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Freitag, 26. Oktober 2018
Charles Eisenstein - New Story
Sacred Economics traces the history of money from ancient gift economies to modern capitalism, revealing how the money system has contributed to alienation, competition, and scarcity, destroyed community, and necessitated endless growth. Today, these trends have reached their extreme - but in the wake of their collapse, we may find great opportunity to transition to a more connected, ecological, and sustainable way of being.
This short contains some visuals from the upcoming feature doc Occupy Love http://occupylove.org
and here an another video "Charles Eisenstein Full-length Interview from Living the Change":
We hope you get as much from this interview as we did! Below are a list of questions we asked Charles:
1:06 - What are the 'old story' and 'new story' that you describe in your writing?
14:37 - Where does the sense that a better world is possible come from?
19:16 - What guides us in the space between stories to creating the new story?
21:11 - How did the world get to where it is now?
28:20 - Do you think advancements in technology can solve the problems we're facing?
33:50 - Do you see the current money system as a symptom of separation?
37:50 - What could an alternative system look like? Would the current system need to collapse to make way for the new?
43:24 - Can individual action create big change?
48:14 - What is the wound of separation and how do we see it expressed in society?
54:32 - What do you advise people to do in times of not knowing what to do?
1:01:33 - Can doing nothing take you to a place of knowing what to do?
1:06:39 - When you imagine the new story, what does it look like?
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Montag, 11. Juni 2012
Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat
Und hier das ganze Buch online: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/2012-04-buch-2012-04-buch-commons.pdf
Bei Immunität gegen die handelsübliche Medizin hilft auch eine höhere Dosierung nicht. Die Behandlung muss neu gedacht, das Medikament neu entwickelt werden.
Tatsächlich scheint Ressourcenübernutzung gegen 'mehr Markt' ebenso immun wie gegen 'mehr Staat'. Sozialem Ausschluss beugt der Markt ohnehin nicht vor. Und dem Staat gehen inmitten massiver Krisen die Handlungsspielräume aus. Wir brauchen nicht mehr vom Gleichen, sondern eine politische Programmatik und Kultur jenseits eingefahrener Gleise. Wir brauchen einen Abschied vom Markt-Staat-Duopol, ein alternatives ökonomisches Betriebssystem, eine andere politische Kultur und ein Denken in neuen Kategorien. Doch jeder Übergang zu einem neuen Paradigma setzt voraus, dass genügend Menschen aktiv Teil der Geschichte werden und sich diese neuen Kategorien in ihrer Lebenspraxis aneignen.
90 Autorinnen und Autoren aus aller Welt zeigen, dass dieses Umdenken schwierig, aber möglich ist - in Theorie und Praxis. Der aktuelle Sammelband "Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat" spiegelt die Aktualität der Commonsdebatte und macht Mut, Neues zu probieren, und Lust auf "commoning".
Mit einer Einführung von Silke Helfrich, Commons Strategies Group und Mit-Herausgeberin des Buches „Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat", anschließend diskutieren miteinander und mit ihnen
Dr. Hermann E. Ott, MdB Bündnis 90/Die Grünen und
Fabio Reinhardt, Mitglied Abgeordnetenhaus Berlin, Piratenpartei
Moderation: Julia Gechter, Filmemacherin
Zum Buch: http://www.boell.de/publikationen/publikationen-commons-fuer-eine-neue-politi...
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Mittwoch, 14. März 2012
Die post-revolutionäre Möhre. Hier und Jetzt.
reblog: https://ecobasa.org/nkl/?p=201
Publiziert am Februar 29, 2012 von bine
Publiziert am Februar 29, 2012 von bine
Solidarische Landwirtschaft auf dem Weg zur Schenkökonomie
von Jan-Hendrik Cropp
Wir, ein Kollektiv von fünf „Gärtner_innen“, suchten uns eine Gruppe von 60 Personen, die „Begärtnerten“, die von uns durch die Bearbeitung von 5000 qm Ackerfläche im nordhessischen Witzenhausen-Freudenthal mit Gemüse von April bis November versorgt werden wollten. Zusammen formten wir eine verbindliche Gemeinschaft.
Wann und wieviel wir Gärtner_innen in diesem Projekt arbeiten, nein besser, tätig sein wollen, wurde von jedem einzelnen selbstverantwortlich und je nach Bedürfnissen (flexibel) festgelegt und im Kollektiv vereinbart. Der Teil unserer finanziellen Bedürfnisse („Lohn“), der über das Projekt befriedigt werden soll, wurde weitgehend unabhängig von dieser Tätigkeitszeit bestimmt und mit den laufenden Betriebskosten (ohne Investitionen) zu den Gesamtkosten (Budget) einer Jahresproduktion zusammengerechnet.
Die Begärtnerten boten dann anonym einen auf den Zeitraum der Produktion verbindlichen, monatlichen finanziellen Beitrag, der ihren Möglichkeiten entspricht. Von null Euro aufwärts war und ist alles möglich. Diese Zusage und andere Punkte (Entscheidungsfindung, Ausstiegsgründe, Scheiterkriterien, gemeinsame Übernahme von Verantwortung und Risiko, Kommunikation etc.) wurden in einer Vereinbarung schriftlich und verbindlich festgehalten und unterschrieben. Das zuvor beschriebene Budget wurde mit diesen freiwilligen finanziellen Beiträgen gedeckt, woraufhin der genaue Bedarf an Gemüse abgefragt und mit der Produktion des Gemüses begonnen wurde.
Die Ernte wird der Gemeinschaft von Begärtnerten in Depots frei zur Verfügung gestellt. Die Verteilung vor Ort organisiert die Gemeinschaft je nach den individuellen Bedürfnissen. Es gibt keine genormten „Gemüsekisten“, sondern jede_r nimmt, was gebraucht wird. Ein weiteres Mitwirken am Projekt durch Mitarbeit, Erntesicherung / Einmachen und das Einbringen von weiteren Fähigkeiten steht den Mitgliedern frei, ist aber erwünscht und wird gemeinsam organisiert.
Durch dieses Experiment sollen kapitalistische Prinzipien in unserem Verhältnis zueinander überwunden und transformiert werden:
Freiwilliges Beitragen und Schenken statt Tausch, Wert, Ware
Freies Tätigsein statt abstrakter Arbeit in Konkurrenz
Tätigkeit wird zu Arbeit und Arbeit zur Last, wenn unsere Produkte auf dem Markt einen Wert erzielen müssen oder wir primär für einen Lohn arbeiten.
In unserem Projekt müssen wir beides nicht: Wir liefern keine normierten Waren und unsere finanziellen Bedürfnisse werden von vornherein abgedeckt.
Daher können wir Anbauweise und Arbeitsabläufe frei bestimmen, um unsere und die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen.
Kommt es zu Problemen, lösen wir diese nicht wie in der Gesellschaft der Vereinzelten mit dem Ellenbogen und dem „Ausschalten von Konkurrenten“ sondern durch kollektive Lösungsfindung.
*Zur Entstehung dieses Textes: Er wurde von mir selbst als persönliche Reflexion verfasst und spricht deshalb hauptsächlich für mich. Allerdings wurde er auch der gesamten Gemeinschaft vorgelegt und etwaige Kommentare wurden berücksichtigt.
Knapp 11 Monate nach Beginn des Projektes haben sich allerdings einige Problemfelder in unserem Projekt aufgetan. Deren Analyse halte ich für wichtig, wenn Projekte über die Waren- und Tauschgesellschaft hinausweisen wollen:
Problemfeld 1
Der verinnerlichte Kapitalismus im Kollektiv
Das Problemfeld betrifft vor allem uns als Kollektiv von Gärtner_innen. Was Tausch und Geld im Kapitalismus so hervorragend machen, nämlich Menschen und Tätigkeiten zu vergleichen und gleichzusetzen, verschwindet in einem weniger kapitalistischen System nicht sofort. Diese Verhaltensweisen scheinen wir tief verinnerlicht zu haben. Wir, also einmalige Individuen, die im Kollektiv zusammenarbeiten, vergleichen weiterhin, wieviel Zeit wir in das Projekt investieren. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir „zu wenig“ tun, oder werden grummelig, weil wir „zu viel“ tun. Schnell kommt es zu Situationen, in denen wir uns für unsere Bedürfnisse (die ja so sind wie sie sind) rechtfertigen wollen, oder denken, dass wir es müssen. Oft ist es gar nicht das Kollektiv, das diesen Druck erzeugt, sondern wir, die Individuen selbst. Denn schließlich ist unser Kopf vom allgegenwärtigen Kapitalismus vollkommen durchzogen.
Eine schnelle Abhilfe für das Problem scheinen die üblichen Abstraktionen des Kapitalismus zu bieten. So geschieht es beizeiten auch in unserem Kollektiv: Ein Ruf nach einer Abstraktion der Zeit in greifbare „Arbeitsstunden“ oder „Urlaubszeiten“ wird laut. Und darauf aufbauend: Das Verlangen nach einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff. Statt zu sagen: „Es soll allen gut gehen mit dem, was und wieviel sie tun“, sagen wir schnell: „Alle sollen das gleiche Maß an Arbeit verrichten bzw. die gleiche Anzahl an Urlaubswochen haben“. Nicht nur, dass eine Stunde an einem Tag sich anfühlen kann wie acht Stunden an einem anderen. Nein, wer Arbeitsstunden normieren will, ist auch schnell dabei, die ganze Tätigkeit zu normieren: Was zählt als Arbeitszeit? Welche Tätigkeit ist wichtig, welche nicht? Was, wenn eine Person schneller oder „effizienter“ (was ist das?) arbeitet als die andere? Diese Fragen und Probleme und die Erkenntnis, dass es statt Gleichmacherei darum gehen sollte, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen, führen diese Abstraktions-Versuche schnell ad absurdum.
Ähnlich schwierig zu akzeptieren scheint auch die Gleichgewichtung aller Tätigkeit außerhalb der Projektes zu sein. Es sollte schließlich egal sein, ob einzelne außerhalb des Projektes (freiwillig) an der Uni büffeln oder in der Badewanne mit einem Glas Sekt liegen und sich ein gutes Buch zu Gemüte führen. Diese Akzeptanz erfordert allerdings eine hohe Selbstverantwortung und ein gutes Reflexionsvermögen.
Hinzu kommt: Der Acker ist vor der Tür. Wir wohnen zwar in verschiedenen WGs, aber doch zusammen auf einem Hof, und die räumliche Nähe führt zu einem Gefühl sozialer Kontrolle, das die oben beschriebenen Tendenzen verstärkt. Wir bekommen schließlich alles von den anderen mit. Ob eine räumliche Distanz das Problem löst oder nicht vielmehr beiseite schiebt, bleibt dahingestellt. Eine Lösung wären klare Vereinbarungen (z.B. feste Tage und Zeiten, in denen man im Projekt tätig ist) und trotzdem ein flexibler Umgang damit (z.B. andere spontane Absprachen, wenn die Zeiten mal nicht passen), um den Bedürfnissen der einzelnen im Jetzt den angemessenen Respekt zu zollen. Dann kann kollektiv nach einer Problemlösung gesucht werden, statt individuelle Schuldzuweisungen und Selbstausbeutungs-Forderungen zu formulieren. Angenommen, eine_r von uns ist überlastet, dann kann so z.B. gemeinsam nach Mithilfe gesucht werden, um der_dem Betroffenen entsprechenden Freiraum zu gewähren. Dennoch bleibt diese Frage bestehen und muss kontinuierlich neu beantwortet werden: Wie stehen individuelle Bedürfnisse im Jetzt und Verantwortung für im Kollektiv getroffene Vereinbarungen zueinander? Klar ist beides wichtig. Eine Grenze ist allerdings überschritten, wenn selbstbestimmte Tätigkeit zu abstrakter, entfremdeter Arbeit wird und es Menschen dadurch mittelfristig schlecht geht.
Wenn Tätigkeit wieder zur abstrakten Arbeit wird (ein fließender Übergang?), wird „der Rest der Zeit“ schnell wieder zur „Freizeit“. Letzteres macht Spaß. Das erstere „muss getan werden“. Sollte die aktuelle „Arbeits“situation tatsächlich unerträglich sein, kann die Wiedereinführung dieser Trennung in Arbeit und Freizeit ein Rettungsanker sein. Eine Möglichkeit zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Dazu braucht es aber sehr wahrscheinlich die oben beschriebene Normierung von Zeit und Tätigkeit. Wenigstens für eine_n selbst: „Ich hab so und so viel gearbeitet – deshalb hab ich jetzt frei!“ Eine Überwindung dieser Trennung und ein konkretes Tätigsein statt einer abstrakten, entfremdeten Arbeit sollten aber weiterhin die Losung bleiben.
Auch in unserem Tätigsein können sich andere (z.B. feministische) Ansprüche verlieren. Wenn das Gemüse ruft und wir alle Hände voll zu tun haben, stellt sich stereotypes Verhalten ein und bleibt wenig Zeit, unsere Privilegien zu reflektieren und uns gegenseitig Fähigkeiten beizubringen, vor deren Aneignung wir sonst Scheu hätten. Oder ich (ein männlich sozialisierter Gärtner) habe den ganzen Tag auf dem Acker verbracht, komme zurück in meine WG und ärgere mich darüber, dass ich, gerade ich (!), es bin, der um neun Uhr Abends noch anfangen „muss“ (!) zu kochen und zu spülen, weil es niemand anderes gemacht hat. Als ob die anderen Mitbewohner_innen nichts zu tun gehabt hätten. Wir wollen die geschlechtliche Arbeitsteilung (produktiv / „männliche“ vs. reproduktiv / „weibliche“) überwinden? Pustekuchen!
Allgemein sei auch noch angemerkt, dass Landnutzung, um sie fachlich gut und angepasst betreiben zu können, ein mehrjähriges Engagement verlangt, das in Zeiten steigender Flexibilisierung und Unverbindlichkeit nicht so leicht organisierbar ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen könnte. Wir haben uns im Kollektiv auch nur für ein Jahr zusammengetan.
In diesem Sinne abschließend noch ein kleiner Seitenhieb in Richtung Revolutionsromantiker: Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen also nicht automatisch mit dem Wegfall der kapitalistischen Strukturen. Dies ist zwar eine notwendige Voraussetzung. Hinreichend wird es aber erst, wenn wir uns vom Kapitalismus in unserem Kopf befreien. Und dies ist ein langwieriger, kollektiver genauso wie individueller Prozess.
