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Freitag, 26. Oktober 2018
Charles Eisenstein - New Story
Sacred Economics traces the history of money from ancient gift economies to modern capitalism, revealing how the money system has contributed to alienation, competition, and scarcity, destroyed community, and necessitated endless growth. Today, these trends have reached their extreme - but in the wake of their collapse, we may find great opportunity to transition to a more connected, ecological, and sustainable way of being.
This short contains some visuals from the upcoming feature doc Occupy Love http://occupylove.org
and here an another video "Charles Eisenstein Full-length Interview from Living the Change":
We hope you get as much from this interview as we did! Below are a list of questions we asked Charles:
1:06 - What are the 'old story' and 'new story' that you describe in your writing?
14:37 - Where does the sense that a better world is possible come from?
19:16 - What guides us in the space between stories to creating the new story?
21:11 - How did the world get to where it is now?
28:20 - Do you think advancements in technology can solve the problems we're facing?
33:50 - Do you see the current money system as a symptom of separation?
37:50 - What could an alternative system look like? Would the current system need to collapse to make way for the new?
43:24 - Can individual action create big change?
48:14 - What is the wound of separation and how do we see it expressed in society?
54:32 - What do you advise people to do in times of not knowing what to do?
1:01:33 - Can doing nothing take you to a place of knowing what to do?
1:06:39 - When you imagine the new story, what does it look like?
Labels:
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Mittwoch, 27. Dezember 2017
Neoliberalismus - Die Idee, die die Welt verschlingt
Original auf Freitag.de: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/die-idee-die-die-welt-verschlang
Die Idee, die die Welt verschlingt
Neoliberalismus
Er ist die herrschende Ideologie unserer Zeit – eine, die den
Gott des Marktes verehrt und uns das nimmt, was uns menschlich macht
Der Neoliberalismus ist ein Werkzeug, die gesellschaftliche
Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen neu zu denken
Foto: Chris Hondros/Getty Images
Im Sommer 2016 beendeten Wissenschaftler des Internationalen Währungsfonds eine lange und erbitterte Debatte über den Neoliberalismus.
Sie räumten ein, dass er existiert. Drei führende Ökonomen des IWF –
eine Organisation, die nicht gerade dafür bekannt ist, mit linken
Analysen vorzupreschen – veröffentlichten einen Bericht,
in dem sie erstmals die Zweckdienlichkeit des Neoliberalismus in Frage
stellten. Sie trugen so dazu bei, die Vorstellung zu begraben, dass der
Ausdruck nicht mehr sei denn ein verleumderischer politischer
Kampfbegriff ohne analytische Wirkmacht. Der Bericht kritisierte zaghaft
eine „neoliberale Agenda“, welche Ökonomien auf der ganzen Welt zu
Deregulierung dränge, nationale Märkte zur Öffnung für Handel und
Kapital zwinge und fordere, dass Regierungen sich selbst durch
Austerität und Privatisierung klein schrumpfen. Die Autoren belegten
statistisch die Ausbreitung neoliberaler Politik seit 1980 – und deren
Korrelation mit schwachem Wachstum, dem Auf und Ab der Boom-Bust-Zyklen und nicht zuletzt steigender Ungleichheit.
Neoliberalismus ist ein altes Wort, das zunächst in den 1930er Jahren aufkam. Jedoch wird der Begriff nun wiederbelebt, um die derzeit vorherrschende Politik zu beschreiben
– oder präziser: das bisschen Denk-Bandbreite, das unsere Politik noch
erlaubt. Nach der Finanzkrise 2008 bot der Neoliberalismus so eine
Möglichkeit, einen Verantwortlichen für das Debakel jenseits politischer
Parteien an sich zu benennen: ein Establishment, das seine Autorität
willfährig an den Markt verkauft hatte.
Für
einige US-Demokraten und Anhänger der Labour-Partei in Großbritannien
war dies eine geradezu groteske Prinzipienverletzung. Bill Clinton und
Tony Blair, so hieß es, hätten die traditionelle Verpflichtung der
Linken, insbesondere gegenüber den Arbeitern, aufgegeben. Stattdessen
wandten sie sich nun einer globalen Finanzelite zu, die sich wie im
Selbstbedienungsladen bereichert hatte. So legten sie den Grundstein für
ein verheerendes Anwachsen der Ungleichheit.
Eine Brille, mit der man die Welt sehen kann
In
den vergangenen Jahren – in denen die Debatte mit zunehmend
schmutzigeren Mitteln geführt wurde – ist der Begriff Neoliberalismus zu
einer rhetorischen Waffe geworden, einer Möglichkeit für jeden links
der Mitte, jene anzuschwärzen, die sich auch nur ein bisschen rechts von
ihm bewegten. Es ist kein Wunder, dass die politische Mitte die
Zuschreibung „neoliberal“ als bedeutungslose Beleidigung empfindet: sie
ist es, auf die sie am ehesten zutrifft. Aber Neoliberalismus sollte für
Linke mehr sein als eine bequeme – wenn auch gerechtfertigte –
Verhöhnung des politischen Gegners. Auf gewisse Weise ist er auch eine
Brille, ein Art, die Welt zu sehen.
Blickt
man durch ihre Linsen, sieht man klarer, wie die von Thatcher und Reagan
ach so verehrten politischen Vordenker dazu beigetragen haben, das
Ideal der Gesellschaft als allumfassenden Markt – und nicht etwa als
Polis, einen zivilgesellschaftlichen Bereich oder eine Art Familie – zu
prägen. Es ist ein Bild vom Menschen als Gewinn-und-Verlust-Rechner –
und eben nicht als Inhaber unveräußerlicher Rechte und Pflichten. Ziel
war freilich, den Wohlfahrtsstaat abzubauen, jede Verpflichtung zur
Vollbeschäftigung über Bord zu werfen, Steuern immer weiter zu senken
und fleißig zu deregulieren. Aber „Neoliberalismus“ ist weit mehr als
eine klassische rechte Wunschliste. Er war und ist ein Werkzeug, die
gesellschaftliche Realität zu ordnen und unseren Status als Individuen
neu zu denken.
Ein weiterer Blick zeigt,
dass der freie Markt – genau wie der Wohlfahrtsstaat – eine menschliche
Erfindung ist. Man erkennt, wie allgegenwärtig wir heute dazu gedrängt
werden, uns als Individuen zu verstehen, die für ihr Glück
eigenverantwortlich sind. Wie selbstverständlich uns mit auf den Weg
gegeben wird, dass wir miteinander konkurrieren und uns anpassen müssen.
Man erkennt ebenfalls das Ausmaß, in dem eine Logik, die sich früher
auf die vereinfachte Darstellung von Warenmärkten auf einer Tafel
beschränkte (Wettbewerb, perfekte Information, rationales Verhalten),
mittlerweile auf die gesamte Gesellschaft angewandt wird – bis sie unser
ganzes Leben beherrscht. „Verkauf dich immer richtig“ ist Leitspruch
der Selbstverwirklichung geworden.
Der Freie Markt – blutleerer Inbegriff der Effizienz
„Neoliberalismus“
ist also nicht einfach eine Bezeichnung für marktorientierte Politik
oder den nächsten faulen Kompromiss mit dem Finanzkapitalismus, den
abgehalfterte sozialdemokratische Parteien eingehen. Der Begriff
bezeichnet die Prämisse, die sich still und leise in unser Leben
geschlichen hat und bestimmt, was wir tun und glauben: dass nämlich
Wettbewerb das einzig legitime Organisationsprinzip menschlichen
Handelns ist.
Keine Sekunde nachdem der IWF
den Neoliberalismus als Realität zertifiziert und so die
Scheinheiligkeit des Marktes entlarvt hatte, standen Populisten und
Authoritaristen schon auf der Matte. In den USA verlor Hillary Clinton,
die Archetypin einer Neoliberalen, die Wahl – gegen einen Mann, der
gerade genug wusste, um vorgeben zu können, den Freihandel zu hassen.
Taugt also die Brille des Neoliberalismus nicht mehr? Kann sie uns noch
irgendwie helfen zu verstehen, was in der Politik schief läuft? Gegen
die Kräfte der Globalisierung wird plumper Nationalismus wieder in
Stellung gebracht – und das auf krudeste Weise. Was könnten der
militante Provinzialismus von Brexit-Großbritannien und das
Trump-Amerika mit neoliberaler Rationalität zu tun haben? Welche
Verbindung könnte zwischen dem Präsidenten – einem freilaufenden Irren –
und dem blutleeren Inbegriff der Effizienz – besser bekannt als freier
Markt – bestehen?
Nicht nur, dass der freie
Markt bloß eine Handvoll Gewinner und im Gegensatz dazu eine Heerschar
an Verlierern produziert – und sich diese Verlierer auf Rache sinnend
dem Brexit und Trump zugewandt haben. Von Beginn an gab es auch eine
vorprogrammierte Beziehung zwischen dem utopischen Ideal des freien
Marktes und der dystopischen Gegenwart, in der wir uns heute befinden;
zwischen dem Markt als einzigem Wertgeber und Freiheitswächter und dem
aktuellen Abstieg hin zum Postfaktischen und Illiberalismus.
Die Möglichkeit, eine neue Welt zu erfinden
Will
man die stagnierende Debatte über Neoliberalismus vorwärtsbringen, muss
man damit anfangen, das Ausmaß seiner kumulativen Wirkung auf uns alle,
unabhängig unseres politischen Standpunkts, ernst zu nehmen. Und das
erfordert eine Rückkehr zu seinen Ursprüngen, die nichts mit Bill oder
Hillary Clinton zu tun haben. Es gab einmal eine Gruppe von Leuten, die
sich als Neoliberale bezeichneten. Sie taten dies mit Stolz und ihr
Ansporn war nichts weniger als eine komplette Revolution des Denkens.
Der Prominenteste von ihnen, Friedrich Hayek,
hätte nicht damit gerechnet, dass er eine Position auf dem politischen
Spektrum abstecken, Entschuldigungen für die Superreichen suchen oder an
den Ecken der Mikroökonomie herumschrauben würde.
Er
glaubte, er würde das Problem der Moderne lösen: das Problem des
objektiven Wissens. Für Hayek ermöglichte der Markt nicht nur den Handel
mit Gütern und Dienstleistungen, er offenbarte Wahrheit. Wie konnte
Hayeks Zielsetzung in ihr Gegenteil umschlagen – die
bewusstseinsverändernde Möglichkeit, dass – dank unserer gedankenlosen
Verehrung des freien Marktes – die Wahrheit komplett aus dem
öffentlichen Leben vertrieben werden könnte?
Als
Friedrich Hayek 1936 die Idee kam, wusste er mit der Überzeugung einer
„plötzlichen Erleuchtung“, dass er auf etwas Neues gestoßen war. „Wie
kann die Kombination aus Einzelteilen an Wissen, die in verschiedenen
Köpfen existieren“, schrieb er, „zu Ergebnissen führen, die – wenn man
sie gezielt herbeiführen wollte, ein Wissen auf übergeordneter Ebene
erfordern würde, über das kein Einzelner verfügen kann?“
Hier
ging es nicht um eine technische Frage von Zinsraten oder
Deflationskrisen, nicht um eine reaktionäre Polemik gegen Kollektivismus
oder den Wohlfahrtsstaat, sondern um die Möglichkeit, eine neue Welt zu
erfinden. Hayek erkannte, dass der Markt als eine Art Bewusstsein
verstanden werden konnte.
Friedrich Hayek freute sich über das, was er geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus angeht
Foto: Hulton Archive/Getty Images
Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken
Adam Smiths „unsichtbare Hand“
hatte uns bereits das moderne Konzept des Markts eröffnet – als eine
autonome Sphäre für menschliches Handeln und daher potenziell als
Objekt, das man wissenschaftlich durchdringen kann. Aber Smith war bis
zum Ende seines Lebens ein Moralist des 18. Jahrhunderts. Er dachte, der
Markt sei nur im Licht individueller Tugend zu rechtfertigen, und seine
Sorge war, dass eine Gesellschaft, die durch nichts als vollständiges
Eigeninteresse regiert wird, überhaupt keine Gesellschaft ist.
Neoliberalismus ist Adam Smith ohne Bedenken.
Dass
Hayek als Ahnherr des Neoliberalismus gilt – einer Denkschule, die
alles auf die Wirtschaft reduziert – ist angesichts der Tatsache, dass
er ein solch mittelmäßiger Ökonom war, ein wenig paradox. Eigentlich war
er nichts weiter als ein junger, unbedeutender Wiener Technokrat, als
er an die London School of Economics berufen wurde, um mit John Maynard Keynes in Cambridge zu wetteifern oder dessen aufsteigenden Stern möglicherweise sogar ein wenig in den Schatten zu stellen.
Der Plan ging nach hinten los, denn Hayek konnte Keynes nicht im Geringsten das Wasser reichen. Keynes’ General Theory of Employment, Interest and Money,
veröffentlicht 1936, wurde als Meisterwerk gefeiert und dominierte die
öffentliche Debatte, insbesondere unter jungen, in der Ausbildung
befindlichen englischen Ökonomen, für die der brillante, schneidige und
sozial gut vernetzte Keynes auch ein gewisses Schönheitsideal
darstellte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich viele prominente
Anhänger der Theorie des freien Marktes Keynes Denkweise angeschlossen
und räumten ein, dass dem Staat bei der Führung einer modernen
Volkswirtschaft möglicherweise doch eine Rolle zukommen könne. Die
ursprüngliche Aufregung über Hayek war verfolgen. Seine befremdliche
Vorstellung, man könne eine Wirtschaftskrise überwinden, indem man
einfach überhaupt nichts unternehme, war sowohl theoretisch als auch
praktisch diskreditiert. Später räumte er selbst ein, er würde sich
wünschen, die Arbeiten, in denen er Keynes kritisiert hatte, würden
vergessen werden.
