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Freitag, 26. Oktober 2018

Charles Eisenstein - New Story



Sacred Economics traces the history of money from ancient gift economies to modern capitalism, revealing how the money system has contributed to alienation, competition, and scarcity, destroyed community, and necessitated endless growth. Today, these trends have reached their extreme - but in the wake of their collapse, we may find great opportunity to transition to a more connected, ecological, and sustainable way of being.
This short contains some visuals from the upcoming feature doc Occupy Love http://occupylove.org

and here an another video "Charles Eisenstein Full-length Interview from Living the Change":

We hope you get as much from this interview as we did! Below are a list of questions we asked Charles:

1:06 - What are the 'old story' and 'new story' that you describe in your writing?
14:37 - Where does the sense that a better world is possible come from?
19:16 - What guides us in the space between stories to creating the new story?
21:11 - How did the world get to where it is now?
28:20 - Do you think advancements in technology can solve the problems we're facing?
33:50 - Do you see the current money system as a symptom of separation?
37:50 - What could an alternative system look like? Would the current system need to collapse to make way for the new?
43:24 - Can individual action create big change?
48:14 - What is the wound of separation and how do we see it expressed in society?
54:32 - What do you advise people to do in times of not knowing what to do?
1:01:33 - Can doing nothing take you to a place of knowing what to do?
1:06:39 - When you imagine the new story, what does it look like?

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Neoliberalismus - Die Idee, die die Welt verschlingt

Original auf Freitag.de: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-idee-die-die-welt-verschlang

Die Idee, die die Welt verschlingt

Neoliberalismus Er ist die herrschende Ideologie unserer Zeit – eine, die den Gott des Marktes verehrt und uns das nimmt, was uns menschlich macht
Die Idee, die die Welt verschlingt
Der Neoliberalismus ist ein Werkzeug, die gesellschaftliche Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen neu zu denken
Foto: Chris Hondros/Getty Images

Im Sommer 2016 beendeten Wissenschaftler des Internationalen Währungsfonds eine lange und erbitterte Debatte über den Neoliberalismus. Sie räumten ein, dass er existiert. Drei führende Ökonomen des IWF – eine Organisation, die nicht gerade dafür bekannt ist, mit linken Analysen vorzupreschen – veröffentlichten einen Bericht, in dem sie erstmals die Zweckdienlichkeit des Neoliberalismus in Frage stellten. Sie trugen so dazu bei, die Vorstellung zu begraben, dass der Ausdruck nicht mehr sei denn ein verleumderischer politischer Kampfbegriff ohne analytische Wirkmacht. Der Bericht kritisierte zaghaft eine „neoliberale Agenda“, welche Ökonomien auf der ganzen Welt zu Deregulierung dränge, nationale Märkte zur Öffnung für Handel und Kapital zwinge und fordere, dass Regierungen sich selbst durch Austerität und Privatisierung klein schrumpfen. Die Autoren belegten statistisch die Ausbreitung neoliberaler Politik seit 1980 – und deren Korrelation mit schwachem Wachstum, dem Auf und Ab der Boom-Bust-Zyklen und nicht zuletzt steigender Ungleichheit.
Neoliberalismus ist ein altes Wort, das zunächst in den 1930er Jahren aufkam. Jedoch wird der Begriff nun wiederbelebt, um die derzeit vorherrschende Politik zu beschreiben – oder präziser: das bisschen Denk-Bandbreite, das unsere Politik noch erlaubt. Nach der Finanzkrise 2008 bot der Neoliberalismus so eine Möglichkeit, einen Verantwortlichen für das Debakel jenseits politischer Parteien an sich zu benennen: ein Establishment, das seine Autorität willfährig an den Markt verkauft hatte.
Für einige US-Demokraten und Anhänger der Labour-Partei in Großbritannien war dies eine geradezu groteske Prinzipienverletzung. Bill Clinton und Tony Blair, so hieß es, hätten die traditionelle Verpflichtung der Linken, insbesondere gegenüber den Arbeitern, aufgegeben. Stattdessen wandten sie sich nun einer globalen Finanzelite zu, die sich wie im Selbstbedienungsladen bereichert hatte. So legten sie den Grundstein für ein verheerendes Anwachsen der Ungleichheit.



Eine Brille, mit der man die Welt sehen kann

In den vergangenen Jahren – in denen die Debatte mit zunehmend schmutzigeren Mitteln geführt wurde – ist der Begriff Neoliberalismus zu einer rhetorischen Waffe geworden, einer Möglichkeit für jeden links der Mitte, jene anzuschwärzen, die sich auch nur ein bisschen rechts von ihm bewegten. Es ist kein Wunder, dass die politische Mitte die Zuschreibung „neoliberal“ als bedeutungslose Beleidigung empfindet: sie ist es, auf die sie am ehesten zutrifft. Aber Neoliberalismus sollte für Linke mehr sein als eine bequeme – wenn auch gerechtfertigte – Verhöhnung des politischen Gegners. Auf gewisse Weise ist er auch eine Brille, ein Art, die Welt zu sehen.
Blickt man durch ihre Linsen, sieht man klarer, wie die von Thatcher und Reagan ach so verehrten politischen Vordenker dazu beigetragen haben, das Ideal der Gesellschaft als allumfassenden Markt – und nicht etwa als Polis, einen zivilgesellschaftlichen Bereich oder eine Art Familie – zu prägen. Es ist ein Bild vom Menschen als Gewinn-und-Verlust-Rechner – und eben nicht als Inhaber unveräußerlicher Rechte und Pflichten. Ziel war freilich, den Wohlfahrtsstaat abzubauen, jede Verpflichtung zur Vollbeschäftigung über Bord zu werfen, Steuern immer weiter zu senken und fleißig zu deregulieren. Aber „Neoliberalismus“ ist weit mehr als eine klassische rechte Wunschliste. Er war und ist ein Werkzeug, die gesellschaftliche Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen neu zu denken.
Ein weiterer Blick zeigt, dass der freie Markt – genau wie der Wohlfahrtsstaat – eine menschliche Erfindung ist. Man erkennt, wie allgegenwärtig wir heute dazu gedrängt werden, uns als Individuen zu verstehen, die für ihr Glück eigenverantwortlich sind. Wie selbstverständlich uns mit auf den Weg gegeben wird, dass wir miteinander konkurrieren und uns anpassen müssen. Man erkennt ebenfalls das Ausmaß, in dem eine Logik, die sich früher auf die vereinfachte Darstellung von Warenmärkten auf einer Tafel beschränkte (Wettbewerb, perfekte Information, rationales Verhalten), mittlerweile auf die gesamte Gesellschaft angewandt wird – bis sie unser ganzes Leben beherrscht. „Verkauf dich immer richtig“ ist Leitspruch der Selbstverwirklichung geworden.

Der Freie Markt – blutleerer Inbegriff der Effizienz

„Neoliberalismus“ ist also nicht einfach eine Bezeichnung für marktorientierte Politik oder den nächsten faulen Kompromiss mit dem Finanzkapitalismus, den abgehalfterte sozialdemokratische Parteien eingehen. Der Begriff bezeichnet die Prämisse, die sich still und leise in unser Leben geschlichen hat und bestimmt, was wir tun und glauben: dass nämlich Wettbewerb das einzig legitime Organisationsprinzip menschlichen Handelns ist.
Keine Sekunde nachdem der IWF den Neoliberalismus als Realität zertifiziert und so die Scheinheiligkeit des Marktes entlarvt hatte, standen Populisten und Authoritaristen schon auf der Matte. In den USA verlor Hillary Clinton, die Archetypin einer Neoliberalen, die Wahl – gegen einen Mann, der gerade genug wusste, um vorgeben zu können, den Freihandel zu hassen. Taugt also die Brille des Neoliberalismus nicht mehr? Kann sie uns noch irgendwie helfen zu verstehen, was in der Politik schief läuft? Gegen die Kräfte der Globalisierung wird plumper Nationalismus wieder in Stellung gebracht – und das auf krudeste Weise. Was könnten der militante Provinzialismus von Brexit-Großbritannien und das Trump-Amerika mit neoliberaler Rationalität zu tun haben? Welche Verbindung könnte zwischen dem Präsidenten – einem freilaufenden Irren – und dem blutleeren Inbegriff der Effizienz – besser bekannt als freier Markt – bestehen?
Nicht nur, dass der freie Markt bloß eine Handvoll Gewinner und im Gegensatz dazu eine Heerschar an Verlierern produziert – und sich diese Verlierer auf Rache sinnend dem Brexit und Trump zugewandt haben. Von Beginn an gab es auch eine vorprogrammierte Beziehung zwischen dem utopischen Ideal des freien Marktes und der dystopischen Gegenwart, in der wir uns heute befinden; zwischen dem Markt als einzigem Wertgeber und Freiheitswächter und dem aktuellen Abstieg hin zum Postfaktischen und Illiberalismus.

Die Möglichkeit, eine neue Welt zu erfinden

Will man die stagnierende Debatte über Neoliberalismus vorwärtsbringen, muss man damit anfangen, das Ausmaß seiner kumulativen Wirkung auf uns alle, unabhängig unseres politischen Standpunkts, ernst zu nehmen. Und das erfordert eine Rückkehr zu seinen Ursprüngen, die nichts mit Bill oder Hillary Clinton zu tun haben. Es gab einmal eine Gruppe von Leuten, die sich als Neoliberale bezeichneten. Sie taten dies mit Stolz und ihr Ansporn war nichts weniger als eine komplette Revolution des Denkens. Der Prominenteste von ihnen, Friedrich Hayek, hätte nicht damit gerechnet, dass er eine Position auf dem politischen Spektrum abstecken, Entschuldigungen für die Superreichen suchen oder an den Ecken der Mikroökonomie herumschrauben würde.
Er glaubte, er würde das Problem der Moderne lösen: das Problem des objektiven Wissens. Für Hayek ermöglichte der Markt nicht nur den Handel mit Gütern und Dienstleistungen, er offenbarte Wahrheit. Wie konnte Hayeks Zielsetzung in ihr Gegenteil umschlagen – die bewusstseinsverändernde Möglichkeit, dass – dank unserer gedankenlosen Verehrung des freien Marktes – die Wahrheit komplett aus dem öffentlichen Leben vertrieben werden könnte?
Als Friedrich Hayek 1936 die Idee kam, wusste er mit der Überzeugung einer „plötzlichen Erleuchtung“, dass er auf etwas Neues gestoßen war. „Wie kann die Kombination aus Einzelteilen an Wissen, die in verschiedenen Köpfen existieren“, schrieb er, „zu Ergebnissen führen, die – wenn man sie gezielt herbeiführen wollte, ein Wissen auf übergeordneter Ebene erfordern würde, über das kein Einzelner verfügen kann?“
Hier ging es nicht um eine technische Frage von Zinsraten oder Deflationskrisen, nicht um eine reaktionäre Polemik gegen Kollektivismus oder den Wohlfahrtsstaat, sondern um die Möglichkeit, eine neue Welt zu erfinden. Hayek erkannte, dass der Markt als eine Art Bewusstsein verstanden werden konnte.

Friedrich Hayek freute sich über das, was er geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus angeht
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken

Adam Smiths „unsichtbare Hand“ hatte uns bereits das moderne Konzept des Markts eröffnet – als eine autonome Sphäre für menschliches Handeln und daher potenziell als Objekt, das man wissenschaftlich durchdringen kann. Aber Smith war bis zum Ende seines Lebens ein Moralist des 18. Jahrhunderts. Er dachte, der Markt sei nur im Licht individueller Tugend zu rechtfertigen, und seine Sorge war, dass eine Gesellschaft, die durch nichts als vollständiges Eigeninteresse regiert wird, überhaupt keine Gesellschaft ist. Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken.
Dass Hayek als Ahnherr des Neoliberalismus gilt – einer Denkschule, die alles auf die Wirtschaft reduziert – ist angesichts der Tatsache, dass er ein solch mittelmäßiger Ökonom war, ein wenig paradox. Eigentlich war er nichts weiter als ein junger, unbedeutender Wiener Technokrat, als er an die London School of Economics berufen wurde, um mit John Maynard Keynes in Cambridge zu wetteifern oder dessen aufsteigenden Stern möglicherweise sogar ein wenig in den Schatten zu stellen.
Der Plan ging nach hinten los, denn Hayek konnte Keynes nicht im Geringsten das Wasser reichen. Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money, veröffentlicht 1936, wurde als Meisterwerk gefeiert und dominierte die öffentliche Debatte, insbesondere unter jungen, in der Ausbildung befindlichen englischen Ökonomen, für die der brillante, schneidige und sozial gut vernetzte Keynes auch ein gewisses Schönheitsideal darstellte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich viele prominente Anhänger der Theorie des freien Marktes Keynes Denkweise angeschlossen und räumten ein, dass dem Staat bei der Führung einer modernen Volkswirtschaft möglicherweise doch eine Rolle zukommen könne. Die ursprüngliche Aufregung über Hayek war verfolgen. Seine befremdliche Vorstellung, man könne eine Wirtschaftskrise überwinden, indem man einfach überhaupt nichts unternehme, war sowohl theoretisch als auch praktisch diskreditiert. Später räumte er selbst ein, er würde sich wünschen, die Arbeiten, in denen er Keynes kritisiert hatte, würden vergessen werden.