Problemfeld 2
Lustprinzip und Verantwortung
Auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft braucht es Verantwortung und Verbindlichkeit. Wir haben einer Gruppe von 60 Menschen zugesagt, für sie Gemüse zu produzieren. Damit rechnen sie. Zwar kann durch den weiterhin bestehenden Zugang zum kapitalistischen Markt ein Ernteausfall durch den Gang zum Supermarkt oder Container abgefedert werden. Aber die Vermeidung eines solchen Rückgriffs ist ja erklärtes Ziel des Projektes. Zwar ist anzunehmen, dass eine vernetzte, nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion entsprechende Lücken in der Versorgung durch Risikostreuung (verschiedene Anbaustandorte etc.) überbrücken kann. Aber (vielleicht) nicht, wenn alle Beteiligten (v.a. die Produzierenden) unbedingt dem Lustprinzip („Ich mach, wozu ich Lust habe.“) folgen. Das Lustprinzip kann zwar eine Leitlinie sein. Allerdings ist Landnutzung vor allem die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Da kann die Witterung ein Handeln erzwingen, auf das mensch gerade keine Lust hat. Das erzeugt Druck. Druck, der aus gegenseitiger Abhängigkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit und aus einem Arbeiten mit der Natur entsteht. Auch dieser wird in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft nicht gänzlich verschwinden. Wir mussten uns dieses Jahr zum Beispiel durch eine beispiellose Trockenheit kämpfen: Die Pflanzen warten nicht darauf, bis jemand Lust hat, sie zu gießen. Sie vertrocknen einfach. Diesen Druck erzeugen wir allerdings auch durch uns selbst. Lohnenswert bleibt deshalb darüber nachzudenken, welches Handeln wir gerade für unbedingt erforderlich halten und welches nicht. Wie weit wollen wir das Lustprinzip hinten runterfallen lassen? Was passiert mit meiner Lust, wenn alles vertrocknet und es nix mehr zu ernten gibt? Wie weit geht unsere Verantwortung für andere? Ähnlich wie bei der Balance zwischen Kollektiv und Individuum bleibt es auch bei Lustprinzip und Verantwortung ein Lernprozess, die Situationen richtig einzuschätzen und aus Fehlern zu lernen.
Problemfeld 3
Abhängigkeit vom Kapitalismus und die Frage nach dem technischen Niveau
Es ist leider unmöglich, das technische Niveau einer nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Produktion abzusehen. Dafür müsste die Grundlage des technischen Potentials, nämlich die Rohstoffe dieser Erde, als globales Gemeingut eingerichtet werden. Dann könnte darüber verhandelt werden, ob überhaupt, wie und für welche Technik wir sie als Menschheit verwenden wollen. Die Ergebnisse dieses hypothetischen Aushandlungprozesses bleiben zwangsläufig unbekannt. Deshalb wird es zu dem Thema, welches technische Niveau einer nicht-kapitalistische Produktion angemessen ist, unterschiedlichste Einschätzungen geben.
Diese Unklarheit spielt in unserem landwirtschaftlichen Projekt folgendermaßen eine Rolle: Durch den Kauf moderner Technik greifen wir erstens auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Durchsetzungsmechanismen von Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung durch Rohstoffgewinnung und industrielle Produktion zurück. Deshalb können wir den Menschen, für deren Nahrungmittelversorgung wir Verantwortung übernehmen, nicht versprechen, dass es Traktoren und Landmaschinen in der heutigen Form in einer nicht-kapitalistischen Welt weiterhin geben wird. Schlimmer noch könnte es sein, dass das Wissen um weniger technisierte Anbauverfahren in der Zwischenzeit verloren geht und damit die Nahrungsmittelversorgung in Frage gestellt wird.
Ganz konkret entsteht durch den Rückgriff auf die kapitalistischen Durchsetzungsmechanismen besonders dann ein Bedürfniskonflikt, wenn ich mich nach Rationalisierung und effektiver „Arbeitswirtschaft“ statt „Selbstausbeutung“, durch arbeitserleichternde Landmaschinen sehne und sich auf der anderen Seite eine Bäuerin in Bergbaugebieten in Chile wünscht, dass ich dem kapitalistischen Zwangssystem, das ihre Lebensgrundlage zerstört, keinen Vorschub leiste, indem ich darauf basierende Waren kaufe.
Wollen oder können wir die Produktion von Landmaschinen nicht selbst organisieren, können wir dem Dilemma aus dem Weg gehen, indem wir die nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion mit wenig technisierten Verfahren organisieren und bei der Anschaffung neuer Geräte auf die lange Haltbarkeit, einfache Reparierbarkeit, Recycelbarkeit und Durchschaubarkeit der Technik achten, sowie deren ökologische Verträglichkeit in Produktion und Nutzung, sowie den Enfremdungsgrad für die Produzierenden und Nutzer_innen prüfen. Die eventuell entstehende Mehrarbeit in einem wenig technisierten System könnte auch, wenn gewollt, von der Gemeinschaft um das Projektkollektiv erledigt werden, um einem Gefühl der Selbstausbeutung und Monotonie der Hauptproduzierenden vorzubeugen.
Ein weiterer Schritt, um die Abhängigkeit vom Kapitalismus zu mindern, wäre es, die laufenden Kosten zu minimieren, d.h. das Produktions-System unabhängiger von Geld-Inputs zu machen. Größere Investitionen in Infrastruktur sollten dann nur getätigt werden, wenn sie uns langfristig unabhängiger von Geld-Inputs machen: ausgeklügelte Handmaschinen, Ölpressen zur Kraftstoffgewinnung, Infrastruktur / Geräte zur eigenen Saatgut-Gewinnung; oder andere Betriebe in das Netzwerk integrieren, die diese Möglichkeiten haben.
Problemfeld 4
Fehlende Selbstorganisation im Netzwerk und Erweiterung des Konzeptes
Genauso wie wir Gärtner_innen in unserem Tätigsein Aspekte der „arbeits-wahnsinnigen“ Gesellschaft verinnerlicht haben, so haben die „Begärtnerten“ sehr wahrscheinlich eine Konsumhaltung verinnerlicht. Gerade auch der freiwillige, monatliche finanzielle Beitrag kann diese Haltung verstärken. Während sich einige eine weitreichende Selbstorganisation als radikales Experiment gegen den Kapitalismus wünschen, ist anderen die „alternative Gemüsebeschaffungsmaßnahme“ revolutionär genug. Wichtig, um Enttäuschungen durch diese Tendenz vorzubeugen, kann die Formulierung der gemeinsamen Vision sein und darauf folgend die selbstbestimmte, aber verantwortliche Übernahme von anfallenden Aufgaben (in der oder um die Produktion herum) je nach den Fähigkeiten und Wünschen der „Begärtnerten“. In diesem Dialog können dann auch Hindernisse auf dem Weg der Selbstorganisation (Prioritätensetzung, Zeit- und / oder Geldmangel, fehlende Transparenz, Unlust etc.) gemeinsam beschrieben und überwunden werden.
Wenn die Vision auch eine Ausweitung der schenkökonomischen Prinzipien auf andere Lebensbereiche beinhaltet, macht es Sinn, eine Vernetzung mit anderen umsonstökonomischen Projekten anzustreben und zu forcieren. Innerhalb des Projektes wäre es weiterhin auch möglich, die Bedürfnis-Befriedigung der „Produzierenden“ (d.h. uns Gärtner_innen), nicht durch Geld, sondern durch die Fähigkeiten der Gemeinschaft zu decken. So könnte ein Begärtnerter, der gleichzeitig Arzt ist, andere in der Gemeinschaft, vor allem aber die Gärtner_innen, umsonst behandeln. Oder der Schlosser im Netzwerk könnte unsere Maschinen umsonst reparieren. Damit werden scheinbar erst mal unvermeidbare finanzielle Kosten (hier z.B. Geld für Krankenversicherung oder Werkstattkosten) irgendwann wegfallen.
Problemfeld 5
Investitionen in und Zugang zu Produktionsmitteln
Das oben beschriebene Budget beinhaltet weder den Kauf von Hof und Land noch die Investition in teurere Produktionsmittel. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden: Zum Beispiel durch das Abschreiben und Einbeziehen der Investitionen in das Budget oder die Einrichtung eines Fonds für nicht-kapitalistische Projekte, in den geneigte und betuchte Menschen Gelder investieren, die dann entweder eine Sicherheit für Kredite bieten oder direkt für den Kauf von Produktionsmitteln verwendet werden. Beispiele dafür gibt es z.B. in Frankreich.
Diese Produktionsmittel sollten dann für ein langfristig angelegtes nicht-kapitalistisches Experiment unumkehrbar entprivatisiert werden. Dafür braucht es eine Rechtsform, die genau diese nicht-kapitalistischen, ökologischen Nutzungsbestimmungen festschreibt und verankert. Dies würde auch der Forderung Rechnung tragen, dass Land von jenen bewirtschaftet werden sollte, die es am ehesten im Einklang mit den Bedürfnissen der zu versorgenden Gemeinschaft und den ökologischen Gesetzmäßigkeiten nutzen.
Problemfeld 6
Der Zugang zu den zur Zeit begrenzten nicht-kapitalistischen Erzeugnissen
Ähnlich wichtig wäre die Beantwortung der Frage danach, wer Zugang zu den nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen bekommt. Nicht-kapitalistisches Gemüse ist unter jetzigen Verhältnissen ein begrenztes Gut. Die Wartelisten von uns ähnlichen Höfen zeigen auch, dass sich das Problem nicht „einfach“ bzw. kurzfristig mit der „Neugründung weiterer Projekte“ oder der „Vergrößerung“ bestehender Projekte lösen lässt. Dies wäre die ideale Lösung und ihr sollte die meiste Energie zufließen.
Wer hat also Zugang zu den Erzeugnissen? Diejenigen, die als erste da waren? Die mit den besseren persönlichen Connections? Auf jeden Fall nicht (nur) diejenigen, die (am meisten) zahlen? Oder jene, die die brauchbarsten Fähigkeiten einbringen? Wohl eher auch nicht. Schließlich geht es um die Entkoppelung von Geben und Nehmen. Ohne die Frage abschließend beantworten zu können, bleibt klar: Das finanzielle Budget des Projektes muss gedeckt werden. Und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Im Ergebnis wohl ein weiterer Aushandlungsprozess.
Eine weitere Frage des Zugangs stellt sich, wenn wir reflektieren, dass unser Projekt zumeist aus Menschen der weißen Ober- und Mittelklasse besteht. Was ist mit sozial Ausgegrenzten? Wir stellen unser Gemüse zwar auch illegalisierten Migrant_innen in der Umgebung zur Verfügung. Diese sind allerdings nicht organisiert, wurden an den Stadtrand gedrängt, und es bestehen deshalb Barrieren auf Grund fehlender Mobilität (keine Fahrräder, kein Geld für die Öffentlichen), sozialer Isolation und auch unterschiedlicher Sprachen. Die Abholung und Verteilung der Produkte steht und fällt deshalb mit den wenigen Migrant_innen, bei denen diese Barrieren überwindbar sind und zu denen wir deshalb einen Kontakt aufbauen konnten. Hier wäre kontinuierlicher Austausch mit den Menschen vor Ort nötig. Einfacher hingegen könnte die Arbeit mit organisierten Zusammenhängen sein (z.B. Erwerblosen- und Flüchtlingsinitiativen), zu denen wir Kontakt aufzubauen versuchen.
Die Zukunft. Kommende Herausforderungen
Überzeugt von dem Potential dieser Idee erwarten wir, dass sich in Zukunft Fragen nach der Erweiterung auf zwei Ebenen stellen.
Wir könnten regional mehr Gemüse und auch mehr Produkte nach diesem Modell organisieren. Hier sind Imker_innen und Obstbäuer_innen bereits am Grübeln. Allerdings stellt sich die Frage der Organisierung neu, wenn immer mehr Menschen in einer Region Teil des Projektes werden. Wie können wir uns in Großgruppen methodisch organisieren? Ab wann müssen wir uns aufteilen und wollen wir delegieren?
Außerdem könnten wir uns überregional umschauen, wo unser Wein und unsere Avocados herkommen könnten. Wer stellt diese zu Verfügung? Was für Bedürfnisse haben deren Produzent_innen? Können wir dazu irgendetwas beitragen? Wird es dann nicht wieder zum Tausch? Kohl wollen sie in Spanien als Gegenleistung doch eh nicht haben.
Wenn die beschriebene Gegenseitigkeit also weiter ausgedehnt werden soll, wird es umso komplizierter. Es stellen sich ganze neue Fragen der Organisierung, Bedarfserfassung, Logistik, Ausstattung und Finanzierung. Fragen also, die wohl am besten im Tun beantwortet werden können.
Abschließend sei auch noch auf das „Netzwerk Solidarische Landwirtschaft“ (http://www.solidarische-landwirtschaft.org/) hingewiesen, das versucht bestehende, ähnliche Projekte zu vernetzen, Neugründungen zu unterstützen und die Idee in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.
von Jan-Hendrik Cropp
Wir, ein Kollektiv von fünf „Gärtner_innen“, suchten uns eine Gruppe von 60 Personen, die „Begärtnerten“, die von uns durch die Bearbeitung von 5000 qm Ackerfläche im nordhessischen Witzenhausen-Freudenthal mit Gemüse von April bis November versorgt werden wollten. Zusammen formten wir eine verbindliche Gemeinschaft.
Wann und wieviel wir Gärtner_innen in diesem Projekt arbeiten, nein besser, tätig sein wollen, wurde von jedem einzelnen selbstverantwortlich und je nach Bedürfnissen (flexibel) festgelegt und im Kollektiv vereinbart. Der Teil unserer finanziellen Bedürfnisse („Lohn“), der über das Projekt befriedigt werden soll, wurde weitgehend unabhängig von dieser Tätigkeitszeit bestimmt und mit den laufenden Betriebskosten (ohne Investitionen) zu den Gesamtkosten (Budget) einer Jahresproduktion zusammengerechnet.
Die Begärtnerten boten dann anonym einen auf den Zeitraum der Produktion verbindlichen, monatlichen finanziellen Beitrag, der ihren Möglichkeiten entspricht. Von null Euro aufwärts war und ist alles möglich. Diese Zusage und andere Punkte (Entscheidungsfindung, Ausstiegsgründe, Scheiterkriterien, gemeinsame Übernahme von Verantwortung und Risiko, Kommunikation etc.) wurden in einer Vereinbarung schriftlich und verbindlich festgehalten und unterschrieben. Das zuvor beschriebene Budget wurde mit diesen freiwilligen finanziellen Beiträgen gedeckt, woraufhin der genaue Bedarf an Gemüse abgefragt und mit der Produktion des Gemüses begonnen wurde.
