Exporteur von Kleidung nach Europa ist. In einer Umfrage
unter den Einkaufschefs großer Modeunternehmen nannten mehr als drei
Viertel der Befragten Bangladesch als das am stärksten aufstrebende
Einkaufsland für Textil. Aber zu welchem Preis?
Nach Angaben der "Kampagne für Saubere Kleidung" starben in Bangladesch
seit 2006 mehr als 470 Menschen bei Bränden in Textilfabriken. Die
Sicherheitsmaßnahmen aber sind meist noch genau so lausig wie schon
immer. Elektrokabel hängen ungeschützt von der Decke, Notausgänge sind
verschlossen, wenn es überhaupt welche gibt. Fenster sind vergittert.
Übungen zum Brandschutz? Meist unbekannt.
Gisela Burckhardt von der "Kampagne für Saubere
Kleidung" kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen, für eine
bessere Bezahlung und für bessere Sicherheitsmaßnahmen in der Branche.
Sie hat Diagramme erstellen lassen, in denen gezeigt wird, wie sich der
Preis der Kleider zusammensetzt: 50 Prozent Gewinn und Kosten des
Einzelhandels, 25 Prozent Markenwerbung, 13 Prozent Fabrikkosten, 11
Prozent Transport und Steuern. Und nur ein Prozent Lohnkosten.
Vor ein paar Jahren hat sie Arbeiterinnen aus
Bangladesch nach Deutschland eingeladen. Sie sollten der Ausbeutung ein
Gesicht geben und den deutschen Käufern zeigen, wer den Preis zahlt für
Kleidungsstücke, die so billig sind, dass man sich schämen muss.
Suma Sarker stand in ihrem glitzernden Gewand im
Neonlicht eines Kik-Discounters in Mannheim und fuhr mit der Hand über
die bunten Nähte kleiner Kinderhosen. Winzige Reisverschlüsse, zierliche
Hosentaschen. 60 bis 70 dieser Taschen näht sie in der Stunde. Dann sah
sie das Preisschild: 4,99 Euro. Und konnte es selbst nicht glauben, wie
billig ihre Arbeit ist.
Die Frauen nähen wie Getriebene. Und auch das:
Sie werden beleidigt, sexuell belästigt, geschlagen. Wer einer
Gewerkschaft beitritt, riskiert es, den Job zu verlieren. Gisela
Burckhardt kennt das schon, wenn ihre Telefone nicht mehr stillstehen
nach einer Katastrophe wie dieser. Und in der Zeit dazwischen? Hat sie
Mühe, das Thema zu den Menschen zu bringen.
Brandschutzabkommen werden von H&M und Gap verhindert
Sie sagt: "Es ist dringend notwendig, das Brandrisiko
branchenweit zu bekämpfen. Nur wenn man Gewerkschaften vor Ort mit
einbindet, wird sich etwas ändern." Immerhin: Tchibo und die
US-Bekleidungsfirma PVH, zu der Marken wie Tommy Hilfiger und Calvin
Klein gehören, haben ein Brandschutzabkommen mit
Arbeitnehmervertretern vereinbart.
Es kann allerdings erst in Kraft treten, wenn
mindestens vier große Modefirmen mitmachen. Firmen wie H&M und Gap
weigern sich bis jetzt. Gisela Burckhardt hofft nun auf Metro (Real,
Kaufhof) und Lidl. Beide hat die "Kampagne für Saubere Kleidung" vor
kurzem aufgefordert, das Brandschutzabkommen zu unterzeichnen. Bis jetzt
- keine Antwort.
Das Problem ist nicht, dass es keine
Zertifizierungssysteme gibt. Im Gegenteil. Allein deutschen Unternehmen
stehen etwa 80 verschiedene Instrumente zur Verfügung. Viele Firmen
haben außerdem selbst einen Code of Conduct oder Compliance-Richtlinien
festgelegt. Aber Aufträge werden von Subunternehmer zu Subunternehmer
weitergereicht. Die wenigsten Firmen kennen ihre Lieferkette. Gisela
Burckhardt macht das wütend, wie sich die große Firmen seit Jahren
herausreden. Sie will verhindern, dass es so ist wie immer: Es werden
alle aufschreien.
Aber passieren wird - nichts.
Nirgendwo sonst in Afrika wird so viel Kupfer produziert wie in
Mufulira. Der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore betreibt in dieser
Stadt in Sambia mehrere Untertageminen und eine riesige Kupferhütte.
Mufulira heisst zu Deutsch „Ort des Reichtums“. «Reporter» zeigt ein
Portrait der Minenstadt und geht der Frage nach, wie die Einwohner vom
Rohstoffreichtum profitieren.
Glencore hat die Mine in Sambia
2001 übernommen und die Kupferproduktion massiv gesteigert. Dabei sind
die Schwefeldioxid-Emissionen des Werks derart angestiegen, dass sie
Gesundheitsschäden verursachen, wie der Chefarzt des Spitals, Makasa
Sichela, erzählt: „Wenn die Fabrik viel Abgase ausstösst, werden hier
Neugeborene mit Atemnot und Lungeninfektionen eingeliefert.“
Die
Schweizer Besitzer sind daran die Kupferhütte zu erneuern. Dabei werden
einige der Umweltprobleme nicht gelöst, sondern verlagert, wie Reporter
Res Gehriger in Mufulira feststellt.
von: Martin Vetterli, Beobachter,
Zuletzt aktualisiert:
30.07.2012
Bodenschätze: Wie Glencore Afrika ausnimmt
Entwicklungsländer exportieren immer mehr
Bodenschätze. Doch reich werden damit nur die weltweit tätigen
Rohstoffkonzerne. Zum Beispiel der Schweizer Riese Glencore im Kongo.
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Er fördert wie Tausende andere in Handarbeit Rohstoffe für den
Westen: selbständiger Schürfer in Kamatanda, Kongo
Das Operationsfeld sind Staaten, die so schwach und korrupt
sind, dass sie keine Gegenwehr leisten. Dort lassen Männer wie Glencore-Chef
Ivan Glasenberg Erze in rauen Mengen abbauen. Die Milliardengewinne versteuern
sie aber andernorts, wo die Steuersätze gegen null tendieren. Auf der Strecke
bleiben Länder wie die Demokratische Republik Kongo, eines der ärmsten Länder
der Welt. Auf dem Wohlstandsbarometer der Uno steht es auf Rang 187 von 187,
auf dem Korruptionsindex auf Platz 168 von 182.