Hayeks Denken durchdringt die Welt
Hayek
gab eine seltsame Figur ab: ein hochaufgeschossener, aufrechter
Professor mit breitem Akzent, der einen hochgeschnittenen Tweed trug und
darauf bestand, mit „von Hayek“ angesprochen zu werden, aber hinter
seinem Rücken mit dem Spitznamen „Mr Fluctooations“ bedacht wurde. Im
Jahr 1936 war er ein Wissenschaftler ohne Portfolio und ohne absehbare
Zukunft. Und dennoch leben wir heute in Hayeks Welt, so wie wir einst in
der von Keynes lebten. Der Clinton-Berater und ehemalige Präsident der
Harvard University, Lawrence Summers, sagte einmal, Hayeks Konzeption
des Preissystems als kollektiver Verstand sei „eine so durchdringende
und originelle Idee wie sie die Mikroökonomie im 20. Jahrhundert
hervorgebracht“ habe und „die wichtigste Einzelheit, die man heute in
einem Kurs über Ökonomie lernen“ könne. Und das ist sogar noch
untertrieben. Keynes hat den Kalten Krieg weder hervorgerufen noch
vorhergesagt, doch sein Denken durchdrang jeden Aspekt der Welt des
Kalten Krieges. Und in gleicher Weise ist Hayeks Denken in jeden Aspekt
der Welt nach 1989 eingedrungen.
Hayeks
Weltsicht war absolut: eine Art, die gesamte Realität nach dem Modell
der wirtschaftlichen Konkurrenz zu gestalten. Das beginnt bei der
Annahme, dass fast die gesamte – wenn nicht die gesamte – menschliche
Aktivität eine Form der ökonomischen Berechnung darstelle und somit an
die übergeordneten Konzepte von Wohlstand, Wert, Tausch, Kosten – und
insbesondere dem Preis angepasst werden könne. Preise sind ein Mittel,
um knappe Ressourcen effizient bereitzustellen, entsprechend dem Bedarf
und dem Nutzen, wie sie durch Angebot und Nachfrage geregelt werden.
Damit das Preissystem effizient funktioniert, müssen die Märkte frei und
wettbewerbsorientiert sein. Seitdem Smith sich die Wirtschaft als
autonome Sphäre vorgestellt hat, existiert die Möglichkeit, dass der
Markt nicht nur ein Teil der Gesellschaft sein könnte, sondern die
Gesellschaft als Ganzes. In solch einer Gesellschaft müssen Männer und
Frauen nur ihrem Eigeninteresse folgen und um rare Güter konkurrieren.
Durch Wettbewerb „wird es möglich“, wie der Soziologe Will Davies schreibt, „festzustellen, wer und was wertvoll ist“.
Was
jeder, der mit der Geschichte vertraut ist, als notwendiges Bollwerk
gegen Tyrannei und Ausbeutung begreift – eine prosperierende
Mittelschicht und Zivilgesellschaft; freie Institutionen; allgemeines
Wahlrecht; Gedanken-, Versammlungs-, Religions- und Pressefreiheit; die
grundsätzliche Anerkennung der menschlichen Würde – nahm in Hayeks
Gedanken keinen besonderen Platz ein. Er baute in den Neoliberalismus
die Annahme ein, dass der Markt allen nötigen Schutz gegen die einzige
wirkliche politische Gefahr bietet: den Totalitarismus. Um diesen zu
verhindern, muss der Staat Hayek zufolge nichts weiter tun, als den
Markt frei zu halten.
Der letzte Punkt steht
für das „Neo“ in Neoliberalismus und stellt eine entscheidende
Veränderung des älteren Glaubens an einen freien Markt und einen
möglichst schlanken Staat dar, der als „klassischer Liberalismus“
bekannt ist. Im klassischen Liberalismus wollten die Kaufleute
lediglich, dass der Staat sie in Ruhe lässt – laissez-nous faire. Der
Neoliberalismus hingegen vertritt die Auffassung, der Staat müsse aktiv
an der Organisation einer Marktwirtschaft mitwirken. Die Bedingungen,
die einen freien Markt zulassen, müssen politisch gewonnen und der Staat
so umgestaltet werden, dass er den Bestand des freien Marktes dauerhaft
gewährleistet.
Schmollend in Cambridge
Das
ist aber noch nicht alles: Jeder Aspekt demokratischer Politik, von der
Wahlentscheidung der Bürgerinnen und Bürger bis hin zu den
Entscheidungen der Politiker, muss einer rein ökonomischen Analyse
unterworfen werden. Der Gesetzgeber ist dazu verpflichtet, die als
natürlich unterstellten Handlungen auf dem Marktplatz nicht zu stören
und darf sie auf keinen Fall verzerren. So stellt der Staat idealerweise
einen festen, neutralen und rechtlich umfassenden Rahmen bereit,
innerhalb dessen die Marktkräfte spontan wirken können. Die bewusste
Lenkung durch eine Regierung ist nie dem „automatischen Mechanismus der
Anpassung“ vorzuziehen – d. h. dem Preissystem, das nicht nur effizient
ist, sondern auch die Freiheit vergrößert oder die Möglichkeit für
Männer und Frauen, bezüglich ihres Lebens freie Entscheidungen zu
treffen.
Während Keynes zwischen London und
Washington hin- und her flog, um die Nachkriegsordnung zu gestalten, saß
Hayek schmollend in Cambridge. Dorthin war er während der Evakuierungen
des Krieges geschickt worden und beklagte sich darüber, von
„Ausländern“ umgeben zu sein, an „Orientalen aller Art“ und „Europäern
praktisch aller Nationalitäten“ bestehe kein Mangel, doch nur sehr
wenige von ihnen seien „wirklich intelligent“.
Hayek
saß in England fest, ohne Einfluss oder Ansehen, und konnte sich nur
mit seiner Idee trösten, einer Idee so groß, dass sie Keynes und allen
anderen Intellektuellen eines Tages den Boden unter den Füßen wegziehen
würde. Sich selbst überlassen funktioniere das Preissystem wie eine Art
Bewusstsein – und nicht nur irgendein Bewusstsein, sondern ein
allwissendes Bewusstsein: der Markt berechne, was Individuen nicht zu
fassen vermögen. Der amerikanische Journalist Walter Lippmann wandte
sich als intellektueller Mitstreiter in einem Brief an Hayek: „Kein
menschlicher Geist hat je das gesamte Schema der Gesellschaft verstanden
… Am ehesten kann ein Geist seine eigene Version dieses Schemas
verstehen, etwas wesentlich Dünneres, das zur Realität in etwa in
demselben Verhältnis steht wie eine Silhouette zu einer Person.“
Das
ist eine große erkenntnistheoretische Behauptung – dass der Markt eine
Form des Wissens darstelle, die die Möglichkeiten eines jeden
individuellen Verstandes radikal übersteige. Solch ein Markt ist weniger
eine menschliche Erfindung, die manipuliert werden kann wie jede
andere, als vielmehr eine Kraft, die studiert und beschwichtigt wird.
Ökonomie ist keine Technik mehr – wofür Keynes sie hielt –, mit der man
erstrebenswerte gesellschaftliche Ziele wie Wachstum oder
Währungsstabilität erreicht. Das einzige gesellschaftliche Ziel besteht
im Fortbestand des Marktes. In seiner Allwissenheit konstituiert der
Markt die einzig legitime Form von Wissen, mit dem verglichen alle
anderen Formen der Reflexion unvollständig sind, im doppelten Sinne: Sie
erfassen nur ein Bruchstück des Ganzen und stehen immer im Dienste
eines Partialinteresses. Unsere individuellen Werte sind immer
persönlich oder reine Meinungen; kollektiv konvertiert der Markt sie in
Preise oder objektive Tatsachen.
„Sie ist so wunderbar“
Nachdem
er bei der London School of Economics ausgeschieden war, hatte Hayek
nie wieder eine dauerhafte Anstellung, die nicht von privaten Geldgebern
finanziert worden wäre. Selbst seine konservativen Kollegen an der
University of Chicago – dem weltweiten Epizentrum für liberalistischen
Widerspruch in den 1950er Jahren – betrachteten Hayek als ein
reaktionäres Sprachrohr, einen „stockkonservativen Mann“ mit einem
„stockkonservativen Sponsor“, wie einer es einmal formulierte. Als ihn
1972 ein Freund in Salzburg besuchte, wo er mittlerweile lebte, fand er
einen älteren Herrn, der sich in Selbstmitleid erging und glaubte, sein
Lebenswerk sei vergebens gewesen. Niemand kümmerte sich um das, was er
geschrieben hatte.
Es gab allerdings
Zeichen der Hoffnung: Hayek war Barry Goldwaters politischer
Lieblingsphilosoph und angeblich schätzte ihn sogar Ronald Reagan sehr.
Und dann war da Margaret Thatcher. Gegenüber jedem, der es hören wollte,
schwärmte sie von Hayek und versprach, seine Philosophie des freien
Marktes mit einem Revival viktorianischer Werte zu vereinen: Familie,
Gemeinschaft, harte Arbeit.
Hayek traf 1975
privat auf Thatcher, in einem Augenblick, in dem sie, gerade zur
Oppositionsführerin im britischen Unterhaus ernannt, sich darauf
vorbereitete, seine große Idee in die Tat umzusetzen. Sie hockten 30
Minuten im Institute for Economic Affairs in der Londoner Lord North
Street zusammen. Danach fragte ein Mitarbeiter Thatchers Hayek besorgt,
was er denke. Was sollte er sagen? Zum ersten Mal in vierzig Jahren
spiegelte die Macht Friedrich von Hayek das Bild zurück, das er selbst
von sich hatte – das eines Mannes, der Keynes besiegen und die Welt
verändern könnte.
Er antwortete: „Sie ist so wunderbar.“
„So etwas wie Gesellschaft
gibt es nicht, ich kenne nur Individuen, Männer und Frauen und Familien –
und die denken alle zuerst an sich.“ Margaret Thatcher
Foto: Keystone/Getty Images
Die ganze Gesellschaft als Markt
Hayeks
große Idee ist eigentlich gar keine großartige Idee – solange man sie
nicht gehörig aufbläst. Organische, spontane, elegante Prozesse die, wie
eine Million Finger auf einem Ouija-Brett, koordinieren, um etwas zu
schaffen, was ansonsten ungeplant wäre. Angewandt auf einen aktuellen
Markt – einen für Schweinebäuche oder Getreide-Futures – handelt es sich
bei dieser Beschreibung um wenig mehr als eine Binsenweisheit. Sie kann
erweitert werden, um zu beschreiben, wie verschiedene Märkte, in Form
von Waren und Arbeit und sogar von Geld selbst jenen Teil der
Gesellschaft bilden, der als „die Wirtschaft“ bekannt ist. Das ist
weniger banal, aber noch immer inkonsequent. Ein Keynesianer akzeptiert
diese Beschreibung gern. Was aber, wenn wir es einen Schritt weiter
aufblasen? Was, wenn wir unterstellen, die ganze Gesellschaft sei eine
Art von Markt?
Je mehr Hayeks Idee sich
ausweitet, desto reaktionärer wird sie, je mehr versteckt sie sich
hinter der Behauptung ihrer wissenschaftlichen Neutralität – und desto
mehr erlaubt es der Ökonomie, sich mit dem intellektuellen Trend zu
verbinden, der im Westen seit dem 17. Jahrhundert prägend ist. Der
Aufstieg der modernen Wissenschaft hat zu einem Problem geführt: Wenn
die Welt vollständig Naturgesetzen unterworfen ist, was bedeutet es
dann, Mensch zu sein? Ist ein menschliches Wesen einfach ein Objekt in
der Welt, wie jedes andere auch? Es scheint keine Möglichkeit zu geben,
die subjektive, innere Perspektive des Menschen in die Natur zu
integrieren, wie die Wissenschaft sie versteht – als etwas Objektives,
dessen Gesetzmäßigkeiten wir durch Beobachtung ergründen.
Alles
an der politischen Nachkriegskultur kam John Maynard Keynes und einer
erweiterten Rolle des Staates bei der Führung der Wirtschaft entgegen.
Doch alles an der akademischen Nachkriegskultur begünstigte Hayeks Große
Idee. Vor dem Krieg hatte selbst der konservativste Ökonom den Markt
als ein Mittel zum Zweck betrachtet, der effizienten Verteilung knapper
Güter. Seit den Zeiten Adam Smiths Mitte des 17. Jahrhunderts und bis
hin zu den Gründungsvätern der Chicago School
in den Nachkriegsjahren war der Glaube allgemein verbreitet, dass die
ultimativen Zwecke der Gesellschaft und des Lebens in der
nicht-ökonomischen Sphäre angesiedelt sind.