Die Ernte wird der Gemeinschaft von Begärtnerten in Depots frei zur Verfügung gestellt. Die Verteilung vor Ort organisiert die Gemeinschaft je nach den individuellen Bedürfnissen. Es gibt keine genormten „Gemüsekisten“, sondern jede_r nimmt, was gebraucht wird. Ein weiteres Mitwirken am Projekt durch Mitarbeit, Erntesicherung / Einmachen und das Einbringen von weiteren Fähigkeiten steht den Mitgliedern frei, ist aber erwünscht und wird gemeinsam organisiert.
Durch dieses Experiment sollen kapitalistische Prinzipien in unserem Verhältnis zueinander überwunden und transformiert werden:
Freiwilliges Beitragen und Schenken statt Tausch, Wert, Ware
- Niemand muss, alle können nach ihren Fähigkeiten (u.a. finanziell) beitragen.
- Bedürfnisse werden erhoben und ihnen entsprechend wird produziert. Daher werden den Leuten keine Waren mehr vor die Füße geschmissen, für die sie dann doch bitte auch ein Bedürfnis haben sollen; sondern Bedürfnisse werden formuliert und die Produktion wird dafür selbst organisiert.
- Die Produkte haben keinen Tausch- bzw. Geldwert. Damit werden Dinge nicht abstrakt gleichgesetzt wie im Kapitalismus: Alles, was einen Euro kostet, ist gleich viel „wert“. Alles, was nix kostet, ist nix „wert“.
- Daher entfällt Geld als primäre Wertschätzung und es kann mit neuen Formen der Wertschätzung experimentiert werden; durch Worte, Gesten und vor allem gegenseitige Verantwortung.
Freies Tätigsein statt abstrakter Arbeit in Konkurrenz
Tätigkeit wird zu Arbeit und Arbeit zur Last, wenn unsere Produkte auf dem Markt einen Wert erzielen müssen oder wir primär für einen Lohn arbeiten.
In unserem Projekt müssen wir beides nicht: Wir liefern keine normierten Waren und unsere finanziellen Bedürfnisse werden von vornherein abgedeckt.
Daher können wir Anbauweise und Arbeitsabläufe frei bestimmen, um unsere und die Bedürfnisse anderer Menschen zu befriedigen.
Kommt es zu Problemen, lösen wir diese nicht wie in der Gesellschaft der Vereinzelten mit dem Ellenbogen und dem „Ausschalten von Konkurrenten“ sondern durch kollektive Lösungsfindung.
*Zur Entstehung dieses Textes: Er wurde von mir selbst als persönliche Reflexion verfasst und spricht deshalb hauptsächlich für mich. Allerdings wurde er auch der gesamten Gemeinschaft vorgelegt und etwaige Kommentare wurden berücksichtigt.
Knapp 11 Monate nach Beginn des Projektes haben sich allerdings einige Problemfelder in unserem Projekt aufgetan. Deren Analyse halte ich für wichtig, wenn Projekte über die Waren- und Tauschgesellschaft hinausweisen wollen:
Problemfeld 1
Der verinnerlichte Kapitalismus im Kollektiv
Das Problemfeld betrifft vor allem uns als Kollektiv von Gärtner_innen. Was Tausch und Geld im Kapitalismus so hervorragend machen, nämlich Menschen und Tätigkeiten zu vergleichen und gleichzusetzen, verschwindet in einem weniger kapitalistischen System nicht sofort. Diese Verhaltensweisen scheinen wir tief verinnerlicht zu haben. Wir, also einmalige Individuen, die im Kollektiv zusammenarbeiten, vergleichen weiterhin, wieviel Zeit wir in das Projekt investieren. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, weil wir „zu wenig“ tun, oder werden grummelig, weil wir „zu viel“ tun. Schnell kommt es zu Situationen, in denen wir uns für unsere Bedürfnisse (die ja so sind wie sie sind) rechtfertigen wollen, oder denken, dass wir es müssen. Oft ist es gar nicht das Kollektiv, das diesen Druck erzeugt, sondern wir, die Individuen selbst. Denn schließlich ist unser Kopf vom allgegenwärtigen Kapitalismus vollkommen durchzogen.
Eine schnelle Abhilfe für das Problem scheinen die üblichen Abstraktionen des Kapitalismus zu bieten. So geschieht es beizeiten auch in unserem Kollektiv: Ein Ruf nach einer Abstraktion der Zeit in greifbare „Arbeitsstunden“ oder „Urlaubszeiten“ wird laut. Und darauf aufbauend: Das Verlangen nach einem abstrakten Gerechtigkeitsbegriff. Statt zu sagen: „Es soll allen gut gehen mit dem, was und wieviel sie tun“, sagen wir schnell: „Alle sollen das gleiche Maß an Arbeit verrichten bzw. die gleiche Anzahl an Urlaubswochen haben“. Nicht nur, dass eine Stunde an einem Tag sich anfühlen kann wie acht Stunden an einem anderen. Nein, wer Arbeitsstunden normieren will, ist auch schnell dabei, die ganze Tätigkeit zu normieren: Was zählt als Arbeitszeit? Welche Tätigkeit ist wichtig, welche nicht? Was, wenn eine Person schneller oder „effizienter“ (was ist das?) arbeitet als die andere? Diese Fragen und Probleme und die Erkenntnis, dass es statt Gleichmacherei darum gehen sollte, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen, führen diese Abstraktions-Versuche schnell ad absurdum.
Ähnlich schwierig zu akzeptieren scheint auch die Gleichgewichtung aller Tätigkeit außerhalb der Projektes zu sein. Es sollte schließlich egal sein, ob einzelne außerhalb des Projektes (freiwillig) an der Uni büffeln oder in der Badewanne mit einem Glas Sekt liegen und sich ein gutes Buch zu Gemüte führen. Diese Akzeptanz erfordert allerdings eine hohe Selbstverantwortung und ein gutes Reflexionsvermögen.
Hinzu kommt: Der Acker ist vor der Tür. Wir wohnen zwar in verschiedenen WGs, aber doch zusammen auf einem Hof, und die räumliche Nähe führt zu einem Gefühl sozialer Kontrolle, das die oben beschriebenen Tendenzen verstärkt. Wir bekommen schließlich alles von den anderen mit. Ob eine räumliche Distanz das Problem löst oder nicht vielmehr beiseite schiebt, bleibt dahingestellt. Eine Lösung wären klare Vereinbarungen (z.B. feste Tage und Zeiten, in denen man im Projekt tätig ist) und trotzdem ein flexibler Umgang damit (z.B. andere spontane Absprachen, wenn die Zeiten mal nicht passen), um den Bedürfnissen der einzelnen im Jetzt den angemessenen Respekt zu zollen. Dann kann kollektiv nach einer Problemlösung gesucht werden, statt individuelle Schuldzuweisungen und Selbstausbeutungs-Forderungen zu formulieren. Angenommen, eine_r von uns ist überlastet, dann kann so z.B. gemeinsam nach Mithilfe gesucht werden, um der_dem Betroffenen entsprechenden Freiraum zu gewähren. Dennoch bleibt diese Frage bestehen und muss kontinuierlich neu beantwortet werden: Wie stehen individuelle Bedürfnisse im Jetzt und Verantwortung für im Kollektiv getroffene Vereinbarungen zueinander? Klar ist beides wichtig. Eine Grenze ist allerdings überschritten, wenn selbstbestimmte Tätigkeit zu abstrakter, entfremdeter Arbeit wird und es Menschen dadurch mittelfristig schlecht geht.
Wenn Tätigkeit wieder zur abstrakten Arbeit wird (ein fließender Übergang?), wird „der Rest der Zeit“ schnell wieder zur „Freizeit“. Letzteres macht Spaß. Das erstere „muss getan werden“. Sollte die aktuelle „Arbeits“situation tatsächlich unerträglich sein, kann die Wiedereinführung dieser Trennung in Arbeit und Freizeit ein Rettungsanker sein. Eine Möglichkeit zu sagen: Bis hierher und nicht weiter. Dazu braucht es aber sehr wahrscheinlich die oben beschriebene Normierung von Zeit und Tätigkeit. Wenigstens für eine_n selbst: „Ich hab so und so viel gearbeitet – deshalb hab ich jetzt frei!“ Eine Überwindung dieser Trennung und ein konkretes Tätigsein statt einer abstrakten, entfremdeten Arbeit sollten aber weiterhin die Losung bleiben.
Auch in unserem Tätigsein können sich andere (z.B. feministische) Ansprüche verlieren. Wenn das Gemüse ruft und wir alle Hände voll zu tun haben, stellt sich stereotypes Verhalten ein und bleibt wenig Zeit, unsere Privilegien zu reflektieren und uns gegenseitig Fähigkeiten beizubringen, vor deren Aneignung wir sonst Scheu hätten. Oder ich (ein männlich sozialisierter Gärtner) habe den ganzen Tag auf dem Acker verbracht, komme zurück in meine WG und ärgere mich darüber, dass ich, gerade ich (!), es bin, der um neun Uhr Abends noch anfangen „muss“ (!) zu kochen und zu spülen, weil es niemand anderes gemacht hat. Als ob die anderen Mitbewohner_innen nichts zu tun gehabt hätten. Wir wollen die geschlechtliche Arbeitsteilung (produktiv / „männliche“ vs. reproduktiv / „weibliche“) überwinden? Pustekuchen!
Allgemein sei auch noch angemerkt, dass Landnutzung, um sie fachlich gut und angepasst betreiben zu können, ein mehrjähriges Engagement verlangt, das in Zeiten steigender Flexibilisierung und Unverbindlichkeit nicht so leicht organisierbar ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen könnte. Wir haben uns im Kollektiv auch nur für ein Jahr zusammengetan.
In diesem Sinne abschließend noch ein kleiner Seitenhieb in Richtung Revolutionsromantiker: Selbstbestimmung und Selbstverantwortung entstehen also nicht automatisch mit dem Wegfall der kapitalistischen Strukturen. Dies ist zwar eine notwendige Voraussetzung. Hinreichend wird es aber erst, wenn wir uns vom Kapitalismus in unserem Kopf befreien. Und dies ist ein langwieriger, kollektiver genauso wie individueller Prozess.
Problemfeld 2
Lustprinzip und Verantwortung
Auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft braucht es Verantwortung und Verbindlichkeit. Wir haben einer Gruppe von 60 Menschen zugesagt, für sie Gemüse zu produzieren. Damit rechnen sie. Zwar kann durch den weiterhin bestehenden Zugang zum kapitalistischen Markt ein Ernteausfall durch den Gang zum Supermarkt oder Container abgefedert werden. Aber die Vermeidung eines solchen Rückgriffs ist ja erklärtes Ziel des Projektes. Zwar ist anzunehmen, dass eine vernetzte, nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion entsprechende Lücken in der Versorgung durch Risikostreuung (verschiedene Anbaustandorte etc.) überbrücken kann. Aber (vielleicht) nicht, wenn alle Beteiligten (v.a. die Produzierenden) unbedingt dem Lustprinzip („Ich mach, wozu ich Lust habe.“) folgen. Das Lustprinzip kann zwar eine Leitlinie sein. Allerdings ist Landnutzung vor allem die Kunst, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Da kann die Witterung ein Handeln erzwingen, auf das mensch gerade keine Lust hat. Das erzeugt Druck. Druck, der aus gegenseitiger Abhängigkeit, Verantwortung und Verbindlichkeit und aus einem Arbeiten mit der Natur entsteht. Auch dieser wird in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft nicht gänzlich verschwinden. Wir mussten uns dieses Jahr zum Beispiel durch eine beispiellose Trockenheit kämpfen: Die Pflanzen warten nicht darauf, bis jemand Lust hat, sie zu gießen. Sie vertrocknen einfach. Diesen Druck erzeugen wir allerdings auch durch uns selbst. Lohnenswert bleibt deshalb darüber nachzudenken, welches Handeln wir gerade für unbedingt erforderlich halten und welches nicht. Wie weit wollen wir das Lustprinzip hinten runterfallen lassen? Was passiert mit meiner Lust, wenn alles vertrocknet und es nix mehr zu ernten gibt? Wie weit geht unsere Verantwortung für andere? Ähnlich wie bei der Balance zwischen Kollektiv und Individuum bleibt es auch bei Lustprinzip und Verantwortung ein Lernprozess, die Situationen richtig einzuschätzen und aus Fehlern zu lernen.
Problemfeld 3
Abhängigkeit vom Kapitalismus und die Frage nach dem technischen Niveau
Es ist leider unmöglich, das technische Niveau einer nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Produktion abzusehen. Dafür müsste die Grundlage des technischen Potentials, nämlich die Rohstoffe dieser Erde, als globales Gemeingut eingerichtet werden. Dann könnte darüber verhandelt werden, ob überhaupt, wie und für welche Technik wir sie als Menschheit verwenden wollen. Die Ergebnisse dieses hypothetischen Aushandlungprozesses bleiben zwangsläufig unbekannt. Deshalb wird es zu dem Thema, welches technische Niveau einer nicht-kapitalistische Produktion angemessen ist, unterschiedlichste Einschätzungen geben.
Diese Unklarheit spielt in unserem landwirtschaftlichen Projekt folgendermaßen eine Rolle: Durch den Kauf moderner Technik greifen wir erstens auf die kapitalistische Gesellschaft und ihre Durchsetzungsmechanismen von Landraub, Vertreibung und Umweltzerstörung durch Rohstoffgewinnung und industrielle Produktion zurück. Deshalb können wir den Menschen, für deren Nahrungmittelversorgung wir Verantwortung übernehmen, nicht versprechen, dass es Traktoren und Landmaschinen in der heutigen Form in einer nicht-kapitalistischen Welt weiterhin geben wird. Schlimmer noch könnte es sein, dass das Wissen um weniger technisierte Anbauverfahren in der Zwischenzeit verloren geht und damit die Nahrungsmittelversorgung in Frage gestellt wird.
Ganz konkret entsteht durch den Rückgriff auf die kapitalistischen Durchsetzungsmechanismen besonders dann ein Bedürfniskonflikt, wenn ich mich nach Rationalisierung und effektiver „Arbeitswirtschaft“ statt „Selbstausbeutung“, durch arbeitserleichternde Landmaschinen sehne und sich auf der anderen Seite eine Bäuerin in Bergbaugebieten in Chile wünscht, dass ich dem kapitalistischen Zwangssystem, das ihre Lebensgrundlage zerstört, keinen Vorschub leiste, indem ich darauf basierende Waren kaufe.