Für Entwicklungspolitiker ist der Kongo ein Alptraum. Nach drei
Bürgerkriegen ist die Infrastruktur zerstört, der Staat ein Wrack. Vier von fünf
Kongolesen leben von weniger als 20 Rappen am Tag. Vier von fünf haben keinen
Zugang zu medizinischer Versorgung. Vier von fünf sind unterernährt. Die
Jugendarbeitslosigkeit beträgt 70 Prozent. Jedes achte Kind stirbt vor dem
ersten Geburtstag, eines von vier besucht die Schule. Das Land zählt 10'000
Festnetzanschlüsse – und 71 Millionen Einwohner.
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Auch die Gewinne werden exportiert: Kupfermine im Kongo
Glencore weiss, wie man Steuern umgeht
Dabei ist der Kongo mit Bodenschätzen gesegnet: Gold, Diamanten
und das für die Computerindustrie wichtige Erz Coltan. In der Südprovinz Katanga
liegen 80 Prozent der Kobalt- und 10 Prozent der weltweiten Kupferreserven. Vor
30 Jahren stammten 70 Prozent der Steuereinnahmen der Provinz aus dem Bergbau,
2006 waren es noch 7 Prozent. In Katanga baut auch der Zuger Branchengigant
Glencore Kupfer ab. Sein Konzerngewinn liegt aktuell bei 4,1 Milliarden Dollar.
Die Steuerquote ist ein Witz. 2010 fiel sie unter zehn Prozent – dank einer
Unternehmensstrategie, die konsequent auf Steuervermeidung zielt.
Wie Glencore vorgeht, haben die christlichen Hilfswerke
Fastenopfer und Brot für alle im Kongo recherchiert. Das erstaunliche Ergebnis:
Die dortigen Glencore-Firmen schreiben rote Zahlen. Den Gewinn streichen die
Glencore-Filialen ein, die Büros in Steuerparadiesen haben.
Die Hilfswerke werfen dem Rohstoffmulti vor, den Kongo in den
letzten zwei Jahren um bis zu 196 Millionen Dollar geprellt zu haben. Gelder,
die das Land für den Wiederaufbau dringend nötig hätte. Glencore verwendet es
lieber anders. Etwa, um die Manager des Bergbaukonzerns Xstrata mit einem
370-Millionen-Franken-Almosen für eine Fusion gefügig zu machen. Das Vorhaben
wurde Ende Juni vertagt; der Staatsfonds von Qatar, zweitgrösster
Xstrata-Aktionär, will mehr Geld sehen.
Auch die kongolesische Glencore-Filiale Kamoto Copper Company
(KCC) schreibt Verlust – zumindest offiziell. Laut einem Firmeninsider
deklarierte sie 2011 gegenüber dem kongolesischen Staat 225 Millionen Dollar
Verlust – eine Zahl, die sie nie öffentlich machte. Gemäss dem konsolidierten
Bericht der Mutterfirma verdiente KCC aber 110 Millionen.
Die Gewinne flossen durch das Glencore-Firmensystem ab. Das
funktioniert, weil KCC zu drei Vierteln fünf Glencore-Töchtern gehört, die eins
gemeinsam haben: einen Firmensitz in einer Steueroase. Diese fünf sind im Besitz
der in Toronto kotierten Katanga Mining. Die wiederum ist zu 75 Prozent in
Glencore-Hand (siehe nachfolgende Grafik).
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Das System Glencore: Steuern sparen nach Zuger Art
Die Minenfirma Kamoto Copper Company weist gegenüber dem
kongolesischen Staat Verluste aus – und muss deshalb nur ein Promille des
Umsatzes versteuern. Die Gewinne streichen Glencore-Filialen in Steueroasen und
der Mutterkonzern in der Schweiz ein.
Zehn Konzerne, 6000 Tochterfirmen
Die Glencore-Filialen hängen eng zusammen. So arbeitet die
Zuger Katanga Mining Services für KCC. Dafür kassierte sie einen beträchtlichen
Teil der 202,8 Millionen Dollar (2010: 111,5 Millionen), die das
Minenunternehmen für «andere Serviceleistungen» ausweist. Ob diese zu
marktüblichen Preisen verrechnet werden, lässt sich kaum überprüfen. Das gilt
auch für die letztes Jahr bezahlten 208,3 Millionen Dollar Zinsen (2010: 190,2
Millionen), die KCC verschiedenen Glencore-Töchtern zahlte.
Im Kongo, wo die Unternehmenssteuern 30 Prozent betragen,
fallen nur Verluste an. Versteuern muss KCC gemäss Minengesetz so nur ein
Promille des Umsatzes. Zudem kann sie ihre Milliardeninvestitionen beschleunigt
abschreiben und Verluste über fünf Jahre von späteren Gewinnen abziehen: 2008
beendete die Firma mit einem Minus von 1,25 Milliarden Dollar. Der Kupferpreis
war eingebrochen, die Erträge sanken, man stufte den Wert der Kupferreserven
ab, schob Projekte auf die lange Bank. Der Buchverlust ist eine Garantie, dass
KCCs Steuerlast leicht bleibt.
Steuersparen mit komplexen Firmenstrukturen gehört zum
Geschäft der Rohstoffbranche. Den zehn grössten Konzernen gehören 6038
Tochterfirmen. Jede dritte hat den Firmensitz in einer Steueroase. Bei Glencore
ist fast die Hälfte der 46 Töchter in einem Steuertiefstland zu Hause.
Fastenopfer und Brot für alle vermuten auch, dass Glencore die
Umsatzzahlen im Kongo manipuliert. Mutanda Mining, die andere
Glencore-Minengesellschaft vor Ort, wies für 2011 eine Produktionsmenge von
63'700 Tonnen Kupfer aus. Eine Quelle, die die Zahlen kennen muss, sagt: Es
waren 10'000 Tonnen mehr. Der Kongo verurteilte Katanga Mining Anfang Mai zu
Steuernachzahlungen und einer Busse von 14,5 Millionen Dollar. Die Firma hatte
im ersten Quartal zu tiefe Kupferexporte angegeben.
«Glencore hält sich an die Vorschriften»
Laut den Hilfswerken beschäftigt KCC zudem im Kongo 136
Ausländer zu 100 Prozent – diese besitzen aber Beraterverträge ausländischer
Glencore-Filialen. Für die Angestellten der perfekte Deal. Sie müssen im Kongo
deutlich weniger als die sonst fälligen 25 Prozent an den Staat abliefern. Auch
damit entgehen dem Land Millionen.
Der Kongo ist nicht das einzige Land, in dem Glencore
aggressiv Steuern optimiert. Im benachbarten Sambia wies ihre Minengesellschaft
Mopani zwischen 2000 und 2008 konstant Verluste aus. Externe Prüfer entdeckten
Unregelmässigkeiten, etwa aufgeblasene Betriebskosten. Jetzt ermittelt eine
Kommission des britischen Parlaments.
