Dienstag, 4. September 2012
Das Geheimnis des Bienensterbens
2006 machte die Nachricht aus den USA Schlagzeilen, Milliarden von Bienen seien verendet. Viele Bienenzüchter fanden leere Bienenstöcke vor. Die US-Regierung beauftragte eine Gruppe von Wissenschaftlern mit der Untersuchung dieses mysteriösen Sterbens, das sogleich einen eigenen Namen bekam: Colony Collapse Disorder (CCD; auf Deutsch: "Völkerkollaps"). Über die Ursachen gibt es bisher nur Vermutungen - Genmutation, neue Pestizide, Mobilfunkstrahlungen, ein Virus -, aber keine endgültige Erkenntnis. Seit vier Jahren investieren Regierungen und verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen beachtliche Mittel in die Erforschung und mögliche Beseitigung der Ursache dieser programmierten Katastrophe. Hat die Wissenschaft eine Antwort gefunden? Kann sie die Bienen überhaupt retten?
Um diese Fragen zu beantworten, verfolgte der Dokumentarfilm "Das Geheimnis des Bienensterbens" die Arbeit verschiedener Wissenschaftlerteams, die mit unterschiedlichen Hypothesen die Ursachen der weltweiten Bedrohung der Honig- und Wildbienen zu verstehen versuchen. Der Film geht auch der Frage nach, wie es zu den radikalen Veränderungen im Verhältnis von Mensch und Biene kam, das sich lange Zeit im Gleichgewicht befand. Lange bevor das Colony Collapse Disorder in die Schlagzeilen geriet, hatten Wissenschaftler und Bienenzüchter den Schwund der Bienen und anderer Bestäuber festgestellt.
Bisher gibt es keine genauen Diagnosen der Wissenschaftler. Aber selbst wenn die Forschung die Ursachen dingfest macht, ist damit noch kein Heilmittel gefunden. Die Wissenschaft bleibt machtlos, solange landwirtschaftliche Produktionsmethoden nicht hinterfragt und verändert werden. Aber ist die Menschheit bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen?
(Frankreich, Kanada, 2010, 89mn) ARTE F
Alternativer Link: https://www.youtube.com/watch?v=jL1e5v83EDI
Samstag, 4. August 2012
Bodenschätze: Wie Glencore Afrika ausnimmt
repost: http://beobachter.ch.msn.com/natur/bodensch%c3%a4tze-wie-glencore-%e2%80%a8afrika-ausnimmt
von: Martin Vetterli, Beobachter, Zuletzt aktualisiert: 30.07.2012
von: Martin Vetterli, Beobachter, Zuletzt aktualisiert: 30.07.2012
Bodenschätze: Wie Glencore Afrika ausnimmt
Entwicklungsländer exportieren immer mehr
Bodenschätze.
Doch reich werden damit nur die weltweit tätigen
Rohstoffkonzerne.
Zum Beispiel der Schweizer Riese Glencore im Kongo.
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Das Operationsfeld sind Staaten, die so schwach und korrupt sind, dass sie keine Gegenwehr leisten. Dort lassen Männer wie Glencore-Chef Ivan Glasenberg Erze in rauen Mengen abbauen. Die Milliardengewinne versteuern sie aber andernorts, wo die Steuersätze gegen null tendieren. Auf der Strecke bleiben Länder wie die Demokratische Republik Kongo, eines der ärmsten Länder der Welt. Auf dem Wohlstandsbarometer der Uno steht es auf Rang 187 von 187, auf dem Korruptionsindex auf Platz 168 von 182.
Für Entwicklungspolitiker ist der Kongo ein Alptraum. Nach drei Bürgerkriegen ist die Infrastruktur zerstört, der Staat ein Wrack. Vier von fünf Kongolesen leben von weniger als 20 Rappen am Tag. Vier von fünf haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Vier von fünf sind unterernährt. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 70 Prozent. Jedes achte Kind stirbt vor dem ersten Geburtstag, eines von vier besucht die Schule. Das Land zählt 10'000 Festnetzanschlüsse – und 71 Millionen Einwohner.