Hayeks Denken durchdringt die Welt

Hayek gab eine seltsame Figur ab: ein hochaufgeschossener, aufrechter Professor mit breitem Akzent, der einen hochgeschnittenen Tweed trug und darauf bestand, mit „von Hayek“ angesprochen zu werden, aber hinter seinem Rücken mit dem Spitznamen „Mr Fluctooations“ bedacht wurde. Im Jahr 1936 war er ein Wissenschaftler ohne Portfolio und ohne absehbare Zukunft. Und dennoch leben wir heute in Hayeks Welt, so wie wir einst in der von Keynes lebten. Der Clinton-Berater und ehemalige Präsident der Harvard University, Lawrence Summers, sagte einmal, Hayeks Konzeption des Preissystems als kollektiver Verstand sei „eine so durchdringende und originelle Idee wie sie die Mikroökonomie im 20. Jahrhundert hervorgebracht“ habe und „die wichtigste Einzelheit, die man heute in einem Kurs über Ökonomie lernen“ könne. Und das ist sogar noch untertrieben. Keynes hat den Kalten Krieg weder hervorgerufen noch vorhergesagt, doch sein Denken durchdrang jeden Aspekt der Welt des Kalten Krieges. Und in gleicher Weise ist Hayeks Denken in jeden Aspekt der Welt nach 1989 eingedrungen.
Hayeks Weltsicht war absolut: eine Art, die gesamte Realität nach dem Modell der wirtschaftlichen Konkurrenz zu gestalten. Das beginnt bei der Annahme, dass fast die gesamte – wenn nicht die gesamte – menschliche Aktivität eine Form der ökonomischen Berechnung darstelle und somit an die übergeordneten Konzepte von Wohlstand, Wert, Tausch, Kosten – und insbesondere dem Preis angepasst werden könne. Preise sind ein Mittel, um knappe Ressourcen effizient bereitzustellen, entsprechend dem Bedarf und dem Nutzen, wie sie durch Angebot und Nachfrage geregelt werden. Damit das Preissystem effizient funktioniert, müssen die Märkte frei und wettbewerbsorientiert sein. Seitdem Smith sich die Wirtschaft als autonome Sphäre vorgestellt hat, existiert die Möglichkeit, dass der Markt nicht nur ein Teil der Gesellschaft sein könnte, sondern die Gesellschaft als Ganzes. In solch einer Gesellschaft müssen Männer und Frauen nur ihrem Eigeninteresse folgen und um rare Güter konkurrieren. Durch Wettbewerb „wird es möglich“, wie der Soziologe Will Davies schreibt, „festzustellen, wer und was wertvoll ist“.
Was jeder, der mit der Geschichte vertraut ist, als notwendiges Bollwerk gegen Tyrannei und Ausbeutung begreift – eine prosperierende Mittelschicht und Zivilgesellschaft; freie Institutionen; allgemeines Wahlrecht; Gedanken-, Versammlungs-, Religions- und Pressefreiheit; die grundsätzliche Anerkennung der menschlichen Würde – nahm in Hayeks Gedanken keinen besonderen Platz ein. Er baute in den Neoliberalismus die Annahme ein, dass der Markt allen nötigen Schutz gegen die einzige wirkliche politische Gefahr bietet: den Totalitarismus. Um diesen zu verhindern, muss der Staat Hayek zufolge nichts weiter tun, als den Markt frei zu halten.
Der letzte Punkt steht für das „Neo“ in Neoliberalismus und stellt eine entscheidende Veränderung des älteren Glaubens an einen freien Markt und einen möglichst schlanken Staat dar, der als „klassischer Liberalismus“ bekannt ist. Im klassischen Liberalismus wollten die Kaufleute lediglich, dass der Staat sie in Ruhe lässt – laissez-nous faire. Der Neoliberalismus hingegen vertritt die Auffassung, der Staat müsse aktiv an der Organisation einer Marktwirtschaft mitwirken. Die Bedingungen, die einen freien Markt zulassen, müssen politisch gewonnen und der Staat so umgestaltet werden, dass er den Bestand des freien Marktes dauerhaft gewährleistet.

Schmollend in Cambridge

Das ist aber noch nicht alles: Jeder Aspekt demokratischer Politik, von der Wahlentscheidung der Bürgerinnen und Bürger bis hin zu den Entscheidungen der Politiker, muss einer rein ökonomischen Analyse unterworfen werden. Der Gesetzgeber ist dazu verpflichtet, die als natürlich unterstellten Handlungen auf dem Marktplatz nicht zu stören und darf sie auf keinen Fall verzerren. So stellt der Staat idealerweise einen festen, neutralen und rechtlich umfassenden Rahmen bereit, innerhalb dessen die Marktkräfte spontan wirken können. Die bewusste Lenkung durch eine Regierung ist nie dem „automatischen Mechanismus der Anpassung“ vorzuziehen – d. h. dem Preissystem, das nicht nur effizient ist, sondern auch die Freiheit vergrößert oder die Möglichkeit für Männer und Frauen, bezüglich ihres Lebens freie Entscheidungen zu treffen.
Während Keynes zwischen London und Washington hin- und her flog, um die Nachkriegsordnung zu gestalten, saß Hayek schmollend in Cambridge. Dorthin war er während der Evakuierungen des Krieges geschickt worden und beklagte sich darüber, von „Ausländern“ umgeben zu sein, an „Orientalen aller Art“ und „Europäern praktisch aller Nationalitäten“ bestehe kein Mangel, doch nur sehr wenige von ihnen seien „wirklich intelligent“.
Hayek saß in England fest, ohne Einfluss oder Ansehen, und konnte sich nur mit seiner Idee trösten, einer Idee so groß, dass sie Keynes und allen anderen Intellektuellen eines Tages den Boden unter den Füßen wegziehen würde. Sich selbst überlassen funktioniere das Preissystem wie eine Art Bewusstsein – und nicht nur irgendein Bewusstsein, sondern ein allwissendes Bewusstsein: der Markt berechne, was Individuen nicht zu fassen vermögen. Der amerikanische Journalist Walter Lippmann wandte sich als intellektueller Mitstreiter in einem Brief an Hayek: „Kein menschlicher Geist hat je das gesamte Schema der Gesellschaft verstanden … Am ehesten kann ein Geist seine eigene Version dieses Schemas verstehen, etwas wesentlich Dünneres, das zur Realität in etwa in demselben Verhältnis steht wie eine Silhouette zu einer Person.“
Das ist eine große erkenntnistheoretische Behauptung – dass der Markt eine Form des Wissens darstelle, die die Möglichkeiten eines jeden individuellen Verstandes radikal übersteige. Solch ein Markt ist weniger eine menschliche Erfindung, die manipuliert werden kann wie jede andere, als vielmehr eine Kraft, die studiert und beschwichtigt wird. Ökonomie ist keine Technik mehr – wofür Keynes sie hielt –, mit der man erstrebenswerte gesellschaftliche Ziele wie Wachstum oder Währungsstabilität erreicht. Das einzige gesellschaftliche Ziel besteht im Fortbestand des Marktes. In seiner Allwissenheit konstituiert der Markt die einzig legitime Form von Wissen, mit dem verglichen alle anderen Formen der Reflexion unvollständig sind, im doppelten Sinne: Sie erfassen nur ein Bruchstück des Ganzen und stehen immer im Dienste eines Partialinteresses. Unsere individuellen Werte sind immer persönlich oder reine Meinungen; kollektiv konvertiert der Markt sie in Preise oder objektive Tatsachen.

„Sie ist so wunderbar“

Nachdem er bei der London School of Economics ausgeschieden war, hatte Hayek nie wieder eine dauerhafte Anstellung, die nicht von privaten Geldgebern finanziert worden wäre. Selbst seine konservativen Kollegen an der University of Chicago – dem weltweiten Epizentrum für liberalistischen Widerspruch in den 1950er Jahren – betrachteten Hayek als ein reaktionäres Sprachrohr, einen „stockkonservativen Mann“ mit einem „stockkonservativen Sponsor“, wie einer es einmal formulierte. Als ihn 1972 ein Freund in Salzburg besuchte, wo er mittlerweile lebte, fand er einen älteren Herrn, der sich in Selbstmitleid erging und glaubte, sein Lebenswerk sei vergebens gewesen. Niemand kümmerte sich um das, was er geschrieben hatte.
Es gab allerdings Zeichen der Hoffnung: Hayek war Barry Goldwaters politischer Lieblingsphilosoph und angeblich schätzte ihn sogar Ronald Reagan sehr. Und dann war da Margaret Thatcher. Gegenüber jedem, der es hören wollte, schwärmte sie von Hayek und versprach, seine Philosophie des freien Marktes mit einem Revival viktorianischer Werte zu vereinen: Familie, Gemeinschaft, harte Arbeit.
Hayek traf 1975 privat auf Thatcher, in einem Augenblick, in dem sie, gerade zur Oppositionsführerin im britischen Unterhaus ernannt, sich darauf vorbereitete, seine große Idee in die Tat umzusetzen. Sie hockten 30 Minuten im Institute for Economic Affairs in der Londoner Lord North Street zusammen. Danach fragte ein Mitarbeiter Thatchers Hayek besorgt, was er denke. Was sollte er sagen? Zum ersten Mal in vierzig Jahren spiegelte die Macht Friedrich von Hayek das Bild zurück, das er selbst von sich hatte – das eines Mannes, der Keynes besiegen und die Welt verändern könnte.
Er antwortete: „Sie ist so wunderbar.“

„So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht, ich kenne nur Individuen, Männer und Frauen und Familien – und die denken alle zuerst an sich.“ Margaret Thatcher
Foto: Keystone/Getty Images

Die ganze Gesellschaft als Markt

Hayeks große Idee ist eigentlich gar keine großartige Idee – solange man sie nicht gehörig aufbläst. Organische, spontane, elegante Prozesse die, wie eine Million Finger auf einem Ouija-Brett, koordinieren, um etwas zu schaffen, was ansonsten ungeplant wäre. Angewandt auf einen aktuellen Markt – einen für Schweinebäuche oder Getreide-Futures – handelt es sich bei dieser Beschreibung um wenig mehr als eine Binsenweisheit. Sie kann erweitert werden, um zu beschreiben, wie verschiedene Märkte, in Form von Waren und Arbeit und sogar von Geld selbst jenen Teil der Gesellschaft bilden, der als „die Wirtschaft“ bekannt ist. Das ist weniger banal, aber noch immer inkonsequent. Ein Keynesianer akzeptiert diese Beschreibung gern. Was aber, wenn wir es einen Schritt weiter aufblasen? Was, wenn wir unterstellen, die ganze Gesellschaft sei eine Art von Markt?
Je mehr Hayeks Idee sich ausweitet, desto reaktionärer wird sie, je mehr versteckt sie sich hinter der Behauptung ihrer wissenschaftlichen Neutralität – und desto mehr erlaubt es der Ökonomie, sich mit dem intellektuellen Trend zu verbinden, der im Westen seit dem 17. Jahrhundert prägend ist. Der Aufstieg der modernen Wissenschaft hat zu einem Problem geführt: Wenn die Welt vollständig Naturgesetzen unterworfen ist, was bedeutet es dann, Mensch zu sein? Ist ein menschliches Wesen einfach ein Objekt in der Welt, wie jedes andere auch? Es scheint keine Möglichkeit zu geben, die subjektive, innere Perspektive des Menschen in die Natur zu integrieren, wie die Wissenschaft sie versteht – als etwas Objektives, dessen Gesetzmäßigkeiten wir durch Beobachtung ergründen.
Alles an der politischen Nachkriegskultur kam John Maynard Keynes und einer erweiterten Rolle des Staates bei der Führung der Wirtschaft entgegen. Doch alles an der akademischen Nachkriegskultur begünstigte Hayeks Große Idee. Vor dem Krieg hatte selbst der konservativste Ökonom den Markt als ein Mittel zum Zweck betrachtet, der effizienten Verteilung knapper Güter. Seit den Zeiten Adam Smiths Mitte des 17. Jahrhunderts und bis hin zu den Gründungsvätern der Chicago School in den Nachkriegsjahren war der Glaube allgemein verbreitet, dass die ultimativen Zwecke der Gesellschaft und des Lebens in der nicht-ökonomischen Sphäre angesiedelt sind.
Dieser Weltsicht zufolge werden Fragen nach der Wertigkeit politisch und demokratisch beantwortet, nicht ökonomisch – durch moralische Reflexion und öffentliche Debatten. Der klassisch-moderne Ausdruck für diese Auffassung geht auf den Essay Ethics and the Economic von Frank Knight aus dem Jahr 1922 zurück, der zwei Jahrzehnte vor Hayek nach Chicago gekommen war. „Die rationale ökonomische Kritik von Werten führt zu Ergebnissen, die dem gesunden Menschenverstand widerstreben”, schreibt Knight. „Der homo oeconomicus ist das egoistische, rücksichtslose Objekt, das wir moralisch verurteilen.“

Von der hoffnungslosen menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der Wissenschaft