Für Glencore ist trotzdem «nicht nachvollziehbar», auf welcher
Grundlage die Vorwürfe der beiden Hilfsorganisationen basieren. «Glencore hält
sich an sämtliche Steuer- und anderen Vorschriften der Demokratischen Republik
Kongo», teilt Sprecher Bernhard Schmid dem Beobachter mit. KCC und Mutanda
hätten letztes Jahr dem Kongo 166 Millionen Dollar Steuern abgeliefert. Und die
Steuerleistungen würden «in den nächsten Jahren substantiell wachsen, weil das
gegenwärtig hohe Investitionsniveau entsprechende Einnahmen zu generieren
beginnt». Auch habe die Zahl ausländischer Mitarbeiter «signifikant
abgenommen». Man versuche, «wo immer möglich kongolesische Staatsangehörige zu
beschäftigen».
USA und EU handeln, die Schweiz wartet ab
Die Konsequenzen aggressiver Steuervermeidung spüren alle
Förderländer. Obwohl sich der Preis von Gold, Silber und Nickel verdreifachte,
jener von Kupfer, Platin und Zinn auf das Vierfache kletterte, Blei fünfmal
teurer wurde, blieben ihre Einnahmen zwischen 2003 und 2008 praktisch gleich.
Laut Schätzungen der OECD entgehen den Entwicklungsländern jährlich 160
Milliarden Dollar Steuereinnahmen. Das ist deutlich mehr als die 125 Milliarden,
die alle OECD-Länder zusammen in die Entwicklungszusammenarbeit investieren.
Gegen diese Form der Steuerflucht gäbe es ein wirksames
Mittel: transparentere Konzernrechnungen. Müssten die Firmen wichtige
Kennziffern wie Umsatz, Gewinn, Steuerkosten länderweise ausweisen, kämen
unsaubere Steuerpraktiken eher ans Licht. Wenn etwa eine auf den Bahamas
beheimatete Tochterfirma ohne Personal 10 Prozent des Konzerngewinns erzielt,
liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Briefkastenfirma handelt.
In den USA und in der EU gibt es Anstrengungen, dieses
«Country-by-Country-Reporting» einzuführen, die Schweiz wartet jedoch ab.
Glencore hält solche Pläne gar für «nicht nützlich». Die Kosten für eine
Rechnungslegung nach Ländern stünden in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn,
sagt ihr oberster Steuerexperte Tim Scott.
Ganz anders sieht es Andreas Missbach von der Erklärung von
Bern: «Entwicklungsländer brauchen mehr als nur ausländische Hilfe, um
dauerhafte Fortschritte in der Armutsbekämpfung zu machen. Sie müssen rasch ihre
Steuereinnahmen erhöhen und den Kapitalabfluss eindämmen.» Steueroptimierung à
la Glencore sei nur möglich, solange jede Tochterfirma separat besteuert werde.
«Die Fiktion der Selbständigkeit verkennt, dass viele dieser Konstrukte einzig
dem Zweck dienen, die Steuerzahlungen der Muttergesellschaft zu drücken.»
François Mercier von Fastenopfer sagt: «Wir wollen mit neuen
Rechnungslegungsvorschriften ein Stück Transparenz schaffen.» Wenn klar werde,
wie transnationale Konzerne Gewinne ins Ausland schaffen, könnten betroffene
Länder besser reagieren – und etwa die Exporte stärker besteuern. «Wir sagen
nicht, die Rohstoffkonzerne müssten raus aus dem Kongo. Sie sollen dort nur
endlich fair Steuern zahlen.»
Heute zum Thema "Beitragen statt tauschen" was etwas institutionalisierter unter dem Namen "Peer-Production" bekannt ist.
Peer-Produktion ist die freiwillige Kooperation zwischen Gleichberechtigten (englisch: peers), die zu einem gemeinsamen Ziel beitragen. Bezahlt werden sie dafür nicht.
In den letzten Jahrzehnten ist eine neue Produktionsweise entstanden, die auf Kooperation und Teilen beruht. Diese Produktionsweise hat ausgereifte Betriebssysteme wie GNU/Linux sowie unzählige andere Freie Softwareprogramme hervorgebracht. Auch riesige Wissenssysteme wie die Wikipedia, eine große Bewegung Freier Kultur, und die sogenannte Blogosphäre – ein neues, dezentralisiertes Medium für die Verbreitung und Diskussion von Nachrichten und Wissen – sind auf ihrer Grundlage entstanden.
Bislang wird diese neue Produktionsweise – Peer-Produktion genannt – allerdings nur bei Informationsgütern praktiziert. In diesem Buch wird die Frage diskutiert, ob diese Beschränkung notwendig ist oder ob das Potential der Peer-Produktion weiter reicht. Ist eine Gesellschaft möglich, in der Peer-Produktion die dominierende Produktionsweise ist?
Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, wo die Bedürfnisse, nicht der Profit bestimmen, was und wie produziert wird? Wo es keinen Bedarf gibt, irgendetwas zu verkaufen, und somit auch keine Arbeitslosigkeit? Wo Konkurrenz eher ein Spiel ist als ein Kampf ums Überleben? Wo es keinen Unterschied mehr zwischen Menschen mit und Menschen ohne Kapital gibt? Eine Gesellschaft, die keine Knappheit braucht und in der es dumm wäre, Ideen und Wissen geheim zu halten statt sie zu teilen?
Inzwischen glaube ich auch, dass die formelle Ebene des Aufwand-Abrechnens typischerweise ganz verzichtbar sein dürfte. Bei Freier Software und anderen heute verbreiteten Formen von Peer-Produktion funktioniert es ja auch ohne Aufwands-Abrechnung, und ich denke inzwischen, dass Ähnliches auch in der materiellen Welt möglich ist. Darüber schreibe ich in meinem neuen Text über „Selbstorganisierte Fülle“.
Diese Dokumentation zeigt, dass die Schokoladen-Industrie Kinderhandel und Kinderarbeit zumindest duldet. Denn sonst müssten die Hersteller mehr unternehmen, und wirklich nur von Herstellern kaufen, bei denen garantiert keine Kinder arbeiten.
Ferrero, Guylian, Hofbauer, Lindt, Mars, Milka, Nestlé, Storck oder Suchard schneiden weiterhin bei Ökologie, Soziales und Tierschutz nur mit „Kritisch" oder „Ungenügend" ab.
Workingman’s Death ist ein Dokumentarfilm von Michael Glawogger aus dem Jahr 2005. Er zeigt fünf Beispiele körperlicher Schwerstarbeit unter extremen Bedingungen an verschiedenen Orten der Erde.