Dieser
Weltsicht zufolge werden Fragen nach der Wertigkeit politisch und
demokratisch beantwortet, nicht ökonomisch – durch moralische Reflexion
und öffentliche Debatten. Der klassisch-moderne Ausdruck für diese
Auffassung geht auf den Essay Ethics and the Economic von Frank
Knight aus dem Jahr 1922 zurück, der zwei Jahrzehnte vor Hayek nach
Chicago gekommen war. „Die rationale ökonomische Kritik von Werten führt
zu Ergebnissen, die dem gesunden Menschenverstand widerstreben”,
schreibt Knight. „Der homo oeconomicus ist das egoistische,
rücksichtslose Objekt, das wir moralisch verurteilen.“
Von der hoffnungslosen menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der Wissenschaft
Ökonomen
hatten seit 200 Jahren mit der Frage gerungen, wie sie die Werte
begründen sollten, auf denen eine ansonsten durch und durch kommerzielle
Gesellschaft jenseits des bloßen Egoismus und der Berechnung
organisiert ist. Knight und seine Kollegen Henry Simons und Jacob Viner
verweigerten sich Franklin D Roosevelt und den Markt-Interventionen des
New Deal. Sie etablierten die University of Chicago als die rigorose
intellektuelle Heimat der Ökonomie des freien Marktes, die sie bis heute
geblieben ist. Simons, Viner und Knight begannen ihre Karrieren jedoch
alle, bevor das konkurrenzlose Prestige der Atomphysik enorme Geldsummen
in das Universitätssystem lockte und den “exakten“ Wissenschaften in
der Nachkriegszeit zu einem Boom verhalf. Sie beteten weder Gleichungen
noch Modelle an, sondern machten sich über nicht-wissenschaftliche
Fragen Gedanken. Am ausdrücklichsten dachten sie über Fragen des Wertes
nach, bei denen der Wert völlig vom Preis unterschieden war.
Simons,
Viner und Knight waren nicht nur weniger dogmatisch als Hayek, oder
eher bereit, dem Staat zu verzeihen, dass er Steuern erhebt und sie
wieder ausgibt. Hayek war ihnen intellektuell nicht überlegen. Aber sie
erkannten als erstes Prinzip an, dass die Gesellschaft nicht dasselbe
ist wie der Markt und Preis nicht dasselbe ist wie Wert.
Hayek
war derjenige, der uns zeigte, wie wir von der hoffnungslosen
menschlichen Beschränktheit zur majestätischen Objektivität der
Wissenschaft gelangen. Hayeks große Idee fungiert als Verbindungsglied
zwischen unserer subjektiven menschlichen Natur und der Natur selbst.
Dabei stellt sie jeden Wert, der nicht als Preis ausgedrückt werden kann
– als Urteil des Marktes – auf die gleiche unsichere Basis, macht sie
zu nichts anderem als einer bloßen Meinung, Vorliebe, Folklore oder
Aberglauben.
Mehr als jeder andere, selbst
als Hayek selbst, war es der große Chicagoer Nachkriegsökonom Milton
Friedman, der dabei half, Regierungen und Politiker von der Wirkmacht
von Hayeks großer Idee zu überzeugen. Zuvor brach er allerdings mit
einer zwei Jahrhunderte alten Tradition und erklärte, die Ökonomie sei
„im Prinzip unabhängig von jeder ethischen Position oder normativem
Urteil“, „eine ‘objektive’ Wissenschaft, in genau dem Sinn wie alle
Naturwissenschaften“. Traditionelle, normative Werte betrachtete er als
mangelhaft, bei ihnen handelte es sich um „Unterschiede, um die die
Menschen letzten Endes nur kämpfen können“. Mit anderen Worten: Es gibt
den Markt und es gibt den Relativismus.
Eine aufgeblasene Idee
Märkte
mögen menschliche Reproduktionen natürlicher Systeme sein, und wie das
Universum selbst, hat niemand sie erschaffen, und sie haben keinen Wert.
Doch Hayeks Idee auf jeden Aspekt unseres Lebens anzuwenden, negiert
das, was uns ausmacht. Sie tritt das, was am Menschen am menschlichsten
ist – unser Bewusstsein und unser Wille – an Algorithmen und Märkte ab
und lässt uns nachahmend und zombiehaft zurück, die geschrumpften
Idealisierungen ökonomischer Modelle. Hayeks Idee aufzublasen und das
Preissystem radikal zu etwas sozial Allwissendem aufzuwerten, bedeutet,
die Bedeutung unserer individuellen Fähigkeit zur Vernunft radikal
abzuwerten – unsere Fähigkeit, unsere Taten und Vorstellungen zu
begründen und zu bewerten.
Dies führt dazu,
dass die öffentliche Sphäre – der Raum, in dem wir Gründe anführen und
die Begründungen anderer infrage stellen – aufhört, ein Raum zu sein, in
dem debattiert wird, und zu einem Markt von Klicks, Likes und Retweets
verkommt. Das Internet ist die persönliche Vorliebe, vervielfältigt
durch Algorithmen – ein pseudo-öffentlicher Raum, der lediglich die
Stimme widerhallen lässt, die sich bereits in unserem Kopf befindet.
Anstatt eines Raums, in dem diskutiert wird, in dem wir – als
Gesellschaft – einen Weg zum Konsens suchen, haben wir es mit einem
Apparat der gegenseitigen Affirmation zu tun, der banal als „Marktplatz
der Ideen“ bezeichnet wird. Was aussieht, als wäre es etwas Öffentliches
und Übersichtliches, ist in Wahrheit nur die Verlängerung unserer
eigenen, bereits bestehenden Meinungen und Ansichten, während die
Autorität der Institutionen und Experten durch die aggregierte Logik von
Big Data ersetzt wurde. Wenn wir uns der Welt durch eine Suchmaschine
nähern, haben die Ergebnisse eine Reihenfolge, wie der Google-Gründer es
ausdrückt, „rekursiv” – durch eine unendliche Zahl individueller
Nutzer, die wie ein Markt funktionieren, unablässig und in Echtzeit.
Wenn
man die unglaublich praktischen Aspekte der digitalen Technologie
einmal beiseite lässt, unterschied eine frühere und humanistischere
Tradition, die jahrhundertelang die dominierende war, stets zwischen
unseren Geschmäckern und Vorlieben – die Begierden, die Ausdruck im
Markt finden – und unserer Fähigkeit, über diese Vorlieben nachzudenken,
was es uns erlaubt, Werte zu begründen und zum Ausdruck zu bringen.
„Ein
Geschmack ist nahezu definiert als eine Vorliebe, über die man nicht
diskutiert“, hat der Philosoph und Ökonom Albert O Hirschman einmal
geschrieben. „Ein Geschmack, über den man mit anderen oder sich selbst
streitet, hört dadurch auf, ein Geschmack zu sein – und verwandelt sich
in einen Wert.“
Weiß, dass seine Sünden erst noch auf dem Markt bestraft werden müssen: Donald Trump
Foto: Scott Olson/Getty Images
Wir entscheiden, wer und was wir sind
Hirschman
machte einen Unterschied zwischen jenem Teil des eigenen Selbst, das
als Konsument agiert, und dem, der Gründe bereitstellt. Der Markt
spiegelt wider, was Hirschman die Vorlieben nannte, die „die Akteure
offenbaren, wenn sie Waren und Dienstleistungen erstehen“. Doch, so
Hirschman weiter, verfügen Männer und Frauen gleichzeitig über die
„Fähigkeit, von ihren ‘offenbarten’ Bedürfnissen, ihrem Willen und ihren
Vorlieben zurückzutreten, um sich zu fragen, ob sie wirklich wollen,
was sie sich da wünschen und diese Vorlieben wirklich lieben“. Wir
formen unser Selbst und unsere Identität auf der Grundlage dieser
Fähigkeit zur Reflexion. Die Anwendung der individuellen reflexiven
Fähigkeiten nennt man Verstand, die kollektive Anwendung dieser
Fähigkeiten Vernunft; die Anwendung von Vernunft zur Formulierung von
Gesetzen und politischen Auseinandersetzung heißt Demokratie. Wenn wir
Gründe für unsere Taten und Überzeugungen anführen, bringen wir uns
selbst hervor: individuell und kollektiv, wir entscheiden, wer und was
wir sind.
Der Logik von Hayeks großer Idee
zufolge sind diese Ausdrucksformen menschlicher Subjektivität
bedeutungslos, solange sie nicht durch den Markt ratifiziert wurden –
wie Friedman sagte, sie sind nichts außer Relativismus, jede so gut wie
irgendeine andere. Wenn die einzig objektive Wahrheit vom Markt bestimmt
wird, haben alle anderen Werte den Status bloßer Meinungen, alles
andere ist relativistische heiße Luft. Doch Friedmans „Relativismus“ ist
ein Vorwurf, der gegen jede Behauptung gerichtet werden kann, die auf
der menschlichen Vernunft basiert. Es ist eine unsinnige Beleidigung, da
alle humanistischen Zwecke auf eine Art „relativ“ sind, wie die
Wissenschaften dies nicht sind. Sie sind relativ zu dem privaten
Zustand, ein Bewusstsein zu besitzen, und der allgemeinen und
öffentlichen Notwendigkeit, nachzudenken und zu verstehen, selbst wenn
wir keinen wissenschaftlichen Beweis erwarten können. Wenn unsere
Debatten nicht mehr länger durch die Erörterung von Gründen gelöst
werden, dann bestimmen die Launen der Macht über das Ergebnis.
An
dieser Stelle treffen der Triumph des Neoliberalismus und der
politische Albtraum, in dem wir heute leben, zusammen. Hayeks großes
Projekt, wie er es zuerst in den 1930ern und 1940ern verstand, war
ausdrücklich darauf ausgerichtet, einen Rückfall ins politische Chaos
und den Faschismus zu verhindern. Doch die große Idee war in
Wirklichkeit stets dieses Gräuel, das darauf wartete, einzutreten. Sie
ging, von Anfang an, schwanger mit der Sache, die sie angeblich
verhindern wollte. Wenn man die Gesellschaft nur noch als gigantischen
Markt begreift, führt das zu einem öffentlichen Leben, das auf Gezänk
über bloße Meinungen verkommt, bis die Menschen sich schließlich einem
starken Mann zuwenden, als vermeintlich letztem Ausweg, ihre ansonsten
scheinbar unlösbaren Probleme zu bewältigen.
Ein zweifelhaftes Paradies
1989
klopfte ein US-amerikanischer Reporter bei dem mittlerweile 90-jährigen
Hayek an die Tür, der inzwischen in einer Wohnung in der Freiburger
Urachstrasse lebte. Die beiden Männer setzten sich in ein sonniges
Zimmer, dessen Fenster zu den Bergen hinausgingen, und Hayek, der sich
von einer Lungenentzündung erholte, zog sich während ihres Gesprächs
eine Decke über die Beine.
Dies war nicht
mehr länger der Mann, der sich einst darin gesuhlt hatte, dass er gegen
Keynes das Nachsehen hatte. Thatcher hatte ihm erst in einem Ton von
millenarischem Triumph geschrieben. Nichts von dem, was sie und Reagan
erreicht hätten, „wäre möglich gewesen, ohne die Werte und
Überzeugungen, die uns auf den rechten Weg gebracht und uns die richtige
Richtung gewiesen haben“. Hayek freute sich nun über das, was er
geleistet hatte, und war optimistisch, was die Zukunft des Kapitalismus
angeht. Der Journalist schrieb: „Insbesondere sieht Hayek eine größere
Wertschätzung für den Markt unter der jüngeren Generation. Heute gehen
arbeitslose Jugendliche in Algier und Rangun nicht für einen zentral
geplanten Wohlfahrtsstaat auf die Straße, sondern für Möglichkeiten: die
Freiheit zu kaufen und zu verkaufen – Jeans, Autos, was auch immer – zu
den Preisen, die der Markt bestimmt.“
30
Jahre später leben wir in einem Paradies, das auf Hayeks großer Idee
errichtet wurde. Je mehr die Welt so eingerichtet werden kann, dass sie
einem idealen Markt ähnelt, der lediglich vom perfekten Wettbewerb
regiert wird, desto mehr gesetzmäßiger und „wissenschaftlicher“ wird das
menschliche Verhalten insgesamt. Jeden Tag streben wir danach – das
muss uns niemand mehr sagen – wie vereinzelte, diskrete, anonyme Käufer
und Verkäufer; und jeden Tag behandeln wir den Wunsch, mehr zu sein als
nur Konsumenten, als Nostalgie oder Elitismus.
Was
als neue Form intellektueller Autorität begann – verwurzelt in einer
zutiefst unpolitischen Weltsicht – verwandelte sich schnell in eine
ultra-reaktionäre Politik. Was nicht quantifizierbar ist, darf nicht
real sein, sagt der Ökonom. Und wie misst man die Vorteile der
Grundwerte der Aufklärung – namentlich kritisches Denken, persönliche
Autonomie und demokratisches Selbstbestimmung? Wenn wir die Vernunft
verwerfen, weil sie immer an Subjektivität gebunden bleibt, und die
Wissenschaft zum einzigen Vermittler sowohl des Realen als auch des
Wahren machen, schaffen wir eine Lücke, die von der Pseudowissenschaft
dankend gefüllt wird.
Die Autorität der
Professorin, des Reformers, der Gesetzgeberin oder des Juristen erwächst
diesen nicht aus dem Markt, sondern aus humanistischen Werten wie
Gemeinschaftsgefühl, Bewusstsein oder dem Wunsch nach Gerechtigkeit.
Lange bevor die Trump-Regierung damit begann, sie herabzusetzen, hatten
sie an Strahlkraft verloren. Sicherlich besteht eine Verbindung zwischen
ihrer wachsenden Irrelevanz und der Wahl Trumps, einer Kreatur, die
allein von ihren Launen regiert wird, einem Mann, der weder Prinzipien
oder Überzeugungen braucht, um mit sich im Reinen zu sein. Ein Mann ohne
Bewusstsein, der die totale Abwesenheit der Vernunft repräsentiert,
regiert die Welt – oder ruiniert sie zumindest. Als erfahrener
Manhattaner Immobilenhai weiß er aber immerhin, dass seine Sünden erst
noch auf dem Markt bestraft werden müssen.
