Constantin Seibt am Dienstag den 13. November 2012 im
Tages-Anzeier Blog: Deadline, Journalismus im 21. Jahrhundert
http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1769/presse-demokratie-und-meinung-eine-rede-vor-den-aktionaren-und-freunden-der-basler-zeitung/
Letzen Freitag veranstaltete die Besitzerin der BaZ, die
Medienvielfalt Holding AG, einen geschlossenen Anlass zum Thema «Die
Rolle der Medien in der Demokratie». Referenten waren Markus Spillmann,
Chefredaktor der NZZ, Ruedi Matter, Direktor von Radio und Fernsehen,
Roger Köppel, Verleger der «Weltwoche», und ich. Hier meine Rede.
Sehr geehrte Frau Präsidentin Masoni,
Sehr geehrter Herr Tettamanti,
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke Ihnen für Ihre Einladung. Es ist ein Privileg, hier kurz
über Journalismus und Demokratie nachzudenken, denn Journalismus ist ein
Handwerk und Demokratie eine grosse Sache, und normalerweise sitzt man
in seinem Büro mit halb geleerten Eisteeflaschen und halb fertigen
Texten und denkt nicht an Demokratie.
Im Grund braucht es das auch nicht. Denn bei den spektakuläreren
Momenten des Schreibens – den Momenten der Erkenntnis, des Zorns, des
Witzes – ist man ganz bei sich und das ist gut so. Denn am stärksten ist
Journalismus, wenn er so einfach wie möglich ist: Wenn er die Stimme
eines einzelnen Menschen ist, der sagt, was er gesehen oder gedacht hat.
Der wichtigste Moment, wo ich im Alltag an die Wirkung, also das
Publikum, also im weitesten Sinne an die Demokratie denke, passiert in
den stillsten, unspektakulärsten Teilen des Textes. Dort, wo ich
unauffällig Erklärungen nachschiebe, etwa, was zum Teufel ein Derivat
ist oder wie sich eine Transaktion genau abspielt hat.
Ich feile oft am längsten an diesen stillen Passagen, denn sie müssen
klar und genau sein, trotz aller Knappheit. Sie müssen Volkshochschule
sein, ohne dass sie nach Volkshochschule klingen.
Denn das ist meine wichtigste Aufgabe als Journalist, mein Service an
die Öffentlichkeit: präzis die Grundlagen zu liefern, von denen aus
diskutiert werden kann. Mein Job ist, eine komplexe Welt verständlich zu
machen, ohne ihre Komplexität zu verraten. Der Rest, nicht zuletzt
meine Meinung, ist sekundär: Es ist der Anstrich des Hauses, nicht sein
Fundament.
Die Anti-Mainstream-Strategie
Deshalb zweifle ich auch an der Art Journalismus, den Sie als Verein
fördern. Sowohl handwerklich, als auch, ob dieser die Demokratie stützt.
Ihre Medienvielfalt Holding AG hat bisher in ähnlicher Besetzung zwei
Blätter neu lanciert: die «Weltwoche» und die «Basler Zeitung». Beide
mit Herrn Tettamanti als Hauptaktionär, Herrn Matter als Banker, Herrn
Wagner als Anwalt, Herrn Leutenegger als Verlagschef. Und mit Herrn
Blocher als Hauptgesprächspartner des Chefredaktors.
Ihre Zeitungen sollen, wie Ihr Verein im Namen schon sagt, die
Medien- und die Meinungsvielfalt fördern. Dazu, wie man in Interviews
liest, wollen Sie Transparenz schaffen und Denkblockaden abbauen. Doch
mit welchen Mitteln tun sie das?
Nun, wenn man die «Weltwoche» ansieht, so ist deren technischer
Haupttrick, das Gegenteil vom sogenannten Mainstream zu schreiben. Das
erscheint zunächst als gute Idee: Das Gegenteil der allgemeinen Gedanken
ist oft ein inspirierender Gedanke. Die Frage ist nur, ob es auf lange
Sicht eine kluge Strategie ist.
Ich glaube das nicht, aus folgenden Gründen:
- Zunächst ist schon die Annahme seltsam, dass der Mainstream immer falsch liegt. Noch seltsamer ist die Annahme, dass er immer genau falsch liegt: um 180 Grad, so wie eine Kompassnadel, die stets nach Süden zeigt.
- Am Anfang kann man mit Anti-Mainstream die Leute verblüffen, ärgern,
vielleicht sogar zum Denken, ja zum Ändern der eigenen Meinung bringen.