AUS AKTUELLEM ANLASS von Ernst Lohoff 1.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war man sich in der Erwartung einig, daß Fortschritt und Vernunft das heranbrechende Säkulum prägen würden. Die Herausbildung der modernen Warengesellschaft wurde als Prozeß der sukzessiven Entmystifizierung und restlosen Durchrationalisierung aller Verhältnisse verstanden. Die sozialistische Opposition proklamierte zwar, erst die Befreiung von kapitalistischer Herrschaft würde das von ihr emphatisch mit gefeierte Rationalitätspotential der Moderne voll zur Entfaltung bringen; kulturkonservative Stimmen wiederum trauerten um all das, was sie mit der voranschreitenden "Entzauberung der Welt" verloren gehen sahen; beide Strömungen haben damit die herrschende fortschrittsoptimistische Sichtweise aber keineswegs in Frage gestellt, sondern lediglich variiert.
Der reale Gang der Geschichte hat diese Annahme grausam dementiert. Das Jahrhundert der Zweckrationalität und der technologischen Machbarkeit entpuppte sich als ein Jahrhundert entfesselter Irrationalität, des Massenwahns und von bis dato unvorstellbarer Zerstörung und Unmenschlichkeit.
Auf die Frage, warum sich die optimistischen Voraussagen ihrer Großväter nicht erfüllt haben, haben die Enkel und Urenkel, sofern sie den herrschenden Irrsinn überhaupt noch für ein Problem halten, vornehmlich eine Antwort parat: Die rasante Durchrationalisierung und explosionsartige Vermehrung der technischen und sozialen Mittel sei mit keiner entsprechenden Rationalisierung der sozialen Zwecke einhergegangen. Die Menschheit ähnelt demnach einer Rasselbande Fünfjähriger, die von einem Tag auf den anderen für ihre Wettrennen statt Dreirädern Rennwagen benutzt und die ihre Cowboyspiele nicht länger mit Stöcken betreiben muß, sondern dabei automatische Waffen und atomare Sprengköpfe zur Verfügung hat.
So richtig es ist, mit Günther Anders von einer "A-synchronisiertheit des Menschen mit seiner Produktewelt" zu sprechen und eine Differenzierung zwischen der allerorten herrschenden Mittelrationalität und der fehlenden Sinnrationalität aufzumachen, so irreführend wäre es allerdings auch, das Auseinandertreten von "Machen und Vorstellen" und von "Wissen und Gewissen" wortwörtlich als Zurückbleiben des jeweils letzteren zu deuten. Der Irrationalismus der Moderne hat keineswegs das Fortleben irgendwelcher steinzeitlicher Instinkte und die Beharrungskraft eines biologischen Substrats zum Hintergrund. So oft sich die Moderne als mörderisch erwies, waren vielmehr noch jedesmal genuin moderne Vorstellungen, Haltungen und Ideologien am Werk. Nicht daß der universelle Rationalisierungsprozeß das Terrain von Sinn und Zweck ausgespart hätte und unvollständig geblieben wäre, ist also das Problem; der Prozeß der Rationalisierung hat vielmehr selber seine dunkle, irrationale Rückseite. Wo die Moderne von angeblich "archaischen" Elementen überschwemmt wird, handelt es sich noch jedesmal um so etwas wie eine sekundäre, von ihr selber überhaupt erst geschaffene Instant-Archaik. (Aus diesem Grund halte ich übrigens auch den Begriff der Barbarei für wenig hilfreich, ja für verharmlosend. In Sachen Mordlust und Zerstörungswut waren die tatsächlichen Barbaren im Vergleich mit der westlichen Zivilisation allemal Waisenknaben).
Dieses Verdikt gilt auch für das Kapitel in der Geschichte der modernen Warengesellschaft, das am allerwenigsten zum ach so aufgeklärten Selbstverständnis der Apologeten von westlicher Marktwirtschaft und Demokratie passen will: die nationalsozialistische Judenvernichtung. Der Holocaust fügt sich nicht nur insofern in die Durchsetzungsgeschichte der Warengesellschaft ein, als er mit modernen Mitteln umgesetzt wurde; auch die "antisemitische Welterklärung" ist als spezifisches Produkt der Moderne zu fassen (Darauf, daß der moderne Antisemitismus sowohl in der Sache wie terminologisch strikt vom traditionellen Judenhaß zu scheiden ist, hat übrigens schon Hannah Arendt in ihrem Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" insistiert). Mehr noch, der antisemitische Wahn verweist unmittelbar auf den Irrationalismus der gesellschaftlichen Basisform selber und damit auf das dunkle Zentrum der modernen Warengesellschaft. 2.
Diese Zuordnung mag auf den ersten Blick ein wenig befremden, schließlich schlägt sie nicht nur den Legitimationsbedürfnissen des herrschenden demokratischen Bewußtseins ins Gesicht, das wohlweislich keinerlei Kontinuität zwischen dem Nationalsozialismus und den Nachfolgedemokratien erkennen will. Auch die linke Theorie hat es nicht vermocht, den inneren Zusammenhang von Antisemitismus, kapitalistischer Produktionsweise und moderner Massendemokratie zu erhellen.
Daß der Antisemitismus aus der traditionellen Kapitalismusanalyse herausfällt und dementsprechend entweder zur reinen Ablenkungs- und Sündenbockideologie verharmlost oder ergänzungstheoretisch zugeordnet wurde, ist indes keineswegs der Sache selber geschuldet, sondern nur den Schwächen des traditionellen Antikapitalismus. Die Linke hat seit jeher den letzten Grund der gesellschaftlichen Entwicklung im Klassenkampf bzw. in der Konkurrenz großer sozialer Interessengruppen verortet. Dementsprechend ist sie darauf geeicht, alle Ideologien und gesellschaftlichen Strömungen auf den Kampf der jeweils für zentral erklärten gesellschaftlichen Großgruppen zurückzuführen. In diesem soziologistischen Bezugsrahmen läßt sich die antisemitische Ideologie aber tatsächlich noch weniger fassen als Rassismus überhaupt (es sei denn um den Preis eines grotesken Reduktionismus). Ein Zugang zur Analyse des Antisemitismus öffnet sich erst, wenn man eine Ebene tiefer ansetzt und das zum Problem macht, was der traditionelle Antikapitalismus immer systematisch ausgeblendet hat, nämlich den warengesellschaftlichen Formzusammenhang, der den konkurrierenden Interessen immer schon vorausgesetzt ist und sie überhaupt erst konstituiert. Der antisemitische Wahn drapiert keine bloßen Konkurrenzinteressen, er steht vielmehr wesentlich für die nach außen projizierte Angst des Konkurrenzsubjekts vor sich selber. 3.