Stephen Metcalf ist Kolumnist des Slate Magazines und Host des Podcasts Culture Gabfest
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Im Kapitalismus gibts keine Demokratie
Original aus der WOZ: https://www.woz.ch/-840f
Essay
«Unter den heutigen Verhältnissen könnten wir tausend Mal beschliessen, dass es weniger Ungleichheit geben soll. Es würde sich nichts ändern»
Vergessen wir die Revolution, meinte der französische Philosoph
Geoffroy de Lagasnerie vor drei Wochen an dieser Stelle: Die
Verhältnisse seien dafür viel zu diffus geworden. Falsch, entgegnet Raul
Zelik, und plädiert für die Gemeingüter als Gegenmacht. Eine Replik.
Von Raul Zelik
Die dystopische Geschichte über die Eisenbahn als Klassengesellschaft fasziniert natürlich auch deshalb, weil uns die düsteren Bilder bestens vertraut sind. Die Fahrgäste der hinteren Waggons werden massakriert, wenn sie versuchen, nach vorne zu gelangen, niemand kann aussteigen. Und dann ist da noch diese Maschine, die nicht zum Stehen kommen darf. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis eine Katastrophe sie zum Entgleisen bringen wird.
Walter Benjamin notierte, auf der Flucht vor den Nazis, ein ganz ähnliches Bild, das als Vorarbeit zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen gilt, aber auch als Skizze zu «Snowpiercer» hätte geschrieben worden sein können: «Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.»
Wer stürmt den Maschinenraum?
Tatsächlich ist diese Frage heute, hundert Jahre nach der Russischen Revolution, schwieriger zu beantworten denn je: Was bedeutet das – die Revolution? Ist sie der Aufstand, der den Leuten aus dem hinteren Zugteil Zugang zu den Waggons der ersten Klasse verschafft? Geht es darum, wie die Unterdrückten in «Snowpiercer» mantraartig wiederholen, die Kontrolle über den Maschinenraum zu erlangen? Oder ist die Revolution eigentlich erst das, was sie dann daraus machen? Und was sollte das sein: Gilt es, die Lebensverhältnisse anzugleichen und die Türen zwischen den Waggons auszuhängen oder, wie Benjamin in seinen Skizzen schreibt, die Maschine zum Stillstand zu bringen?Früher war viel deutlicher, wo die Reise der Befreiung hingeht. Die Gleise in die Zukunft schienen verlegt, der Streit um Reform und Revolution kreiste um die Frage, wie dem Fortschritt Geltung verschafft werden könne. Während ReformistInnen auf ein Bündnis mit dem Kapital und seinem Staat setzten, sozusagen einvernehmlich mit der ersten Klasse zu LokomotivführerInnen ernannt werden wollten, propagierten die RevolutionärInnen den gewaltsamen Sturm der Lokomotive – bis Walter Benjamin mit seinem Einwand kam: Vielleicht ist die rasende Bewegung das Problem, vielleicht gilt es, die Maschine zu stoppen und aus der Geschichte auszusteigen.
«Snowpiercer» liefert sogar eine Erklärung dafür. Als Curtis, der Anführer der Aufständischen, im Maschinenraum ankommt, heisst es vom bisherigen Wächter des Zuges, genau das sei der Plan gewesen. Die regelmässigen Aufstände seien nur ein Instrument, um Überflüssige zu töten und somit das ökologische Gleichgewicht an Bord zu wahren. Nun sei es Curtis’ Aufgabe, den Zug in Bewegung zu halten. Und draussen ziehen die Ruinen untergegangener Städte vorbei, die aussehen, als hätte jemand, wie Walter Benjamin einst schrieb, «Trümmer auf Trümmer gehäuft» und sie den Menschen «vor die Füsse geschleudert».
«Es gibt keine Gesellschaft»
Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie hat in seinem grossen Essay vor drei Wochen von der Unmöglichkeit einer Revolution gesprochen (siehe WOZ Nr. 47/2017). Er sieht allerdings keine rasende Maschine, sondern nur eine völlig unübersichtliche Welt – sozusagen einen Ozean sozialer Verhältnisse. «Das Wichtigste, was wir in den siebziger Jahren von Foucault gelernt haben, ist, dass die Macht zerstreut ist», schreibt er. «Es gibt keine grundlegende Einheit der Gesellschaft. Es gibt nicht einmal eine Gesellschaft.» So behauptet er und kommt zum Schluss: «Selbst wenn wir ein System radikal umgestalten, bleiben andere Systeme intakt, in weiteren Sphären der sozialen Welt kann es sogar zu Rückschritten kommen. Unter diesem Gesichtspunkt wäre selbst die Abschaffung des Kapitalismus nicht revolutionär, denn sie würde nicht notwendigerweise auch andere Herrschaftssysteme zum Verschwinden bringen, die ebenso real sind.»De Lagasneries Beschreibung ist durchaus repräsentativ in einer Zeit, in der Gesellschaftskritik eher mit Foucault als mit Marx assoziiert wird. Und sie macht auch genau das Problem dieser Orientierung deutlich. Trotz de Lagasneries Plädoyer für soziale Bewegungen ist sein Text streckenweise Neoliberalismus pur: Dass es keine Gesellschaft gebe, war eine der Lieblingsthesen Margaret Thatchers, die daraus das Mandat für eine totale Macht des Markts ableitete. An jenen Stellen hingegen, an denen de Lagasnerie das politische Engagement verteidigt, klingt er beinahe naiv. Fast wie ein junger Autonomer, der erstaunt feststellt, dass ihn die Stalinisten belogen haben und auch im Sozialismus Frauen unterdrückt wurden: Es gibt verschiedene Unterdrückungsverhältnisse – und sie lassen sich gar nicht aus einem Hauptwiderspruch ableiten?
Alles so schön ähnlich hier
Es gebe «keinen zentralen Knotenpunkt der Herrschaft», schreibt de Lagasnerie. Mag sein. Genauso wahr ist allerdings, dass die ökonomischen Strukturen, die wir Kapitalismus nennen, die Gesellschaft auf eine grundlegende und einzigartige Weise prägen. Heute betonen Individuen vor allem ihre religiöse, ethnische, sexuelle oder Was-auch-immer-Identität, doch das ändert nichts daran: Noch nie waren die Lebensweisen global so vereinheitlicht wie heute. Ausgerechnet zu einer Zeit, in der wir in erster Linie unsere Differenz erkennen und selbst GesellschaftswissenschaftlerInnen nur noch verwirrende Mannigfaltigkeit konstatieren, hat sich zum ersten Mal in der Geschichte ein echtes Weltsystem etabliert. Der fundamentalistische saudische Scheich, die Versicherungsagentin aus dem Mittleren Westen der USA, die chinesische Führungskraft und der schwule Hipster aus Berlin sind sich in ihrer Lebensweise überraschend ähnlich. Der Stoff ihrer Kleider kommt aus denselben Textilfabriken Bangladeschs, sie stehen morgens und abends jeweils eine Stunde im Stau (die einen im SUV, die anderen vielleicht schon im Elektroauto), dazwischen bedienen sie ihr Smartphone oder hocken vor einem Computer, den chinesische Fabrikarbeiter vermutlich im Auftrag eines US-Konzerns hergestellt haben.Selbstverständlich variiert diese Lebensweise je nach Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und Hautfarbe enorm. Wer dunkler geboren wird, putzt eher die Scheiben des SUV, als hinter dem Lenkrad zu sitzen. Doch klassen-, geschlechter- und hautfarbenübergreifend wirken identische Kräfte: Immer mehr Alltagshandlungen folgen dem Kalkül einer «Investition», immer mehr soziale Beziehungen entsprechen dem Tausch. Und auch unsere Umgebung wird von dieser mächtigen Grundstruktur transformiert. Innenstädte werden so gestaltet, dass sie den möglichst zügigen Umschlag des Kapitals erlauben, und noch die letzten Winkel des Planeten werden als Fernreiseziele oder Rohstofflager in Wert gesetzt.
Wie falsch de Lagasneries These von den diffus gewordenen Verhältnissen ist, beweist schon der Verlauf der Krise ab 2008. Ein Finanzcrash in den USA stürzte Hunderte Millionen Menschen weltweit in Armut. Natürlich hat de Lagasnerie wiederum recht, wenn er schreibt, dass auch Kommunismus homophob sein kann und es deswegen eine eigenständige politische Praxis zur Bekämpfung von Homophobie braucht. Doch von einem globalen Homophobiezyklus, der an ganz unterschiedlichen Orten der Welt Hungersnöte und Massenmigration in Gang setzt, hat man sicher noch nichts gehört. Wer nicht erkennt, dass der Kapitalismus eine alles durchfräsende Struktur ist, kann als Progressiver nur scheitern. Wenn de Lagasnerie uns auffordert, uns zwar zu engagieren, aber ohne etwas Gemeinsames zu verfolgen, weil es dieses Gemeinsame nicht gibt, dann propagiert er letztlich, den Kapitalismus zu ignorieren, der eine Weltgesellschaft geschaffen hat, uns aber zunehmend als einsame Seelen zurücklässt.
Die Macht des Kapitals
Wie aber ändern wir etwas an dieser Grundstruktur, von der ich behaupte, dass sie weiterhin zentral ist? Zunächst einmal sollte man sich daran erinnern, dass die These der Linken nicht lautete, mit der Abschaffung des Eigentums (an Produktionsmitteln!) werde jegliche Unterdrückung verschwinden. Die These war, dass die Eigentumsfrage einen entscheidenden Hebel darstellt. Solange miteinander konkurrierendes Kapital sich verwerten muss und solange die BesitzerInnen grosser Vermögen ihr privates Interesse mit Macht durchsetzen, können wir viele grundlegende Dinge nicht verändern. Es ist nämlich die Macht des Kapitals, die uns daran hindert, unser Zusammenleben kooperativer und freier zu gestalten.Marx behauptete, dass die Kulturgeschichte der Menschheit erst mit dem Kommunismus richtig beginne. Aus heutiger Perspektive müsste man wohl hinzufügen, dass die Geschichte auch dann alles andere als harmonisch verlaufen würde. Auch dann noch müssten wir unsere Geschlechterrollen infrage stellen, Produktionsweisen ändern, uns über Formen des Konsums streiten. Dann erst recht! Allerdings hätten wir dann auch die Möglichkeit, etwas zu gestalten.
De Lagasnerie stellt das selbst am Rande fest, wenn er schreibt: «Wir fühlen uns jeden Tag machtloser.» Wir fühlen uns nicht nur so, wir sind es auch, denn das Kapital entscheidet. Unter den heutigen Verhältnissen könnten wir tausend Mal beschliessen, dass es weniger Ungleichheit geben soll. Es würde sich nichts ändern. Denn unter den heutigen Verhältnissen ist nicht entscheidend, was demokratische Mehrheiten wollen, sondern was Profit erwirtschaftet.
Was also ist dann die Revolution? Die Geschichte des sozialistischen Lagers beweist, dass Verstaatlichung vieles verändert – vieles leider allerdings nicht zum Besseren. Der ermächtigte Staat, in dem die Kontrolle über Politik und Ökonomie zusammengeführt wurde, hat sich als schreckliche Machtinstanz erwiesen, und die Gruppen, die diesen Staat lenkten, wurden fast überall zu einer Art herrschender Klasse. Vergesellschaftung muss also mehr sein als Verstaatlichung, mehr als ein Rechtsakt, durch den Privat- in Gemeineigentum überführt wird, nämlich ein lang andauernder Prozess, in dem die Gesellschaft die reale demokratische Kontrolle über das ökonomische Leben erlangt. Und zwar auch, um die Fahrtrichtung zu ändern oder jene Maschine, die heute ein Zug ist, in etwas anderes umzubauen.
Der ethische Kern der Linken
Was wäre konkret zu tun? Ich denke, es gibt zunächst einmal einen ethischen Kern linker Politik, den wir nicht herleiten können. Wir finden richtig, was Menschen gleichberechtigter und das Leben solidarischer macht. Deswegen ist es Aufgabe linker Praxis, sich immer und überall dafür einzusetzen, dass Unterdrückung verschwindet und freie Kooperation zunimmt. Gegen Rassismus, die Zuschreibung von Geschlechteridentitäten, für Zuneigung und Solidarität. Etwas Einfaches, das schwer zu machen ist, wie es bei Brecht heisst.Neben diesem ethischen Kern, den linke Politik durchaus mit religiösen Strömungen teilt, geht es ausserdem um eine Gegenmacht gegen jene ökonomische Grundstruktur, die unser Leben, unsere Umwelt, unsere Verhaltensweisen und unser Begehren auf unsichtbare, aber doch so wirkungsvolle Weise formt. Diese Gegenmacht ist nicht in erster Linie die Partei, die den Staat erobert, oder die bewaffneten Truppen, die den Lokomotivführer erschiessen. Es ist die Ausbreitung demokratischer Gemeingüter in den verschiedensten Facetten. Deswegen liegt de Lagasnerie erneut falsch, wenn er Commons und Klassenkampf in seinem Text in Widerspruch setzt. Commons, also Gemeingüter, sind und waren immer Ausdruck von Klassenkampf. Die Verteidigung des kollektiven Jagdrechts im Wald gegen den Adel, von der die Geschichte Robin Hoods erzählt, ist ein simples Beispiel dafür.