Ökonomen hatten seit 200 Jahren mit der Frage gerungen, wie sie die Werte begründen sollten, auf denen eine ansonsten durch und durch kommerzielle Gesellschaft jenseits des bloßen Egoismus und der Berechnung organisiert ist. Knight und seine Kollegen Henry Simons und Jacob Viner verweigerten sich Franklin D Roosevelt und den Markt-Interventionen des New Deal. Sie etablierten die University of Chicago als die rigorose intellektuelle Heimat der Ökonomie des freien Marktes, die sie bis heute geblieben ist. Simons, Viner und Knight begannen ihre Karrieren jedoch alle, bevor das konkurrenzlose Prestige der Atomphysik enorme Geldsummen in das Universitätssystem lockte und den “exakten“ Wissenschaften in der Nachkriegszeit zu einem Boom verhalf. Sie beteten weder Gleichungen noch Modelle an, sondern machten sich über nicht-wissenschaftliche Fragen Gedanken. Am ausdrücklichsten dachten sie über Fragen des Wertes nach, bei denen der Wert völlig vom Preis unterschieden war.
Simons, Viner und Knight waren nicht nur weniger dogmatisch als Hayek, oder eher bereit, dem Staat zu verzeihen, dass er Steuern erhebt und sie wieder ausgibt. Hayek war ihnen intellektuell nicht überlegen. Aber sie erkannten als erstes Prinzip an, dass die Gesellschaft nicht dasselbe ist wie der Markt und Preis nicht dasselbe ist wie Wert.
Hayek war derjenige, der uns zeigte, wie wir von der hoffnungslosen menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der Wissenschaft gelangen. Hayeks große Idee fungiert als Verbindungsglied zwischen unserer subjektiven menschlichen Natur und der Natur selbst. Dabei stellt sie jeden Wert, der nicht als Preis ausgedrückt werden kann – als Urteil des Marktes – auf die gleiche unsichere Basis, macht sie zu nichts anderem als einer bloßen Meinung, Vorliebe, Folklore oder Aberglauben.
Mehr als jeder andere, selbst als Hayek selbst, war es der große Chicagoer Nachkriegsökonom Milton Friedman, der dabei half, Regierungen und Politiker von der Wirkmacht von Hayeks großer Idee zu überzeugen. Zuvor brach er allerdings mit einer zwei Jahrhunderte alten Tradition und erklärte, die Ökonomie sei „im Prinzip unabhängig von jeder ethischen Position oder normativem Urteil“, „eine ‘objektive’ Wissenschaft, in genau dem Sinn wie alle Naturwissenschaften“. Traditionelle, normative Werte betrachtete er als mangelhaft, bei ihnen handelte es sich um „Unterschiede, um die die Menschen letzten Endes nur kämpfen können“. Mit anderen Worten: Es gibt den Markt und es gibt den Relativismus.

Eine aufgeblasene Idee

Märkte mögen menschliche Reproduktionen natürlicher Systeme sein, und wie das Universum selbst, hat niemand sie erschaffen, und sie haben keinen Wert. Doch Hayeks Idee auf jeden Aspekt unseres Lebens anzuwenden, negiert das, was uns ausmacht. Sie tritt das, was am Menschen am menschlichsten ist – unser Bewusstsein und unser Wille – an Algorithmen und Märkte ab und lässt uns nachahmend und zombiehaft zurück, die geschrumpften Idealisierungen ökonomischer Modelle. Hayeks Idee aufzublasen und das Preissystem radikal zu etwas sozial Allwissendem aufzuwerten, bedeutet, die Bedeutung unserer individuellen Fähigkeit zur Vernunft radikal abzuwerten – unsere Fähigkeit, unsere Taten und Vorstellungen zu begründen und zu bewerten.
Dies führt dazu, dass die öffentliche Sphäre – der Raum, in dem wir Gründe anführen und die Begründungen anderer infrage stellen – aufhört, ein Raum zu sein, in dem debattiert wird, und zu einem Markt von Klicks, Likes und Retweets verkommt. Das Internet ist die persönliche Vorliebe, vervielfältigt durch Algorithmen – ein pseudo-öffentlicher Raum, der lediglich die Stimme widerhallen lässt, die sich bereits in unserem Kopf befindet. Anstatt eines Raums, in dem diskutiert wird, in dem wir – als Gesellschaft – einen Weg zum Konsens suchen, haben wir es mit einem Apparat der gegenseitigen Affirmation zu tun, der banal als „Marktplatz der Ideen“ bezeichnet wird. Was aussieht, als wäre es etwas Öffentliches und Übersichtliches, ist in Wahrheit nur die Verlängerung unserer eigenen, bereits bestehenden Meinungen und Ansichten, während die Autorität der Institutionen und Experten durch die aggregierte Logik von Big Data ersetzt wurde. Wenn wir uns der Welt durch eine Suchmaschine nähern, haben die Ergebnisse eine Reihenfolge, wie der Google-Gründer es ausdrückt, „rekursiv” – durch eine unendliche Zahl individueller Nutzer, die wie ein Markt funktionieren, unablässig und in Echtzeit.
Wenn man die unglaublich praktischen Aspekte der digitalen Technologie einmal beiseite lässt, unterschied eine frühere und humanistischere Tradition, die jahrhundertelang die dominierende war, stets zwischen unseren Geschmäckern und Vorlieben – die Begierden, die Ausdruck im Markt finden – und unserer Fähigkeit, über diese Vorlieben nachzudenken, was es uns erlaubt, Werte zu begründen und zum Ausdruck zu bringen.
„Ein Geschmack ist nahezu definiert als eine Vorliebe, über die man nicht diskutiert“, hat der Philosoph und Ökonom Albert O Hirschman einmal geschrieben. „Ein Geschmack, über den man mit anderen oder sich selbst streitet, hört dadurch auf, ein Geschmack zu sein – und verwandelt sich in einen Wert.“

Weiß, dass seine Sünden erst noch auf dem Markt bestraft werden müssen: Donald Trump
Foto: Scott Olson/Getty Images

Wir entscheiden, wer und was wir sind

Hirschman machte einen Unterschied zwischen jenem Teil des eigenen Selbst, das als Konsument agiert, und dem, der Gründe bereitstellt. Der Markt spiegelt wider, was Hirschman die Vorlieben nannte, die „die Akteure offenbaren, wenn sie Waren und Dienstleistungen erstehen“. Doch, so Hirschman weiter, verfügen Männer und Frauen gleichzeitig über die „Fähigkeit, von ihren ‘offenbarten’ Bedürfnissen, ihrem Willen und ihren Vorlieben zurückzutreten, um sich zu fragen, ob sie wirklich wollen, was sie sich da wünschen und diese Vorlieben wirklich lieben“. Wir formen unser Selbst und unsere Identität auf der Grundlage dieser Fähigkeit zur Reflexion. Die Anwendung der individuellen reflexiven Fähigkeiten nennt man Verstand, die kollektive Anwendung dieser Fähigkeiten Vernunft; die Anwendung von Vernunft zur Formulierung von Gesetzen und politischen Auseinandersetzung heißt Demokratie. Wenn wir Gründe für unsere Taten und Überzeugungen anführen, bringen wir uns selbst hervor: individuell und kollektiv, wir entscheiden, wer und was wir sind.
Der Logik von Hayeks großer Idee zufolge sind diese Ausdrucksformen menschlicher Subjektivität bedeutungslos, solange sie nicht durch den Markt ratifiziert wurden – wie Friedman sagte, sie sind nichts außer Relativismus, jede so gut wie irgendeine andere. Wenn die einzig objektive Wahrheit vom Markt bestimmt wird, haben alle anderen Werte den Status bloßer Meinungen, alles andere ist relativistische heiße Luft. Doch Friedmans „Relativismus“ ist ein Vorwurf, der gegen jede Behauptung gerichtet werden kann, die auf der menschlichen Vernunft basiert. Es ist eine unsinnige Beleidigung, da alle humanistischen Zwecke auf eine Art „relativ“ sind, wie die Wissenschaften dies nicht sind. Sie sind relativ zu dem privaten Zustand, ein Bewusstsein zu besitzen, und der allgemeinen und öffentlichen Notwendigkeit, nachzudenken und zu verstehen, selbst wenn wir keinen wissenschaftlichen Beweis erwarten können. Wenn unsere Debatten nicht mehr länger durch die Erörterung von Gründen gelöst werden, dann bestimmen die Launen der Macht über das Ergebnis.
An dieser Stelle treffen der Triumph des Neoliberalismus und der politische Albtraum, in dem wir heute leben, zusammen. Hayeks großes Projekt, wie er es zuerst in den 1930ern und 1940ern verstand, war ausdrücklich darauf ausgerichtet, einen Rückfall ins politische Chaos und den Faschismus zu verhindern. Doch die große Idee war in Wirklichkeit stets dieses Gräuel, das darauf wartete, einzutreten. Sie ging, von Anfang an, schwanger mit der Sache, die sie angeblich verhindern wollte. Wenn man die Gesellschaft nur noch als gigantischen Markt begreift, führt das zu einem öffentlichen Leben, das auf Gezänk über bloße Meinungen verkommt, bis die Menschen sich schließlich einem starken Mann zuwenden, als vermeintlich letztem Ausweg, ihre ansonsten scheinbar unlösbaren Probleme zu bewältigen.

Ein zweifelhaftes Paradies

1989 klopfte ein US-amerikanischer Reporter bei dem mittlerweile 90-jährigen Hayek an die Tür, der inzwischen in einer Wohnung in der Freiburger Urachstrasse lebte. Die beiden Männer setzten sich in ein sonniges Zimmer, dessen Fenster zu den Bergen hinausgingen, und Hayek, der sich von einer Lungenentzündung erholte, zog sich während ihres Gesprächs eine Decke über die Beine.
Dies war nicht mehr länger der Mann, der sich einst darin gesuhlt hatte, dass er gegen Keynes das Nachsehen hatte. Thatcher hatte ihm erst in einem Ton von millenarischem Triumph geschrieben. Nichts von dem, was sie und Reagan erreicht hätten, „wäre möglich gewesen, ohne die Werte und Überzeugungen, die uns auf den rechten Weg gebracht und uns die richtige Richtung gewiesen haben“. Hayek freute sich nun über das, was er geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus angeht. Der Journalist schrieb: „Insbesondere sieht Hayek eine größere Wertschätzung für den Markt unter der jüngeren Generation. Heute gehen arbeitslose Jugendliche in Algier und Rangun nicht für einen zentral geplanten Wohlfahrtsstaat auf die Straße, sondern für Möglichkeiten: die Freiheit zu kaufen und zu verkaufen – Jeans, Autos, was auch immer – zu den Preisen, die der Markt bestimmt.“
30 Jahre später leben wir in einem Paradies, das auf Hayeks großer Idee errichtet wurde. Je mehr die Welt so eingerichtet werden kann, dass sie einem idealen Markt ähnelt, der lediglich vom perfekten Wettbewerb regiert wird, desto mehr gesetzmäßiger und „wissenschaftlicher“ wird das menschliche Verhalten insgesamt. Jeden Tag streben wir danach – das muss uns niemand mehr sagen – wie vereinzelte, diskrete, anonyme Käufer und Verkäufer; und jeden Tag behandeln wir den Wunsch, mehr zu sein als nur Konsumenten, als Nostalgie oder Elitismus.
Was als neue Form intellektueller Autorität begann – verwurzelt in einer zutiefst unpolitischen Weltsicht – verwandelte sich schnell in eine ultra-reaktionäre Politik. Was nicht quantifizierbar ist, darf nicht real sein, sagt der Ökonom. Und wie misst man die Vorteile der Grundwerte der Aufklärung – namentlich kritisches Denken, persönliche Autonomie und demokratisches Selbstbestimmung? Wenn wir die Vernunft verwerfen, weil sie immer an Subjektivität gebunden bleibt, und die Wissenschaft zum einzigen Vermittler sowohl des Realen als auch des Wahren machen, schaffen wir eine Lücke, die von der Pseudowissenschaft dankend gefüllt wird.
Die Autorität der Professorin, des Reformers, der Gesetzgeberin oder des Juristen erwächst diesen nicht aus dem Markt, sondern aus humanistischen Werten wie Gemeinschaftsgefühl, Bewusstsein oder dem Wunsch nach Gerechtigkeit. Lange bevor die Trump-Regierung damit begann, sie herabzusetzen, hatten sie an Strahlkraft verloren. Sicherlich besteht eine Verbindung zwischen ihrer wachsenden Irrelevanz und der Wahl Trumps, einer Kreatur, die allein von ihren Launen regiert wird, einem Mann, der weder Prinzipien oder Überzeugungen braucht, um mit sich im Reinen zu sein. Ein Mann ohne Bewusstsein, der die totale Abwesenheit der Vernunft repräsentiert, regiert die Welt – oder ruiniert sie zumindest. Als erfahrener Manhattaner Immobilenhai weiß er aber immerhin, dass seine Sünden erst noch auf dem Markt bestraft werden müssen.

Stephen Metcalf ist Kolumnist des Slate Magazines und Host des Podcasts Culture Gabfest

Im Kapitalismus gibts keine Demokratie



Original aus der WOZ: https://www.woz.ch/-840f

«Unter den heutigen Verhältnissen könnten wir tausend Mal beschliessen, dass es weniger Ungleichheit geben soll. Es würde sich nichts ändern»


Vergessen wir die Revolution, meinte der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie vor drei Wochen an dieser Stelle: Die Verhältnisse seien dafür viel zu diffus geworden. Falsch, entgegnet Raul Zelik, und plädiert für die Gemeingüter als Gegenmacht. Eine Replik.