Aber ziemlich bald ist diese Strategie nichts als negativer
Opportunismus: Man sagt stets das Gegenteil des vermuteten Konsenses.
Und ist dadurch im Kopf vom Mainstream genau so abhängig wie sonst nur
der modischste Mensch. Und genau so blind: Denn es geht einem nicht um
die Tatsachen, nur um die Meinungen über die Tatsachen in der
Öffentlichkeit.
- Die Themenwahl eines solchen Blattes wird extrem berechenbar: Die
eskalierende Finanzkrise – existiert nicht; Fukushima – war keine
Katastrophe; Berlusconi und Putin – sind ehrenwerte Männer; das
Weltklima – kühlt sich ab; Frauen – sind das regierende Geschlecht;
Radioaktivität – ist gesund.
- Die Folge: Sie werden unglaubwürdig. Zwar wären viele Thesen – etwa
dass Radioaktivität gesund, Bundesrätin Widmer-Schlumpf eine
Landesverräterin oder der Klimawandel eine Massenverblendung von
tausenden Experten ist – interessant. Aber dadurch, dass gar nichts
anderes in dem Blatt stehen kann – also kein positives Wort über
Widmer-Schlumpf, nicht, dass Fukushima doch eine Katastrophe war – ist
ihr Dynamit nass geworden: Man hat nun bei jeder These in der
«Weltwoche» das Gefühl, man müsse sie erst persönlich nachrecherchieren.
Und dazu fehlt einem die Zeit. Ich habe ein Kind, einen Job, einen Blog
und eine Liebe. Da bleibt kein Platz für die «Weltwoche».
- Das auch, weil das Blatt durch seine Berechenbarkeit längst kaum mehr aufregt. Es langweilt. Es langweilt immer mehr.
Um die «Weltwoche» überhaupt lesen zu können, muss man ihr also
glauben. Durch ihre Strategie des konstanten Anti-Mainstreams ist die
ganze Zeitung en bloc zur Glaubenfrage geworden: Man glaubt ihr alles
oder nichts. Kein Zufall, beschreiben sie einige Anhänger als: ihre
Bibel. Doch mit diesem Sprung von Informationsmedium zur Glaubenssache
verkörpert sie nicht nur das Gegenteil von Kritik. Sondern ist auch das
Gegenteil von Service für die Demokratie.
Der Bau von Paralleluniversen
Denn die Aufgabe der Presse ist es ja, mal recht, mal schlecht, einen
Mainstream herzustellen: eine holprige, vage, aber dennoch brauchbare
Einigung über Fakten und Einschätzungen, auf Grund deren man debattieren
kann.
Wenn aber nun mit Mainstream und Anti-Mainstream zwei
Paralleluniversen mit je eigenen Fakten und Logiken bestehen, ist das
ein Schaden für die Demokratie. Dann gibt es keine Gemeinsamkeiten,
keine Grundlagen mehr, sondern nur noch Meinungen. Und Anhänger davon.
Also zwei Lager, die nicht verschiedene Ansichten, sondern verschiedene
Wirklichkeiten haben.
Es ist kein Wunder, dass die «Weltwoche» dieses Lagerdenken intern wie in ihren Artikeln immer stärker betont: Es gibt nur noch
wir und
ihr.
Kein Wunder, schleichen sich paranoide Züge in ihre Weltsicht ein:
Etwa, wenn sie ernsthaft behauptet, die seit mehr als 150 Jahren solid
bürgerliche Schweiz werde in Wahrheit von getarnten Sozialisten regiert.
Und typisch wie für jedes Lagerdenken ist ihre zunehmende
Polizeimentalität: Politiker, Publizisten, Professoren erscheinen auf
wie Fahndungsplakate gestalteten Titelblättern als Irrlehrer oder
Landesverräter. Diese Art Grafik ist kein Scherz. Es ist ein Zeichen der
Verachtung für alle, die die Meinung des Blatts nicht teilen.
So kommt es auch, dass – wegen ihrer Berechenbarkeit, aber auch ihrer
Isolation – zwar die Kraft der «Weltwoche», Themen durchzusetzen,
zunehmend erodiert. Nichts, was sie schreibt, überrascht mehr. Aber Ihr
Drohpotential ist gewachsen: Schon wegen des engen Bündnisses mit dem
reichsten Politiker des Landes wird die «Weltwoche» gefürchtet. Das
nicht zuletzt in der Partei von Christoph Blocher selbst.