Wollen oder können wir die Produktion von Landmaschinen nicht selbst organisieren, können wir dem Dilemma aus dem Weg gehen, indem wir die nicht-kapitalistische landwirtschaftliche Produktion mit wenig technisierten Verfahren organisieren und bei der Anschaffung neuer Geräte auf die lange Haltbarkeit, einfache Reparierbarkeit, Recycelbarkeit und Durchschaubarkeit der Technik achten, sowie deren ökologische Verträglichkeit in Produktion und Nutzung, sowie den Enfremdungsgrad für die Produzierenden und Nutzer_innen prüfen. Die eventuell entstehende Mehrarbeit in einem wenig technisierten System könnte auch, wenn gewollt, von der Gemeinschaft um das Projektkollektiv erledigt werden, um einem Gefühl der Selbstausbeutung und Monotonie der Hauptproduzierenden vorzubeugen.
Ein weiterer Schritt, um die Abhängigkeit vom Kapitalismus zu mindern, wäre es, die laufenden Kosten zu minimieren, d.h. das Produktions-System unabhängiger von Geld-Inputs zu machen. Größere Investitionen in Infrastruktur sollten dann nur getätigt werden, wenn sie uns langfristig unabhängiger von Geld-Inputs machen: ausgeklügelte Handmaschinen, Ölpressen zur Kraftstoffgewinnung, Infrastruktur / Geräte zur eigenen Saatgut-Gewinnung; oder andere Betriebe in das Netzwerk integrieren, die diese Möglichkeiten haben.
Problemfeld 4
Fehlende Selbstorganisation im Netzwerk und Erweiterung des Konzeptes
Genauso wie wir Gärtner_innen in unserem Tätigsein Aspekte der „arbeits-wahnsinnigen“ Gesellschaft verinnerlicht haben, so haben die „Begärtnerten“ sehr wahrscheinlich eine Konsumhaltung verinnerlicht. Gerade auch der freiwillige, monatliche finanzielle Beitrag kann diese Haltung verstärken. Während sich einige eine weitreichende Selbstorganisation als radikales Experiment gegen den Kapitalismus wünschen, ist anderen die „alternative Gemüsebeschaffungsmaßnahme“ revolutionär genug. Wichtig, um Enttäuschungen durch diese Tendenz vorzubeugen, kann die Formulierung der gemeinsamen Vision sein und darauf folgend die selbstbestimmte, aber verantwortliche Übernahme von anfallenden Aufgaben (in der oder um die Produktion herum) je nach den Fähigkeiten und Wünschen der „Begärtnerten“. In diesem Dialog können dann auch Hindernisse auf dem Weg der Selbstorganisation (Prioritätensetzung, Zeit- und / oder Geldmangel, fehlende Transparenz, Unlust etc.) gemeinsam beschrieben und überwunden werden.
Wenn die Vision auch eine Ausweitung der schenkökonomischen Prinzipien auf andere Lebensbereiche beinhaltet, macht es Sinn, eine Vernetzung mit anderen umsonstökonomischen Projekten anzustreben und zu forcieren. Innerhalb des Projektes wäre es weiterhin auch möglich, die Bedürfnis-Befriedigung der „Produzierenden“ (d.h. uns Gärtner_innen), nicht durch Geld, sondern durch die Fähigkeiten der Gemeinschaft zu decken. So könnte ein Begärtnerter, der gleichzeitig Arzt ist, andere in der Gemeinschaft, vor allem aber die Gärtner_innen, umsonst behandeln. Oder der Schlosser im Netzwerk könnte unsere Maschinen umsonst reparieren. Damit werden scheinbar erst mal unvermeidbare finanzielle Kosten (hier z.B. Geld für Krankenversicherung oder Werkstattkosten) irgendwann wegfallen.
Problemfeld 5
Investitionen in und Zugang zu Produktionsmitteln
Das oben beschriebene Budget beinhaltet weder den Kauf von Hof und Land noch die Investition in teurere Produktionsmittel. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden: Zum Beispiel durch das Abschreiben und Einbeziehen der Investitionen in das Budget oder die Einrichtung eines Fonds für nicht-kapitalistische Projekte, in den geneigte und betuchte Menschen Gelder investieren, die dann entweder eine Sicherheit für Kredite bieten oder direkt für den Kauf von Produktionsmitteln verwendet werden. Beispiele dafür gibt es z.B. in Frankreich.
Diese Produktionsmittel sollten dann für ein langfristig angelegtes nicht-kapitalistisches Experiment unumkehrbar entprivatisiert werden. Dafür braucht es eine Rechtsform, die genau diese nicht-kapitalistischen, ökologischen Nutzungsbestimmungen festschreibt und verankert. Dies würde auch der Forderung Rechnung tragen, dass Land von jenen bewirtschaftet werden sollte, die es am ehesten im Einklang mit den Bedürfnissen der zu versorgenden Gemeinschaft und den ökologischen Gesetzmäßigkeiten nutzen.
Problemfeld 6
Der Zugang zu den zur Zeit begrenzten nicht-kapitalistischen Erzeugnissen
Ähnlich wichtig wäre die Beantwortung der Frage danach, wer Zugang zu den nicht-kapitalistischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen bekommt. Nicht-kapitalistisches Gemüse ist unter jetzigen Verhältnissen ein begrenztes Gut. Die Wartelisten von uns ähnlichen Höfen zeigen auch, dass sich das Problem nicht „einfach“ bzw. kurzfristig mit der „Neugründung weiterer Projekte“ oder der „Vergrößerung“ bestehender Projekte lösen lässt. Dies wäre die ideale Lösung und ihr sollte die meiste Energie zufließen.
Wer hat also Zugang zu den Erzeugnissen? Diejenigen, die als erste da waren? Die mit den besseren persönlichen Connections? Auf jeden Fall nicht (nur) diejenigen, die (am meisten) zahlen? Oder jene, die die brauchbarsten Fähigkeiten einbringen? Wohl eher auch nicht. Schließlich geht es um die Entkoppelung von Geben und Nehmen. Ohne die Frage abschließend beantworten zu können, bleibt klar: Das finanzielle Budget des Projektes muss gedeckt werden. Und alle Beteiligten sollen glücklich sein. Im Ergebnis wohl ein weiterer Aushandlungsprozess.
Eine weitere Frage des Zugangs stellt sich, wenn wir reflektieren, dass unser Projekt zumeist aus Menschen der weißen Ober- und Mittelklasse besteht. Was ist mit sozial Ausgegrenzten? Wir stellen unser Gemüse zwar auch illegalisierten Migrant_innen in der Umgebung zur Verfügung. Diese sind allerdings nicht organisiert, wurden an den Stadtrand gedrängt, und es bestehen deshalb Barrieren auf Grund fehlender Mobilität (keine Fahrräder, kein Geld für die Öffentlichen), sozialer Isolation und auch unterschiedlicher Sprachen. Die Abholung und Verteilung der Produkte steht und fällt deshalb mit den wenigen Migrant_innen, bei denen diese Barrieren überwindbar sind und zu denen wir deshalb einen Kontakt aufbauen konnten. Hier wäre kontinuierlicher Austausch mit den Menschen vor Ort nötig. Einfacher hingegen könnte die Arbeit mit organisierten Zusammenhängen sein (z.B. Erwerblosen- und Flüchtlingsinitiativen), zu denen wir Kontakt aufzubauen versuchen.
Die Zukunft. Kommende Herausforderungen
Überzeugt von dem Potential dieser Idee erwarten wir, dass sich in Zukunft Fragen nach der Erweiterung auf zwei Ebenen stellen.
Wir könnten regional mehr Gemüse und auch mehr Produkte nach diesem Modell organisieren. Hier sind Imker_innen und Obstbäuer_innen bereits am Grübeln. Allerdings stellt sich die Frage der Organisierung neu, wenn immer mehr Menschen in einer Region Teil des Projektes werden. Wie können wir uns in Großgruppen methodisch organisieren? Ab wann müssen wir uns aufteilen und wollen wir delegieren?
Außerdem könnten wir uns überregional umschauen, wo unser Wein und unsere Avocados herkommen könnten. Wer stellt diese zu Verfügung? Was für Bedürfnisse haben deren Produzent_innen? Können wir dazu irgendetwas beitragen? Wird es dann nicht wieder zum Tausch? Kohl wollen sie in Spanien als Gegenleistung doch eh nicht haben.
Wenn die beschriebene Gegenseitigkeit also weiter ausgedehnt werden soll, wird es umso komplizierter. Es stellen sich ganze neue Fragen der Organisierung, Bedarfserfassung, Logistik, Ausstattung und Finanzierung. Fragen also, die wohl am besten im Tun beantwortet werden können.
Abschließend sei auch noch auf das „Netzwerk Solidarische Landwirtschaft“ (http://www.solidarische-landwirtschaft.org/) hingewiesen, das versucht bestehende, ähnliche Projekte zu vernetzen, Neugründungen zu unterstützen und die Idee in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.
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Donnerstag, 23. Februar 2012
Grundkurs »Marktwirtschaft«
reblog: http://keimform.de/2012/grundkurs-marktwirtschaft/
Lothar Galow-Bergemann hat am passenden Ort (im Karl-Marx-Haus in Trier) einen Vortrag gehalten, der den Titel trägt »Warum kann die Politik die Misere der Wirtschaft nicht stoppen?« Zwar geht der Referent auch auf »die Politik« ein, aber das eigentlich nur am Rande. Der größte Teil des Vortrag ist eine sehr verständliche Einführung in die Marktwirtschaft (aka Kapitalismus).
Hier anhören (54:36 Minuten):
oder hier als mp3 downloaden!
Galow-Bergemann stellt anschaulich dar, warum die Krise in die Grundkonstruktion der Marktwirtschaft eingebaut ist. Seine zentrale These, die Keimform-Leser_innen nicht wirklich überraschen dürfte, ist, dass stofflicher Reichtum und abstrakter Reichtum (der als Geld erscheint) auseinander fallen.Was bedeutet das?
An der heute zugespitzten Krise seien nicht »die Zocker« schuld (obwohl’s die auch gibt) oder »Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt« hätten, sondern die sich vergrößernde Differenz zwischen den beiden Reichtumsformen. Es müssten exponentiell wachsende Mengen Güter (stofflicher Reichtum) produziert werden, um den erforderlichen abstrakten Reichtum zu erzielen, damit die Marktwirtschaftsmaschine weiterläuft. Für diese Systemlogik könne man niemanden personal verantwortlich machen. Zugespitzt formuliert er am Schluss: »Die Krise ist da, weil sich alle richtig verhalten haben« — nämlich systemkonform.
Am Schluss greift er eine im Kalten Krieg im Westen populäre Forderung auf: »Die Mauer muss weg!« Allerdings meint er aktuell die Mauer zwischen dem riesigen stofflichen Reichtum, der ein gutes Leben für alle ermöglichen könnte, und der Form, in der dieser Reichtum alleine zugänglich ist: über das Geld. Wie aber die »Mauer weg kommt«, dazu sagt der Referent nichts. [via]
Von Stefan Meretz
Lothar Galow-Bergemann hat am passenden Ort (im Karl-Marx-Haus in Trier) einen Vortrag gehalten, der den Titel trägt »Warum kann die Politik die Misere der Wirtschaft nicht stoppen?« Zwar geht der Referent auch auf »die Politik« ein, aber das eigentlich nur am Rande. Der größte Teil des Vortrag ist eine sehr verständliche Einführung in die Marktwirtschaft (aka Kapitalismus).Hier anhören (54:36 Minuten):
Galow-Bergemann stellt anschaulich dar, warum die Krise in die Grundkonstruktion der Marktwirtschaft eingebaut ist. Seine zentrale These, die Keimform-Leser_innen nicht wirklich überraschen dürfte, ist, dass stofflicher Reichtum und abstrakter Reichtum (der als Geld erscheint) auseinander fallen.Was bedeutet das?
An der heute zugespitzten Krise seien nicht »die Zocker« schuld (obwohl’s die auch gibt) oder »Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt« hätten, sondern die sich vergrößernde Differenz zwischen den beiden Reichtumsformen. Es müssten exponentiell wachsende Mengen Güter (stofflicher Reichtum) produziert werden, um den erforderlichen abstrakten Reichtum zu erzielen, damit die Marktwirtschaftsmaschine weiterläuft. Für diese Systemlogik könne man niemanden personal verantwortlich machen. Zugespitzt formuliert er am Schluss: »Die Krise ist da, weil sich alle richtig verhalten haben« — nämlich systemkonform.
Am Schluss greift er eine im Kalten Krieg im Westen populäre Forderung auf: »Die Mauer muss weg!« Allerdings meint er aktuell die Mauer zwischen dem riesigen stofflichen Reichtum, der ein gutes Leben für alle ermöglichen könnte, und der Form, in der dieser Reichtum alleine zugänglich ist: über das Geld. Wie aber die »Mauer weg kommt«, dazu sagt der Referent nichts. [via]
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Donnerstag, 24. November 2011
Geldlose Gesellschaft 2 - "Beitragen statt tauschen"
(Teil 1: http://meandthesociety.blogspot.com/2011/08/geldlose-gesellschaft.html)
(aus: http://www.gemeingueter.de/?p=2342)
Heute zum Thema "Beitragen statt tauschen" was etwas institutionalisierter unter dem Namen "Peer-Production" bekannt ist.
Hier das Buch "Beitragen statt tauschen" von Christian Siefkes, in dem ein geld- und wert-freies Zusammenarbeiten und -leben skizziert wird: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/meandthesociety/peer-oekonomie.pdf
Auszug aus dem Vorwort:
Hier in Kurzform: http://keimform.de/2010/selbstorganisierte-fuelle-1/
Kommentar von Christian Siefkes dazu (aus einem Interview):
Noch ein anderer Artikel auf keimform.de der das bespricht:
http://keimform.de/2011/spw/
Und hier noch eine weitere Seite zum geldlosen Leben: http://demonetize.it/
Diskussion über Arbeit beim Elevate-Festival:
Ab 1h11min gehts um Peer-Production.
hier noch der Beitrag dazu auf keimform.de: http://keimform.de/2011/elevate-diskussion/
(aus: http://www.gemeingueter.de/?p=2342)
Heute zum Thema "Beitragen statt tauschen" was etwas institutionalisierter unter dem Namen "Peer-Production" bekannt ist.