Die Frage der Gemeingüter ist mit dem Klassenkampf verknüpft. Das wusste schon Robin Hood, hier geschminkt als Guy Fawkes bei Occupy Wall Street. Foto: Andrew Burton, Getty
In «Snowpiercer», der Verfilmung einer französischen Graphic Novel durch den südkoreanischen Regisseur Bong Joon Ho, rast ein Zug mit hoher Geschwindigkeit über eine eisbedeckte Erde. Ausserhalb der Waggons ist das Überleben unmöglich geworden, drinnen vegetieren die Fahrgäste in Elend, Gewalt und Dunkelheit – zumindest in den hinteren Waggons. Die Reisenden im vorderen Zugteil geniessen, wie sich im Verlauf des Films zeigt, alle Annehmlichkeiten des guten Lebens.
Die dystopische Geschichte über die Eisenbahn als Klassengesellschaft fasziniert natürlich auch deshalb, weil uns die düsteren Bilder  bestens vertraut sind. Die Fahrgäste der hinteren Waggons werden massakriert, wenn sie versuchen, nach vorne zu gelangen, niemand kann aussteigen. Und dann ist da noch diese Maschine, die nicht zum Stehen kommen darf. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis eine Katastrophe sie zum Entgleisen bringen wird.
Walter Benjamin notierte, auf der Flucht vor den Nazis, ein ganz ähnliches Bild, das als Vorarbeit zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen gilt, aber auch als Skizze zu «Snowpiercer» hätte geschrieben worden sein können: «Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.»

Wer stürmt den Maschinenraum?

Tatsächlich ist diese Frage heute, hundert Jahre nach der Russischen Revolution, schwieriger zu beantworten denn je: Was bedeutet das – die Revolution? Ist sie der Aufstand, der den Leuten aus dem hinteren Zugteil Zugang zu den Waggons der ersten Klasse verschafft? Geht es darum, wie die Unterdrückten in «Snowpiercer» mantraartig wiederholen, die Kontrolle über den Maschinenraum zu erlangen? Oder ist die Revolution eigentlich erst das, was sie dann daraus machen? Und was sollte das sein: Gilt es, die Lebensverhältnisse anzugleichen und die Türen zwischen den Waggons auszuhängen oder, wie Benjamin in seinen Skizzen schreibt, die Maschine zum Stillstand zu bringen?
Früher war viel deutlicher, wo die Reise der Befreiung hingeht. Die Gleise in die Zukunft schienen verlegt, der Streit um Reform und Revolution kreiste um die Frage, wie dem Fortschritt Geltung verschafft werden könne. Während ReformistInnen auf ein Bündnis mit dem Kapital und seinem Staat setzten, sozusagen einvernehmlich mit der ersten Klasse zu LokomotivführerInnen ernannt werden wollten, propagierten die RevolutionärInnen den gewaltsamen Sturm der Lokomotive – bis Walter Benjamin mit seinem Einwand kam: Vielleicht ist die rasende Bewegung das Problem, vielleicht gilt es, die Maschine zu stoppen und aus der Geschichte auszusteigen.
«Snowpiercer» liefert sogar eine Erklärung dafür. Als Curtis, der Anführer der Aufständischen, im Maschinenraum ankommt, heisst es vom bisherigen Wächter des Zuges, genau das sei der Plan gewesen. Die regelmässigen Aufstände seien nur ein Instrument, um Überflüssige zu töten und somit das ökologische Gleichgewicht an Bord zu wahren. Nun sei es Curtis’ Aufgabe, den Zug in Bewegung zu halten. Und draussen ziehen die Ruinen untergegangener Städte vorbei, die aussehen, als hätte jemand, wie Walter Benjamin einst schrieb, «Trümmer auf Trümmer gehäuft» und sie den Menschen «vor die Füsse geschleudert».

«Es gibt keine Gesellschaft»

Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie hat in seinem grossen Essay vor drei Wochen von der Unmöglichkeit einer Revolution gesprochen (siehe WOZ Nr. 47/2017). Er sieht allerdings keine rasende Maschine, sondern nur eine völlig unübersichtliche Welt – sozusagen einen Ozean sozialer Verhältnisse. «Das Wichtigste, was wir in den siebziger Jahren von Foucault gelernt haben, ist, dass die Macht zerstreut ist», schreibt er. «Es gibt keine grundlegende Einheit der Gesellschaft. Es gibt nicht einmal eine Gesellschaft.» So behauptet er und kommt zum Schluss: «Selbst wenn wir ein System radikal umgestalten, bleiben andere Systeme intakt, in weiteren Sphären der sozialen Welt kann es sogar zu Rückschritten kommen. Unter diesem Gesichtspunkt wäre selbst die Abschaffung des Kapitalismus nicht revolutionär, denn sie würde nicht notwendigerweise auch andere Herrschaftssysteme zum Verschwinden bringen, die ebenso real sind.»
De Lagasneries Beschreibung ist durchaus repräsentativ in einer Zeit, in der Gesellschaftskritik eher mit Foucault als mit Marx assoziiert wird. Und sie macht auch genau das Problem dieser Orientierung deutlich. Trotz de Lagasneries Plädoyer für soziale Bewegungen ist sein Text streckenweise Neoliberalismus pur: Dass es keine Gesellschaft gebe, war eine der Lieblingsthesen Margaret Thatchers, die daraus das Mandat für eine totale Macht des Markts ableitete. An jenen Stellen hingegen, an denen de Lagasnerie das politische Engagement verteidigt, klingt er beinahe naiv. Fast wie ein junger Autonomer, der erstaunt feststellt, dass ihn die Stalinisten belogen haben und auch im Sozialismus Frauen unterdrückt wurden: Es gibt verschiedene Unterdrückungsverhältnisse – und sie lassen sich gar nicht aus einem Hauptwiderspruch ableiten?

Alles so schön ähnlich hier

Es gebe «keinen zentralen Knotenpunkt der Herrschaft», schreibt de Lagasnerie. Mag sein. Genauso wahr ist allerdings, dass die ökonomischen Strukturen, die wir Kapitalismus nennen, die Gesellschaft auf eine grundlegende und einzigartige Weise prägen. Heute betonen Individuen vor allem ihre religiöse, ethnische, sexuelle oder Was-auch-immer-Identität, doch das ändert nichts daran: Noch nie waren die Lebensweisen global so vereinheitlicht wie heute. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der wir in erster Linie unsere Differenz erkennen und selbst GesellschaftswissenschaftlerInnen nur noch verwirrende Mannigfaltigkeit konstatieren, hat sich zum ersten Mal in der Geschichte ein echtes Weltsystem etabliert. Der fundamentalistische saudische Scheich, die Versicherungsagentin aus dem Mittleren Westen der USA, die chinesische Führungskraft und der schwule Hipster aus Berlin sind sich in ihrer Lebensweise überraschend ähnlich. Der Stoff ihrer Kleider kommt aus denselben Textilfabriken Bangladeschs, sie stehen morgens und abends jeweils eine Stunde im Stau (die einen im SUV, die anderen vielleicht schon im Elektroauto), dazwischen bedienen sie ihr Smartphone oder hocken vor einem Computer, den chinesische Fabrikarbeiter vermutlich im Auftrag eines US-Konzerns hergestellt haben.
Selbstverständlich variiert diese Lebensweise je nach Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und Hautfarbe enorm. Wer dunkler geboren wird, putzt eher die Scheiben des SUV, als hinter dem Lenkrad zu sitzen. Doch klassen-, geschlechter- und hautfarbenübergreifend wirken identische Kräfte: Immer mehr Alltagshandlungen folgen dem Kalkül einer «Investition», immer mehr soziale Beziehungen entsprechen dem Tausch. Und auch unsere Umgebung wird von dieser mächtigen Grundstruktur transformiert. Innenstädte werden so gestaltet, dass sie den möglichst zügigen Umschlag des Kapitals erlauben, und noch die letzten Winkel des Planeten werden als Fernreiseziele oder Rohstofflager in Wert gesetzt.
Wie falsch de Lagasneries These von den diffus gewordenen Verhältnissen ist, beweist schon der Verlauf der Krise ab 2008. Ein Finanzcrash in den USA stürzte Hunderte Millionen Menschen weltweit in Armut. Natürlich hat de Lagasnerie wiederum recht, wenn er schreibt, dass auch Kommunismus homophob sein kann und es deswegen eine eigenständige politische Praxis zur Bekämpfung von Homophobie braucht. Doch von einem globalen Homophobiezyklus, der an ganz unterschiedlichen Orten der Welt Hungersnöte und Massenmigration in Gang  setzt, hat man sicher noch nichts gehört. Wer nicht erkennt, dass der Kapitalismus eine alles durchfräsende Struktur ist, kann als Progressiver nur scheitern. Wenn de Lagasnerie uns auffordert, uns zwar zu engagieren, aber ohne etwas Gemeinsames zu verfolgen, weil es dieses Gemeinsame nicht gibt, dann propagiert er letztlich, den Kapitalismus zu ignorieren, der eine Weltgesellschaft geschaffen hat, uns aber zunehmend als einsame Seelen zurücklässt.

Die Macht des Kapitals

Wie aber ändern wir etwas an dieser Grundstruktur, von der ich behaupte, dass sie weiterhin zentral ist? Zunächst einmal sollte man sich daran erinnern, dass die These der Linken nicht lautete, mit der Abschaffung des Eigentums (an Produktionsmitteln!) werde jegliche Unterdrückung verschwinden. Die These war, dass die Eigentumsfrage einen entscheidenden Hebel darstellt. Solange miteinander konkurrierendes Kapital sich verwerten muss und solange die BesitzerInnen grosser Vermögen ihr privates Interesse mit Macht durchsetzen, können wir viele grundlegende Dinge nicht verändern. Es ist nämlich die Macht des Kapitals, die uns daran hindert, unser Zusammenleben kooperativer und freier zu gestalten.
Marx behauptete, dass die Kulturgeschichte der Menschheit erst mit dem Kommunismus richtig beginne. Aus heutiger Perspektive müsste man wohl hinzufügen, dass die Geschichte  auch dann alles andere als harmonisch verlaufen würde. Auch dann noch müssten wir unsere  Geschlechterrollen infrage stellen, Produktionsweisen ändern, uns über Formen des Konsums streiten. Dann erst recht! Allerdings hätten wir dann auch die Möglichkeit, etwas zu gestalten.
De Lagasnerie stellt das selbst am Rande fest, wenn er schreibt: «Wir fühlen uns jeden Tag machtloser.» Wir fühlen uns nicht nur so, wir sind es auch, denn das Kapital entscheidet. Unter den heutigen Verhältnissen könnten wir tausend Mal beschliessen, dass es weniger Ungleichheit geben soll. Es würde sich nichts ändern. Denn unter den heutigen Verhältnissen ist nicht entscheidend, was demokratische Mehrheiten wollen, sondern was Profit erwirtschaftet.
Was also ist dann die Revolution? Die Geschichte des sozialistischen Lagers beweist, dass Verstaatlichung vieles verändert – vieles leider allerdings nicht zum Besseren. Der ermächtigte Staat, in dem die Kontrolle über Politik und Ökonomie zusammengeführt wurde, hat sich als schreckliche Machtinstanz erwiesen, und die Gruppen, die diesen Staat lenkten, wurden fast überall zu einer Art herrschender Klasse. Vergesellschaftung muss also mehr sein als Verstaatlichung, mehr als ein Rechtsakt, durch den Privat- in Gemeineigentum überführt wird, nämlich ein lang andauernder Prozess, in dem die Gesellschaft die reale demokratische Kontrolle über das ökonomische Leben erlangt. Und zwar auch, um die Fahrtrichtung zu ändern oder jene Maschine, die heute ein Zug ist, in etwas anderes umzubauen.

Der ethische Kern der Linken

Was wäre konkret zu tun? Ich denke, es gibt zunächst einmal einen ethischen Kern linker Politik, den wir nicht herleiten können. Wir finden richtig, was Menschen gleichberechtigter und das Leben solidarischer macht. Deswegen ist es Aufgabe linker Praxis, sich immer und überall dafür einzusetzen, dass Unterdrückung verschwindet und freie Kooperation zunimmt. Gegen Rassismus, die Zuschreibung von Geschlechteridentitäten, für Zuneigung und Solidarität. Etwas Einfaches, das schwer zu machen ist, wie es bei Brecht heisst.
Neben diesem ethischen Kern, den linke Politik durchaus mit religiösen Strömungen teilt, geht es ausserdem um eine Gegenmacht gegen jene ökonomische Grundstruktur, die unser Leben, unsere Umwelt, unsere Verhaltensweisen und unser Begehren auf unsichtbare, aber doch so wirkungsvolle Weise formt. Diese Gegenmacht ist nicht in erster Linie die Partei, die den Staat erobert, oder die bewaffneten Truppen, die den Lokomotivführer erschiessen. Es ist die Ausbreitung demokratischer Gemeingüter in den verschiedensten Facetten. Deswegen liegt de Lagasnerie erneut falsch, wenn er Commons und Klassenkampf in seinem Text in Widerspruch setzt. Commons, also Gemeingüter, sind und waren immer Ausdruck von Klassenkampf. Die Verteidigung des kollektiven Jagdrechts im Wald gegen den Adel, von der die Geschichte Robin Hoods erzählt, ist ein simples Beispiel dafür.
Aber natürlich geht es nicht nur um Allmende – in der Natur oder im Internet. Gemeingüter haben viele Formen: Produktionsgenossenschaften, MieterInnenprojekte, die den Immobilienmärkten Wohnraum entziehen, Bürgervereine, die die Energieversorgung ihrer Kleinstadt in die eigene Hand nehmen – das alles können erste Ansätze sein. Und natürlich spielt auch der Staat eine Rolle bei der Ausbreitung dieser Macht. Das Projekt eines «Infrastruktursozialismus», der Bildung, Gesundheit, öffentlichen Nahverkehr und Energie für alle zur Verfügung stellt, wäre eine viel wirkungsvollere Strategie zur Durchsetzung der allgemeinen Teilhabe als das Grundeinkommen, über das heute so viel diskutiert wird und das uns dann doch nur als vereinzelte, vermeintlich freie KonsumentInnen zurücklässt.
Wäre die Stärkung von Gemeingütern gegen das Kapital nicht Reformismus? Die grosse Diskussion des 20. Jahrhunderts kreiste um die Frage, wie Linke zu LokomotivführerInnen werden. Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts lautet, wie die vielen den Zug gemeinsam zu kontrollieren lernen und umbauen. Diese Gegenmacht entsteht an vielen Orten, betrifft auch die Maschinenräume, aber eben längst nicht nur. Und sie ist das Ergebnis einer Strategie, die notwendigerweise zugleich evolutionär und revolutionär ist. Aber auch das wusste die intelligentere Linke eigentlich schon einmal.
Es ist nicht wahr, dass die Lage unüberschaubar geworden ist. Wir sind machtlos geworden. Weil das Kapital siegt. Es läge an uns, daran etwas zu ändern, bevor sich das Kapital zu Tode gesiegt hat – und uns mit ihm.