Die Warengesellschaft zeichnet sich bekanntlich durch eine basale Verkehrung aus, die Marx als Fetischismus der Warenform bezeichnet hat. Der gesellschaftliche Zusammenhang tritt in dieser merkwürdigsten aller denkbaren Gesellschaftsformationen nicht unmittelbar als das in Erscheinung, was er eigentlich nur sein kann, nämlich als ein Geflecht sozialer Beziehungen. Das gesellschaftliche Verhältnis verselbständigt sich vielmehr gegenüber seinen menschlichen Trägern, fährt in die Kaufdinge wie einst zu Pfingsten der heilige Geist in die ersten Christen und verwandelt sich in deren eingeborene Eigenschaft. Seine vollendete und handgreiflichste Gestalt findet diese Realparadoxie im Kapitalfetisch. Die Unterwerfung lebendiger Arbeit unter die tote erscheint als die natürliche Fähigkeit des Kapitals zur Selbstvermehrung. Auf der Basis der Herrschaft des Werts heckt, um Marx zu paraphrasieren, Geld ebenso selbstverständlich mehr Geld wie ein Birnbaum Birnen trägt.
Waren haben keine Beine. Sie müssen sich notgedrungen Besitzer halten, um zu Markte zu kommen. Dieser Umstand hebelt indes in keiner Weise die Warenmagie aus, sondern führt lediglich dazu, daß sich ihre Mysterien an der fetischistischen Subjektform ihrer Knechte und Repräsentanten wiederholen. Eine Ware ist nur eine Ware, wenn sie gegen andere austauschbar ist und es ihr allzeit freisteht, den Tauschpartner nach Gusto zu wählen. Durch die Reduktion ihrer sozialen Daseinsweise auf die Existenz als potentieller oder tatsächlicher Stellvertreter von Waren (einschließlich der Ware Arbeitskraft) werden die Menschen dieser Vorrechte teilhaftig und die Subsumtion unter die universelle Herrschaft der Warenform verwandelt die menschliche Personage in eine Ansammlung von Freien und Gleichen.
Die heiligen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit haben aber weder etwas damit zu tun, daß sich die Menschen aus freien Stücken in ihrer Verschiedenheit als gleichermaßen wertvoll anerkennen würden, noch mit einer Angleichung der realen Bedingungen für die einzelnen Konkurrenzsubjekte. Freiheit und Gleichheit meinen einzig und allein, daß alle sich als Marktsubjekte am gleichen abstrakten Maßstab zu messen haben und jeder nur diesem objektivierten Zwang und keinem persönlichen Abhängigkeitsverhältnis zu folgen hat. Wo Unterschiedliches aber über den immer gleichen Leisten geschlagen wird, kann das Ergebnis nur in einer strikten Hierarchisierung des Gemessenen bestehen. Der Konkurrenzkampf scheidet rigoros die Erfolgreichen von den Erfolglosen und verewigt die Trennungslinie zwischen ihnen. Mehr noch: Wie das gesellschaftliche Verhältnis an der Ware ausgelöscht wird und zur Quasi-Eigenschaft des Dings gerinnt, genauso muß sich in der Welt von Freiheit und Gleichheit jedes Unterliegen in ein persönliches Versagen, in einen Eigenschaftsdefekt des Unterliegenden verwandeln. Der gesellschaftliche Zusammenhang, der Verlierer produziert, ist in der Wahrnehmung der Subjekte unsichtbar geworden und die Insuffizienz der Warengesellschaft als Reproduktionsordnung erscheint als Minderwertigkeit der Verlierer. Die liberale Gleichheitsideologie, die jeden zu seines Glückes Schmied erklärt hat, schlägt damit in ihr Gegenteil um. Das gilt nicht allein auf der individuellen Ebene, sondern auch auf der kollektiven. Letztlich sind dann alle Teile der Weltbevölkerung inferior, denen die Objektivität des Marktes keinen Sonnenplatz zuteilen kann und die sich dessen Geboten nicht seit jeher genauso vorbehaltslos unterworfen haben wie der weiße Mann.
Sein Vorsprung in der Verinnerlichung des universalistischen Diktats läßt den homo occidentalis als den eigentlichen Menschen erstrahlen. Kein Licht indes ohne Schatten. In die explizit oder implizit rassistisch und sexistisch unterfütterte Selbstüberhöhung mischt sich seit jeher ein melancholisches Moment, eine gewisse Ahnung von dem Opfer, das die Anpassung an die Herrschaft der universellen Abstraktion vom weißen Mann fordert. Die Frau und der Südländer werden nicht nur abgewertet, in sie wird gleichzeitig der mit der warengesellschaftlichen (Selbst)instrumentalisierung verlorengegangene unmittelbare Bezug auf die innere und äußere Natur hineingelegt. Sie sind dem Eigenschaftsdenken entsprechend Natur, die es zu unterwerfen, zu vernutzen aber eben auch ein wenig zu glorifizieren gilt. 4.
Trotz ihrer Anpassung an die Gebote der Warenlogik sind auch deren weiße Lieblingskinder nicht davor gefeit, daß sich der blinde warengesellschaftliche Prozeß gegen sie wendet und auch für sie zum Alptraum wird. Für den stolzen Naturbeherrscher hat die Erfahrung, höchstpersönlich wie ein Stück Natur anonymen Kräften ausgeliefert zu sein und sich strukturell im Grunde in einer ganz ähnlichen Position wiederzufinden wie die für "minderwertig" Erklärten, einen besonders traumatischen Charakter. Dieses Trauma muß die Warensubjektivität und das Denken in der Eigenschaftsform indes keineswegs sprengen. Der Schock läßt sich auch auf dieser Grundlage "bewältigen" — und genau für eine solche Verarbeitungsform steht der Antisemitismus. Wo der kapitalistische Prozeß als Ungemach über den weißen Mann selber hereinbricht oder ihn verunsichert, kann natürlich nicht wie bei Frauen und Farbigen das eigene Ungenügen für diese Bedrohung verantwortlich sein. Umso näher liegt es indes, die Ursache in die dunklen Machenschaften einer fremden sozialen Gruppe hineinzulegen. Wie Sexismus und Rassismus die Beziehung zur inneren und äußeren Natur externalisiert haben, um sie als besondere Eigenschaft den weiblichen und nichtweißen Vorsubjekten und Halbsubjekten zuzuschreiben, so gilt es nun, die Schrecken der Wertabstraktion als das Werk eines separierbaren phantastischen, vom Bösen besessenen Übersubjekts dingfest zu machen.
Welchen Namen und Adresse diese ominöse allgegenwärtige Macht trägt, die stellvertretend für die Schattenseite der Moderne steht, war nicht erst für die Nazis, sondern bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert für eine breite gesellschaftliche Strömung eine ausgemachte Sache: "Die Juden sind unser Unglück" (Treitschke).