Investieren in den Realitätsverlust
Der Aufbau einer Parallelwelt ist aber auch gefährlich für Sie, meine
Damen und Herren. Für alle, die an die «Weltwoche» glauben. Das grosse
Vorbild für alle Medien, die vor allem politischen Einfluss suchen, ist
Fox News. Fox hat den Durchbruch geschafft: Die republikanische Partei
der USA hat mit der Speerspitze Fox ein eigenes, geschlossenes
Mediensystem aus Radioshows, Magazinen und Blogs errichtet. Und damit
ihre eigene Wahrheit, ihre eigenen Fakten, ihr eigenes Universum. Und
hat sich dadurch zunehmend radikalisiert. So radikalisiert, dass nicht
nur die Politik des ganzen Landes durch zwei Wirklichkeiten gelähmt ist.
Sondern auch die republikanische Partei sich selbst sabotiert: Bei der
jüngsten Wahl sorgten etwa vier ultrakonservative, steinreiche
Milliardäre im Bündnis mit ultrakonservativen Fox-Moderatoren dafür,
dass in den parteiinternen Vorwahlen die untauglichen Konkurrenten von
Herrn Romney fast bis zum Schluss im Rennen blieben. Und ihn weit in
ihre
Parallelwelt nach Rechts trieben. Obwohl Präsidentschaftswahlen in der Mitte gewonnen werden.
Am Ende glaubte der unglückliche Kandidat Romney selbst an die Fox-Welt:
Wie man jetzt liest,
glaubte er tatsächlich, dass sämtliche Zahlen von neutralen
Umfrageinstituten falsch seien. Also dass in Wahrheit er weit vorne
liege, weil alle ausser den parteieigenen Spezialisten und den
Fox-Experten sich irrten. Darauf baute Romney dann eine vollkommen
falsche Kampagnentaktik. Die Niederlage traf den Kandidaten, sein Team,
seine Geldgeber, die ganze Partei dann völlig unerwartet. Das
Paralleluniversum zerschellte an der Wirklichkeit.
Sie, meine Damen und Herren, riskieren also als Investoren in eine
mediale Gegenwelt mehr als nur viel Geld: den Realitätsverlust.
Denn die Denkverbote sind heute längst auf Ihrer Seite. Etwa wenn Roger Köppel sagt:
Die Wirtschaft wird durch den Wettbewerb kontrolliert.
Als Journalist kann ich mir nicht anmassen, Unternehmen oder das
Management zu kritisieren. Kritische Unternehmensberichterstattung ist
nicht Sache des Journalismus.
Wenn ein Profi-Beobachter die halbe Welt aus der Kritik, ja überhaupt
aus dem Blick ausschliesst, und dies einfach aus Prinzip, dann sollten
Sie gewarnt sein: Das ist die Haltung eines bereits blinden Ideologen.
Die zwei grössten Probleme der BaZ
Damit zu Ihrem aktuellen Projekt, der «Basler Zeitung». Es ist
unschwer zu erkennen, dass Sie damit versuchen, das Projekt «Weltwoche»
zu kopieren, «die ja schon das Richtige tut», wie Ihr Hauptaktionär Tito
Tettamanti sagt.
Und tatsächlich läuft alles wieder gleich ab: Sie haben Köppels
langjährige Nummer zwei als Chefredaktor eingesetzt, wie in der ersten
Zeit nach der Machtübernahme Köppels gibt es Verwirrung und Protest
überall, der neue Chef beschwört – wie einst Köppel – den «Pluralismus»:
und zwar mit demselben Konzept von Pluralismus als Polemik von beiden
Seiten. In der Praxis heisst das: Einige linke Alt-Politiker schreiben
Feigenblatt-Kolumnen, während wie damals bei der «Weltwoche» mehrere
Säuberungswellen durch die Zeitung jagen. Die alten Redaktoren gehen,
linientreues Personal kommt.
Die Frage bleibt, wie Sie hier Ihre grossen Ziele Medienvielfalt,
Transparenz, Pluralismus verwirklichen wollen. Sie haben dabei
mindestens zwei Probleme:
- Ihr Chefredaktor, Markus Somm, ist ein Mann, der sein halbes Leben
lang sämtliche Leute als zu wenig links kritisierte. Heute kritisiert er
sie als zu wenig rechts. Dieser Mann ist im Kern kein Journalist. Er
ist nicht einmal ein politischer Mensch. Denn sein Standpunkt ist immer –
links wie rechts – jenseits des politisch Möglichen. Sie haben als Boss
einen Prediger gewählt.