Aber natürlich geht es nicht nur um Allmende – in der Natur oder im Internet. Gemeingüter haben viele Formen: Produktionsgenossenschaften, MieterInnenprojekte, die den Immobilienmärkten Wohnraum entziehen, Bürgervereine, die die Energieversorgung ihrer Kleinstadt in die eigene Hand nehmen – das alles können erste Ansätze sein. Und natürlich spielt auch der Staat eine Rolle bei der Ausbreitung dieser Macht. Das Projekt eines «Infrastruktursozialismus», der Bildung, Gesundheit, öffentlichen Nahverkehr und Energie für alle zur Verfügung stellt, wäre eine viel wirkungsvollere Strategie zur Durchsetzung der allgemeinen Teilhabe als das Grundeinkommen, über das heute so viel diskutiert wird und das uns dann doch nur als vereinzelte, vermeintlich freie KonsumentInnen zurücklässt.
Wäre die Stärkung von Gemeingütern gegen das Kapital nicht Reformismus? Die grosse Diskussion des 20. Jahrhunderts kreiste um die Frage, wie Linke zu LokomotivführerInnen werden. Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts lautet, wie die vielen den Zug gemeinsam zu kontrollieren lernen und umbauen. Diese Gegenmacht entsteht an vielen Orten, betrifft auch die Maschinenräume, aber eben längst nicht nur. Und sie ist das Ergebnis einer Strategie, die notwendigerweise zugleich evolutionär und revolutionär ist. Aber auch das wusste die intelligentere Linke eigentlich schon einmal.
Es ist nicht wahr, dass die Lage unüberschaubar geworden ist. Wir sind machtlos geworden. Weil das Kapital siegt. Es läge an uns, daran etwas zu ändern, bevor sich das Kapital zu Tode gesiegt hat – und uns mit ihm.
Der WOZ-Autor Raul Zelik ist Schriftsteller und Politikwissenschaftler in Berlin und Vorstandsmitglied der deutschen Partei Die Linke.
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Dienstag, 22. November 2016
HUMAN Extended version VOL.1
Turn on the Closed Captions (CC) to know the countries where the images were filmed and the first name of the interviewees.
What is it that makes us human? Is it that we love, that we fight ? That we laugh ? Cry ? Our curiosity ? The quest for discovery ?
Driven by these questions, filmmaker and artist Yann Arthus-Bertrand spent three years collecting real-life stories from 2,000 women and men in 60 countries. Working with a dedicated team of translators, journalists and cameramen, Yann captures deeply personal and emotional accounts of topics that unite us all; struggles with poverty, war, homophobia, and the future of our planet mixed with moments of love and happiness.
The VOL.1 deals with the themes of love, women, work and poverty.
In order to share this unique image bank everywhere and for everyone,
HUMAN exist in several versions :
A theatre version (3h11) , a tv version (2h11) and a 3 volumes version for the web
CONTACTS
Office Yann Arthus-Bertrand : Yann2@yab.fr
Project manager: jessica@human-themovie.org
Head of international screenings and distribution : lara@human-themovie.org
French events and non-commercial distribution : event@human-themovie.org
Official website HUMAN : http://www.human-themovie.org
For further contents, visit http://g.co/humanthemovie
Enjoy and share #WhatMakesUsHUMAN
Watch the full film from September 12 at https://www.youtube.com/channel/UCJy4...
All these shoots were carbon-offset through the GoodPlanet Foundation’s United Carbone Action program: http://www.goodplanet.org/en/united-c...
What is it that makes us human? Is it that we love, that we fight ? That we laugh ? Cry ? Our curiosity ? The quest for discovery ?
Driven by these questions, filmmaker and artist Yann Arthus-Bertrand spent three years collecting real-life stories from 2,000 women and men in 60 countries. Working with a dedicated team of translators, journalists and cameramen, Yann captures deeply personal and emotional accounts of topics that unite us all; struggles with poverty, war, homophobia, and the future of our planet mixed with moments of love and happiness.
The VOL.1 deals with the themes of love, women, work and poverty.
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Mittwoch, 19. Oktober 2016
Reich ist, wer bequem von den Zinsen leben kann
Original aus work, 18.11.2010
: http://www.workzeitung.ch/tiki-read_article.php?articleId=1321
3 Prozent besitzen so viel wie die restlichen 97 Prozent. Unter den 300 Superreichen wächst jetzt die Angst vor dem sozialen Aufstand. Interview mit dem Soziologen Ueli Mäder: Oliver Fahrn |
work: Ueli Mäder, wann ist man wirklich reich?
Ueli Mäder: Wenn man von den Zinsen seines Vermögens bequem leben kann. Dafür genügt eine Million heute nicht mehr. Es braucht schon ein paar Millionen. Aber wenn Sie einen Superreichen fragen, lautet seine Antwort: Ab 30 Millionen beginnt man reich zu sein.
Ein Haufen Geld, den man mit Lohnarbeit nicht verdienen kann.
Wie sagte einer meiner Gesprächspartner, der mit Finanzgeschäften schon jung sehr viel Geld gemacht hatte: «Wer arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.» Wir haben weit über 100 Reiche interviewt. Aber längst nicht alle würden über die Arbeitenden so verächtlich sprechen.
Also: Wie wird man reich?
Vor allem auch, indem man erbt. Die Hälfte der 300 Reichsten in der Schweiz ist als Sohn, Tochter oder über Heirat reich geworden. 2010 werden mindestens 40 Milliarden vererbt. Mehr als die Hälfte davon geht an Millionäre. Nur zehn Prozent der Erben erhalten drei Viertel aller Erbschaften.
Noch mehr Geld kommt zu schon sehr viel Geld?
Die fehlende Erbschaftssteuer treibt die enorme Konzentration der Vermögen in der Schweiz noch voran. Aber das ist nur ein Element. Zwischen 1989 und 2009 stieg das Vermögen der 300 Reichsten von 86 Milliarden auf 449 Milliarden Franken.
Trotz Krise?
Diese 300 Superreichen haben nur 10 Milliarden von 459 Milliarden verloren. Das war 2009. Inzwischen haben sie das längst mehr als wettgemacht.
In der kleinen Schweiz lebt, so lesen wir, jeder zehnte Milliardär der Welt.
Ja, wenn wir auch jene einbeziehen, die keinen Schweizer Pass haben. Die sozialen Unterschiede wachsen bei uns wie sonstwo kaum. Die Kluft zeigt sich sogar bei den verfügbaren Einkommen, mit denen auch die CS rechnet. Unter 165 Ländern landet die Schweiz in der Rangliste gerechter Vermögensverteilung auf dem drittletzten Platz. Schlechter sind nur Singapur und Namibia. Und seit kurzem wissen wir, dass in Basel 3 Promille der Steuerpflichtigen mehr Vermögen haben als die anderen 99,7 Prozent. Diverse Untersuchungen bestätigen das. Sie finden die Daten auf www.reichtumin- der-Schweiz.ch.
Die Schweiz ist also eine Oligarchie, eine Herrschaft von wenigen Superreichen? Das deckt sich gar nicht mit dem Bild, das wir von diesem Land haben.
Im Gegensatz zu vielen dieser Länder sichern das durchschnittliche Einkommen plus die Sozialversicherungen bei uns meist ein anständiges Leben. Die Einkommen sind etwas gerechter verteilt als die Vermögen. Und doch haben wir auch in der Schweiz fast eine halbe Million Menschen, die in Haushalten von Working Poor leben. Das sind Arbeitende, die vom Lohn die Familie nicht ernähren können. Das Bild von demokratisch gerechter Reichtumsverteilung täuscht.
Weil der generelle Lebensstandard in der Schweiz relativ hoch ist, nehmen wir die wachsende soziale Ungleichheit gar nicht richtig wahr?
Genau. Aber da gibt es noch ein anderes Problem. Die kleine Minderheit mit viel Reichtum und Macht tut auch viel dafür, dass sich in unseren Köpfen falsche Bilder halten. An Vorträgen frage ich das Publikum immer wieder, ob in der Schweiz mehr Menschen unter 20 Jahren oder mehr Menschen über 65 leben. Fast alle sind jeweils sicher, dass die Alten in der Mehrheit sind. Tatsächlich aber leben hier mehr unter 20jährige. Die wenigsten wissen, dass die Sozialausgaben zwar steigen, aber seit 2004 im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt abnehmen. Falsche Bilder sind hartnäckig, weil sie endlos wiederholt werden. In allen Medien, auf allen Kanälen. Die falschen Vorstellungen von der eigenen Gesellschaft dienen offenbar Interessen. Hier zum Beispiel jenen von Versicherungen und Sozialabbauern.
Weil wir nicht genau hinschauen, können die Superreichen ungestört walten?
Einer meiner Interviewpartner war Novartis- Chef Daniel Vasella. Er wurde von rund 100 Reichen unserer Studie als eine der acht mächtigsten Personen des Landes genannt. Ich habe ihn, der auch schon einen möglichen Wegzug der Novartis ins Ausland angedeutet hatte, auf seine Macht angesprochen. Vasella antwortete: «Wenn Sie mir das sagen, dann nehme ich das als Gegebenheit und Wahrnehmung gewisser Leute wahr.» Dann fragte er sinngemäss: Geht es den Menschen in der Region etwa nicht gut?
Die Untertanen sind zufrieden, wen stört meine Macht?
Das ist zu scharf ausgedrückt. Was aber stimmt: So bleiben viele wichtige Fragen unter dem Deckel. Etwa die Frage, ob eine solche Ballung von Macht und Geld vernünftig und sozial verträglich sei. Oder ob die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch eine Chance hätten, über ihr Leben und die Zukunft des Landes frei zu entscheiden.
Wir wundern uns, dass die Reichen und Mächtigen alle mit dem kritischen Soziologen Mäder sprechen wollten.
Es stimmt, kaum jemand hat ein Interview abgelehnt. Und viele der Befragten haben erfreulicherweise sehr offen gesprochen. Rolf Soiron zum Beispiel, einer der besonders einflussreichen und stark unterschätzten Köpfe, hat ungeschminkt über die Wendungen in seinem Leben gesprochen. Dagobert Kuster, früher Direktor der Volksbank und Firmengründer, sprach sich für einen sozial attraktiveren Kapitalismus aus – und für die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer! Ex-UBS-Banker und Ex-Ascom-Chef Urs Hägeli hat unter anderem über die Boni-Abzocker gesagt: «Mit ihrem egozentrischen System gefährden sie unseren sozialen Frieden.»
Der Banker Paul Feuermann, der bei Vontobel und UBS war, hat Ihnen Albträume gestanden. Er spricht von Volksaufständen, Verelendung und «dramatischen Veränderungen».
Er ist nicht der Einzige. Erstaunlicher ist, dass viele daraus keine weiterführenden Schlüsse ziehen möchten. Herr Vasella hält übrigens die Möglichkeit grösserer Umbrüche für durchaus wahrscheinlich. Das zeige auch ein Blick in die Geschichte.
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Donnerstag, 29. September 2016
The Choice is Ours (2016) by The Venus Project
Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple
This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.
Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.
Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.
Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.
Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.
Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project
Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut
Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University
Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"
Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower
Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT
Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author
Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"
Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org
Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author
Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".
Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"
Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project
*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.
The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com
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Donnerstag, 15. September 2016
Dirty Diesel wird gefördert von Schweizer Händerln
von: https://www.dirtydiesel.ch/
Alle Infos und Fakten zur Kampagne
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Dienstag, 30. August 2016
Ethics of Consumption - cultural capitalism
In this RSA Animate, renowned philosopher Slavoj Zizek investigates the surprising ethical implications of charitable giving.
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Samstag, 6. August 2016
Wer den Wind sät… Was westliche Politik im Orient anrichtet | Michael Lüders
https://www.youtube.com/watch?v=syygOaRlwNE
Michael Lüders untersucht in seinem Vortrag die Folgen westlicher Politik in der arabisch-islamischen Welt. Er beginnt mit dem von britischen und amerikanischen Geheimdiensten inszenierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Mossadegh im Iran 1953, die als "Ursünde" westlicher Interventionen in der Region angesehen werden kann. Denn auf Mossadegh folgte die Diktatur des Schah, die wiederum durch die Islamische Revolution 1979 hinweggefegt wurde. Ohne Putsch gegen Mossadegh keine islamische Revolution - in dieser Einschätzung sind sich die Historiker weitgehend einig. Doch der Westen hat aus seinen Fehlern nichts gelernt, wie Lüders aufzeigt. So hatte das Eingreifen in den Krieg in Afghanistan, das 1979 von den Sowjets besetzt worden war, ebenfalls weitreichende Folgen. Aus der Unterstützung für die Mudschahedin, die Glaubenskämpfer, die gegen die Sowjets kämpften, erwuchsen später Al-Qaida und Osama bin Laden. Der Aufstieg des "Islamischen Staates" wiederum ist nicht zu erklären ohne die US-geführte Militärintervention zum Sturz Saddam Husseins 2003. Was also tun? Wie kann eine konstruktive Politik in der Region aussehen? Wie ist das Erstarken radikaler islamistischer Strömungen zu bekämpfen?
Mehr Infos: http://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta150412.php
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Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu treffen?
Original aus zeit.de: http://www.zeit.de/2011/22/DOS-G8
Schulzeitverkürzung: Liebe Sophie,
Warum müssen Fünftklässler sonntags büffeln statt Freunde zu
treffen? Weshalb dieser Unsinn? Henning Sußebach versucht, es seiner
Tochter in einem Brief zu erklären.