Auf den ersten Blick mutet die Vorstellung, eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, seien es nun Juden, Radfahrer oder Menschen mit Sommersprossen, wäre für einen alle gesellschaftliche Bereiche erfassenden Abstraktionsprozeß haftbar zu machen, schlicht absurd an. Offensichtlich handelt es sich hier um einen Projektionsmechanismus, der eine fatale Ähnlichkeit mit psychotischen Krankheitsbildern aufweist. Diese wahnhafte Wahrnehmung hat indes — und diesem Umstand verdankt sie ihre gesellschaftliche Ausstrahlungskraft und die Beharrlichkeit, mit der sie sich reproduziert — ihre Entsprechung in der strukturellen Verrücktheit der Warengesellschaft. Daß der allgemeine gesellschaftliche Abstraktionsprozeß die Gestalt von etwas Ausgesondertem annimmt, ist keine antisemitische Erfindung, sondern entspricht schlicht und einfach der warengesellschaftlichen Alltagspraxis. 5.
Unter der Herrschaft der Wertabstraktion wird der gesamte gesellschaftliche Zusammenhang auf die Beziehung von Privatproduzenten und damit auf den Austausch abstrakter Arbeitsquanten reduziert. Alles, was gesellschaftlich gültig sein will, muß Ware werden und damit Inkarnation von abstrakter Arbeit. Dieser universelle Zurichtungsprozeß kann indes nur funktionieren, wenn dabei gleichzeitig eine spezielle Ware zur Ware aller Waren aufsteigt und sich über den übrigen Warenpöbel als universelle Bezugsgröße erhebt. Aus dem Warenfetisch folgt notwendig der Geldfetisch. Schon die Übersetzung sozialer Beziehungen in Warenbeziehungen bedeutet deren Verdinglichung. Aber gerade weil dieser basale Verdinglichungsprozeß in der Inthronisierung des Geldes so etwas wie eine Fortsetzung in zweiter Potenz erfährt, entrückt die zugrundeliegende verrückte Metamorphose dem Blickfeld. Die Wertabstraktion existiert grundsätzlich doppelt, einerseits als ein gesellschaftlicher Prozeß, der sich an allen Waren gleichermaßen vollzieht und niederschlägt, andererseits in der Gestalt des Geldes, das neben die übrigen Waren tritt, um ihren Austausch zu vermitteln. Die unmittelbare Sichtbarkeit der zweiten abgeleiteten Erscheinungsform macht das basale Verhältnis unsichtbar.
Dieses Problem wird vielleicht deutlicher, wenn man einen Blick auf den Doppelcharakter der Ware als Träger von Tausch- und Gebrauchswert wirft. Sowohl als Gebrauchsding wie als Tauschding ist die Ware dem gesellschaftlichen Abstraktionsprozeß unterworfen. Als Gebrauchswert ist die Ware insofern per se ein soziales Abstraktum, als ihre spezifische Nützlichkeit grundsätzlich aus dem gesellschaftlichen Bezugssystem herausfällt und nur als Privatangelegenheit ihres Käufers existiert. Da die Ware für ihren Produzenten allein den Gebrauchswert haben kann, Träger von Tauschwert zu sein, ist auch ihre Nützlichkeit nur abstrakte Nützlichkeit. Um verkäuflich zu sein und als Inkarnation gesellschaftlich gültiger Arbeit anerkannt zu werden, muß eine Ware für irgendjemanden für irgendetwas brauchbar sein. Alles nähere und ist für die einzelkapitalistische Reproduktion von vornherein ohne Belang. Die Warengesellschaft kennt dementsprechend keinerlei Unterschied zwischen automatischen Waffen, Diätkuchen und Sportwagen, zwischen Krieg, Not und Reichtum. Solange die Bedingungen gegeben sind, unter denen abstrakte Arbeit die Form verkäuflicher Produkte annehmen kann, ist ihre Welt in Ordnung.
Die ihr inhärente stoffliche Selbstgleichgültigkeit der inkorporierten Arbeit widerfährt der Ware und ihrem Besitzer indes gleichzeitig als äußere, ihr über die Vermittlung mit dem allgemeinen Äquivalent aufgeherrschte Gewalt, als die usurpatorische Macht des Geldes. Im bürgerlichen Bewußtsein löst sich diese Dialektik einseitig zugunsten der verselbständigten Geldseite auf. Nur hier scheint die faszinierend-beängstigende Abstraktion angesiedelt zu sein. Die stoffliche Seite der Verwertung, die konkrete Verausgabung abstrakter Arbeit wird dagegen als rein technische, einzig und allein von der Materialität der Dinge bestimmte Sphäre behandelt.
Diese sonderbare Konstellation hat seit jeher eine kurzschlüssige Kapitalismuskritik auf dem Boden der kapitalistischen Form möglich gemacht. Von Rudolf Steiner bis Silvio Gesell sind Heerscharen von Quacksalbern aufgetreten, die die Apologie der Warenform mit der Vision verbanden, man müsse und könne die Selbstzwecklogik des Geldes aushebeln, um einer neuen glückseligen Marktgesellschaft den Boden zu bereiten. 6.
Daß die gesellschaftliche Abstraktion im Geld die fetischistische Gestalt einer neben dem eigentlichen produktiven Bezug existierenden Größe annimmt, macht es erklärlich, warum der absurde Versuch, diese getrennte, als Macht des Geldes erscheinende Abstraktion zu personalisieren und zu "biologisieren", überhaupt in den Rang einer massenwirksamen Welterklärung aufrücken konnte. Gleichzeitig verliert vor diesem Hintergrund auch die Wahl des Haßobjektes ihren zufälligen Charakter. Wenn es nur darum ginge, die als negativ empfundene Abstraktion überhaupt zur biologischen Eigenschaft einer Menschengruppe zu machen, dann bestünde keinerlei Anlaß, sie statt den Radfahrern oder den Trägern von Sommersprossen ausgerechnet den Juden in die Schuhe zu schieben. Ist das Abstrakte aber bereits im Geldmedium als mythisches Konkretum auszumachen und an ihm isolierbar, was ist dann naheliegender, als bei der Personalisierung gerade eine soziale Gruppe auszuwählen, bei der sich die Abstraktion als Dingeigenschaft mit der Abstraktion als einem vermeintlich rassisch-biologischen Faktum deswegen unmittelbar kurzschließen läßt, weil dieser Gruppe schon traditionell eine besondere Beziehung zum Geld nachgesagt wurde? Oder, um mit dem autobiographisch gemeinten Roman "Michael" von Joseph Goebbels zu sprechen: "Geld regiert die Welt! Ein furchtbares Wort, wenn es wahr wird. Heute gehen wir an seiner Tatsächlichkeit zugrunde. Geld — Jude, das sind Sache und Person, die zusammengehören. "
Natürlich ist nicht jeder Kritiker des zinstragenden Geldkapitals offener Antisemit gewesen (freilich war das bei erstaunlich vielen von ihnen der Fall, man erinnere sich nur an so verschiedene Figuren wie den Anarchisten Proudhon oder den Autokönig Henry Ford). Die fälschliche Isolation der Übel des Kapitalismus im Geld (statt das kapitalistische Gesellschaftsverhältnis als solches und damit die abstrakte "Arbeit" zu kritisieren) läßt sich grundsätzlich auch denken, ohne sie automatisch mit der quasi-soziologistischen Identifikation des abstrakten Gesellschaftsdings mit dem ominösen Metasubjekt "Weltjudentum" kurzzuschließen. Dennoch darf man mit Fug und Recht die tief eingeschliffene verkürzte und isolierte Kritik des Geldes (bzw. des zinstragenden Geldkapitals) als so etwas wie die "Politische Ökonomie des Antisemitismus" bezeichnen (Vgl. dazu den Aufsatz von Robert Kurz, Politische Ökonomie des Antisemitismus. Die Verkleinbürgerlichung der Postmoderne und die Wiederkehr der Geldutopie von Silvio Gesell, in: “Krisis” 16/17, Bad Honnef 1995). Zwar kann es eine kleinbürgerliche Geldkritik ohne Antisemitismus geben, aber kaum Antisemitismus ohne kleinbürgerliche Geldkritik. Ohne letztere wäre das, was in der Nazi-Ideologie seine radikalste Ausformung fand, schwerlich denkbar gewesen. 7.