Peer-Produktion ist die freiwillige Kooperation zwischen Gleichberechtigten (englisch: peers), die zu einem gemeinsamen Ziel beitragen. Bezahlt werden sie dafür nicht.
Hier das Buch "Beitragen statt tauschen" von Christian Siefkes, in dem ein geld- und wert-freies Zusammenarbeiten und -leben skizziert wird: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/meandthesociety/peer-oekonomie.pdf
Auszug aus dem Vorwort:
In den letzten Jahrzehnten ist eine neue Produktionsweise entstanden, die auf Kooperation und Teilen beruht. Diese Produktionsweise hat ausgereifte Betriebssysteme wie GNU/Linux sowie unzählige andere Freie Softwareprogramme hervorgebracht. Auch riesige Wissenssysteme wie die Wikipedia, eine große Bewegung Freier Kultur, und die sogenannte Blogosphäre – ein neues, dezentralisiertes Medium für die Verbreitung und Diskussion von Nachrichten und Wissen – sind auf ihrer Grundlage entstanden.
Bislang wird diese neue Produktionsweise – Peer-Produktion genannt – allerdings nur bei Informationsgütern praktiziert. In diesem Buch wird die Frage diskutiert, ob diese Beschränkung notwendig ist oder ob das Potential der Peer-Produktion weiter reicht. Ist eine Gesellschaft möglich, in der Peer-Produktion die dominierende Produktionsweise ist?
Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, wo die Bedürfnisse, nicht der Profit bestimmen, was und wie produziert wird? Wo es keinen Bedarf gibt, irgendetwas zu verkaufen, und somit auch keine Arbeitslosigkeit? Wo Konkurrenz eher ein Spiel ist als ein Kampf ums Überleben? Wo es keinen Unterschied mehr zwischen Menschen mit und Menschen ohne Kapital gibt? Eine Gesellschaft, die keine Knappheit braucht und in der es dumm wäre, Ideen und Wissen geheim zu halten statt sie zu teilen?
Hier in Kurzform: http://keimform.de/2010/selbstorganisierte-fuelle-1/
Kommentar von Christian Siefkes dazu (aus einem Interview):
Inzwischen glaube ich auch, dass die formelle Ebene des Aufwand-Abrechnens typischerweise ganz verzichtbar sein dürfte. Bei Freier Software und anderen heute verbreiteten Formen von Peer-Produktion funktioniert es ja auch ohne Aufwands-Abrechnung, und ich denke inzwischen, dass Ähnliches auch in der materiellen Welt möglich ist. Darüber schreibe ich in meinem neuen Text über „Selbstorganisierte Fülle“.
Noch ein anderer Artikel auf keimform.de der das bespricht:
http://keimform.de/2011/spw/
Und hier noch eine weitere Seite zum geldlosen Leben: http://demonetize.it/
Diskussion über Arbeit beim Elevate-Festival:
Ab 1h11min gehts um Peer-Production.
hier noch der Beitrag dazu auf keimform.de: http://keimform.de/2011/elevate-diskussion/
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Montag, 22. August 2011
Geldlose Gesellschaft
Duch "Nicht-kommerzielles Leben in Berlin-Brandenburg" draufgekommen: http://ecobasa.org/nkl/
Artikel vom derStandard.at: http://derstandard.at/1313024065100/
Ist die geldlose Gesellschaft letztlich die Befreiung von allen Unzulänglichkeiten des Geldsystems oder bloß eine unerfüllbare Utopie?
Zunächst einmal ist die geldlose Gesellschaft gar keine Utopie. Sie hat seit dem Erscheinen des Homo Sapiens vor ca. 160.000 Jahren die meiste Zeit nachhaltig funktioniert.
Was ist Geld nun tatsächlich?
Es ist zB. ein universelles Mittel für den Austausch von Waren und Dienstleistungen. Geld ist aber vor allem auch das wesentliche Antriebsmittel aller wirtschaftlichen Tätigkeit: Jeder Lohnarbeiter muss es "verdienen" um zu überleben. Er vermietet im Austausch gegen Geld seine Lebenszeit, seinen Körper, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Loyalität.
Andererseits können die Kontrolleure des Geldes bestimmen, welche Waren produziert werden, welche Dienstleistungen erbracht werden, und wer einen Arbeitsplatz und somit Einkommen hat.
Geld ist zum Wertemaßstab für nahezu alles geworden: Zeit, Arbeit, Waren, Unternehmen, Land, sogar Tiere und Pflanzen, und teilweise auch Menschen. Materieller Reichtum ist neben der sexuellen Attraktivität schlichtweg DAS Kriterium nach dem Menschen innerhalb der sozialen Hierarchie eingestuft werden.
Somit ist es heutzutage kaum noch vorstellbar, dass Menschen ohne Geldanreiz zu hohen Leistungen oder überhaupt zu einer nützlichen Tätigkeit zu motivieren wären.
Motivation ohne Geld
Was aber ist es dann, was sämtliche geldfreien Geschöpfe der Natur zu Höchstleistungen antreibt, und es ihnen somit ermöglicht, durch sozialen Zusammenhalt in einer rauen Umgebung zu überleben?
Wie würden also die Mitglieder einer geldlosen Gesellschaft freiwillig einen ausreichenden Beitrag leisten und gleichzeitig nicht zu viele Konsumgüter für sich selbst beanspruchen?
Wenn sämtliche Konsumgüter für jeden beliebig und ohne Gegenleistung verfügbar wären, würde deren überdurchschnittlicher Besitz auch nicht zum sozialen Prestige beitragen.
Würde jemand einen Palast für sich alleine nutzen wollen, würde er dafür nicht bewundert, sondern eher als "gierig" missachtet werden. Finanziell bedürftiges Reinigungspersonal wäre in der geldlosen Gesellschaft für solche Luxusbehausungen nicht zu finden. Somit würde tendenziell jeder nur soviel für sich selbst beanspruchen, als er auch selbst erhalten und bewirtschaften kann.
Motivation zur Arbeit
Die Motivation zur Arbeitsleistung wäre, sich an Projekten zu beteiligen, welche im Einklang mit dem eigenen Weltbild etwas Positives für die Gesellschaft und Umwelt bewirken. Der Lohn hierfür bestünde nicht in Geld, sondern in der Zuneigung und Anerkennung der anderen Mitglieder innerhalb der sozialen Gemeinschaft.
Das läuft in der Natur ebenso: Ein besonders erfolgreicher Jäger wird in der Gruppe hohes Ansehen genießen und vielleicht auch überdurchschnittlich viele paarungswillige Weibchen vorfinden, aber er wird stets die Beute mit dem gesamten Rudel teilen.
In einer freien geldlosen Gesellschaft wäre auch der Steuerungseffekt für wirtschaftliche Tätigkeit ganz anders. Nehmen wir als Beispiel zwei optionale Wirtschaftprojekte:
Das eine Projekt wäre ein Spital in Afrika zu bauen; das andere Waffen für einen afrikanischen Diktator zu produzieren.
Ein profitorientierter Investor würde natürlich die Waffenproduktion finanzieren und nicht das Spital, dessen potenzielle Patienten, anders als der Diktator, kaum über nennenswerte Kaufkraft verfügen. Auch fänden sich problemlos Firmen und Arbeiter, welche die Waffen für Geld produzieren.
In einer geldlosen Gesellschaft hingegen müssten freiwillige Mitarbeiter und Lieferanten vom allgemeinen Nutzen des Projekts begeistert werden; und hier würde vermutlich die Entscheidung zu Gunsten des Spitals ausgehen.
Wer macht freiwillig all die unangenehmen Arbeiten?
In unserem heutigen System finden sich genügend Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation genötigt sind mühsame, monotone, oder auch unangenehme Arbeiten gegen geringe Entlohnung zu verrichten, und zusätzlich das damit verbundene niedrige soziale Prestige zu erdulden.
Eine geldlose Gesellschaft stünde daher vor folgenden Herausforderungen:
Sämtliche Jobs in der Finanzbranche und Buchhaltung wären überflüssig. Ebenso wäre Werbung großteils unnötig. Juristen und Exekutive wären sehr stark entlastet, da die meisten Verbrechen und Rechtsstreitigkeiten mit Geld bzw. Eigentumsdelikten in Zusammenhang stehen. Der Aufwand für Handel könnte erheblich reduziert werden, da in der geldlosen Gesellschaft Geschäfte bloß noch Warenverteilungszentren wären.
Eine Industrie, welche nicht das vorrangige Ziel hat, Umsatz, Marktanteile und Gewinne zu erzielen, könnte es sich leisten, weniger aber dafür langlebigere Produkte zu produzieren.
Wenn wir diese Faktoren allesamt mit einbeziehen, so könnte zumindest 50% allen heutigen Arbeitsaufwandes eingespart werden, ohne dass dies eine Minderung des materiellen Lebensstandards zur Folge hätte.
Verteilung knapper Güter ohne Geld
Dies betrifft vor allem: Land, Energie Ressourcen, Rohstoffe, Pflanzen und Tiere
Dies ist ein Problem, dem sich die geldgetriebene Gesellschaft ebenso stellen muss. Ist es besser und gerechter, dass die Kaufkraft entscheidet, wer wie viel bekommt, anstatt nach Verfügbarkeit und Bedarf zu verteilen?
Ist Geld überhaupt ein geeignetes Steuerungsinstrument, um zu sparsamen und sorgsamen Umgang mit knappen Ressourcen zu motivieren? Unser stets steigender Ressourcenverbrauch trotz deren erwiesener Knappheit widerspricht dem.
Eigentum
Das Eigentumsrecht ist, ebenso wie das Geld, eine Erfindung der neueren menschlichen Zivilisation. Es ist klar, dass jemand a priori das Eigentumsrecht an persönlichen Gegenständen hat, die der/die Betreffende selbst hergestellt hat. Aber welchen Beitrag hat irgendein Mensch an der Schaffung der Schätze der Natur gehabt?
Praktisch jeder Quadratmeter der Erdoberfläche mit all seinen darauf befindlichen Pflanzen und Tieren, jeder entdeckte Rohstoff , befindet sich im Eigentum irgendeines Menschen oder einer Rechtsperson. Aber mit welcher Berechtigung?
Wäre es daher nicht sinnvoller, die Schätze der Natur als Allgemeingut verantwortungsbewusst und nachhaltig zu nutzen, anstatt diese als Eigentum zu sehen? Wenn nur einige WENIGE die Eigentumsanrechte an Ressourcen haben, welche ALLE benötigen, so verschaffen die Verpachtung und der Verkauf dieser Ressourcen den Eigentümern Profit. Die anderen sind hingegen gezwungen, für die Eigentümer zu arbeiten, und sind von deren Wohlwollen abhängig.
Das Eigentum an Ressourcen funktioniert daher ähnlich wie das verzinste Geldvermögen. Sowohl die Ressourcen als auch das Geld werden für den Rest der Menschen knapp gehalten. Eine geldlose Gesellschaft müsste daher auch eine (zwar nicht besitzlose, aber) teilweise eigentumslose Gesellschaft sein.
Fazit
Wenn ich die Vision der Geldlosen Gesellschaft der derzeitigen Geldgetrieben Gesellschaft gegenüber stelle, so würde Erstere das Gute und Edle im Menschen ansprechen; anders als das Geld, welches Gier, Neid, Geiz, Egoismus und Misstrauen unter den Menschen erweckt.
Aber es gäbe auch einige große ungelöste Fragen bei der Umsetzung:
Hier gehts zum Teil 2 "Beitragen statt tauschen": http://meandthesociety.blogspot.com/2011/11/geldlose-gesellschaft-2-beitragen-statt.html
Artikel vom derStandard.at: http://derstandard.at/1313024065100/
Alternative zum Kapitalismus mit Verfallsdatum?
Ist die geldlose Gesellschaft letztlich die Befreiung von allen Unzulänglichkeiten des Geldsystems oder bloß eine unerfüllbare Utopie?
In der Startrek Folge "Die Neutrale Zone" findet die Besatzung der Enterprise einen eingefrorenen Finanzinvestor aus dem beginnenden 21.Jahrhundert. Nachdem er wiederbelebt wurde, besteht dessen größte Sorge darin, dass er seiner Anwaltskanzlei melden muss, dass er immer noch lebt - als Besitzer seines Portfolios. Denn nach seiner Vermutung müsste sich sein veranlagtes Vermögen innerhalb dreier Jahrhunderte wohl gigantisch vervielfacht haben.Ist die geldlose Gesellschaft letztlich die Befreiung von allen Unzulänglichkeiten des Geldsystems oder bloß eine unerfüllbare Utopie?
Zunächst einmal ist die geldlose Gesellschaft gar keine Utopie. Sie hat seit dem Erscheinen des Homo Sapiens vor ca. 160.000 Jahren die meiste Zeit nachhaltig funktioniert.
Was ist Geld nun tatsächlich?
Es ist zB. ein universelles Mittel für den Austausch von Waren und Dienstleistungen. Geld ist aber vor allem auch das wesentliche Antriebsmittel aller wirtschaftlichen Tätigkeit: Jeder Lohnarbeiter muss es "verdienen" um zu überleben. Er vermietet im Austausch gegen Geld seine Lebenszeit, seinen Körper, seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Loyalität.
Andererseits können die Kontrolleure des Geldes bestimmen, welche Waren produziert werden, welche Dienstleistungen erbracht werden, und wer einen Arbeitsplatz und somit Einkommen hat.
Geld ist zum Wertemaßstab für nahezu alles geworden: Zeit, Arbeit, Waren, Unternehmen, Land, sogar Tiere und Pflanzen, und teilweise auch Menschen. Materieller Reichtum ist neben der sexuellen Attraktivität schlichtweg DAS Kriterium nach dem Menschen innerhalb der sozialen Hierarchie eingestuft werden.
Somit ist es heutzutage kaum noch vorstellbar, dass Menschen ohne Geldanreiz zu hohen Leistungen oder überhaupt zu einer nützlichen Tätigkeit zu motivieren wären.
Motivation ohne Geld
Was aber ist es dann, was sämtliche geldfreien Geschöpfe der Natur zu Höchstleistungen antreibt, und es ihnen somit ermöglicht, durch sozialen Zusammenhalt in einer rauen Umgebung zu überleben?
