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Mittwoch, 19. Oktober 2016

Reich ist, wer bequem von den Zinsen leben kann



3 Prozent besitzen so viel wie die restlichen 97 Prozent. Unter den 300 Superreichen wächst jetzt die Angst vor dem sozialen Aufstand. Interview mit dem Soziologen Ueli Mäder: Oliver Fahrn

work: Ueli Mäder, wann ist man wirklich reich?
Ueli Mäder:
Wenn man von den Zinsen seines Vermögens bequem leben kann. Dafür genügt eine Million heute nicht mehr. Es braucht schon ein paar Millionen. Aber wenn Sie einen Superreichen fragen, lautet seine Antwort: Ab 30 Millionen beginnt man reich zu sein.

Ein Haufen Geld, den man mit Lohnarbeit nicht verdienen kann.
Wie sagte einer meiner Gesprächspartner, der mit Finanzgeschäften schon jung sehr viel Geld gemacht hatte: «Wer arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.» Wir haben weit über 100 Reiche interviewt. Aber längst nicht alle würden über die Arbeitenden so verächtlich sprechen.

Also: Wie wird man reich?
Vor allem auch, indem man erbt. Die Hälfte der 300 Reichsten in der Schweiz ist als Sohn, Tochter oder über Heirat reich geworden. 2010 werden mindestens 40 Milliarden vererbt. Mehr als die Hälfte davon geht an Millionäre. Nur zehn Prozent der Erben erhalten drei Viertel aller Erbschaften.

Noch mehr Geld kommt zu schon sehr viel Geld?
Die fehlende Erbschaftssteuer treibt die enorme Konzentration der Vermögen in der Schweiz noch voran. Aber das ist nur ein Element. Zwischen 1989 und 2009 stieg das Vermögen der 300 Reichsten von 86 Milliarden auf 449 Milliarden Franken.

Trotz Krise?
Diese 300 Superreichen haben nur 10 Milliarden von 459 Milliarden verloren. Das war 2009. Inzwischen haben sie das längst mehr als wettgemacht.

In der kleinen Schweiz lebt, so lesen wir, jeder zehnte Milliardär der Welt.
Ja, wenn wir auch jene einbeziehen, die keinen Schweizer Pass haben. Die sozialen Unterschiede wachsen bei uns wie sonstwo kaum. Die Kluft zeigt sich sogar bei den verfügbaren Einkommen, mit denen auch die CS rechnet. Unter 165 Ländern landet die Schweiz in der Rangliste gerechter Vermögensverteilung auf dem drittletzten Platz. Schlechter sind nur Singapur und Namibia. Und seit kurzem wissen wir, dass in Basel 3 Promille der Steuerpflichtigen mehr Vermögen haben als die anderen 99,7 Prozent. Diverse Untersuchungen bestätigen das. Sie finden die Daten auf www.reichtumin- der-Schweiz.ch.

Die Schweiz ist also eine Oligarchie, eine Herrschaft von wenigen Superreichen? Das deckt sich gar nicht mit dem Bild, das wir von diesem Land haben.
Im Gegensatz zu vielen dieser Länder sichern das durchschnittliche Einkommen plus die Sozialversicherungen bei uns meist ein anständiges Leben. Die Einkommen sind etwas gerechter verteilt als die Vermögen. Und doch haben wir auch in der Schweiz fast eine halbe Million Menschen, die in Haushalten von Working Poor leben. Das sind Arbeitende, die vom Lohn die Familie nicht ernähren können. Das Bild von demokratisch gerechter Reichtumsverteilung täuscht.

Weil der generelle Lebensstandard in der Schweiz relativ hoch ist, nehmen wir die wachsende soziale Ungleichheit gar nicht richtig wahr?
Genau. Aber da gibt es noch ein anderes Problem. Die kleine Minderheit mit viel Reichtum und Macht tut auch viel dafür, dass sich in unseren Köpfen falsche Bilder halten. An Vorträgen frage ich das Publikum immer wieder, ob in der Schweiz mehr Menschen unter 20 Jahren oder mehr Menschen über 65 leben. Fast alle sind jeweils sicher, dass die Alten in der Mehrheit sind. Tatsächlich aber leben hier mehr unter 20jährige. Die wenigsten wissen, dass die Sozialausgaben zwar steigen, aber seit 2004 im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt abnehmen. Falsche Bilder sind hartnäckig, weil sie endlos wiederholt werden. In allen Medien, auf allen Kanälen. Die falschen Vorstellungen von der eigenen Gesellschaft dienen offenbar Interessen. Hier zum Beispiel jenen von Versicherungen und Sozialabbauern.

Weil wir nicht genau hinschauen, können die Superreichen ungestört walten?
Einer meiner Interviewpartner war Novartis- Chef Daniel Vasella. Er wurde von rund 100 Reichen unserer Studie als eine der acht mächtigsten Personen des Landes genannt. Ich habe ihn, der auch schon einen möglichen Wegzug der Novartis ins Ausland angedeutet hatte, auf seine Macht angesprochen. Vasella antwortete: «Wenn Sie mir das sagen, dann nehme ich das als Gegebenheit und Wahrnehmung gewisser Leute wahr.» Dann fragte er sinngemäss: Geht es den Menschen in der Region etwa nicht gut?