Von Henning Sußebach
DIE ZEIT Nr. 22/2011
510 Kommentare
Liebe Sophie,
erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino
waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie
hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane,
aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein
paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die
Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir
beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt. Wie viel ist 172? Wie viel 56? Wie viel 28? Auf dem Weg nach Hause dann noch mal: 27 = 128, 182 = 324, 56 = 15625. Und noch mal. Und zur Sicherheit gleich noch mal.
Wir hätten so viel
Sinnvolleres tun können auf unserem Heimweg! Den Bildern der Bären
nachhängen und Bonbons lutschen zum Beispiel. In dem Zauber verweilen,
den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als
laufe man erwachend durch einen Traum. Aber noch nicht mal an
einem Sonntag ist es mir gelungen, Dich das Kind sein zu lassen, das Du
sein solltest mit zehn Jahren.
Bitte mach mir diesen Mist nicht nach, wenn Du erwachsen bist, Sophie!
Du merkst schon: Der
Brief, den ich Dir schreibe, ist eine verzwickte Angelegenheit. Du wirst
ihn genau lesen müssen, damit Du alles verstehst. Und dass Du
verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was
wir Erwachsenen daraus machen.
Ich werde Dir von
Schülern berichten, die krank werden vom dauernden Üben. Von
Bildungsexperten, die Euch vorm Lernen warnen. Und von Eltern, die ihre
Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Von Zeile zu Zeile werde ich
wütender werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land,
das Euch alle zu Strebern macht.
Deshalb habe ich
meinen Brief auch nicht auf Deinen Platz gelegt, dort am Küchentisch, an
dem wir morgens Einkaufszettel schreiben und abends Vokabeln
lernen: Wie lautet das englische Wort für
Gummistiefel, Stiefvater, Drachenfestival, Schiffsausguck, Küstenstadt,
Karaoke-Gerät, Schatzkarte, Gartenschuppen, Geschmacksrichtung
Hühnchen? Ich schreibe diesen Brief in der Zeitung,
weil es noch 275.000 andere Fünftklässler in Deutschland gibt, die
ein Gymnasium besuchen wie Du. Die gerade wie Du für die letzten
Arbeiten vor den Zeugnissen büffeln. Und die wie Du trotzdem nur
mit halbem Ohr diese rätselhaften Wörter hören: "Turbo-Abi", "Schulzeitverkürzung", "G8".
In diesem Brief,
Sophie, möchte ich Dir und Tausenden anderer Schulkinder etwas verraten.
Es gibt da ein paar Geheimnisse, von denen Ihr nichts ahnt, denn
jedes Kind nimmt die Welt ja erst einmal als gegeben hin.
Stopp, das war zu
kompliziert! Ich meine: Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für
ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein
könnte? Oder wie die Erwachsenen gelebt haben, als die noch klein
waren? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln
müsst: "Was wäre, wenn...?" Aber es macht Euch auch da fügsam, wo
Auflehnung angebracht wäre.
Du hast jeden Tag
sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich
sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich
nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du
jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino. Und
dass ich heute manchmal so tue, als müsste ich noch arbeiten, wenn ich
abends nach Hause komme und sehe, wie Du über
Grammatik-Arbeitsblättern sitzt: Kreuze die richtigen
Aussagen an! Der Genus ist das grammatische Geschlecht eines Nomens /
Nomen können im Singular und im Plural auftreten. Dies nennt man
den Kasus des Nomens / Der Numerus ist der Fall, in dem ein
Nomen steht / Man kann Präpositionen steigern / Der bestimmte Artikel
gibt im Nominativ Singular das grammatische Geschlecht eines
Nomens an / Der Imperativ gehört zu den finiten Verbformen /
Präsens wird benutzt, wenn man über etwas sagen kann: Es war
gestern so, ist heute so und wird auch morgen so sein / Das Partizip I
gehört zu den infiniten Verbformen / Verben kann man
deklinieren. Ich hefte dann Rechnungen ab, schreibe
EMails und sortiere Zeugs. Ich will nicht freihaben, solange Du noch
arbeitest. Ist das nicht verrückt? Irgendjemand hat die Welt
verdreht! Nur wer?
Weißt Du: Das alles
ist nicht einfach so passiert. Die freie Zeit ist nicht einfach so
verschwunden. Wir Erwachsenen haben Euch ein Jahr Eurer Kindheit
gestohlen. Aus Eile und Angst.
Wie soll ich Dir das erklären?
Ich versuche es mal
so: Unser Leben ist voller Reichtum und Mangel zugleich. Es gibt so viel
Essen, dass wir die Reste wegwerfen. Nichts ist richtig knapp,
außer manchmal Klopapier. Doch was uns fehlt, ist Zeit. Jedenfalls
glauben wir das.
Wir Erwachsenen
schauen selten im Kühlschrank nach, ob noch Käse oder Wurst da ist –
aber wir gucken ständig auf die Uhr. Wir klagen dauernd über
"Stress" – doch wenn wir nichts zu tun haben, fühlen wir uns
nutzlos. Wir sind genervt, wenn der Chef uns auch am Wochenende anruft –
aber eifersüchtig, wenn ein anderer Kollege mehr Anrufe bekommt.
Unsere Computer sind voller Updates und Reminder,
unsere Köpfe können Wichtiges von Drängendem nicht mehr
unterscheiden – und den Sonntag nicht vom Montag. Das ist die Hast, die
ich meine. Deine Großeltern haben seit 40 Jahren dieselbe
Telefonnummer, wir haben unsere seit Deiner Geburt zweimal
gewechselt – und noch zwei Handynummern dazugekriegt, damit wir immer
erreichbar sind. Ein Brief war früher Tage unterwegs, eine Mail
ist heute augenblicklich da. Die ganze Welt ist in einen Wettlauf
geraten, den wir Erwachsenen "Globalisierung" nennen: Wer näht die
billigsten T-Shirts? Wer baut die schnellsten Autos? Wer erfindet
zuerst neue Telefone und Computer, die uns noch rasanter updaten und reminden können?
Irgendwann haben wir
Deutschen gemerkt, dass die Kinder in anderen Ländern noch schneller
lernen als unsere. Dass sie in China früher damit anfangen und in
Amerika früher damit aufhören. Und gleich arbeiten. Da hat uns die
Angst gepackt. Wir haben uns nicht gefragt, ob es klug ist, zu
lernen wie die Chinesen. Wir haben nur gedacht: Bevor die uns einholen,
beeilen wir uns auch.
Wir Erwachsenen haben nie Zeit – und haben Euch ein Schuljahr geklaut
Und noch etwas kam hinzu. Etwas, das mit Deutschland zu tun hat: das sogenannte Demografieproblem. Es gibt zu wenige Kinder und zu viele Alte.
Aber das siehst Du ja, weil zu unseren Familienfesten mehr Onkel
und Tanten kommen als Cousins und Cousinen. Ich hatte lange
gedacht, dieses Demografieproblem werde Dein Leben als Erwachsene
prägen. Jetzt bestimmt es schon Deine Kindheit. Denn wer früher
die Schule verlässt, kann länger arbeiten. Und wer länger
arbeitet, kann uns, wenn wir alt und müde sind, länger Geld für die
Rente geben.
Schon 1993 (als uns
die Chinesen noch egal waren und es keine Schulvergleiche gab) passierte
es: Da empfahlen die Finanzminister aller deutschen Bundesländer,
Euch ein Schuljahr wegzunehmen. Nicht die Kultusminister, die
sich um die Schulen kümmern! Sondern die Politiker, die aufs Geld
aufpassen, die Zahlen statt Menschen sehen und deshalb wissen: Jeder
Gymnasiast kostet 5000 Euro im Jahr. Geld für die Lehrer, den
Hausmeister, die Tafeln und Turnmatten. Allein an Dir und Deinen
27 Klassenkameraden konnten sie also 140.000 Euro sparen.
Deshalb wurde Euch
ein Jahr aus der Schulzeit gestrichen – aus dem Lernstoff aber strich
man nur wenig. Ihr sollt auf dem Gymnasium in acht Jahren
begreifen, wofür Eure Eltern noch neun Jahre Zeit hatten. Unseren
Mangel an Zeit – wir haben ihn zu Eurem gemacht.
Deshalb hast Du jetzt
eine 40-Stunden-Woche voller Unterricht und Hausaufgaben. Deshalb hast
Du vor wenigen Monaten das Gitarrespielen aufgegeben. Deshalb
telefonierst Du die halbe Klassenliste rauf und runter, bis Du
jemanden zum Spielen findest. Alle sind beschäftigt.
So kommt ein kleiner Raub
an Freizeit und Freiheit zum anderen, jeder für sich kaum der Rede
wert. Aber wenn man alle zusammenrechnet, in jeder Familie zwischen
Nordsee und Alpen, kommt
eine große Statistik der Überforderung dabei heraus: Ein Viertel
aller Gymnasiastinnen klagt regelmäßig über Kopfweh, das hat die
Krankenkasse DAK
herausgefunden. Kinder sagen ihre Teilnahme an Geburtstagsfeiern
ab. Sie treten aus Sportvereinen und Chören aus. In
Schleswig-Holstein, unserem Bundesland, sind die Teilnehmerzahlen bei
"Jugend forscht" eingebrochen, dabei wollte Deutschland doch
möglichst schnell möglichst viele möglichst junge Ingenieure. In
Baden-Württemberg hat sich die Zahl der Fünft- und Sechstklässler, die
nachmittags in Nachhilfe-Instituten nachsitzen, fast verdreifacht.
Sie haben plötzlich das Gefühl, nicht gut genug zu sein – obwohl
sie gar nicht schlechter geworden sind! Drei Milliarden Euro
investieren nervöse Eltern jedes Jahr in die Nachhilfe, 20 Prozent von
ihnen mehr als 200 Euro im Monat. Das sind 2400 Euro im Jahr. Fast
so viel, wie die Finanzminister an Euch gespart haben. Das macht
den Reichen nichts aus, aber den Armen umso mehr. In Internetforen
werden "Pillen fürs Abi" empfohlen: Ampakin – eigentlich für alte Leute mit Alzheimer – für mehr Gehirnleistung. Fluoxetin – eigentlich gegen Depressionen – für mehr Leistungsbereitschaft. Metroprolol
– eigentlich gegen Bluthochdruck – für weniger
Prüfungsangst. Und an Deinem Gymnasium hat eine "Wirtschaftspsychologin"
uns Eltern vor einigen Tagen erklärt, woran wir bei Euch einen
Burn-out erkennen. Das bedeutet, dass manche Kinder jetzt schon ausgebrannt sind – wie überarbeitete Erwachsene.
Ich habe einen
Professor für Soziologie angerufen. Soziologen erforschen, warum die
Gesellschaft so ist, wie sie ist. Warum wir so leben, wie wir leben.
Der Professor heißt Hartmut Rosa und ist 45 Jahre alt, hat aber
noch nicht vergessen, wie es ist, ein Kind zu sein. Deshalb hat er
etwas geschafft, was Professoren selten schaffen: Er hat ein Buch
geschrieben, das auch normale Menschen lesen können. Es heißt Beschleunigung und handelt von unserer täglichen Raserei.
Hartmut Rosa sagt, er
macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so "vernutzt" ist. Dass alles
einen Zweck hat, einen Sinn erfüllen muss. Dass wir Euch sogar dann,
wenn wir Euch Gutes tun wollen, bloß wieder auf ein Leben als
Erwachsene vorbereiten. "Es ist wichtig, körperlich fit zu sein
und musikalisch, gesund zu essen, Freunde zu haben – und sich entspannen
zu können!", sagt er. Hartmut Rosa will, dass wir Erwachsenen Euch endlich in Ruhe lassen.
Ein Kind soll im Jetzt leben und nicht dauernd ans Morgen denken.
Ein Kind soll ganz bei sich sein dürfen, nicht für andere da sein
müssen. Ein Kind soll die Muße haben, mit etwas zusammen zu wachsen.
Das kann ein Baum sein, eine Straße, ein Fußballplatz, ein Tier.
Vor allem fordert
Hartmut Rosa: Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen. Denn
irgendwann wird aus Langeweile Bewegung, ein Stromern und Streunen, das
ziellos ist und doch an tausend Orte führt. Den schönsten
Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer
Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. "Die allermeisten
Menschen würden im Rückblick doch sagen: Die endlos langen
Sonntagnachmittage, an denen eigentlich nichts passierte, waren
die Momente, in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich
selber zu ertragen." So sagt es Hartmut Rosa.
Ganz sicher ist der
Rückblick in die eigene Kindheit weichgezeichnet von Gefühlsduselei.
Aber ich kann nur von meiner Kindheit erzählen: Ich bin groß
geworden in einer Welt, in der es nicht pausenlos piepte und
ploppte, niemand twitterte und livetickerte, in der Computer dick
und braun waren wie Brotkästen und nur bei pickligen Stubenhockern in
verdunkelten Kinderzimmern standen. Wenn ich mit jemandem spielen
wollte, habe ich keine Klassenliste abtelefoniert, sondern beim
Nachbarn geklingelt und gefragt: "Kommt der Christian raus?"
Wie viel Platz lässt Dir der Alltag für Hobbys? Für die Pubertät? Für Protest?