Der WOZ-Autor Raul Zelik ist Schriftsteller und Politikwissenschaftler in Berlin und Vorstandsmitglied der deutschen Partei Die Linke.

Dienstag, 22. November 2016

HUMAN Extended version VOL.1

Turn on the Closed Captions (CC) to know the countries where the images were filmed and the first name of the interviewees.

What is it that makes us human? Is it that we love, that we fight ? That we laugh ? Cry ? Our curiosity ? The quest for discovery ?
Driven by these questions, filmmaker and artist Yann Arthus-Bertrand spent three years collecting real-life stories from 2,000 women and men in 60 countries. Working with a dedicated team of translators, journalists and cameramen, Yann captures deeply personal and emotional accounts of topics that unite us all; struggles with poverty, war, homophobia, and the future of our planet mixed with moments of love and happiness.


The VOL.1 deals with the themes of love, women, work and poverty.

In order to share this unique image bank everywhere and for everyone,
HUMAN exist in several versions :
A theatre version (3h11) , a tv version (2h11) and a 3 volumes version for the web

CONTACTS
Office Yann Arthus-Bertrand : Yann2@yab.fr
Project manager: jessica@human-themovie.org
Head of international screenings and distribution : lara@human-themovie.org
French events and non-commercial distribution : event@human-themovie.org

Official website HUMAN : http://www.human-themovie.org
For further contents, visit http://g.co/humanthemovie
Enjoy and share #WhatMakesUsHUMAN
Watch the full film from September 12 at https://www.youtube.com/channel/UCJy4...

All these shoots were carbon-offset through the GoodPlanet Foundation’s United Carbone Action program: http://www.goodplanet.org/en/united-c...

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Reich ist, wer bequem von den Zinsen leben kann



3 Prozent besitzen so viel wie die restlichen 97 Prozent. Unter den 300 Superreichen wächst jetzt die Angst vor dem sozialen Aufstand. Interview mit dem Soziologen Ueli Mäder: Oliver Fahrn

work: Ueli Mäder, wann ist man wirklich reich?
Ueli Mäder:
Wenn man von den Zinsen seines Vermögens bequem leben kann. Dafür genügt eine Million heute nicht mehr. Es braucht schon ein paar Millionen. Aber wenn Sie einen Superreichen fragen, lautet seine Antwort: Ab 30 Millionen beginnt man reich zu sein.

Ein Haufen Geld, den man mit Lohnarbeit nicht verdienen kann.
Wie sagte einer meiner Gesprächspartner, der mit Finanzgeschäften schon jung sehr viel Geld gemacht hatte: «Wer arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.» Wir haben weit über 100 Reiche interviewt. Aber längst nicht alle würden über die Arbeitenden so verächtlich sprechen.

Also: Wie wird man reich?
Vor allem auch, indem man erbt. Die Hälfte der 300 Reichsten in der Schweiz ist als Sohn, Tochter oder über Heirat reich geworden. 2010 werden mindestens 40 Milliarden vererbt. Mehr als die Hälfte davon geht an Millionäre. Nur zehn Prozent der Erben erhalten drei Viertel aller Erbschaften.

Noch mehr Geld kommt zu schon sehr viel Geld?
Die fehlende Erbschaftssteuer treibt die enorme Konzentration der Vermögen in der Schweiz noch voran. Aber das ist nur ein Element. Zwischen 1989 und 2009 stieg das Vermögen der 300 Reichsten von 86 Milliarden auf 449 Milliarden Franken.

Trotz Krise?
Diese 300 Superreichen haben nur 10 Milliarden von 459 Milliarden verloren. Das war 2009. Inzwischen haben sie das längst mehr als wettgemacht.

In der kleinen Schweiz lebt, so lesen wir, jeder zehnte Milliardär der Welt.
Ja, wenn wir auch jene einbeziehen, die keinen Schweizer Pass haben. Die sozialen Unterschiede wachsen bei uns wie sonstwo kaum. Die Kluft zeigt sich sogar bei den verfügbaren Einkommen, mit denen auch die CS rechnet. Unter 165 Ländern landet die Schweiz in der Rangliste gerechter Vermögensverteilung auf dem drittletzten Platz. Schlechter sind nur Singapur und Namibia. Und seit kurzem wissen wir, dass in Basel 3 Promille der Steuerpflichtigen mehr Vermögen haben als die anderen 99,7 Prozent. Diverse Untersuchungen bestätigen das. Sie finden die Daten auf www.reichtumin- der-Schweiz.ch.

Die Schweiz ist also eine Oligarchie, eine Herrschaft von wenigen Superreichen? Das deckt sich gar nicht mit dem Bild, das wir von diesem Land haben.
Im Gegensatz zu vielen dieser Länder sichern das durchschnittliche Einkommen plus die Sozialversicherungen bei uns meist ein anständiges Leben. Die Einkommen sind etwas gerechter verteilt als die Vermögen. Und doch haben wir auch in der Schweiz fast eine halbe Million Menschen, die in Haushalten von Working Poor leben. Das sind Arbeitende, die vom Lohn die Familie nicht ernähren können. Das Bild von demokratisch gerechter Reichtumsverteilung täuscht.

Weil der generelle Lebensstandard in der Schweiz relativ hoch ist, nehmen wir die wachsende soziale Ungleichheit gar nicht richtig wahr?
Genau. Aber da gibt es noch ein anderes Problem. Die kleine Minderheit mit viel Reichtum und Macht tut auch viel dafür, dass sich in unseren Köpfen falsche Bilder halten. An Vorträgen frage ich das Publikum immer wieder, ob in der Schweiz mehr Menschen unter 20 Jahren oder mehr Menschen über 65 leben. Fast alle sind jeweils sicher, dass die Alten in der Mehrheit sind. Tatsächlich aber leben hier mehr unter 20jährige. Die wenigsten wissen, dass die Sozialausgaben zwar steigen, aber seit 2004 im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt abnehmen. Falsche Bilder sind hartnäckig, weil sie endlos wiederholt werden. In allen Medien, auf allen Kanälen. Die falschen Vorstellungen von der eigenen Gesellschaft dienen offenbar Interessen. Hier zum Beispiel jenen von Versicherungen und Sozialabbauern.

Weil wir nicht genau hinschauen, können die Superreichen ungestört walten?
Einer meiner Interviewpartner war Novartis- Chef Daniel Vasella. Er wurde von rund 100 Reichen unserer Studie als eine der acht mächtigsten Personen des Landes genannt. Ich habe ihn, der auch schon einen möglichen Wegzug der Novartis ins Ausland angedeutet hatte, auf seine Macht angesprochen. Vasella antwortete: «Wenn Sie mir das sagen, dann nehme ich das als Gegebenheit und Wahrnehmung gewisser Leute wahr.» Dann fragte er sinngemäss: Geht es den Menschen in der Region etwa nicht gut?

Die Untertanen sind zufrieden, wen stört meine Macht?
Das ist zu scharf ausgedrückt. Was aber stimmt: So bleiben viele wichtige Fragen unter dem Deckel. Etwa die Frage, ob eine solche Ballung von Macht und Geld vernünftig und sozial verträglich sei. Oder ob die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch eine Chance hätten, über ihr Leben und die Zukunft des Landes frei zu entscheiden.

Wir wundern uns, dass die Reichen und Mächtigen alle mit dem kritischen Soziologen Mäder sprechen wollten.
Es stimmt, kaum jemand hat ein Interview abgelehnt. Und viele der Befragten haben erfreulicherweise sehr offen gesprochen. Rolf Soiron zum Beispiel, einer der besonders einflussreichen und stark unterschätzten Köpfe, hat ungeschminkt über die Wendungen in seinem Leben gesprochen. Dagobert Kuster, früher Direktor der Volksbank und Firmengründer, sprach sich für einen sozial attraktiveren Kapitalismus aus – und für die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer! Ex-UBS-Banker und Ex-Ascom-Chef Urs Hägeli hat unter anderem über die Boni-Abzocker gesagt: «Mit ihrem egozentrischen System gefährden sie unseren sozialen Frieden.»

Der Banker Paul Feuermann, der bei Vontobel und UBS war, hat Ihnen Albträume gestanden. Er spricht von Volksaufständen, Verelendung und «dramatischen Veränderungen».
Er ist nicht der Einzige. Erstaunlicher ist, dass viele daraus keine weiterführenden Schlüsse ziehen möchten. Herr Vasella hält übrigens die Möglichkeit grösserer Umbrüche für durchaus wahrscheinlich. Das zeige auch ein Blick in die Geschichte.

Donnerstag, 29. September 2016

The Choice is Ours (2016) by The Venus Project



Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple

This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.

Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.

Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.

Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.

Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.

Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project

Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut

Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University

Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"

Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower

Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT

Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author

Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"

Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org

Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author

Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".

Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"

Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project

*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.

The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com

Donnerstag, 15. September 2016

Dirty Diesel wird gefördert von Schweizer Händerln

von: https://www.dirtydiesel.ch/

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Bei Luftverschmutzung denken die meisten Leute an Neu-Delhi oder Peking. Sie auch? Zu Recht macht der Smog in asiatischen Städten immer wieder Schlagzeilen. Was dabei leicht übersehen wird: In afrikanischen Städten wie Dakar oder Lagos ist die Luftqualität noch schlechter. Hauptgrund für die ungesunde Luft sind Fahrzeugabgase.

Besonders problematisch ist der hohe Schwefelgehalt im Treibstoff. In afrikanischen Ländern werden Diesel und Benzin mit einem Schwefelgehalt verkauft, der bis zu 378-mal über dem europäischen Grenzwert liegt. Das haben Messungen von Public Eye vor Ort ergeben. Mit diesen qualitativ schlechten Treibstoffen lassen sich hohe Profite erzielen – auf Kosten der Gesundheit der Menschen und der Umwelt.

Unsere neuste Recherche zeigt, dass Schweizer Rohstoffhändler - allen voran Branchenleader Trafigura - das dreckige Geschäft mit dem giftigen Treibstoff für Afrika dominieren. Sie liefern ihn, verkaufen ihn vor Ort über eigene Tankstellen-Netzwerke und produzieren das Gemisch sogar selbst. Dabei nutzen sie die tiefen Grenzwerte in den Ländern systematisch aus und optimieren mit den giftigen Treibstoffen ihre Profitmargen. So tragen sie direkt zur Luftverschmutzung bei und sind somit mitverantwortlich für den frühzeitigen Tod tausender Menschen.

Das Handeln der Schweizer Rohstoffhändler ist aufgrund der laschen Standards zwar legal, aber es ist illegitim und verletzt die Menschenrechte. Wir finden: Das dreckige Geschäft muss aufhören!

Es ist Zeit zu handeln!

Wir setzen uns  zusammen mit verschiedenen afrikanischen Organisationen und dem UNEP (Umweltprogramm der UNO) für griffige Treibstoffstandards ein. Die Rohstoffhändler hier in der Schweiz sind die Nutzniesser dieses ungerechten Geschäftsmodells. Wir wollen sie dazu bringen, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.

Deshalb drehen wir den Spiess um und schicken einen Container mit dreckiger Luft aus Ghana nach Genf, wo auch Branchenführer Trafigura seinen Sitz hat. Das Unternehmen kann dabei unter Beweis stellen, wie ernst es ihm ist  auch punkto Unternehmensverantwortung führend sein zu wollen.

Aktivistinnen und Aktivisten aus Ghana haben den Container gefüllt, gemeinsam müssen wir nun sicherstellen, dass Trafigura unsere Forderung nach sauberem Treibstoff auch hört: Unterschreiben Sie unsere Petition «Return to Sender»,  teilen Sie die Kampagne in ihrem Freundeskreis und folgen Sie uns auf Twitter unter ♯ReturnToSender! Um ein so profitables Drecksgeschäft stoppen zu können, braucht es viel öffentlichen Druck - jede Stimme zählt! Herzlichen Dank.
 
Jetzt gleich Petition unterschreiben!
Als Organisation setzt Public Eye (ehem. EvB) sich für jene Menschen ein, deren Rechte durch das Handeln von Schweizer Unternehmen verletzt werden. Danke, dass Sie sich mit uns engagieren.