- Der eigene Überlebenswille, Nahrung und Unterkunft für sich selbst zu suchen
- Die emotionelle Bindung zu den anderen Mitgliedern der sozialen Gemeinschaft. Altruismus ist durchaus eine natürliche Veranlagung, die sogar bis zur Aufopferung führen kann. (Pjotr Kropotkin "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt")
- Die Natur hat ihre Geschöpfe mit Trieben und Gefühlen ausgestattet, welche (überlebens)notwendige Verhaltensweisen mit Lustgewinn verbinden
Wie würden also die Mitglieder einer geldlosen Gesellschaft freiwillig einen ausreichenden Beitrag leisten und gleichzeitig nicht zu viele Konsumgüter für sich selbst beanspruchen?
Wenn sämtliche Konsumgüter für jeden beliebig und ohne Gegenleistung verfügbar wären, würde deren überdurchschnittlicher Besitz auch nicht zum sozialen Prestige beitragen.
Würde jemand einen Palast für sich alleine nutzen wollen, würde er dafür nicht bewundert, sondern eher als "gierig" missachtet werden. Finanziell bedürftiges Reinigungspersonal wäre in der geldlosen Gesellschaft für solche Luxusbehausungen nicht zu finden. Somit würde tendenziell jeder nur soviel für sich selbst beanspruchen, als er auch selbst erhalten und bewirtschaften kann.
Motivation zur Arbeit
Die Motivation zur Arbeitsleistung wäre, sich an Projekten zu beteiligen, welche im Einklang mit dem eigenen Weltbild etwas Positives für die Gesellschaft und Umwelt bewirken. Der Lohn hierfür bestünde nicht in Geld, sondern in der Zuneigung und Anerkennung der anderen Mitglieder innerhalb der sozialen Gemeinschaft.
Das läuft in der Natur ebenso: Ein besonders erfolgreicher Jäger wird in der Gruppe hohes Ansehen genießen und vielleicht auch überdurchschnittlich viele paarungswillige Weibchen vorfinden, aber er wird stets die Beute mit dem gesamten Rudel teilen.
In einer freien geldlosen Gesellschaft wäre auch der Steuerungseffekt für wirtschaftliche Tätigkeit ganz anders. Nehmen wir als Beispiel zwei optionale Wirtschaftprojekte:
Das eine Projekt wäre ein Spital in Afrika zu bauen; das andere Waffen für einen afrikanischen Diktator zu produzieren.
Ein profitorientierter Investor würde natürlich die Waffenproduktion finanzieren und nicht das Spital, dessen potenzielle Patienten, anders als der Diktator, kaum über nennenswerte Kaufkraft verfügen. Auch fänden sich problemlos Firmen und Arbeiter, welche die Waffen für Geld produzieren.
In einer geldlosen Gesellschaft hingegen müssten freiwillige Mitarbeiter und Lieferanten vom allgemeinen Nutzen des Projekts begeistert werden; und hier würde vermutlich die Entscheidung zu Gunsten des Spitals ausgehen.
Wer macht freiwillig all die unangenehmen Arbeiten?
In unserem heutigen System finden sich genügend Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation genötigt sind mühsame, monotone, oder auch unangenehme Arbeiten gegen geringe Entlohnung zu verrichten, und zusätzlich das damit verbundene niedrige soziale Prestige zu erdulden.
Eine geldlose Gesellschaft stünde daher vor folgenden Herausforderungen:
- unangenehme Arbeiten durch technischen und organisatorischen Fortschritt weg zu rationalisieren
- Anreize zu schaffen, solche Tätigkeiten doch attraktiver zu machen, oder in irgendeiner Weise besonders zu belohnen. Oder auch die Mitglieder der Gesellschaft zeitweise zur Verrichtung dieser Tätigkeiten zu verpflichten, ähnlich wie derzeit junge Männer verpflichtet werden, 8 Monate Militärdienst oder Zivildienst abzuleisten
Sämtliche Jobs in der Finanzbranche und Buchhaltung wären überflüssig. Ebenso wäre Werbung großteils unnötig. Juristen und Exekutive wären sehr stark entlastet, da die meisten Verbrechen und Rechtsstreitigkeiten mit Geld bzw. Eigentumsdelikten in Zusammenhang stehen. Der Aufwand für Handel könnte erheblich reduziert werden, da in der geldlosen Gesellschaft Geschäfte bloß noch Warenverteilungszentren wären.
Eine Industrie, welche nicht das vorrangige Ziel hat, Umsatz, Marktanteile und Gewinne zu erzielen, könnte es sich leisten, weniger aber dafür langlebigere Produkte zu produzieren.
Wenn wir diese Faktoren allesamt mit einbeziehen, so könnte zumindest 50% allen heutigen Arbeitsaufwandes eingespart werden, ohne dass dies eine Minderung des materiellen Lebensstandards zur Folge hätte.
Verteilung knapper Güter ohne Geld
Dies betrifft vor allem: Land, Energie Ressourcen, Rohstoffe, Pflanzen und Tiere
Dies ist ein Problem, dem sich die geldgetriebene Gesellschaft ebenso stellen muss. Ist es besser und gerechter, dass die Kaufkraft entscheidet, wer wie viel bekommt, anstatt nach Verfügbarkeit und Bedarf zu verteilen?
Ist Geld überhaupt ein geeignetes Steuerungsinstrument, um zu sparsamen und sorgsamen Umgang mit knappen Ressourcen zu motivieren? Unser stets steigender Ressourcenverbrauch trotz deren erwiesener Knappheit widerspricht dem.
Eigentum
Das Eigentumsrecht ist, ebenso wie das Geld, eine Erfindung der neueren menschlichen Zivilisation. Es ist klar, dass jemand a priori das Eigentumsrecht an persönlichen Gegenständen hat, die der/die Betreffende selbst hergestellt hat. Aber welchen Beitrag hat irgendein Mensch an der Schaffung der Schätze der Natur gehabt?
Praktisch jeder Quadratmeter der Erdoberfläche mit all seinen darauf befindlichen Pflanzen und Tieren, jeder entdeckte Rohstoff , befindet sich im Eigentum irgendeines Menschen oder einer Rechtsperson. Aber mit welcher Berechtigung?
Wäre es daher nicht sinnvoller, die Schätze der Natur als Allgemeingut verantwortungsbewusst und nachhaltig zu nutzen, anstatt diese als Eigentum zu sehen? Wenn nur einige WENIGE die Eigentumsanrechte an Ressourcen haben, welche ALLE benötigen, so verschaffen die Verpachtung und der Verkauf dieser Ressourcen den Eigentümern Profit. Die anderen sind hingegen gezwungen, für die Eigentümer zu arbeiten, und sind von deren Wohlwollen abhängig.
Das Eigentum an Ressourcen funktioniert daher ähnlich wie das verzinste Geldvermögen. Sowohl die Ressourcen als auch das Geld werden für den Rest der Menschen knapp gehalten. Eine geldlose Gesellschaft müsste daher auch eine (zwar nicht besitzlose, aber) teilweise eigentumslose Gesellschaft sein.
Fazit
Wenn ich die Vision der Geldlosen Gesellschaft der derzeitigen Geldgetrieben Gesellschaft gegenüber stelle, so würde Erstere das Gute und Edle im Menschen ansprechen; anders als das Geld, welches Gier, Neid, Geiz, Egoismus und Misstrauen unter den Menschen erweckt.
Aber es gäbe auch einige große ungelöste Fragen bei der Umsetzung:
- Wie soll der Übergang bzw. Systemwechsel ablaufen?
- Muss das geldlose System global eingeführt werden, oder kann es innerhalb kleinerer Regionen autark existieren?
- Wie viele Menschen soll und kann eine Solidargemeinschaft umfassen?
- Können wir zB auch mit den Chinesen auf freiwilliger und unentgeltlicher Basis unsere Güter und Dienstleistungen teilen? Oder wird dann Außenhandel betrieben mit einem geldähnlichen Tauschmittel?
- Inwieweit können Menschen, die bereits in der geldgetriebenen Gesellschaft sozialisiert wurden, umlernen, eigenverantwortlich und freiwillig für das Allgemeinwohl tätig zu sein?
- Welche System-bewahrenden Widerstände von Personen und Institutionen wären zu erwarten?
Autor
Thomas Herzig, geboren 1965, arbeitet als Architekt/ Erfinder/ Unternehmer, er ist spezialisiert auf aufblasbare Gebäude, Möbel und Skulpturen.
Web: http://www.pneumocell.com
Thomas Herzig, geboren 1965, arbeitet als Architekt/ Erfinder/ Unternehmer, er ist spezialisiert auf aufblasbare Gebäude, Möbel und Skulpturen.
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Hier gehts zum Teil 2 "Beitragen statt tauschen": http://meandthesociety.blogspot.com/2011/11/geldlose-gesellschaft-2-beitragen-statt.html
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Dienstag, 4. Januar 2011
Wieso gegen das System? und wie?
aus http://keimform.de/2012/das-system-an-seinen-wurzeln-packen/
…um daraus einen nahrhaften Kompost zu bereiten, auf dem alles gut wachsen und gedeihen kann (Foto: Genista, CC-by-sa).
[Repost von Nicht-kommerzielles Leben in Berlin-Brandenburg]
Es gibt ein großes Unbehagen mit dem System, mit dem wir zur Zeit gezwungen sind, unser Überleben zu meistern. Immer wieder raufen sich Menschen zusammen, um andere Wege zu beschreiten. Zur Orientierung werden vielfältige Theorien und Analysen gebaut. Was macht denn dieses System, das unsere alltägliche Versorgung organisieren soll, eigentlich im Kern aus? Die Theorien sind so vielschichtig, dass die Versuchung groß ist, einseitigen und vereinfachten Erklärungen anzuhängen. Analysen und Theorien, die versuchen, die Vielschichtigkeit des menschlichen Gemeinwesens in Worte zu gießen, sind für die meisten bestenfalls abgehoben und schlimmstenfalls komplett unverständlich.
Aus der intensiven Beschäftigung mit der Wertkritik, der Kritik der Kritik, mit “subjektfundierter Hegemonietheorie” und ähnlichem exotisch klingendem, wollen wir in diesem Text einen Versuch wagen, die praktischen Schritte, die sich unserer Meinung nach aus diesen Analysen ergeben, zu skizzieren und dazu anstacheln, daran weiter zu diskutieren und an spannenden Stellen in die Tiefe und Breite zu gehen. Es ist hier nicht der Platz, um jedes Detail deutlich darzustellen. Dieser Text soll nur eine Übersicht geben und wird selbst nicht alle Tiefen berücksichtigen können.Für Einige werden diese Erkenntnisse eine erfreuliche Bestätigung dessen sein, was sie eh schon taten und dachten. Wir wollen den in Theoretiker_Innenkreisen verbreiteten wortgewaltigen Kämpfen einen freundlichen Umgang entgegensetzen. Und nicht zuletzt dazu ermutigen, sich mit Analysen zu befassen, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat.
Wertfrei und Spaß dabei – das gute Leben
Unser Bestreben ist ein schönes Leben. Dazu gehört zum Beispiel ein hübsches Dach über dem Kopf, zum Frühstück einen Kaffee mit Sahne, angenehme Gesellschaft und einiges mehr. Im Kapitalismus wird den meisten Menschen dieser Wunsch nicht erfüllt. Das liegt daran, dass der Kapitalismus leider ein ganz anderes Ziel hat: nämlich aus Geld mehr Geld zu machen. Das klingt banal, aber leider geht es zielsicher an einem Wirtschaftssystem vorbei, das den Sinn haben sollte, alle mit den gewünschten Dingen zu versorgen. Inzwischen hat sich die Erkenntnis weitgehend durchgesetzt, dass wachsende Wertproduktion keineswegs Wohlstand für alle, sondern eine stetig wachsende Masse von “Überflüssigen” (vom Wohlstand Ausgeschlossenen) erzeugt.Der Wert macht Dinge vergleichbar, die sonst wenig mit einander zu tun haben und ermöglicht so, sie (scheinbar gerecht) miteinander zu tauschen. Wenn wir Deine Gurken gegen mein Fahrrad tauschen, sind diese wohl gleich viel wert, denn sonst hätte die benachteiligte Person ja nicht getauscht.
Der Wert einer Sache basiert dabei auf der an ihr verrichteten Arbeit. Allerdings zählt hier nicht die real verausgabte Arbeit, sondern die in der Gesellschaft durchschnittlich aufgewendete Arbeit. Wenn eine Maschine die notwendige Arbeit bei der Produktion eines Gegenstandes reduziert, wird auch der Wert dieses Gegenstandes abnehmen, sobald die maschinelle Produktion sich gesellschaftlich durchsetzt. Deswegen müssen die Produzierenden immer weiter versuchen, die notwendige Arbeitszeit z.B. durch den Einsatz von Maschinen zu reduzieren, wenn sie am Markt bestehen wollen. Obwohl die Herstellung von Gütern immer einfacher wird, werden so immer mehr Menschen von ihrem Nutzen ausgeschlossen, weil sie keine Anstellung mehr finden. Sie werden für die Produktion nicht mehr gebraucht und: „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“. Gleichzeitig wurde die eigenständige, von Lohn unabhängige Versorgung durch gewaltsames Durchsetzen der industriellen Produktion brutal ausgetrieben und die Mittel dazu weggenommen.
Dieser Glaube vom “gleichwertigen Tausch unter Gleichen” ist eh als Märchen entlarvt, wenn soziale Unterschiede betrachtet werden. Ich bin im Tauschverhältnis immer unterlegen, wenn der Mensch mit dem ich tauschen will/muss, mein Chef ist, weißer, männlicher, brutaler, klüger, älter etc. ist. Das gilt für alle Ebenen von Tauschverhältnissen. Egal, ob ich meine Arbeitskraft gegen Geld tausche oder mein Huhn gegen einen Sack Kartoffeln.
Dass das nur eine scheinbare Gerechtigkeit von messbaren “Werten” ist, liegt daran, dass diese Wertberechnung von vorne bis hinten unpassend ist. Es ist ganz schön wenig, was letztlich im “Preis” einer Ware abgebildet ist. Es geht weder darum, wer unter welchen Bedingungen wo produziert, noch darum, welche Konsequenzen die Produktion für Menschen und Umwelt hat. Nach diesem System ist zur Berechnung des Werts schlicht nicht relevant, was Bedingungen und Konsequenzen zur Herstellung eines Produktes sind, es geht allein um einen höchst abstrakten Durchschnitt an Zeit. Doch im Leben geht es um weit mehr als nur die Zeit. Es geht beim Wert noch nicht einmal um die tatsächliche Zeit, das jene konkrete Ware benötigt, sondern um einen Durchschnitt, der nach dem globalen technischen Stand der Produktion stetig in die Tiefe strebt (mehr Waren in weniger Zeit herstellen). Schneller, Höher, Tiefer, weiter. Das zeigt sich zudem in der ständigen Beschleunigung im Leben industrialisiert lebender Menschen, denn diese Art und Weise der Lohnarbeit hinterlässt über Generationen tiefe Spuren.