Als
Fünftklässler habe ich endlose Nachmittage in der festen Überzeugung
verbracht, der berühmte Fußballspieler Karl-Heinz Rummenigge zu
sein – auch wenn ich meinen Lederball nur gegen Garagentore
gedroschen habe. Mal allein, mal mit Freunden, mal mit fremden Jungen
aus fremden Vierteln, rauen Burschen mit rauer Sprache,
Hauptschülern, die der Zufall in meine Straße geführt hatte. Ich
habe mich auf aufregende Weise gelangweilt! Jeden Schritt, jeden
Schuss kommentierte eine innere Reporterstimme: "Was für eine
Körpertäuschung! Mit diesem Volleykracher sichert sich Kalle
Rummenigge die Torjägerkanone! Inter Mailand hat hundert Millionen
für ihn geboten!" Später war ich Boris Becker, Tennisstar, der im
Finale gegen eine bis dahin unbesiegte Brandmauer antrat. Ich ließ
vor meinem Aufschlag den Ball auftitschen wie er. Ich leckte
meine Lippen wie er. Ich schälte sogar meine Bananen wie er. "6:1, 6:0,
6:1!", brüllte die innere Stimme jetzt, "anders als der falsche
Boris Becker gewinnt der echte zum dritten Mal in Folge Wimbledon!
Und jetzt überreicht ihm die Herzogin von Kent auch schon den
goldenen Pokal!"
Heute klingt das
alles bescheuert, oder? Aber als Kind habe ich mir Baugenehmigungen für
Luftschlösser erteilt. Wenn ich an früher denke, schlendere ich
als Fußballgott und Tenniskönig durch gleißend helle Nachmittage.
Ich habe immer Zeit. Und es ist immer Sommer. Ein größeres
Kompliment kann die Erinnerung der Kindheit nicht machen.
Wenn
es regnete? Habe ich den Tropfenrennen am Fenster zugesehen oder die
Holzvertäfelung neben meinem Bett angestarrt. So lange, bis sich
aus der Maserung Berge erhoben und sich die Astlöcher in
Vulkankrater verwandelten. Kennst Du das auch?
Ich habe mal
gerechnet: Du wirst in den Schulklassen fünf bis zwölf 1200 Stunden mehr
Schule haben, als ich es hatte. 1200 Schulstunden! 1200-mal 45
Minuten. Das sind 600 Fußballspiele. Das ist die Zeit, in der ich
Karl-Heinz Rummenigge und Boris Becker war. In der ich zum
Golfplatz radelte und mit einem flinken Griff durch den Zaun eine
Handvoll Bälle klaute, weil ich das für rebellisch hielt. In der
ich mir ein Segelboot aus Holz baute, das dann leider
auseinanderfiel. Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt
es. Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! Mich zu irren. Fehler
zu machen. In eine Sackgasse zu laufen und wieder zurückzugehen.
Mach auch mal Fehler,
Sophie! Sachen, die wir Eltern für falsch halten. Du bist ja schon
vernünftiger als wir: Als ich Dich neulich gefragt habe, ob ich
mittwochs mal schwänzen soll, den Kollegen bei der Zeitung sagen,
ich würde zu Hause arbeiten, in Wahrheit aber mit Dir schwimmen
gehen, hast Du geantwortet: "Ich habe keine Zeit. Ich kann nur an
Wochenenden."
An Deinen Lehrern
liegt das kaum. Deine Schule erscheint mir als eine der besseren in
einem schlechten System – fast wie das Richtige im Falschen. Du
hast zwei Klassenlehrer, nicht nur einen. Die beiden strahlen eine
Gelassenheit aus wie Teetrinker in der Espresso-Gesellschaft. Du
hast bei ihnen zunächst das Lernen gelernt: Ich beginne meine Hausaufgaben mit etwas Einfachem und Interessantem. Ich lege Pausen bei meinen Hausaufgaben ein.
Ihr bekommt Übungsarbeiten mit nach Hause, damit Ihr wisst,
was Ihr Euch einprägen müsst (und was nicht...). Ihr bewertet
Euch mit Selbstkontrollbögen: Was kann ich schon? Was noch nicht?
Auf den Elternabenden fragen Eure Lehrer uns: "Sollen wir weniger
Hausaufgaben aufgeben, damit den Kindern mehr Zeit bleibt? Oder
mehr, damit sie den Stoff besser verstehen?"
Auf dem anderen
Gymnasium in unserer kleinen Stadt hagelt es Fünfen und Sechsen, und
Kinder geben halb leere Arbeitsblätter ab.
An deiner Schule
haben die Lehrer hier und da die Lehrpläne entrümpelt. Und sie haben das
Fach "Science" erfunden: Biologie, Physik und Chemie in einem.
Wenn Ihr über Vögel sprecht (Biologie!), lernt Ihr auch, wie an
ihren Flügeln Auftrieb entsteht (Physik!). Wenn Ihr über die Lunge
und das Atmen sprecht (Biologie!), redet Ihr gleich über Sauerstoff und
Stickstoff (Chemie!). Es gibt Lehrer anderer Gymnasien, die bei
Euch lernen, wie man Science unterrichtet. Es gibt Verlage, die
ihre Schulbücher den Ideen Deiner Lehrer anpassen. Ihr habt in
Klasse fünf jeweils sechs Stunden Englisch, Mathe und Deutsch pro Woche,
damit Ihr in Klasse sechs nur mehr vier braucht – denn dann kommt
ja noch Französisch oder Latein hinzu. Eure Klassenlehrerin hat
sich drei statt zwei Stunden Musik erkämpft, in denen sie mit Euch
singt und lacht. Deine Lehrer nennen das "Stunden zum Ausatmen". Auch
deshalb also habt Ihr so viel Unterricht.
Warum sollten Lehrer
Euch auch von der Schule fernhalten? Uns Eltern aber hat der Soziologe
Hartmut Rosa Hausaufgaben aufgegeben: "Es muss Nachmittage geben,
an denen nichts im Terminkalender steht. Oder an denen NICHTS! im Terminkalender steht."
Ich hätte zwar lieber
mit den Finanzministern, diesen Sparschweinen, gestritten, als schon
wieder in Dein Leben einzugreifen, Sophie – aber als Du das
Gitarrespielen aufgegeben hast, war das nicht nur Dein Wunsch,
sondern auch der von uns Eltern. Damit Du weiter Basketball
spielst. Denn da bist Du mal keine Einzelkämpferin.
Jetzt hängt Deine
Gitarre an einem Haken neben Deinem Schreibtisch, und ich frage mich:
Wirst Du uns später einmal übel nehmen, dass Du nur zuhören
kannst, wenn andere Musik machen?
Ist es Zufall, dass
Dein Freundeskreis nur noch aus Klassenkameradinnen besteht? Oder liegt
es daran, dass Ihr im selben Rhythmus lernt und lebt?
Wie viel Platz wird Dir Dein Alltag für Liebeskummer lassen? Für die Pubertät? Für den Aufstand?
Wird Dir jemals ein
Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und
eigentlich "freie Zeit" bedeutet?
Abitur mit 17 Jahren, Bachelor mit 20 – wem ist damit geholfen?
Warum wird
das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über
das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller?
Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren
Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind?
Woher kommt unsere
Globalisierungsangst? Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist viel
geringer als in Frankreich, Italien, Spanien. Unser Land ist
klein, aber unsere Wirtschaft ist die viertgrößte der Welt. Wir
verkaufen Autos, Windräder und Medikamente überallhin. Und sind
all die Erfinder, Konzernchefs und Gewerkschaftsführer nicht dreizehn
Jahre aufs Gymnasium gegangen?
In
wie vielen Familien kreisen die Gespräche nur noch um Schule? Hast Du
die Vokabeln drauf? Bist Du fit für die Arbeit? Schreibe
eine möglichst kleine Zahl auf, indem Du jedes der folgenden
römischen Zahlzeichen genau einmal verwendest: M, C, I, X, V.
Nicht dass Du mich
falsch verstehst, Sophie: Die Schule ist nicht fürs Kinderglück
verantwortlich. Dafür sind wir Eltern zuständig. Und Schüler müssen nun
mal lernen. Aber sie müssen auch Zeit haben für eigene
Entdeckungen.
Wir üben jetzt oft
gemeinsam. Manchmal gibt es Krach, manchmal erleben wir innige Momente:
dieses wärmende Glück, wenn wir beide wieder etwas begriffen
haben, wenn die Erkenntnis durchbricht wie die Sonne nach drei
Tagen Regen! Du hast gelernt, wie die Ägypter ihre Pyramiden
bauten. Warum ein Londoner Vorort mit Namen Greenwich weltbekannt ist.
Dass es am Horizont einen Fluchtpunkt gibt, auf den alle Linien
zulaufen. Jede Schulstunde kann ein Geschenk sein. Und alles
zusammen fügt sich zu einem Schatz. Kostet es zu viel Kraft, zu viel
Zeit, zu viel Leben, ihn zu heben?
Euer Schuldirektor
sagt: Nein. Das sei nur die übliche Sorge der Eltern, deren Kinder von
der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Das größte Problem der
Schulzeitverkürzung sei "mangelnde Akzeptanz". Also Leute wie ich!
Er sagt das aus einer
privilegierten Position heraus, so wie ich diesen Brief aus einer
bevorzugten Lebenslage schreibe: Dein Direktor leitet ein
Vorstadtgymnasium in einer besseren Gegend. In Eurer Schulkantine
servieren "Kochmütter" das Mittagessen. Es gibt aber auch Frauen,
die bis abends arbeiten möchten (Du später vielleicht auch!).
Alleinerziehende Eltern, die das müssen. Und Väter und Mütter, die
keine Lust haben, mit ihren Kindern zu lernen, die gibt es auch.
Was wird aus diesen Schülern?
"Die Übungsphasen,
die dazu da sind, Stoff zu vertiefen, sind nach Hause verlagert worden.
Kinder, die niemanden haben, der ihnen bei den Hausaufgaben hilft,
kommen schlecht weg", sagt Heinz-Peter Meidinger. Er ist
Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Das ist ein
Zusammenschluss von Lehrern, die an Gymnasien arbeiten.
Ich habe im
schleswig-holsteinischen Bildungsministerium nachgefragt: Der Anteil der
Schüler, die nach der sechsten Klasse die Gymnasien verlassen
müssen, hat sich verdreifacht. In Bayern macht die erste
G-8-Generation gerade Abitur – seit der fünften Klasse sind dort 31
Prozent aller Schüler auf der Strecke geblieben. Bei G9 waren es
22 Prozent. Diese Kinder wurden "abgeschult", so nennt man das in
den Statistiken.
Es klingt fast
weltfremd, wenn die Kirche gegen dieses eiskalte Wort protestiert und
daran erinnert, dass "jeder Mensch mit reichen und vielseitigen
Anlagen beschenkt" sei. Bildung müsse auch die "Kräfte der
Fantasie, der Liebe, des seelischen Erlebens und des moralischen
Wertens" wecken.
Der Pädagoge Andreas
Gruschka sagt: "Es kommt nicht mehr Saft aus einer Zitrone, wenn man
mehr presst." Gruschka selber ist zweimal sitzen geblieben und
trotzdem Professor geworden. An der Goethe-Universität in
Frankfurt am Main erforscht er, wie Lehrer unterrichten und wie
Kinder lernen. Er meint: Ihr paukt zwar viel, aber Ihr habt nicht viel
davon. Euch fehlt die Zeit, wirklich zu kapieren, was die Lehrer
Euch erzählen. Und darüber eine eigene Meinung zu bilden. Er sagt:
"Die Kinder heute lernen Organisation und Präsentation." Referate,
Wochenpläne – er hält das alles für eine Vorbereitung auf ein
kritikloses Büroleben, in dem der Chef in der Tür steht und sagt:
"Frau Müller, stellen Sie mir bis Freitag bitte alles über die
indischen Märkte zusammen!"
G8 habe "für 25 bis
30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9
vorteilhafter gewesen", sagt der Münchner Bildungsforscher Kurt
Heller, ein Pädagoge und Psychologe. Das ist besonders
interessant, weil niemand in Deutschland so gründlich zu dem Thema
geforscht hat wie er: In den neunziger Jahren hat Heller in ein paar
baden-württembergischen Gymnasien G8 ausprobiert – mit
durchschnittlich 16 Schülern pro Klasse. Am Ende empfahl er: Es
sollte G8-Schulen und G9-Schulen geben. Aber dann, sagt Heller
heute, habe die Politik überall das Turbo-Abi eingeführt. Der Professor
hat sehr frustriert geklungen, als er mir gesagt hat: "Ist leider
so gelaufen."
Wo sind die Querköpfe und die Nervensägen? Wer hat sie aussortiert?
Philologen
und Psychologen, Pädagogen und Prozente – wie schnell wird der Streit um
Eure Schulzeit abstrakt und entfernt sich wieder aus der
Wahrnehmung der Kinder. Und weg von tausend kleinen
Lebenswirklichkeiten.
Es gibt einen Arzt in
Bremen, der heißt Stefan Trapp und hat vor drei Jahren einen Brief an
die Bildungssenatorin seiner Stadt geschrieben. Darin steht: "Als
niedergelassener Kinder- und Jugendarzt wie auch als betroffener
Vater erlebe ich die Folgen der Verkürzung des Gymnasiums auf acht
Jahre täglich in Praxis und Familie." Seine Patienten zeigten Symptome,
die sonst bei gestressten Managern auftreten. Kopfschmerzen und
Erschöpfungszustände, auch Traurigkeit und Angst. Die Senatorin
hat ihm bis heute nicht geantwortet. Aber weil Trapp in seiner Stadt ein
bekannter Mann ist und den Bremer Berufsverband der Kinder- und
Jugendärzte leitet, hat eine Zeitung seinen Brief abgedruckt.