Die Kritik des aus seinem Bedingungszusammenhang herausgelösten Geldes fällt mit der unbedingten Affirmation der "Arbeit" zusammen. Wo alles Schlechte am Kapitalismus vom Geld als solchem ausgeht, erscheint die "Arbeit", in deren eigener Abstraktheit realiter der letzte Grund für die Verselbständigung der Geldform zu suchen ist, im Kontrast dazu als das gesunde Gegenprinzip, auf dem Gesellschaftlichkeit fußt und die es vom Imperialismus des Geldes zu befreien gilt (Ein Gedanke, der sich bekanntlich wesentlich mit den Vorstellungen des Arbeiterbewegungs-Marxismus deckt). Damit aber nicht genug. Dem Marktsubjekt kann das Geld zwar unheimlich werden, dieses bleibt dabei aber stets das Selbstverständlichste auf dieser Welt, selbstverständlicher als die Luft, die man atmet. Dementsprechend haben die Kritiker einer verselbständigten Eigenlogik des Geldes durchaus beharrlich dessen wirtschaftstechnische Unverzichtbarkeit anerkannt, um sich desto energischer gegen das zinstragende Finanzkapital zu wenden (Das gilt übrigens auch für Proudhon. Seine Stundenzettelei läuft de facto weniger auf die Aufhebung des Geldes als vielmehr auf die Etablierung eines Ersatzgeldes hinaus). Soweit das Geld nur den Tausch von Waren vermittelt, sei es als geniale Erfindung zu akzeptieren; erst dort, wo es zum Usurpator werde und den eigentlichen Warenproduzenten einen Tribut auferlege, gewinne es diabolische Qualitäten, so die Quintessenz dieser Denkweise.
Diese Verengung von Geldkritik auf die Ablehnung des zinstragenden Finanzkapitals ist nun aber mit dem kapitalimmanenten Interessengegensatz von industriellem Kapital und Leih- bzw. Finanzkapital kompatibel. Damit wird die Frontlinie, wie sie der Arbeiterbewegungs-Marxismus zwischen dem Kapital und seinem vermeintlichen Gegenprinzip der "Arbeit" gezogen hat, verschoben. Kapital in einem pejorativen Sinn ist für den Antikapitalismus von rechts nur das "raffende Kapital" des Finanzüberbaus, während das "schaffende" (industrielle) Kapital zu einer Unterabteilung der "Arbeit" geadelt wird. Der industrielle Unternehmer erscheint als eine Art "leitender Selbstarbeiter", sein Profit als "Unternehmerlohn" und nichts liegt dementsprechend näher, als daß sich die "Arbeiter der Stirn" mit den "Arbeitern der Faust" vereinen, um gemeinsam das Hohelied der "Arbeit" zu singen und zur Treibjagd auf die nichtarbeitenden sogenannten Schmarotzer anzutreten. Die kurzschlüssige, auf den Zins fixierte Kritik an der gesellschaftlichen Abstraktion bereitet damit der Generalmobilmachung für die konkret-stoffliche Erscheinungsform dieser selben Abstraktion (Fordismus) den Boden. Diesen Umschlag einer verkürzten Kapitalismuskritik in die Affirmation des industriellen Kapitals und seiner "Arbeitsarmeen" hat der Antisemitismus der Nationalsozialisten vollendet und auf die Spitze getrieben. Indem er die Parole von der "Brechung der Zinsknechtschaft" (Gottfried Feder) biologistisch wendet, relativiert der antisemitische Wahn die Bedeutung, die irgendwelchen realen Manipulationsversuchen am Kredit- und Geldsystem zukommt und macht so überhaupt erst seinen Aufstieg zur Staatsideologie möglich. Alle phantastischen Versuche auf der monetären Ebene, die das Funktionieren des kapitalistischen Betriebs unweigerlich gestört hätten, würden sekundär oder ganz überflüssig, wenn nur das Programm der "Arisierung" der Kredit- und Geldwelt entsprechend nachhaltig umgesetzt würde. Wenn "Jude und Geld Person und Sache sind, die zusammengehören", dann gilt es der Person umso härter zuzusetzen, je weniger es sich politisch-ökonomisch empfiehlt, praktisch an der Sache, am Geld also herumzupfuschen. Gerade weil die "braune Revolution", auch an den Intentionen verrückter Kleinbürger wie Strasser, Feder und Co. gemessen, keine war, sondern auf alle Fälle den kapitalistischen Betrieb bruchlos weiterführen wollte, wurde schließlich selbst Auschwitz möglich.
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Der Antisemitismus verlegt den allgemeinen gesellschaftlichen Abstraktionsprozeß in die Juden, um an ihnen stellvertretend und phantasmagorisch geltend zu machen, was es praktisch niemals geben kann: den Rachefeldzug der pseudokonkreten Seite des Kapitalismus gegen die von ihr abgetrennte abstrakte Allgemeinheit, die Befreiung von der Herrschaft der gesellschaftlichen Abstraktion auf dem Boden der Warengesellschaft ohne Sprengung der Warensubjektivität.