- Sie, meine Damen und Herren, stehen selbst im Verdacht, Marionetten
zu sein. Nehmen wir die berühmte Vorgeschichte Ihrer Übernahme der
«Basler Zeitung»: Ein Parteiführer und Milliardär lässt im Geheimen
seine Tochter eine Zeitung kaufen und schiebt gegenüber der
Öffentlichkeit einen Flugunternehmer als Besitzer vor und gegenüber den
Banken den ehemaligen Chef einer Grossbank. Und all das, um seinen
Biographen als Chefredaktor einzusetzen. Das ist eine Geschichte, die
klingt wie aus Russland. So etwas tun Oligarchen.
Zwar behaupten Sie, Herr Blocher habe in Ihrem Unternehmen nichts
mehr zu sagen. Er würde nur noch das Defizit decken. Was ich dann nicht
verstehe, ist: Warum haben Sie den gesamten Jasstisch eines seiner
beiden Strohmänner, des Ex-UBS-Chefs Marcel Ospel, in den Verwaltungsrat
gesetzt, wenn Ihnen Ihre Reputation als Unabhängige lieb ist?
Kein Wunder, haben Sie mit ihrer Zeitung furchtbare Probleme: Die
Auflage hat einen Viertel verloren, Herr Blocher hat bereits 20
Millionen eingeschossen und fungiert – wie erst letzte Woche in der «NZZ
am Sonntag» – als Unternehmenssprecher, der die Strategie – eine
«nackte Zeitung ohne Druckerei» – bekannt gibt. Und der politische
Erfolg hält sich auch in Grenzen: Nach einer monatelangen
Kriminalitätskampagne in der “Basler Zeitung” wurde kein einziger der
Politiker, die in der BaZ darauf einstiegen, in die Regierung gewählt;
und im Parlament gewann die SVP nur zwei kümmerliche Sitze dazu.
Diese Rechnung ist sogar für einen Milliardär teuer: 10 Millionen Franken pro gewonnenen Sitz in einem Regionalparlament.
Drei Ratschläge
Zum Schluss: Was sollten Sie tun?
- Nun, wenn Ihnen – trotz allen Argumenten – eine rechtskonservative Parallelwelt
am Herzen liegt, dann deklarieren Sie die «Basler Zeitung» offen als
Parteiblatt. Die Schweiz hat eine lange Tradition von Parteiblättern.
Zwar waren diese meist gemässigter als die «Basler Zeitung», weil sie
sich an der Basis der Partei orientierten. Und nicht am Chef. Aber es
gibt enorm Kraft, nicht mehr dauernd Verstecken spielen zu müssen.
- Wenn Ihnen hingegen die Pressevielfalt am Herzen liegt,
dann schaffen Sie mit Ihrem Geld, statt es in Basel zu verbrennen, eine
Stiftung, die bestehenden kritischen Journalismus unterstützt.
Meinetwegen auch nur konservativen. Denn die von Ihnen zu Recht
kritisierte Uniformität in einigen Teilen der Presse geht nicht auf
Denkverbote oder Ideologie zurück, sondern meist auf die
Arbeitsbedingungen: auf Zeit-, also auf Geldmangel.
- Wenn Ihnen aber politische Ziele wie Deregulierung, Stärkung der Banken und Konzerne, sowie Einfluss von finanzkräftigen Individuen
am Herz liegen, so tun sie am allerbesten: gar nichts. Denn Erfahrung
zeigt: Je schlechter die Leute informiert sind, desto mächtiger sind die
bereits Mächtigen. (Ein Beispiel hier.)
Und bei der wirtschaftlich bedingten Schrumpfung der Presse regelt Ihr
Anliegen diesmal tatsächlich am besten der, der angeblich alles regelt:
der Markt.
Ich danke Ihnen für Ihre Einladung. Eine kritische Stimme einzuladen,
beweist Toleranz, zumindest Neugier. Deshalb bedaure ich sehr, Ihnen
sagen zu müssen, dass ich für Ihr Projekt, so wie es sich derzeit
darstellt, keine Chance auf Erfolg sehe: nicht publizistisch, nicht
finanziell, nicht politisch. Und dass ich auch zweifle, dass ein Erfolg
Ihres Projekts – sowohl für die Presse wie für die Demokratie –
überhaupt wünschbar wäre.
Korrektur: Die SVP Basel gewann nach der ersten
Auszählung der Briefstimmen 2 Sitze im Basler Grossrat. Doch das änderte
sich. Nachdem zusätzlich auch die Urnen ausgezählt waren, war es nur
einer. Das lässt die Kosten des gewonnenen Sitzes auf 20 Millionen
Franken hochschnellen. So viel wie die Kosten des landesweiten
SVP-Wahlkampfs in den Wahlen 2011. (Mit Dank an Renato Beck)