Trapp
ist noch jung. Er trinkt Cola und isst gerne Kuchen, obwohl das nicht
gesund ist. Er ist ein fröhlicher Arzt, solange er nicht von den
müden Mädchen und Jungen in seinem Sprechzimmer erzählt. Er sagt:
"Früher hatten Kinder Kopfschmerzen, weil sie eine Brille
brauchten. Heute, weil sie beim Gedanken an die Schule mittlerweile die
Gefahr des Scheiterns mitdenken." Er behandelt Schüler mit
Schlafstörungen und Depressionen. Das sind Krankheiten, die früher
bloß Erwachsene bekamen, die richtig Pech hatten. "Die Rolle des
Gymnasiasten als Sorgenkind ist neu", sagt Trapp. Gymnasiasten
sind seltener dick, essen meist gesünder und prügeln sich kaum.
"Aber die Schulzeit ähnelt immer mehr einer anspruchsvollen
Bürotätigkeit – kein Wunder, dass sich auch die Krankheitsbilder
ähneln." Wie sollen Jugendliche mit Anforderungen fertigwerden, an
denen Erwachsene scheitern? Zumal sie dauernd beobachtet und
benotet werden. Alle sind unzufrieden: Schüler, Eltern und Lehrer. Alle
haben Stress. Und in diesem Gezerre sind die Kinder die
Schwächsten.
Warum schützen wir
die Schwächsten nicht mehr? Auch nicht die Aufmüpfigen, die Sperrigen,
die unser Tempo bremsen? Ich sage Dir, Sophie: weil wir
Erwachsenen die wahren Streber sind! Weil wir zu feige sind, mal
richtig wütend, richtig sperrig, richtig uncool zu sein.
Vor einigen Monaten hat
der neue Bildungsminister in unserem Bundesland alle Gymnasien
abstimmen lassen, ob sie das neunte Schuljahr zurückhaben wollen. Die
Lehrer Deiner Schule haben sich entschieden, bei G8 zu bleiben.
Einstimmig, sagt der Direktor. Ich kann mir vorstellen, dass viele
aus Stolz auf ihre eigenen Ideen so entschieden haben. Manche aus
Erschöpfung nach all den Konferenzen. Andere, weil sie finden, dass
nicht nach jeder Landtagswahl alles geändert werden sollte, dass
zu viele Rollen rückwärts schwindlig machen. Und einige vielleicht
auch aus Respekt vor dem Direktor.
Wochenlang habe ich
versucht, mit der Schulpsychologin unseres Landkreises zu reden. Aber
sie hat mir in kurzen Mails geantwortet, für ein ausführliches
Gespräch habe sie keine Zeit – und für ein kurzes Telefonat sei
das Thema zu wichtig. Auch das meine ich mit Feigheit, Sophie.
In Bremen fragt der
Kinderarzt Stefan Trapp die Schüler in seiner Praxis: Warum kommst du zu
mir? Was machst du in deiner Freizeit? Was tust du gern? Was
würdest du gern tun? Wann fühlst du dich wohl? Wenn die Antwort
lautet: Ich war das letzte Mal in den Ferien froh, dann ist das
ein Problem. Auch für ihn. Ein Arzt will heilen, nicht nur herumdoktern.
Mit Scharlach oder Läusen ist Trapp immer fertiggeworden, aber
wie kann er einem mutlosen Kind helfen? "Wenn jemand krank wird
durch die Schule, ist eine Therapie, eine ursächliche Therapie, nicht
möglich", sagt Trapp. Das bedeutet: Wer sich einen Arm gebrochen
hat, bekommt einen Gips und braucht Geduld. Wer eine
Pferdeallergie hat, kann mit dem Reiten aufhören. Aber wen das Lernen
krank macht, der kann nicht die Schule abschaffen.
Unsere Gesellschaft
ist dringend auf jedes einzelne Kind angewiesen – aber es wird so getan,
als ginge es immer nur um die Stärksten und Schlausten. Als
könnten wir auf alle anderen Kinder verzichten.
Weißt Du, was
passiert ist, als eine Mutter eine Lehrerin Eurer Schule gefragt hat, ob
sie nicht zu schnell zu viel von Euch verlangt? Da hat die – eine
junge Frau – kühl geantwortet: "Sicher ist dieses Lernen nicht
für alle geeignet." Und Klassenarbeiten seien dazu da, "zu
überprüfen, ob die Kinder auf dem Gymnasium Schritt halten können".
Weißt Du, was das bedeutet, Sophie?
Ich werde es Dir
erklären: Es bedeutet, Klassenarbeiten sollen nicht nur helfen,
herauszufinden, welcher Schüler wo Schwächen hat – um dafür zu sorgen,
dass es beim nächsten Mal besser klappt. Nein: Sie sollen auch
helfen, die Schwächsten zu finden und auszusortieren. Deine
Lehrerin hat nicht gesagt, es gehe ihr darum, alles zu tun, "damit"
Kinder Schritt halten können. Sondern zu prüfen, "ob".
Meine Lehrer hätten
so etwas nie gesagt, selbst wenn sie heimlich so dachten. Du wirst das
verrückt finden, Sophie: Als vor 25 Jahren in der Ukraine ein
Atomkraftwerk explodierte, schickten meine Lehrer uns zum
Demonstrieren! Als vor 20 Jahren in Kuwait ein Krieg losbrach,
ließ mein Mathelehrer uns aus Protest nicht mit Äpfeln und Birnen
rechnen, sondern in der Recheneinheit "Leichensäcke". Das hört
sich ziemlich grotesk an, was? Einige meiner Lehrer sprachen im
Unterricht voller Pathos, wie ein Pastor in der Sonntagspredigt. Aber es
ging ihnen darum, uns mitzureißen. Uns zu gewinnen. Wenn auch nur
für ihre eigenen Träume von einer besseren Welt.
Und jetzt? Spricht
diese Lehrerin wie die Jurypräsidentin einer gigantischen Castingshow –
in der nicht Werbeverträge vergeben werden, sondern Lebenschancen.
Und zwar nur an die Passgenauen.
Das macht mich
wütend. Sie hat G8 zwar nicht erfunden – aber sie hat sich damit
abgefunden. Mindestens das. Andererseits gibt sie nur den Druck
weiter, den andere aufgebaut haben. Und zu diesen anderen gehöre –
ich. Die Versuchung, mit Dir auf die Jagd nach immer besseren Noten zu
gehen, ist so groß. Wie schnell passiert es, dass ich eine gute
Klassenarbeit nach den wenigen Fehlern ausspähe, nicht nach den
korrekt gelösten Aufgaben. Es gibt Eltern in unserer Stadt, die
ihren Kindern das Taschengeld kürzen, wenn die keine Eins heimbringen.
Die mit all den fleißigen Chinesenkindern drohen, von denen wir
noch gar nicht wissen, ob die ganze Paukerei sie wirklich schlau
macht oder bieder.
Wenn Du Geburtstag
feierst und Deine Klassenkameradinnen kommen, freue ich mich über all
die wohlerzogenen Kinder, die den ganzen Tag keine Mühe machen –
aber ich wundere mich auch. Wo sind die Querköpfe, die
Nervensägen, die Rotznasen? Wer hat sie aussortiert?
Du bist mehr als die Summe deiner Leistungen
Vor fünf
Jahren hat ein Kollege in dieser Zeitung geschrieben, er finde die
verkürzte Schulzeit gut, denn es sei noch "Luft im System". Schon
möglich. Aber ist Luft schlecht? Ist sie nicht zum Atmen da? Und
lernt, wer atmen darf, nicht sogar mehr? Oder jedenfalls lieber?
Das Gerede von der
"Luft im System" ist gefährlich, Sophie. Man kann so lange sagen, es sei
"Luft im System", bis keine mehr da ist.
Wir
haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen: In einem Motor
kann Luft schaden, in einem Windkanal ist Druck sinnvoll. Aber wer
hat uns eingeredet, dass ein beschleunigtes Leben ein gelingendes
Leben ist? Wenn ich sehe, wie Manager auf Flughäfen und in ICE-Abteilen
ihre iPhones und BlackBerrys anstarren, auf eingehende Mails so
angewiesen wie Junkies auf Rauschgift, und wenn ich höre, wie sie
endlos von "Quartalszahlen", "Jahresabschlüssen" und der
Marktforschung faseln, die sie nur noch "Mafo" nennen, wie sie von
Hamburg nach München fahren, ohne dabei auch nur einen einzigen
eigenen Gedanken zu äußern – dann glaube ich, wir sollten uns kein
Beispiel an ihnen nehmen.
Es wäre schön, wenn
Ihr später nicht nur Zahlen lesen könntet. Sondern auch die Menschen
hinter den Zahlen erkennen würdet. Wenn Bildung hieße: mit Wissen
vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du
Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: "Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln."
Wir haben Eure
Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns
treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. Es wäre schade, wenn
dabei alles an Euch glatt geschliffen würde, wenn von Eurer
Persönlichkeit nicht mehr viel übrig bliebe. Das hört sich sehr
hässlich an, Sophie, aber: Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als
Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als
Erwachsenen.
Wenn Du Abitur
machst, wirst Du 17 sein. Mit 17 lassen wir Euch nicht alleine Auto
fahren und keine Mietverträge unterschreiben. Wenn Du Pech hast,
musst Du Dich für ein Leben als Lehrerin, als Mathematikerin, als
Managerin entscheiden, bevor Du überhaupt weißt, was Du kannst, was Du willst,
wer Du bist. Falls Du dann ein eiliges Bachelorstudium durchhastest,
wirst Du mit 20 die Universität verlassen. Worauf haben wir uns da
nur eingelassen? Wollen wir, dass unsere Enkel von 21-jährigen
Lehrern unterrichtet werden, die kaum mehr von der Welt gesehen
haben als Legehennen? Wollen wir uns von 22-jährigen Bankern mit
Geradeausbiografien betreuen lassen? Uns von 23-jährigen
Unternehmensberatern begutachten lassen?
Wenn Dich Deine
Lehrer, unsere Nachbarn oder die Eltern Deiner Freundinnen jetzt fragen,
warum Dein Vater so aufgebracht ist, dann musst Du wissen: Es
liegt nicht an Dir. Wer glaubt, ich schreibe hier gegen schlechte
Noten an, der hat nichts begriffen. Deine Zensuren sind gut. Ich
bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure
Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen.
Wenn sie Dir sagen,
es ist doch nur das eine Jahr, dann antworte ihnen, es geht um Millionen
beschleunigter Leben. Und wenn sie Dich fragen: "Acht oder neun
Jahre, ist das nicht einerlei?", dann sag ihnen: Was wäre los,
wenn die Lokführer plötzlich 15 Prozent mehr arbeiten müssten?
Dieses Land stünde still, über Wochen. Die Tagesschau
würde Abend für Abend mit Streikmeldungen beginnen. Es gäbe
Demonstrationen, auf denen wütende Männer rote Fahnen schwenken.
Es gäbe aufgeregte Talkrunden im Fernsehen, in denen die Erwachsenen
"Ausbeutung" und "Raubtierkapitalismus" brüllten.
Natürlich frage ich
mich: Ist eine Sache nicht nur dann schlimm, wenn Du, Sophie, sie selber
schlimm findest? Habe ich Dich mit diesem Brief zum Faulenzen
aufgefordert, Dir Ausreden und Ausflüchte in den Mund gelegt? Habe
ich Dich verwirrt? Dir überflüssige Sorgen gemacht? Ich hoffe
fast, dass Du diesen Brief inzwischen zur Seite geschoben hast und
irgendwo Waveboard fährst, weil Du das Geschreibsel hier dröge
findest und sowieso Quatsch ist, was von den Eltern so kommt.
Aber Du sollst ruhig wissen, warum wir auf dem Weg ins Kino 17², 56 und 28 gelernt haben.
Du sollst wissen,
warum ich Dich manchmal dressiere wie ein Dompteur sein Zirkuspferd –
und mir dann wieder auf die Lippen beiße, statt nach der Schule zu
fragen.
Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen.
Du sollst wissen,
warum es manche Deiner Freundinnen nicht schaffen werden, warum ihre
Stühle irgendwann leer bleiben werden.
Du sollst wissen, dass Depression keine Kinderkrankheit ist.
Du sollst wissen, dass die Schulzeit mehr sein sollte als ein Trainingslager fürs Berufsleben.
Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen.
Und Du sollst wissen,
dass ich Dir das gestohlene Jahr zurückgeben möchte. An jedem Tag, an
jedem Wochenende – und nach dem Abitur. Am besten kein
Auslandsstudium. Kein Sommerseminar. Sondern einfach eine Reise
ohne Weg und ohne Ziel. Denn wenn Du Deine Seele bis dahin nicht in
einem Klassenzimmer gefunden hast, wirst Du sie auch in einem Hörsaal
nicht finden. Aber vielleicht tief in einem finnischen Wald,
mitten in einem äthiopischen Dorf oder auf der Sitzbank eines
amerikanischen Überlandbusses. Irgendwo, irgendwann, wenn Du es nicht
erwartest.
Und ich hoffe, dass
Du mich dann, wenn es losgehen soll, nicht mitleidig anschaust und
sagst: "Das ist doch reine Zeitverschwendung."
Dein Papa
* Name von der Redaktion geändert
Vera F. Birkenbihl: "Trotz Schule lernen", Ariston
Vera F. Birkenbihl: "Trotz Schule lernen", Ariston
Sabine Czerny: "Was wir unseren Kindern in der Schule antun", Südwest Verlag
Kurt A. Heller (Hrsg.): "Begabtenförderung im Gymnasium", Leske & Budrich
Remo H Largo / Martin Beglinger: "Schülerjahre: Wie Kinder besser lernen", Piper
Birgitta vom Lehn: "Generation G8", Beltz
Julia Strelow: "Ratgeber Nachhilfe", Books von Demand
Labels:
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