Diese Verkürzung macht es möglich, dass letztlich alles irrelevant ist, was nicht dem Zweck der Warenproduktion und damit dem Herstellen von Profit dient. Damit erübrigen sich Überlegungen in Richtung von “es kann alles bleiben wie es ist, man muss das Geld nur anders nutzen”. Man kann das Leben nicht einfach ausblenden und dann erwarten, dass sich Mensch und Umwelt beliebig den daraus entstehenden Bedingungen anpassen.
Damit das mit der Produktion glatt läuft, halten Regierungen (Aufstandsbekämpfung, Zuckerbrot, Gefängnisse) und jede Menge “gemeinnütziger” Einrichtungen sowie – überwiegend ebenfalls kommerzialisierte – “Freizeit” den Ball flach. Das Leben der meisten Menschen ist durch technologische Rationalität, Fremdbestimmung, Vereinzelung und Konkurrenzdruck leidvoll gezeichnet. Es ist angesichts der Allgegenwart und der gleichgültigen Kälte des Systems erstaunlich, dass die Menschen trotzdem so viele soziale Bindungen mit echter Wärme und Unterstützung ohne jede Verrechnung schaffen.
Stellen wir uns eine Welt ohne Wert und Geld vor. Wenn Geld sonst zwischen den Menschen vermittelt hatte, müssen andere soziale Strukturen geschaffen werden, die den Menschen helfen, miteinander zu planen, was sie brauchen und wie sie es herstellen wollen. Es braucht Kommunikationsstrukturen. Lasst uns miteinander über andere Produktions- und Verteilungswege reden, die uns und unsere Lebensbedingungen nicht ignorieren!
Auch wenn es nicht so scheint (schließlich wird es von Generation zu Generation schwieriger, es sich anders vorzustellen, da es ja “schon immer so war”), so gibt es doch Alternativen zu dieser “Wertlogik” in der Produktion. Es muss dabei beachtet werden, dass den sozialen und ökologischen Prozessen ausreichend Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, um lebenswichtige Güter herzustellen.
Es geht dabei um Kooperation statt Konkurrenz, Muße, Bedürfnisse, Qualität statt Quantität.
Dabei wäre der Tausch (Geld oder ähnlichem Berechenbaren) der falsche Weg. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind fatal, auch wenn die einfache Berechenbarkeit zunächst praktisch erscheint. Die dadurch suggerierte “Freiheit” richtet sich an dem Punkt gegen sich selbst, wo der Einzelne losgelöst (von nicht kommerziellen sozialen Beziehungen) zum Sklaven des Marktes wird und im harten Kampf ums knappe Geld unterliegt (und seine Miete nicht mehr zahlen kann).
Geldsysteme versuchen, soziale Beziehungen durch Automatismen zu ersetzen, und zwar so, dass mensch “unabhängig” von Anderen erscheint. Letztlich wird die Abhängigkeit von Familie/Clan/Wahlverwandtschaft durch eine Abhängigkeit vom Markt abgelöst. Dementsprechend wird es nötig, sich den “Spielregeln” – dem Verwertungszwang – zu unterwerfen. Um das als Freiheit “zu verkaufen”, gehört schon ganz schön viel Dreistigkeit dazu.
Es muss also ein Weg gefunden werden, aus einengenden Familien/Clanbeziehungen auszubrechen ohne sich der zerstörerischen Kraft des Marktes auszusetzen. Wenn wir das “schöne Leben” durch zwischenmenschliche Beziehungen und Verbindlichkeiten jenseits des Zwangsmittels Geld aufbauen wollen, ohne in Unterdrückung zurückzufallen, müssen wir über Privilegien nachdenken. Die Vorteile, die einige wegen Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Sexualität, soziale Schicht etc. gegenüber anderen haben, spielen eine wichtige Rolle. Diese Rollen müssen hinterfragt werden und Strategien entwickelt werden, wie wir die Unterschiede zur fruchtbaren Kooperation nutzen, statt sie als Abweichung von der Norm zu denken und uns deshalb gegenseitig zu unterdrücken. Eine Welt, in der viele Welten Platz haben schließt jene Welten aus, die nur ihre Welt als die “einzig wahre” gelten lassen wollen.
Das Denken in festen Feindbildern wird durch eine Analyse der Wertlogik erschwert. Klar sitzen Regierungen, Chefs und Banker an größeren Schalthebeln als Andere, jedoch sind sie letztlich genauso an die Marktlogiken gebunden. Und so sitzen wir alle in den selben Zahnrädern eines selbst gebauten Getriebes fest. Das System ist schuld. Lasst uns der Sand im Getriebe sein und langsam rausbröckeln.
Endlich aufhören zu kaufen und zu verkaufen
Wenn ich aufhöre, mich selbst und andere in messbare tauschbare Werte zu pressen und stattdessen überlege, wer den dieser Mensch tatsächlich ist, was konkret der_die Andere braucht und was ich brauche, um ein gutes Leben zu führen, komme ich definitiv zu anderen Ergebnissen als “24,65”.
Eine Versorgung jenseits von Wert und Geld ist sozial, voller interessanter Auseinandersetzungen (endlich Zeit dazu!), kreativ im Problemlösen und setzt auf kollektive Intelligenz. Es geht um konkrete Bedingungen und Auswirkungen konkreter Tätigkeiten. Um beobachten, zuhören und wahrnehmen. Menschen finden zusammen, um zu schauen, ob sie einen Bedarf decken können, bestimmen dafür den nötigen Aufwand und wenn es genug Beteiligung gibt, wird soviel produziert, wie gewünscht und danach aufgehört (der Muße gefrönt). Freiwillige Kooperation heißt hierbei, die Möglichkeit zu haben, aus den jeweiligen Zusammenschlüssen ohne existentielle Nachteile ein- und aussteigen zu können. Auch Maschinen, Infrastrukturen und Werkzeuge müssen daher “offen” sein, das heißt zugänglich für alle, die es brauchen.
Mit dem einen Bein im Kapitalismus stecken
Das derzeitige System ist totalitär. Das heißt, es ist nur unter existenzgefährdenden Nachteilen möglich, auszusteigen (bzw. es gibt nur “Einzellösungen”). Daher ist es nötig, ein strategisches Verhältnis zu Markt und seinen Regierungen einzunehmen. Wie lassen sich Vereinnahmungen verhindern? Es ist fast die Regel, dass soziale Projekte kommerzialisieren, dass Gruppen korrumpieren sobald sie Macht bekommen (siehe “die Grünen”), weil sie dann die Schalthebel der Wertlogik entsprechend bedienen müssen, so dass für andere Ansätze kein Raum mehr bleibt.
Es gibt nicht das Richtige im Falschen, daher muss diese Gratwanderung stattfinden. Das “kleinere Übel” muss akzeptiert werden, sofern damit “Keimformen” einer anderen Produktionsweise und Zusammenleben der Boden bereitet werden kann. Zum Beispiel, indem ein Schenkladen Fördermittel bekommt, Spenden wirbt oder ein kommerzielles Cafee betreibt, um die Miete zahlen zu können. Damit die Wertlogik das jeweilige Projekt nicht zerstört, muss es bis zu einem gewissen Grad kooperieren und etwas “verwerten” oder Verwertung unterstützen. Dies ist als ein bewusster Prozess zu gestalten. Der Weg ist das Mittel zum Ziel, wenn wir morgen eine nicht wertförmige Produktion haben wollen, darf sie das heute auch nicht sein, sondern in möglichst allen Punkten der Utopie nahe kommen. Die kommerziellen Vorhaben müssen daher scharf von den nicht-kommerziellen Experimentierräumen getrennt sein, da kommerzielles Wirtschaften den Marktlogiken folgt und in den nicht-kommerziellen Räumen gerade danach gesucht wird, wie wir ohne sie auskommen. Diese Forschung am nicht-kommerziellen Produzieren und Verhandeln ist schwierig, da wir alle kapitalistisch aufgewachsen sind, jede/r hat andere Grenzen, wie weit er/sie diese “Gewohnheiten” im Denken und Fühlen ersetzen kann. Dies nicht zur neuen druckigen Norm zu erheben und dennoch anzustreben, wird zu einer weiteren Herausforderung.
Die Umgestaltung zur nach-kapitalistischen Gesellschaft wird nicht plötzlich vom Himmel fallen, sondern ein Prozess sein, zu dem leider nicht viel Zeit bleibt (Verelendung, Ressourcen-und Umweltzerstörung). Glaubt niemanden, der_die behauptet, einen fertigen Plan aus der Schublade zaubern zu können.
Direkte Kommunikation, Konfliktkultur und das Gemeinwesen als neue Wurzeln
Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Und wenn diese trotz aller tollen Vereinbarungen mit Anderen zusammenstoßen, sprühen die Funken! Sich neu zu organisieren, um zu produzieren und zu leben, wird auch heißen, Konflikte austragen zu müssen und dafür Methoden zu finden. Kreativität, kollektive Intelligenz, Erfahrungen und Stärke können sich darauf richten, eine passende Konfliktkultur zu schaffen ohne damit Verhältnisse zu zementieren oder sich gegenseitig totzuschlagen. Das Reflektieren gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufgrund unterschiedlicher Privilegien wurde im Text bereits betont. Es muss zusammen mit der Abschaffung der Wertlogik erfolgen um zu vermeiden, dass Menschen auf unpassende Rollen festgelegt werden und die Dynamik sozialer Beziehungen in neuen Hierarchien erstickt wird. Es geht darum, das “Gemeinsame” zu entdecken und zu pflegen. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen wollen, hindern uns Hierarchien nur daran, ernsthaft produktiv zu sein, da interessante Gedanken so gar nicht erst hervorgebracht oder ignoriert werden.
Arbeit ist scheiße(n)
Vielleicht macht es auch Sinn “Arbeit” als Begriff abzuschaffen. Weil er die Verkürzung auf Wert in sich trägt. Was sagt es einem, wenn jemand meint, er/sie würde arbeiten gehen? Gar nix. Wenn es sich nicht gerade um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, würde ich vermuten, dass jemand seine Arbeitskraft verkauft. Sonst ist dem nix zu entnehmen. Es ist möglicherweise Ausdruck unserer wertlogischen Wahnvorstellung, alles in abstrakte Containerbegriffe zu packen und unsere Arbeitskraft (Lebenszeit) beliebig ersetzbar erscheinen zu lassen, statt das Kind beim Namen zu nennen. “Ich gehe Ziegen betreuen” oder “ich gehe Löcher stanzen” eröffnet gleich viel mehr Perspektiven, auch zum Hinterfragen der Tätigkeit.
Ein weiterer Punkt ist die Wissensweitergabe. Viel von dem Wissen, wie wir uns umwelt- und menschenfreundlich versorgen können, muss erst noch erforscht werden. Oder zum Teil wieder ausgegraben werden aus den Mottenkisten unserer Vorfahren. Jedenfalls kommt der Wissensteilung eine große Rolle zu, die alle spielen können. Jede/r weiß etwas und kann anderen etwas zeigen. Wenn das verwertungsorientierte Wissen aus Schulen und Unis nicht mehr sinnvoll ist, müssen eigene Maßstäbe und Bildungssysteme geschaffen werden. Bildungsnetzwerke wären ein ressourcensparender Ansatz.
Das System an seinen Wurzeln packen…
Von Sabine Steldinger
[Repost von Nicht-kommerzielles Leben in Berlin-Brandenburg]
Es gibt ein großes Unbehagen mit dem System, mit dem wir zur Zeit gezwungen sind, unser Überleben zu meistern. Immer wieder raufen sich Menschen zusammen, um andere Wege zu beschreiten. Zur Orientierung werden vielfältige Theorien und Analysen gebaut. Was macht denn dieses System, das unsere alltägliche Versorgung organisieren soll, eigentlich im Kern aus? Die Theorien sind so vielschichtig, dass die Versuchung groß ist, einseitigen und vereinfachten Erklärungen anzuhängen. Analysen und Theorien, die versuchen, die Vielschichtigkeit des menschlichen Gemeinwesens in Worte zu gießen, sind für die meisten bestenfalls abgehoben und schlimmstenfalls komplett unverständlich.
Aus der intensiven Beschäftigung mit der Wertkritik, der Kritik der Kritik, mit “subjektfundierter Hegemonietheorie” und ähnlichem exotisch klingendem, wollen wir in diesem Text einen Versuch wagen, die praktischen Schritte, die sich unserer Meinung nach aus diesen Analysen ergeben, zu skizzieren und dazu anstacheln, daran weiter zu diskutieren und an spannenden Stellen in die Tiefe und Breite zu gehen. Es ist hier nicht der Platz, um jedes Detail deutlich darzustellen. Dieser Text soll nur eine Übersicht geben und wird selbst nicht alle Tiefen berücksichtigen können.Für Einige werden diese Erkenntnisse eine erfreuliche Bestätigung dessen sein, was sie eh schon taten und dachten. Wir wollen den in Theoretiker_Innenkreisen verbreiteten wortgewaltigen Kämpfen einen freundlichen Umgang entgegensetzen. Und nicht zuletzt dazu ermutigen, sich mit Analysen zu befassen, die kaum ein Mensch zuvor gesehen hat.
Wertfrei und Spaß dabei – das gute Leben
Unser Bestreben ist ein schönes Leben. Dazu gehört zum Beispiel ein hübsches Dach über dem Kopf, zum Frühstück einen Kaffee mit Sahne, angenehme Gesellschaft und einiges mehr. Im Kapitalismus wird den meisten Menschen dieser Wunsch nicht erfüllt. Das liegt daran, dass der Kapitalismus leider ein ganz anderes Ziel hat: nämlich aus Geld mehr Geld zu machen. Das klingt banal, aber leider geht es zielsicher an einem Wirtschaftssystem vorbei, das den Sinn haben sollte, alle mit den gewünschten Dingen zu versorgen. Inzwischen hat sich die Erkenntnis weitgehend durchgesetzt, dass wachsende Wertproduktion keineswegs Wohlstand für alle, sondern eine stetig wachsende Masse von “Überflüssigen” (vom Wohlstand Ausgeschlossenen) erzeugt.Der Wert macht Dinge vergleichbar, die sonst wenig mit einander zu tun haben und ermöglicht so, sie (scheinbar gerecht) miteinander zu tauschen. Wenn wir Deine Gurken gegen mein Fahrrad tauschen, sind diese wohl gleich viel wert, denn sonst hätte die benachteiligte Person ja nicht getauscht.