Die Untertanen sind zufrieden, wen stört meine Macht?
Das ist zu scharf ausgedrückt. Was aber stimmt: So bleiben viele wichtige Fragen unter dem Deckel. Etwa die Frage, ob eine solche Ballung von Macht und Geld vernünftig und sozial verträglich sei. Oder ob die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch eine Chance hätten, über ihr Leben und die Zukunft des Landes frei zu entscheiden.

Wir wundern uns, dass die Reichen und Mächtigen alle mit dem kritischen Soziologen Mäder sprechen wollten.
Es stimmt, kaum jemand hat ein Interview abgelehnt. Und viele der Befragten haben erfreulicherweise sehr offen gesprochen. Rolf Soiron zum Beispiel, einer der besonders einflussreichen und stark unterschätzten Köpfe, hat ungeschminkt über die Wendungen in seinem Leben gesprochen. Dagobert Kuster, früher Direktor der Volksbank und Firmengründer, sprach sich für einen sozial attraktiveren Kapitalismus aus – und für die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer! Ex-UBS-Banker und Ex-Ascom-Chef Urs Hägeli hat unter anderem über die Boni-Abzocker gesagt: «Mit ihrem egozentrischen System gefährden sie unseren sozialen Frieden.»

Der Banker Paul Feuermann, der bei Vontobel und UBS war, hat Ihnen Albträume gestanden. Er spricht von Volksaufständen, Verelendung und «dramatischen Veränderungen».
Er ist nicht der Einzige. Erstaunlicher ist, dass viele daraus keine weiterführenden Schlüsse ziehen möchten. Herr Vasella hält übrigens die Möglichkeit grösserer Umbrüche für durchaus wahrscheinlich. Das zeige auch ein Blick in die Geschichte.

Dienstag, 22. Oktober 2013

Wie Reiche denken und lenken Reichtum in der Schweiz



Wie Reiche denken und lenken Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche Autor Presse-Echo Leseprobe Wer sind eigentlich die Vermögenden und Gut­betuchten?
Dieses Buch liefert Einblicke, Analysen und Statistiken zu den in der Schweiz wohnenden Reichen. Die Schweiz ist ein kleines Land. Doch jeder zehnte Milliardär der Welt wohnt in der Schweiz. Drei Prozent der hier wohnhaften privaten ­Steuerpflichtigen haben gleich viel Nettovermögen wie die restlichen 97 Prozent. Die Vermögen der 300 Reichsten stiegen in den letzten ­zwanzig Jahren von 86 Milliarden auf 459 Milliarden Franken. Wer sind diese Menschen? Wo und wie leben sie? Die Autoren dieses Buchs zeigen auf, wie dieser Reichtum entstanden und verteilt ist, wie er sich erneuert, wie Reiche denken und lenken, wie sie soziale Gegensätze wahrnehmen und wie Medien über Reiche berichten. Diese Studie knüpft an die frühere Untersuchung über den Reichtum in der Schweiz (Mäder/Streuli 2002) an und erweitert den Kontext. Der Blick richtet sich auf soziale Ungleichheiten, auf Kontinuitäten und Wandel, auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Reichen, besonders auch im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise. Als Grundlage dienen statistische Auswertungen aktueller Daten, ethnografische ­Zugänge im Feld der Reichen, Auswertungen von Medienberichten sowie zahlreiche Gespräche mit Reichen. -Presseecho- »Ein informatives wie unterhaltsames Buch, welches das Phänomen Reichtum in der Schweiz erklärt, aber auch etwas entzaubert.« Martin Mäder, der arbeitsmarkt »Ueli Mäder, Professor für Soziologie in Basel, und zwei seiner dortigen Mitarbeiter haben ein exzellentes, gut lesbares Buch geschrieben, das spannender ist als so mancher Krimi.« Wolfgang Bortlik, 20 Minuten »Nebst vielen Einsichten in die rasante Zunahme der sozialen Ungerechtigkeit bietet das neue Buch auch Aspekte einer beängstigenden Parallelgesellschaft, die sich zu einer eigentlichen Klassengesellschaft entwickelt hat.« Ignaz Vogel, Hälfte »Die informativ und verständlich geschriebene Studie rückt den sozialen Ausgleich ins Bewusstsein.« Stefan Schuppli, Saldo »Einstweilen gewährt die Veröffentlichung vielfältige und tiefe Einblicke in eine Welt, über die wenig bekannt ist und die schwierig zu verstehen ist. Wenngleich sich die Darstellung ausschließlich auf die Schweiz bezieht, können die Ergebnisse zur sozialen Ungleichheit auch auf andere Länder übertragen werden.«

Hubert Kolling, socialnet.de Artikel lesen

Dienstag, 20. September 2011

Nach der Krise ist vor der Krise

Zahl der Millionäre weltweit im Jahr 2006 - vor der Weltwirtschaftskrise - in Millionen 9,5
Zahl der Millionäre im Jahr 2010 - nach der Weltwirtschaftskrise - in Millionen 10,9

Weltweites Vermögen aller Millionäre in Billionen Euro 32,2
Weltweite Staatsschulden aller Länder in Billionen Euro 28,2

aus: http://www.brandeins.de/aktuelle-ausgabe/artikel/die-welt-in-zahlen-98.html