Susanne Rudolf
Public Eye (bisher Erklärung von Bern)
 
 
Alle Infos und Fakten zur Kampagne
Alle Infos und Fakten zur Kampagne

Dienstag, 30. August 2016

Ethics of Consumption - cultural capitalism



In this RSA Animate, renowned philosopher Slavoj Zizek investigates the surprising ethical implications of charitable giving.

Samstag, 6. August 2016

Wer den Wind sät… Was westliche Politik im Orient anrichtet | Michael Lüders


https://www.youtube.com/watch?v=syygOaRlwNE

Michael Lüders untersucht in seinem Vortrag die Folgen westlicher Politik in der arabisch-islamischen Welt. Er beginnt mit dem von britischen und amerikanischen Geheimdiensten inszenierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Mossadegh im Iran 1953, die als "Ursünde" westlicher Interventionen in der Region angesehen werden kann. Denn auf Mossadegh folgte die Diktatur des Schah, die wiederum durch die Islamische Revolution 1979 hinweggefegt wurde. Ohne Putsch gegen Mossadegh keine islamische Revolution - in dieser Einschätzung sind sich die Historiker weitgehend einig. Doch der Westen hat aus seinen Fehlern nichts gelernt, wie Lüders aufzeigt. So hatte das Eingreifen in den Krieg in Afghanistan, das 1979 von den Sowjets besetzt worden war, ebenfalls weitreichende Folgen. Aus der Unterstützung für die Mudschahedin, die Glaubenskämpfer, die gegen die Sowjets kämpften, erwuchsen später Al-Qaida und Osama bin Laden. Der Aufstieg des "Islamischen Staates" wiederum ist nicht zu erklären ohne die US-geführte Militärintervention zum Sturz Saddam Husseins 2003. Was also tun? Wie kann eine konstruktive Politik in der Region aussehen? Wie ist das Erstarken radikaler islamistischer Strömungen zu bekämpfen?

Mehr Infos: http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta150412.php

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen?

Original aus zeit.de: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8

Schulzeitverkürzung: Liebe Sophie,

Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner Tochter in einem Brief zu erklären.


Liebe Sophie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane, aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wie viel ist 172? Wie viel 56? Wie viel 28? Auf dem Weg nach Hause dann noch mal: 27 = 128, 182 = 324, 56 = 15625. Und noch mal. Und zur Sicherheit gleich noch mal.
Wir hätten so viel Sinnvolleres tun können auf unserem Heimweg! Den Bildern der Bären nachhängen und Bonbons lutschen zum Beispiel. In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum. Aber noch nicht mal an einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du sein solltest mit zehn Jahren.
Bitte mach mir diesen Mist nicht nach, wenn Du erwachsen bist, Sophie!
Du merkst schon: Der Brief, den ich Dir schreibe, ist eine verzwickte Angelegenheit. Du wirst ihn genau lesen müssen, damit Du alles verstehst. Und dass Du verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was wir Erwachsenen daraus machen.
Ich werde Dir von Schülern berichten, die krank werden vom dauernden Üben. Von Bildungsexperten, die Euch vorm Lernen warnen. Und von Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Von Zeile zu Zeile werde ich wütender werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land, das Euch alle zu Strebern macht.
Deshalb habe ich meinen Brief auch nicht auf Deinen Platz gelegt, dort am Küchentisch, an dem wir morgens Einkaufszettel schreiben und abends Vokabeln lernen: Wie lautet das englische Wort für Gummistiefel, Stiefvater, Drachenfestival, Schiffsausguck, Küstenstadt, Karaoke-Gerät, Schatzkarte, Gartenschuppen, Geschmacksrichtung Hühnchen? Ich schreibe diesen Brief in der Zeitung, weil es noch 275.000 andere Fünftklässler in Deutschland gibt, die ein Gymnasium besuchen wie Du. Die gerade wie Du für die letzten Arbeiten vor den Zeugnissen büffeln. Und die wie Du trotzdem nur mit halbem Ohr diese rätselhaften Wörter hören: "Turbo-Abi", "Schulzeitverkürzung", "G8".
In diesem Brief, Sophie, möchte ich Dir und Tausenden anderer Schulkinder etwas verraten. Es gibt da ein paar Geheimnisse, von denen Ihr nichts ahnt, denn jedes Kind nimmt die Welt ja erst einmal als gegeben hin.
Stopp, das war zu kompliziert! Ich meine: Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein könnte? Oder wie die Erwachsenen gelebt haben, als die noch klein waren? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln müsst: "Was wäre, wenn...?" Aber es macht Euch auch da fügsam, wo Auflehnung angebracht wäre.
Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich abends nach Hause komme und sehe, wie Du über Grammatik-Arbeitsblättern sitzt: Kreuze die richtigen Aussagen an! Der Genus ist das grammatische Geschlecht eines Nomens / Nomen können im Singular und im Plural auftreten. Dies nennt man den Kasus des Nomens / Der Numerus ist der Fall, in dem ein Nomen steht / Man kann Präpositionen steigern / Der bestimmte Artikel gibt im Nominativ Singular das grammatische Geschlecht eines Nomens an / Der Imperativ gehört zu den finiten Verbformen / Präsens wird benutzt, wenn man über etwas sagen kann: Es war gestern so, ist heute so und wird auch morgen so sein / Das Partizip I gehört zu den infiniten Verbformen / Verben kann man deklinieren. Ich hefte dann Rechnungen ab, schreibe EMails und sortiere Zeugs. Ich will nicht freihaben, solange Du noch arbeitest. Ist das nicht verrückt? Irgendjemand hat die Welt verdreht! Nur wer?
Weißt Du: Das alles ist nicht einfach so passiert. Die freie Zeit ist nicht einfach so verschwunden. Wir Erwachsenen haben Euch ein Jahr Eurer Kindheit gestohlen. Aus Eile und Angst.
Wie soll ich Dir das erklären?
Ich versuche es mal so: Unser Leben ist voller Reichtum und Mangel zugleich. Es gibt so viel Essen, dass wir die Reste wegwerfen. Nichts ist richtig knapp, außer manchmal Klopapier. Doch was uns fehlt, ist Zeit. Jedenfalls glauben wir das.
Wir Erwachsenen schauen selten im Kühlschrank nach, ob noch Käse oder Wurst da ist – aber wir gucken ständig auf die Uhr. Wir klagen dauernd über "Stress" – doch wenn wir nichts zu tun haben, fühlen wir uns nutzlos. Wir sind genervt, wenn der Chef uns auch am Wochenende anruft – aber eifersüchtig, wenn ein anderer Kollege mehr Anrufe bekommt. Unsere Computer sind voller Updates und Reminder, unsere Köpfe können Wichtiges von Drängendem nicht mehr unterscheiden – und den Sonntag nicht vom Montag. Das ist die Hast, die ich meine. Deine Großeltern haben seit 40 Jahren dieselbe Telefonnummer, wir haben unsere seit Deiner Geburt zweimal gewechselt – und noch zwei Handynummern dazugekriegt, damit wir immer erreichbar sind. Ein Brief war früher Tage unterwegs, eine Mail ist heute augenblicklich da. Die ganze Welt ist in einen Wettlauf geraten, den wir Erwachsenen "Globalisierung" nennen: Wer näht die billigsten T-Shirts? Wer baut die schnellsten Autos? Wer erfindet zuerst neue Telefone und Computer, die uns noch rasanter updaten und reminden können?
Irgendwann haben wir Deutschen gemerkt, dass die Kinder in anderen Ländern noch schneller lernen als unsere. Dass sie in China früher damit anfangen und in Amerika früher damit aufhören. Und gleich arbeiten. Da hat uns die Angst gepackt. Wir haben uns nicht gefragt, ob es klug ist, zu lernen wie die Chinesen. Wir haben nur gedacht: Bevor die uns einholen, beeilen wir uns auch.

Wir Erwachsenen haben nie Zeit – und haben Euch ein Schuljahr geklaut

Und noch etwas kam hinzu. Etwas, das mit Deutschland zu tun hat: das sogenannte Demografieproblem. Es gibt zu wenige Kinder und zu viele Alte. Aber das siehst Du ja, weil zu unseren Familienfesten mehr Onkel und Tanten kommen als Cousins und Cousinen. Ich hatte lange gedacht, dieses Demografieproblem werde Dein Leben als Erwachsene prägen. Jetzt bestimmt es schon Deine Kindheit. Denn wer früher die Schule verlässt, kann länger arbeiten. Und wer länger arbeitet, kann uns, wenn wir alt und müde sind, länger Geld für die Rente geben.
Schon 1993 (als uns die Chinesen noch egal waren und es keine Schulvergleiche gab) passierte es: Da empfahlen die Finanzminister aller deutschen Bundesländer, Euch ein Schuljahr wegzunehmen. Nicht die Kultusminister, die sich um die Schulen kümmern! Sondern die Politiker, die aufs Geld aufpassen, die Zahlen statt Menschen sehen und deshalb wissen: Jeder Gymnasiast kostet 5000 Euro im Jahr. Geld für die Lehrer, den Hausmeister, die Tafeln und Turnmatten. Allein an Dir und Deinen 27 Klassenkameraden konnten sie also 140.000 Euro sparen.
Deshalb wurde Euch ein Jahr aus der Schulzeit gestrichen – aus dem Lernstoff aber strich man nur wenig. Ihr sollt auf dem Gymnasium in acht Jahren begreifen, wofür Eure Eltern noch neun Jahre Zeit hatten. Unseren Mangel an Zeit – wir haben ihn zu Eurem gemacht.
Deshalb hast Du jetzt eine 40-Stunden-Woche voller Unterricht und Hausaufgaben. Deshalb hast Du vor wenigen Monaten das Gitarrespielen aufgegeben. Deshalb telefonierst Du die halbe Klassenliste rauf und runter, bis Du jemanden zum Spielen findest. Alle sind beschäftigt.
So kommt ein kleiner Raub an Freizeit und Freiheit zum anderen, jeder für sich kaum der Rede wert. Aber wenn man alle zusammenrechnet, in jeder Familie zwischen Nordsee und Alpen, kommt eine große Statistik der Überforderung dabei heraus: Ein Viertel aller Gymnasiastinnen klagt regelmäßig über Kopfweh, das hat die Krankenkasse DAK herausgefunden. Kinder sagen ihre Teilnahme an Geburtstagsfeiern ab. Sie treten aus Sportvereinen und Chören aus. In Schleswig-Holstein, unserem Bundesland, sind die Teilnehmerzahlen bei "Jugend forscht" eingebrochen, dabei wollte Deutschland doch möglichst schnell möglichst viele möglichst junge Ingenieure. In Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Fünft- und Sechstklässler, die nachmittags in Nachhilfe-Instituten nachsitzen, fast verdreifacht. Sie haben plötzlich das Gefühl, nicht gut genug zu sein – obwohl sie gar nicht schlechter geworden sind! Drei Milliarden Euro investieren nervöse Eltern jedes Jahr in die Nachhilfe, 20 Prozent von ihnen mehr als 200 Euro im Monat. Das sind 2400 Euro im Jahr. Fast so viel, wie die Finanzminister an Euch gespart haben. Das macht den Reichen nichts aus, aber den Armen umso mehr. In Internetforen werden "Pillen fürs Abi" empfohlen: Ampakin – eigentlich für alte Leute mit Alzheimer – für mehr Gehirnleistung. Fluoxetin – eigentlich gegen Depressionen – für mehr Leistungsbereitschaft. Metroprolol – eigentlich gegen Bluthochdruck – für weniger Prüfungsangst. Und an Deinem Gymnasium hat eine "Wirtschaftspsychologin" uns Eltern vor einigen Tagen erklärt, woran wir bei Euch einen Burn-out erkennen. Das bedeutet, dass manche Kinder jetzt schon ausgebrannt sind – wie überarbeitete Erwachsene.
Ich habe einen Professor für Soziologie angerufen. Soziologen erforschen, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist. Warum wir so leben, wie wir leben. Der Professor heißt Hartmut Rosa und ist 45 Jahre alt, hat aber noch nicht vergessen, wie es ist, ein Kind zu sein. Deshalb hat er etwas geschafft, was Professoren selten schaffen: Er hat ein Buch geschrieben, das auch normale Menschen lesen können. Es heißt Beschleunigung und handelt von unserer täglichen Raserei.
Hartmut Rosa sagt, er macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so "vernutzt" ist. Dass alles einen Zweck hat, einen Sinn erfüllen muss. Dass wir Euch sogar dann, wenn wir Euch Gutes tun wollen, bloß wieder auf ein Leben als Erwachsene vorbereiten. "Es ist wichtig, körperlich fit zu sein und musikalisch, gesund zu essen, Freunde zu haben – und sich entspannen zu können!", sagt er. Hartmut Rosa will, dass wir Erwachsenen Euch endlich in Ruhe lassen. Ein Kind soll im Jetzt leben und nicht dauernd ans Morgen denken. Ein Kind soll ganz bei sich sein dürfen, nicht für andere da sein müssen. Ein Kind soll die Muße haben, mit etwas zusammen zu wachsen. Das kann ein Baum sein, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Tier.
Vor allem fordert Hartmut Rosa: Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen. Denn irgendwann wird aus Langeweile Bewegung, ein Stromern und Streunen, das ziellos ist und doch an tausend Orte führt. Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. "Die allermeisten Menschen würden im Rückblick doch sagen: Die endlos langen Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen." So sagt es Hartmut Rosa.
Ganz sicher ist der Rückblick in die eigene Kindheit weichgezeichnet von Gefühlsduselei. Aber ich kann nur von meiner Kindheit erzählen: Ich bin groß geworden in einer Welt, in der es nicht pausenlos piepte und ploppte, niemand twitterte und livetickerte, in der Computer dick und braun waren wie Brotkästen und nur bei pickligen Stubenhockern in verdunkelten Kinderzimmern standen. Wenn ich mit jemandem spielen wollte, habe ich keine Klassenliste abtelefoniert, sondern beim Nachbarn geklingelt und gefragt: "Kommt der Christian raus?"