Dieses Muster prägt nicht nur die Gegenüberstellung von "deutscher Arbeit" und "jüdischem Geld". Es kehrt auf verschiedensten Ebenen wieder. "Der Jude" steht für das unheimliche abstrakte und reflexive Denken gegenüber der verehrten instrumentell-technischen Vernunft; und diese Frontstellung findet in der politisch-staatlichen Sphäre ihre Entsprechung. Wenn die Nationalsozialisten die Weimarer Republik und die gegnerischen Parteien unisono als "jüdisch" denunzierten, dann verweist das auf mehr als bloß eine inflationäre Verwendung des Lieblingsetiketts. Der moderne Staat, der nur als Sonderinstanz neben der Gesellschaft und somit als zweite abstrakte Allgemeinheit (neben derjenigen des Geldes) existieren kann und den Warensubjekten den Bezugsrahmen ihrer Konkurrenz vorgibt, indem er sie als abstrakte Staatsbürger und Rechtssubjekte einander gleichsetzt, konnte dem kleinbürgerlichen Antikapitalisten nicht geheuer sein. Er galt (und gilt) ihm erst als heimelig, sobald es gelingen würde, ihn unmittelbar an das Pseudokonkretum Nation (bzw. Ethnie) zurückzubinden und die für die bürgerliche Form charakteristische Trennung von Staat und Gesellschaft durch die Übersetzung von Gesellschaft in Volk und anschließende phantasmagorische Versöhnung von Volk und Staat im völkischen Staat zu überwinden. Das konnte freilich nur gelingen, wenn vorab der Abstraktionsprozeß, der nun einmal der Konstituierung von Staatlichkeit vorausgesetzt ist, aus dem völkischen Staat heraushalluziniert und in der Figur des "Volksfremden" isoliert wurde. Der wahre "Volksfremde" war dabei nicht der Angehörige eines anderen, fremden Volkes schlechthin, der seinen eigenen nationalen Ort hat, sondern speziell der im völkischen Sinne "bindungslose" Jude, weil er hierzulande wie an jedem anderen Platz der Welt allein als abstrakter Staatsbürger Mitbürger sein konnte.
Der proklamierte Führer- und Gefolgschaftsstaat hatte trotz terminologischer Anleihen weder programmatisch noch in seiner Praxis das Geringste mit der Reetablierung älterer, angeblich "organischer" Verhältnisse zu tun. Die nationalsozialistische Neuordnung zielte nicht auf die Rückkehr zu einer von einem Nachtwächterstaat in den meisten Belangen weitgehend unbehelligten Gesellschaft, die sich nach ständischen Prinzipien selber organisiert. Sie war vielmehr im Gegenteil gleichbedeutend mit einem breit angelegten Schub der Etatisierung, der jede soziale Regung unmittelbar zum Gegenstand staatlicher Kontrolle und Regulierung machte. Gerade weil die nationalsozialistische Blut- und Boden-Ideologie nicht die Aufrichtung von Ständeschranken und Korporationen legitimieren sollte, sondern stattdessen von der Einschmelzung der Gesellschaft zu einem mit dem Staat identischen einheitlichen Volkskörper träumte, mußte sie sich konsequent antisemitisch ausrichten. Erst die Judenverfolgung und das vergossene jüdische Blut stellten unter Beweis, daß es so etwas wie deutsches Blut überhaupt gab und besiegelten so die volksgemeinschaftliche Blutsbrüderschaft. 9.
Der historische Antisemitismus gehört in die Geschichte der Moderne. Er war gleichermaßen ideologische Reaktionsbildung auf die mit dem beschleunigten Vormarsch der Waren- und Arbeitsgesellschaft verbundenen massiven sozialen Verwerfungen und eine ihrer ideologischen Durchsetzungsformen. In dieser zweiten Funktion ist er zweifellos mittlerweile gegenstandslos geworden. Das bedeutet indes keineswegs, daß der Antisemitismus damit endgültig jede "materielle Grundlage" verloren hätte. Schlimmer noch, angesichts der engen Verknüpfung des Antisemitismus mit dem systemimmanenten Gegensatz von "Arbeit" und Geld ist kaum zu übersehen, daß heute gesellschaftliche Konfliktfelder entstehen, auf denen die antisemitische Saat ein s Mal aufgehen kann, ja fast aufgehen muß.
Schon im ausgehenden kasinokapitalistischen Zeitalter der strukturellen Überakkumulation des Kapitals ist mit Händen zu greifen, wie der halbvergessene systemimmanente Gegensatz von Geld und "Arbeit" eine abermalige Besetzung und phantastische Aufwertung erfährt. Die Warengesellschaft stößt immer mehr Menschen als unverwertbar aus. An Besserung kann keiner recht glauben, der Schrei nach "Arbeit" bleibt aber trotzdem die ultima ratio. Gleichzeitig eilen die Aktienkurse von einem historischen Höchststand zum nächsten und das Finanzkapital scheint von allen Krisenerscheinungen unbeeindruckt bis zum Ende der Zeiten weiterzuwachsen und weiterzugedeihen. Kaum ein grüner, sozialdemokratisch oder gewerkschaftlich orientierter Politiker kann es sich in dieser Situation verkneifen, ein wenig gegen die gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit "der Spekulanten" zu blöken und hilflos die (ökonomisch sinnlose) Umlenkung von Portfolio-Investitionen in produktive industrielle Investitionen zu fordern.
Was wird erst geschehen, wenn der vermeintlich ewige Aktienboom im Desaster endet und die katastrophalen Folgen unmittelbar auf die Realwirtschaft durchschlagen? In einem solchen Fall wird es wohl kaum mehr allein um die "soziale Verantwortungslosigkeit" der Herren Spekulanten gehen, sondern es werden sich sicherlich zahlreiche Stimmen erheben, die pfeilschnell für die manifest zu Tage tretenden Zusammenbruchs-Erscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft persönliche Verantwortliche finden wollen, um die Krise als deren planmäßigen Anschlag auf den allgemeinen Wohlstand zu erklären (statt die Unhaltbarkeit der abstrakten "Arbeit" zur Kenntnis zu nehmen). Der Weg von der Spekulantenhatz zur Judenhatz ist aber wiederum klein. Wenn schon in Malaysien, also einem Land, in dem der Antisemitismus nie eine nennenswerte Rolle gespielt hat, die Landesregierung im Zusammenhang mit dem laufenden Finanzcrash die Mär vom "jüdischen" Geldkapital aus dem Hut gezaubert hat, was ist dann erst in Weltregionen zu erwarten, in denen das antisemitische Ressentiment auf eine ganz andere Vorgeschichte zurückblicken kann?
Ernst Lohoff ist Publizist. Er lebt in Nürnberg und ist Mitherausgeber der Zeitschrift “Krisis”.