Der Wert einer Sache basiert dabei auf der an ihr verrichteten Arbeit. Allerdings zählt hier nicht die real verausgabte Arbeit, sondern die in der Gesellschaft durchschnittlich aufgewendete Arbeit. Wenn eine Maschine die notwendige Arbeit bei der Produktion eines Gegenstandes reduziert, wird auch der Wert dieses Gegenstandes abnehmen, sobald die maschinelle Produktion sich gesellschaftlich durchsetzt. Deswegen müssen die Produzierenden immer weiter versuchen, die notwendige Arbeitszeit z.B. durch den Einsatz von Maschinen zu reduzieren, wenn sie am Markt bestehen wollen. Obwohl die Herstellung von Gütern immer einfacher wird, werden so immer mehr Menschen von ihrem Nutzen ausgeschlossen, weil sie keine Anstellung mehr finden. Sie werden für die Produktion nicht mehr gebraucht und: „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“. Gleichzeitig wurde die eigenständige, von Lohn unabhängige Versorgung durch gewaltsames Durchsetzen der industriellen Produktion brutal ausgetrieben und die Mittel dazu weggenommen.
Dieser Glaube vom “gleichwertigen Tausch unter Gleichen” ist eh als Märchen entlarvt, wenn soziale Unterschiede betrachtet werden. Ich bin im Tauschverhältnis immer unterlegen, wenn der Mensch mit dem ich tauschen will/muss, mein Chef ist, weißer, männlicher, brutaler, klüger, älter etc. ist. Das gilt für alle Ebenen von Tauschverhältnissen. Egal, ob ich meine Arbeitskraft gegen Geld tausche oder mein Huhn gegen einen Sack Kartoffeln.
Dass das nur eine scheinbare Gerechtigkeit von messbaren “Werten” ist, liegt daran, dass diese Wertberechnung von vorne bis hinten unpassend ist. Es ist ganz schön wenig, was letztlich im “Preis” einer Ware abgebildet ist. Es geht weder darum, wer unter welchen Bedingungen wo produziert, noch darum, welche Konsequenzen die Produktion für Menschen und Umwelt hat. Nach diesem System ist zur Berechnung des Werts schlicht nicht relevant, was Bedingungen und Konsequenzen zur Herstellung eines Produktes sind, es geht allein um einen höchst abstrakten Durchschnitt an Zeit. Doch im Leben geht es um weit mehr als nur die Zeit. Es geht beim Wert noch nicht einmal um die tatsächliche Zeit, das jene konkrete Ware benötigt, sondern um einen Durchschnitt, der nach dem globalen technischen Stand der Produktion stetig in die Tiefe strebt (mehr Waren in weniger Zeit herstellen). Schneller, Höher, Tiefer, weiter. Das zeigt sich zudem in der ständigen Beschleunigung im Leben industrialisiert lebender Menschen, denn diese Art und Weise der Lohnarbeit hinterlässt über Generationen tiefe Spuren.
Diese Verkürzung macht es möglich, dass letztlich alles irrelevant ist, was nicht dem Zweck der Warenproduktion und damit dem Herstellen von Profit dient. Damit erübrigen sich Überlegungen in Richtung von “es kann alles bleiben wie es ist, man muss das Geld nur anders nutzen”. Man kann das Leben nicht einfach ausblenden und dann erwarten, dass sich Mensch und Umwelt beliebig den daraus entstehenden Bedingungen anpassen.
Damit das mit der Produktion glatt läuft, halten Regierungen (Aufstandsbekämpfung, Zuckerbrot, Gefängnisse) und jede Menge “gemeinnütziger” Einrichtungen sowie – überwiegend ebenfalls kommerzialisierte – “Freizeit” den Ball flach. Das Leben der meisten Menschen ist durch technologische Rationalität, Fremdbestimmung, Vereinzelung und Konkurrenzdruck leidvoll gezeichnet. Es ist angesichts der Allgegenwart und der gleichgültigen Kälte des Systems erstaunlich, dass die Menschen trotzdem so viele soziale Bindungen mit echter Wärme und Unterstützung ohne jede Verrechnung schaffen.
Stellen wir uns eine Welt ohne Wert und Geld vor. Wenn Geld sonst zwischen den Menschen vermittelt hatte, müssen andere soziale Strukturen geschaffen werden, die den Menschen helfen, miteinander zu planen, was sie brauchen und wie sie es herstellen wollen. Es braucht Kommunikationsstrukturen. Lasst uns miteinander über andere Produktions- und Verteilungswege reden, die uns und unsere Lebensbedingungen nicht ignorieren!
Auch wenn es nicht so scheint (schließlich wird es von Generation zu Generation schwieriger, es sich anders vorzustellen, da es ja “schon immer so war”), so gibt es doch Alternativen zu dieser “Wertlogik” in der Produktion. Es muss dabei beachtet werden, dass den sozialen und ökologischen Prozessen ausreichend Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, um lebenswichtige Güter herzustellen.
Es geht dabei um Kooperation statt Konkurrenz, Muße, Bedürfnisse, Qualität statt Quantität.
Dabei wäre der Tausch (Geld oder ähnlichem Berechenbaren) der falsche Weg. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind fatal, auch wenn die einfache Berechenbarkeit zunächst praktisch erscheint. Die dadurch suggerierte “Freiheit” richtet sich an dem Punkt gegen sich selbst, wo der Einzelne losgelöst (von nicht kommerziellen sozialen Beziehungen) zum Sklaven des Marktes wird und im harten Kampf ums knappe Geld unterliegt (und seine Miete nicht mehr zahlen kann).
Geldsysteme versuchen, soziale Beziehungen durch Automatismen zu ersetzen, und zwar so, dass mensch “unabhängig” von Anderen erscheint. Letztlich wird die Abhängigkeit von Familie/Clan/Wahlverwandtschaft durch eine Abhängigkeit vom Markt abgelöst. Dementsprechend wird es nötig, sich den “Spielregeln” – dem Verwertungszwang – zu unterwerfen. Um das als Freiheit “zu verkaufen”, gehört schon ganz schön viel Dreistigkeit dazu.
Es muss also ein Weg gefunden werden, aus einengenden Familien/Clanbeziehungen auszubrechen ohne sich der zerstörerischen Kraft des Marktes auszusetzen. Wenn wir das “schöne Leben” durch zwischenmenschliche Beziehungen und Verbindlichkeiten jenseits des Zwangsmittels Geld aufbauen wollen, ohne in Unterdrückung zurückzufallen, müssen wir über Privilegien nachdenken. Die Vorteile, die einige wegen Geschlecht, Hautfarbe, Alter, Sexualität, soziale Schicht etc. gegenüber anderen haben, spielen eine wichtige Rolle. Diese Rollen müssen hinterfragt werden und Strategien entwickelt werden, wie wir die Unterschiede zur fruchtbaren Kooperation nutzen, statt sie als Abweichung von der Norm zu denken und uns deshalb gegenseitig zu unterdrücken. Eine Welt, in der viele Welten Platz haben schließt jene Welten aus, die nur ihre Welt als die “einzig wahre” gelten lassen wollen.
Das Denken in festen Feindbildern wird durch eine Analyse der Wertlogik erschwert. Klar sitzen Regierungen, Chefs und Banker an größeren Schalthebeln als Andere, jedoch sind sie letztlich genauso an die Marktlogiken gebunden. Und so sitzen wir alle in den selben Zahnrädern eines selbst gebauten Getriebes fest. Das System ist schuld. Lasst uns der Sand im Getriebe sein und langsam rausbröckeln.
Endlich aufhören zu kaufen und zu verkaufen
Wenn ich aufhöre, mich selbst und andere in messbare tauschbare Werte zu pressen und stattdessen überlege, wer den dieser Mensch tatsächlich ist, was konkret der_die Andere braucht und was ich brauche, um ein gutes Leben zu führen, komme ich definitiv zu anderen Ergebnissen als “24,65”.
Eine Versorgung jenseits von Wert und Geld ist sozial, voller interessanter Auseinandersetzungen (endlich Zeit dazu!), kreativ im Problemlösen und setzt auf kollektive Intelligenz. Es geht um konkrete Bedingungen und Auswirkungen konkreter Tätigkeiten. Um beobachten, zuhören und wahrnehmen. Menschen finden zusammen, um zu schauen, ob sie einen Bedarf decken können, bestimmen dafür den nötigen Aufwand und wenn es genug Beteiligung gibt, wird soviel produziert, wie gewünscht und danach aufgehört (der Muße gefrönt). Freiwillige Kooperation heißt hierbei, die Möglichkeit zu haben, aus den jeweiligen Zusammenschlüssen ohne existentielle Nachteile ein- und aussteigen zu können. Auch Maschinen, Infrastrukturen und Werkzeuge müssen daher “offen” sein, das heißt zugänglich für alle, die es brauchen.
Mit dem einen Bein im Kapitalismus stecken
Das derzeitige System ist totalitär. Das heißt, es ist nur unter existenzgefährdenden Nachteilen möglich, auszusteigen (bzw. es gibt nur “Einzellösungen”). Daher ist es nötig, ein strategisches Verhältnis zu Markt und seinen Regierungen einzunehmen. Wie lassen sich Vereinnahmungen verhindern? Es ist fast die Regel, dass soziale Projekte kommerzialisieren, dass Gruppen korrumpieren sobald sie Macht bekommen (siehe “die Grünen”), weil sie dann die Schalthebel der Wertlogik entsprechend bedienen müssen, so dass für andere Ansätze kein Raum mehr bleibt.
Es gibt nicht das Richtige im Falschen, daher muss diese Gratwanderung stattfinden. Das “kleinere Übel” muss akzeptiert werden, sofern damit “Keimformen” einer anderen Produktionsweise und Zusammenleben der Boden bereitet werden kann. Zum Beispiel, indem ein Schenkladen Fördermittel bekommt, Spenden wirbt oder ein kommerzielles Cafee betreibt, um die Miete zahlen zu können. Damit die Wertlogik das jeweilige Projekt nicht zerstört, muss es bis zu einem gewissen Grad kooperieren und etwas “verwerten” oder Verwertung unterstützen. Dies ist als ein bewusster Prozess zu gestalten. Der Weg ist das Mittel zum Ziel, wenn wir morgen eine nicht wertförmige Produktion haben wollen, darf sie das heute auch nicht sein, sondern in möglichst allen Punkten der Utopie nahe kommen. Die kommerziellen Vorhaben müssen daher scharf von den nicht-kommerziellen Experimentierräumen getrennt sein, da kommerzielles Wirtschaften den Marktlogiken folgt und in den nicht-kommerziellen Räumen gerade danach gesucht wird, wie wir ohne sie auskommen. Diese Forschung am nicht-kommerziellen Produzieren und Verhandeln ist schwierig, da wir alle kapitalistisch aufgewachsen sind, jede/r hat andere Grenzen, wie weit er/sie diese “Gewohnheiten” im Denken und Fühlen ersetzen kann. Dies nicht zur neuen druckigen Norm zu erheben und dennoch anzustreben, wird zu einer weiteren Herausforderung.
Die Umgestaltung zur nach-kapitalistischen Gesellschaft wird nicht plötzlich vom Himmel fallen, sondern ein Prozess sein, zu dem leider nicht viel Zeit bleibt (Verelendung, Ressourcen-und Umweltzerstörung). Glaubt niemanden, der_die behauptet, einen fertigen Plan aus der Schublade zaubern zu können.
Direkte Kommunikation, Konfliktkultur und das Gemeinwesen als neue Wurzeln
Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Und wenn diese trotz aller tollen Vereinbarungen mit Anderen zusammenstoßen, sprühen die Funken! Sich neu zu organisieren, um zu produzieren und zu leben, wird auch heißen, Konflikte austragen zu müssen und dafür Methoden zu finden. Kreativität, kollektive Intelligenz, Erfahrungen und Stärke können sich darauf richten, eine passende Konfliktkultur zu schaffen ohne damit Verhältnisse zu zementieren oder sich gegenseitig totzuschlagen. Das Reflektieren gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufgrund unterschiedlicher Privilegien wurde im Text bereits betont. Es muss zusammen mit der Abschaffung der Wertlogik erfolgen um zu vermeiden, dass Menschen auf unpassende Rollen festgelegt werden und die Dynamik sozialer Beziehungen in neuen Hierarchien erstickt wird. Es geht darum, das “Gemeinsame” zu entdecken und zu pflegen. Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen wollen, hindern uns Hierarchien nur daran, ernsthaft produktiv zu sein, da interessante Gedanken so gar nicht erst hervorgebracht oder ignoriert werden.
Arbeit ist scheiße(n)
Vielleicht macht es auch Sinn “Arbeit” als Begriff abzuschaffen. Weil er die Verkürzung auf Wert in sich trägt. Was sagt es einem, wenn jemand meint, er/sie würde arbeiten gehen? Gar nix. Wenn es sich nicht gerade um ein nicht-kommerzielles Projekt handelt, würde ich vermuten, dass jemand seine Arbeitskraft verkauft. Sonst ist dem nix zu entnehmen. Es ist möglicherweise Ausdruck unserer wertlogischen Wahnvorstellung, alles in abstrakte Containerbegriffe zu packen und unsere Arbeitskraft (Lebenszeit) beliebig ersetzbar erscheinen zu lassen, statt das Kind beim Namen zu nennen. “Ich gehe Ziegen betreuen” oder “ich gehe Löcher stanzen” eröffnet gleich viel mehr Perspektiven, auch zum Hinterfragen der Tätigkeit.
Ein weiterer Punkt ist die Wissensweitergabe. Viel von dem Wissen, wie wir uns umwelt- und menschenfreundlich versorgen können, muss erst noch erforscht werden. Oder zum Teil wieder ausgegraben werden aus den Mottenkisten unserer Vorfahren. Jedenfalls kommt der Wissensteilung eine große Rolle zu, die alle spielen können. Jede/r weiß etwas und kann anderen etwas zeigen. Wenn das verwertungsorientierte Wissen aus Schulen und Unis nicht mehr sinnvoll ist, müssen eigene Maßstäbe und Bildungssysteme geschaffen werden. Bildungsnetzwerke wären ein ressourcensparender Ansatz.
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