Wie viel Platz lässt Dir der Alltag für Hobbys? Für die Pubertät? Für Protest?

Als Fünftklässler habe ich endlose Nachmittage in der festen Überzeugung verbracht, der berühmte Fußballspieler Karl-Heinz Rummenigge zu sein – auch wenn ich meinen Lederball nur gegen Garagentore gedroschen habe. Mal allein, mal mit Freunden, mal mit fremden Jungen aus fremden Vierteln, rauen Burschen mit rauer Sprache, Hauptschülern, die der Zufall in meine Straße geführt hatte. Ich habe mich auf aufregende Weise gelangweilt! Jeden Schritt, jeden Schuss kommentierte eine innere Reporterstimme: "Was für eine Körpertäuschung! Mit diesem Volleykracher sichert sich Kalle Rummenigge die Torjägerkanone! Inter Mailand hat hundert Millionen für ihn geboten!" Später war ich Boris Becker, Tennisstar, der im Finale gegen eine bis dahin unbesiegte Brandmauer antrat. Ich ließ vor meinem Aufschlag den Ball auftitschen wie er. Ich leckte meine Lippen wie er. Ich schälte sogar meine Bananen wie er. "6:1, 6:0, 6:1!", brüllte die innere Stimme jetzt, "anders als der falsche Boris Becker gewinnt der echte zum dritten Mal in Folge Wimbledon! Und jetzt überreicht ihm die Herzogin von Kent auch schon den goldenen Pokal!"
Heute klingt das alles bescheuert, oder? Aber als Kind habe ich mir Baugenehmigungen für Luftschlösser erteilt. Wenn ich an früher denke, schlendere ich als Fußballgott und Tenniskönig durch gleißend helle Nachmittage. Ich habe immer Zeit. Und es ist immer Sommer. Ein größeres Kompliment kann die Erinnerung der Kindheit nicht machen.
Wenn es regnete? Habe ich den Tropfenrennen am Fenster zugesehen oder die Holzvertäfelung neben meinem Bett angestarrt. So lange, bis sich aus der Maserung Berge erhoben und sich die Astlöcher in Vulkankrater verwandelten. Kennst Du das auch?
Ich habe mal gerechnet: Du wirst in den Schulklassen fünf bis zwölf 1200 Stunden mehr Schule haben, als ich es hatte. 1200 Schulstunden! 1200-mal 45 Minuten. Das sind 600 Fußballspiele. Das ist die Zeit, in der ich Karl-Heinz Rummenigge und Boris Becker war. In der ich zum Golfplatz radelte und mit einem flinken Griff durch den Zaun eine Handvoll Bälle klaute, weil ich das für rebellisch hielt. In der ich mir ein Segelboot aus Holz baute, das dann leider auseinanderfiel. Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt es. Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! Mich zu irren. Fehler zu machen. In eine Sackgasse zu laufen und wieder zurückzugehen.
Mach auch mal Fehler, Sophie! Sachen, die wir Eltern für falsch halten. Du bist ja schon vernünftiger als wir: Als ich Dich neulich gefragt habe, ob ich mittwochs mal schwänzen soll, den Kollegen bei der Zeitung sagen, ich würde zu Hause arbeiten, in Wahrheit aber mit Dir schwimmen gehen, hast Du geantwortet: "Ich habe keine Zeit. Ich kann nur an Wochenenden."
An Deinen Lehrern liegt das kaum. Deine Schule erscheint mir als eine der besseren in einem schlechten System – fast wie das Richtige im Falschen. Du hast zwei Klassenlehrer, nicht nur einen. Die beiden strahlen eine Gelassenheit aus wie Teetrinker in der Espresso-Gesellschaft. Du hast bei ihnen zunächst das Lernen gelernt: Ich beginne meine Hausaufgaben mit etwas Einfachem und Interessantem. Ich lege Pausen bei meinen Hausaufgaben ein. Ihr bekommt Übungsarbeiten mit nach Hause, damit Ihr wisst, was Ihr Euch einprägen müsst (und was nicht...). Ihr bewertet Euch mit Selbstkontrollbögen: Was kann ich schon? Was noch nicht? Auf den Elternabenden fragen Eure Lehrer uns: "Sollen wir weniger Hausaufgaben aufgeben, damit den Kindern mehr Zeit bleibt? Oder mehr, damit sie den Stoff besser verstehen?"
Auf dem anderen Gymnasium in unserer kleinen Stadt hagelt es Fünfen und Sechsen, und Kinder geben halb leere Arbeitsblätter ab.
An deiner Schule haben die Lehrer hier und da die Lehrpläne entrümpelt. Und sie haben das Fach "Science" erfunden: Biologie, Physik und Chemie in einem. Wenn Ihr über Vögel sprecht (Biologie!), lernt Ihr auch, wie an ihren Flügeln Auftrieb entsteht (Physik!). Wenn Ihr über die Lunge und das Atmen sprecht (Biologie!), redet Ihr gleich über Sauerstoff und Stickstoff (Chemie!). Es gibt Lehrer anderer Gymnasien, die bei Euch lernen, wie man Science unterrichtet. Es gibt Verlage, die ihre Schulbücher den Ideen Deiner Lehrer anpassen. Ihr habt in Klasse fünf jeweils sechs Stunden Englisch, Mathe und Deutsch pro Woche, damit Ihr in Klasse sechs nur mehr vier braucht – denn dann kommt ja noch Französisch oder Latein hinzu. Eure Klassenlehrerin hat sich drei statt zwei Stunden Musik erkämpft, in denen sie mit Euch singt und lacht. Deine Lehrer nennen das "Stunden zum Ausatmen". Auch deshalb also habt Ihr so viel Unterricht.
Warum sollten Lehrer Euch auch von der Schule fernhalten? Uns Eltern aber hat der Soziologe Hartmut Rosa Hausaufgaben aufgegeben: "Es muss Nachmittage geben, an denen nichts im Terminkalender steht. Oder an denen NICHTS! im Terminkalender steht."
Ich hätte zwar lieber mit den Finanzministern, diesen Sparschweinen, gestritten, als schon wieder in Dein Leben einzugreifen, Sophie – aber als Du das Gitarrespielen aufgegeben hast, war das nicht nur Dein Wunsch, sondern auch der von uns Eltern. Damit Du weiter Basketball spielst. Denn da bist Du mal keine Einzelkämpferin.
Jetzt hängt Deine Gitarre an einem Haken neben Deinem Schreibtisch, und ich frage mich: Wirst Du uns später einmal übel nehmen, dass Du nur zuhören kannst, wenn andere Musik machen?
Ist es Zufall, dass Dein Freundeskreis nur noch aus Klassenkameradinnen besteht? Oder liegt es daran, dass Ihr im selben Rhythmus lernt und lebt?
Wie viel Platz wird Dir Dein Alltag für Liebeskummer lassen? Für die Pubertät? Für den Aufstand?
Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich "freie Zeit" bedeutet?

Abitur mit 17 Jahren, Bachelor mit 20 – wem ist damit geholfen?

Warum wird das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller? Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind?
Woher kommt unsere Globalisierungsangst? Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist viel geringer als in Frankreich, Italien, Spanien. Unser Land ist klein, aber unsere Wirtschaft ist die viertgrößte der Welt. Wir verkaufen Autos, Windräder und Medikamente überallhin. Und sind all die Erfinder, Konzernchefs und Gewerkschaftsführer nicht dreizehn Jahre aufs Gymnasium gegangen?
In wie vielen Familien kreisen die Gespräche nur noch um Schule? Hast Du die Vokabeln drauf? Bist Du fit für die Arbeit? Schreibe eine möglichst kleine Zahl auf, indem Du jedes der folgenden römischen Zahlzeichen genau einmal verwendest: M, C, I, X, V.
Nicht dass Du mich falsch verstehst, Sophie: Die Schule ist nicht fürs Kinderglück verantwortlich. Dafür sind wir Eltern zuständig. Und Schüler müssen nun mal lernen. Aber sie müssen auch Zeit haben für eigene Entdeckungen.
Wir üben jetzt oft gemeinsam. Manchmal gibt es Krach, manchmal erleben wir innige Momente: dieses wärmende Glück, wenn wir beide wieder etwas begriffen haben, wenn die Erkenntnis durchbricht wie die Sonne nach drei Tagen Regen! Du hast gelernt, wie die Ägypter ihre Pyramiden bauten. Warum ein Londoner Vorort mit Namen Greenwich weltbekannt ist. Dass es am Horizont einen Fluchtpunkt gibt, auf den alle Linien zulaufen. Jede Schulstunde kann ein Geschenk sein. Und alles zusammen fügt sich zu einem Schatz. Kostet es zu viel Kraft, zu viel Zeit, zu viel Leben, ihn zu heben?
Euer Schuldirektor sagt: Nein. Das sei nur die übliche Sorge der Eltern, deren Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Das größte Problem der Schulzeitverkürzung sei "mangelnde Akzeptanz". Also Leute wie ich!
Er sagt das aus einer privilegierten Position heraus, so wie ich diesen Brief aus einer bevorzugten Lebenslage schreibe: Dein Direktor leitet ein Vorstadtgymnasium in einer besseren Gegend. In Eurer Schulkantine servieren "Kochmütter" das Mittagessen. Es gibt aber auch Frauen, die bis abends arbeiten möchten (Du später vielleicht auch!). Alleinerziehende Eltern, die das müssen. Und Väter und Mütter, die keine Lust haben, mit ihren Kindern zu lernen, die gibt es auch.
Was wird aus diesen Schülern?
"Die Übungsphasen, die dazu da sind, Stoff zu vertiefen, sind nach Hause verlagert worden. Kinder, die niemanden haben, der ihnen bei den Hausaufgaben hilft, kommen schlecht weg", sagt Heinz-Peter Meidinger. Er ist Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Das ist ein Zusammenschluss von Lehrern, die an Gymnasien arbeiten.
Ich habe im schleswig-holsteinischen Bildungsministerium nachgefragt: Der Anteil der Schüler, die nach der sechsten Klasse die Gymnasien verlassen müssen, hat sich verdreifacht. In Bayern macht die erste G-8-Generation gerade Abitur – seit der fünften Klasse sind dort 31 Prozent aller Schüler auf der Strecke geblieben. Bei G9 waren es 22 Prozent. Diese Kinder wurden "abgeschult", so nennt man das in den Statistiken.
Es klingt fast weltfremd, wenn die Kirche gegen dieses eiskalte Wort protestiert und daran erinnert, dass "jeder Mensch mit reichen und vielseitigen Anlagen beschenkt" sei. Bildung müsse auch die "Kräfte der Fantasie, der Liebe, des seelischen Erlebens und des moralischen Wertens" wecken.
Der Pädagoge Andreas Gruschka sagt: "Es kommt nicht mehr Saft aus einer Zitrone, wenn man mehr presst." Gruschka selber ist zweimal sitzen geblieben und trotzdem Professor geworden. An der Goethe-Universität in Frankfurt am Main erforscht er, wie Lehrer unterrichten und wie Kinder lernen. Er meint: Ihr paukt zwar viel, aber Ihr habt nicht viel davon. Euch fehlt die Zeit, wirklich zu kapieren, was die Lehrer Euch erzählen. Und darüber eine eigene Meinung zu bilden. Er sagt: "Die Kinder heute lernen Organisation und Präsentation." Referate, Wochenpläne – er hält das alles für eine Vorbereitung auf ein kritikloses Büroleben, in dem der Chef in der Tür steht und sagt: "Frau Müller, stellen Sie mir bis Freitag bitte alles über die indischen Märkte zusammen!"
G8 habe "für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen", sagt der Münchner Bildungsforscher Kurt Heller, ein Pädagoge und Psychologe. Das ist besonders interessant, weil niemand in Deutschland so gründlich zu dem Thema geforscht hat wie er: In den neunziger Jahren hat Heller in ein paar baden-württembergischen Gymnasien G8 ausprobiert – mit durchschnittlich 16 Schülern pro Klasse. Am Ende empfahl er: Es sollte G8-Schulen und G9-Schulen geben. Aber dann, sagt Heller heute, habe die Politik überall das Turbo-Abi eingeführt. Der Professor hat sehr frustriert geklungen, als er mir gesagt hat: "Ist leider so gelaufen."

Wo sind die Querköpfe und die Nervensägen? Wer hat sie aussortiert?

Philologen und Psychologen, Pädagogen und Prozente – wie schnell wird der Streit um Eure Schulzeit abstrakt und entfernt sich wieder aus der Wahrnehmung der Kinder. Und weg von tausend kleinen Lebenswirklichkeiten.
Es gibt einen Arzt in Bremen, der heißt Stefan Trapp und hat vor drei Jahren einen Brief an die Bildungssenatorin seiner Stadt geschrieben. Darin steht: "Als niedergelassener Kinder- und Jugendarzt wie auch als betroffener Vater erlebe ich die Folgen der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre täglich in Praxis und Familie." Seine Patienten zeigten Symptome, die sonst bei gestressten Managern auftreten. Kopfschmerzen und Erschöpfungszustände, auch Traurigkeit und Angst. Die Senatorin hat ihm bis heute nicht geantwortet. Aber weil Trapp in seiner Stadt ein bekannter Mann ist und den Bremer Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte leitet, hat eine Zeitung seinen Brief abgedruckt.
Trapp ist noch jung. Er trinkt Cola und isst gerne Kuchen, obwohl das nicht gesund ist. Er ist ein fröhlicher Arzt, solange er nicht von den müden Mädchen und Jungen in seinem Sprechzimmer erzählt. Er sagt: "Früher hatten Kinder Kopfschmerzen, weil sie eine Brille brauchten. Heute, weil sie beim Gedanken an die Schule mittlerweile die Gefahr des Scheiterns mitdenken." Er behandelt Schüler mit Schlafstörungen und Depressionen. Das sind Krankheiten, die früher bloß Erwachsene bekamen, die richtig Pech hatten. "Die Rolle des Gymnasiasten als Sorgenkind ist neu", sagt Trapp. Gymnasiasten sind seltener dick, essen meist gesünder und prügeln sich kaum. "Aber die Schulzeit ähnelt immer mehr einer anspruchsvollen Bürotätigkeit – kein Wunder, dass sich auch die Krankheitsbilder ähneln." Wie sollen Jugendliche mit Anforderungen fertigwerden, an denen Erwachsene scheitern? Zumal sie dauernd beobachtet und benotet werden. Alle sind unzufrieden: Schüler, Eltern und Lehrer. Alle haben Stress. Und in diesem Gezerre sind die Kinder die Schwächsten.
Warum schützen wir die Schwächsten nicht mehr? Auch nicht die Aufmüpfigen, die Sperrigen, die unser Tempo bremsen? Ich sage Dir, Sophie: weil wir Erwachsenen die wahren Streber sind! Weil wir zu feige sind, mal richtig wütend, richtig sperrig, richtig uncool zu sein.
Vor einigen Monaten hat der neue Bildungsminister in unserem Bundesland alle Gymnasien abstimmen lassen, ob sie das neunte Schuljahr zurückhaben wollen. Die Lehrer Deiner Schule haben sich entschieden, bei G8 zu bleiben. Einstimmig, sagt der Direktor. Ich kann mir vorstellen, dass viele aus Stolz auf ihre eigenen Ideen so entschieden haben. Manche aus Erschöpfung nach all den Konferenzen. Andere, weil sie finden, dass nicht nach jeder Landtagswahl alles geändert werden sollte, dass zu viele Rollen rückwärts schwindlig machen. Und einige vielleicht auch aus Respekt vor dem Direktor.
Wochenlang habe ich versucht, mit der Schulpsychologin unseres Landkreises zu reden. Aber sie hat mir in kurzen Mails geantwortet, für ein ausführliches Gespräch habe sie keine Zeit – und für ein kurzes Telefonat sei das Thema zu wichtig. Auch das meine ich mit Feigheit, Sophie.
In Bremen fragt der Kinderarzt Stefan Trapp die Schüler in seiner Praxis: Warum kommst du zu mir? Was machst du in deiner Freizeit? Was tust du gern? Was würdest du gern tun? Wann fühlst du dich wohl? Wenn die Antwort lautet: Ich war das letzte Mal in den Ferien froh, dann ist das ein Problem. Auch für ihn. Ein Arzt will heilen, nicht nur herumdoktern. Mit Scharlach oder Läusen ist Trapp immer fertiggeworden, aber wie kann er einem mutlosen Kind helfen? "Wenn jemand krank wird durch die Schule, ist eine Therapie, eine ursächliche Therapie, nicht möglich", sagt Trapp. Das bedeutet: Wer sich einen Arm gebrochen hat, bekommt einen Gips und braucht Geduld. Wer eine Pferdeallergie hat, kann mit dem Reiten aufhören. Aber wen das Lernen krank macht, der kann nicht die Schule abschaffen.
Unsere Gesellschaft ist dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen – aber es wird so getan, als ginge es immer nur um die Stärksten und Schlausten. Als könnten wir auf alle anderen Kinder verzichten.
Weißt Du, was passiert ist, als eine Mutter eine Lehrerin Eurer Schule gefragt hat, ob sie nicht zu schnell zu viel von Euch verlangt? Da hat die – eine junge Frau – kühl geantwortet: "Sicher ist dieses Lernen nicht für alle geeignet." Und Klassenarbeiten seien dazu da, "zu überprüfen, ob die Kinder auf dem Gymnasium Schritt halten können".
Weißt Du, was das bedeutet, Sophie?
Ich werde es Dir erklären: Es bedeutet, Klassenarbeiten sollen nicht nur helfen, herauszufinden, welcher Schüler wo Schwächen hat – um dafür zu sorgen, dass es beim nächsten Mal besser klappt. Nein: Sie sollen auch helfen, die Schwächsten zu finden und auszusortieren. Deine Lehrerin hat nicht gesagt, es gehe ihr darum, alles zu tun, "damit" Kinder Schritt halten können. Sondern zu prüfen, "ob".
Meine Lehrer hätten so etwas nie gesagt, selbst wenn sie heimlich so dachten. Du wirst das verrückt finden, Sophie: Als vor 25 Jahren in der Ukraine ein Atomkraftwerk explodierte, schickten meine Lehrer uns zum Demonstrieren! Als vor 20 Jahren in Kuwait ein Krieg losbrach, ließ mein Mathelehrer uns aus Protest nicht mit Äpfeln und Birnen rechnen, sondern in der Recheneinheit "Leichensäcke". Das hört sich ziemlich grotesk an, was? Einige meiner Lehrer sprachen im Unterricht voller Pathos, wie ein Pastor in der Sonntagspredigt. Aber es ging ihnen darum, uns mitzureißen. Uns zu gewinnen. Wenn auch nur für ihre eigenen Träume von einer besseren Welt.
Und jetzt? Spricht diese Lehrerin wie die Jurypräsidentin einer gigantischen Castingshow – in der nicht Werbeverträge vergeben werden, sondern Lebenschancen. Und zwar nur an die Passgenauen.
Das macht mich wütend. Sie hat G8 zwar nicht erfunden – aber sie hat sich damit abgefunden. Mindestens das. Andererseits gibt sie nur den Druck weiter, den andere aufgebaut haben. Und zu diesen anderen gehöre – ich. Die Versuchung, mit Dir auf die Jagd nach immer besseren Noten zu gehen, ist so groß. Wie schnell passiert es, dass ich eine gute Klassenarbeit nach den wenigen Fehlern ausspähe, nicht nach den korrekt gelösten Aufgaben. Es gibt Eltern in unserer Stadt, die ihren Kindern das Taschengeld kürzen, wenn die keine Eins heimbringen. Die mit all den fleißigen Chinesenkindern drohen, von denen wir noch gar nicht wissen, ob die ganze Paukerei sie wirklich schlau macht oder bieder.
Wenn Du Geburtstag feierst und Deine Klassenkameradinnen kommen, freue ich mich über all die wohlerzogenen Kinder, die den ganzen Tag keine Mühe machen – aber ich wundere mich auch. Wo sind die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen? Wer hat sie aussortiert?

Du bist mehr als die Summe deiner Leistungen

Vor fünf Jahren hat ein Kollege in dieser Zeitung geschrieben, er finde die verkürzte Schulzeit gut, denn es sei noch "Luft im System". Schon möglich. Aber ist Luft schlecht? Ist sie nicht zum Atmen da? Und lernt, wer atmen darf, nicht sogar mehr? Oder jedenfalls lieber?
Das Gerede von der "Luft im System" ist gefährlich, Sophie. Man kann so lange sagen, es sei "Luft im System", bis keine mehr da ist.
Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen: In einem Motor kann Luft schaden, in einem Windkanal ist Druck sinnvoll. Aber wer hat uns eingeredet, dass ein beschleunigtes Leben ein gelingendes Leben ist? Wenn ich sehe, wie Manager auf Flughäfen und in ICE-Abteilen ihre iPhones und BlackBerrys anstarren, auf eingehende Mails so angewiesen wie Junkies auf Rauschgift, und wenn ich höre, wie sie endlos von "Quartalszahlen", "Jahresabschlüssen" und der Marktforschung faseln, die sie nur noch "Mafo" nennen, wie sie von Hamburg nach München fahren, ohne dabei auch nur einen einzigen eigenen Gedanken zu äußern – dann glaube ich, wir sollten uns kein Beispiel an ihnen nehmen.
Es wäre schön, wenn Ihr später nicht nur Zahlen lesen könntet. Sondern auch die Menschen hinter den Zahlen erkennen würdet. Wenn Bildung hieße: mit Wissen vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: "Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln."
Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr hässlich an, Sophie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.
Wenn Du Abitur machst, wirst Du 17 sein. Mit 17 lassen wir Euch nicht alleine Auto fahren und keine Mietverträge unterschreiben. Wenn Du Pech hast, musst Du Dich für ein Leben als Lehrerin, als Mathematikerin, als Managerin entscheiden, bevor Du überhaupt weißt, was Du kannst, was Du willst, wer Du bist. Falls Du dann ein eiliges Bachelorstudium durchhastest, wirst Du mit 20 die Universität verlassen. Worauf haben wir uns da nur eingelassen? Wollen wir, dass unsere Enkel von 21-jährigen Lehrern unterrichtet werden, die kaum mehr von der Welt gesehen haben als Legehennen? Wollen wir uns von 22-jährigen Bankern mit Geradeausbiografien betreuen lassen? Uns von 23-jährigen Unternehmensberatern begutachten lassen?
Wenn Dich Deine Lehrer, unsere Nachbarn oder die Eltern Deiner Freundinnen jetzt fragen, warum Dein Vater so aufgebracht ist, dann musst Du wissen: Es liegt nicht an Dir. Wer glaubt, ich schreibe hier gegen schlechte Noten an, der hat nichts begriffen. Deine Zensuren sind gut. Ich bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen.
Wenn sie Dir sagen, es ist doch nur das eine Jahr, dann antworte ihnen, es geht um Millionen beschleunigter Leben. Und wenn sie Dich fragen: "Acht oder neun Jahre, ist das nicht einerlei?", dann sag ihnen: Was wäre los, wenn die Lokführer plötzlich 15 Prozent mehr arbeiten müssten? Dieses Land stünde still, über Wochen. Die Tagesschau würde Abend für Abend mit Streikmeldungen beginnen. Es gäbe Demonstrationen, auf denen wütende Männer rote Fahnen schwenken. Es gäbe aufgeregte Talkrunden im Fernsehen, in denen die Erwachsenen "Ausbeutung" und "Raubtierkapitalismus" brüllten.
Natürlich frage ich mich: Ist eine Sache nicht nur dann schlimm, wenn Du, Sophie, sie selber schlimm findest? Habe ich Dich mit diesem Brief zum Faulenzen aufgefordert, Dir Ausreden und Ausflüchte in den Mund gelegt? Habe ich Dich verwirrt? Dir überflüssige Sorgen gemacht? Ich hoffe fast, dass Du diesen Brief inzwischen zur Seite geschoben hast und irgendwo Waveboard fährst, weil Du das Geschreibsel hier dröge findest und sowieso Quatsch ist, was von den Eltern so kommt.
Aber Du sollst ruhig wissen, warum wir auf dem Weg ins Kino 17², 56 und 28 gelernt haben.
Du sollst wissen, warum ich Dich manchmal dressiere wie ein Dompteur sein Zirkuspferd – und mir dann wieder auf die Lippen beiße, statt nach der Schule zu fragen.
Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen.
Du sollst wissen, warum es manche Deiner Freundinnen nicht schaffen werden, warum ihre Stühle irgendwann leer bleiben werden.
Du sollst wissen, dass Depression keine Kinderkrankheit ist.
Du sollst wissen, dass die Schulzeit mehr sein sollte als ein Trainingslager fürs Berufsleben.
Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen.
Und Du sollst wissen, dass ich Dir das gestohlene Jahr zurückgeben möchte. An jedem Tag, an jedem Wochenende – und nach dem Abitur. Am besten kein Auslandsstudium. Kein Sommerseminar. Sondern einfach eine Reise ohne Weg und ohne Ziel. Denn wenn Du Deine Seele bis dahin nicht in einem Klassenzimmer gefunden hast, wirst Du sie auch in einem Hörsaal nicht finden. Aber vielleicht tief in einem finnischen Wald, mitten in einem äthiopischen Dorf oder auf der Sitzbank eines amerikanischen Überlandbusses. Irgendwo, irgendwann, wenn Du es nicht erwartest.
Und ich hoffe, dass Du mich dann, wenn es losgehen soll, nicht mitleidig anschaust und sagst: "Das ist doch reine Zeitverschwendung."
Dein Papa
* Name von der Redaktion geändert


Vera F. Birkenbihl: "Trotz Schule lernen", Ariston
Sabine Czerny: "Was wir unseren Kindern in der Schule antun", Südwest Verlag
Kurt A. Heller (Hrsg.): "Begabtenförderung im Gymnasium", Leske & Budrich
Remo H Largo / Martin Beglinger: "Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen", Piper
Birgitta vom Lehn: "Generation G8", Beltz
Julia Strelow: "Ratgeber Nachhilfe", Books von Demand