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Auch die Gewinne werden exportiert: Kupfermine im Kongo
Glencore weiss, wie man Steuern umgeht
Dabei ist der Kongo mit Bodenschätzen gesegnet: Gold, Diamanten und das für die Computerindustrie wichtige Erz Coltan. In der Südprovinz Katanga liegen 80 Prozent der Kobalt- und 10 Prozent der weltweiten Kupferreserven. Vor 30 Jahren stammten 70 Prozent der Steuereinnahmen der Provinz aus dem Bergbau, 2006 waren es noch 7 Prozent. In Katanga baut auch der Zuger Branchengigant Glencore Kupfer ab. Sein Konzerngewinn liegt aktuell bei 4,1 Milliarden Dollar. Die Steuerquote ist ein Witz. 2010 fiel sie unter zehn Prozent – dank einer Unternehmensstrategie, die konsequent auf Steuervermeidung zielt.
Wie Glencore vorgeht, haben die christlichen Hilfswerke Fastenopfer und Brot für alle im Kongo recherchiert. Das erstaunliche Ergebnis: Die dortigen Glencore-Firmen schreiben rote Zahlen. Den Gewinn streichen die Glencore-Filialen ein, die Büros in Steuerparadiesen haben.
Die Hilfswerke werfen dem Rohstoffmulti vor, den Kongo in den letzten zwei Jahren um bis zu 196 Millionen Dollar geprellt zu haben. Gelder, die das Land für den Wiederaufbau dringend nötig hätte. Glencore verwendet es lieber anders. Etwa, um die Manager des Bergbaukonzerns Xstrata mit einem 370-Millionen-Franken-Almosen für eine Fusion gefügig zu machen. Das Vorhaben wurde Ende Juni vertagt; der Staatsfonds von Qatar, zweitgrösster Xstrata-Aktionär, will mehr Geld sehen.
Auch die kongolesische Glencore-Filiale Kamoto Copper Company (KCC) schreibt Verlust – zumindest offiziell. Laut einem Firmeninsider deklarierte sie 2011 gegenüber dem kongolesischen Staat 225 Millionen Dollar Verlust – eine Zahl, die sie nie öffentlich machte. Gemäss dem konsolidierten Bericht der Mutterfirma verdiente KCC aber 110 Millionen.
Die Gewinne flossen durch das Glencore-Firmensystem ab. Das funktioniert, weil KCC zu drei Vierteln fünf Glencore-Töchtern gehört, die eins gemeinsam haben: einen Firmensitz in einer Steueroase. Diese fünf sind im Besitz der in Toronto kotierten Katanga Mining. Die wiederum ist zu 75 Prozent in Glencore-Hand (siehe nachfolgende Grafik).
Meinrad SchadeWillis D.
Vaughn
Die Minenfirma Kamoto Copper Company weist gegenüber dem kongolesischen Staat Verluste aus – und muss deshalb nur ein Promille des Umsatzes versteuern. Die Gewinne streichen Glencore-Filialen in Steueroasen und der Mutterkonzern in der Schweiz ein.
Zehn Konzerne, 6000 Tochterfirmen
Die Glencore-Filialen hängen eng zusammen. So arbeitet die Zuger Katanga Mining Services für KCC. Dafür kassierte sie einen beträchtlichen Teil der 202,8 Millionen Dollar (2010: 111,5 Millionen), die das Minenunternehmen für «andere Serviceleistungen» ausweist. Ob diese zu marktüblichen Preisen verrechnet werden, lässt sich kaum überprüfen. Das gilt auch für die letztes Jahr bezahlten 208,3 Millionen Dollar Zinsen (2010: 190,2 Millionen), die KCC verschiedenen Glencore-Töchtern zahlte.
Im Kongo, wo die Unternehmenssteuern 30 Prozent betragen, fallen nur Verluste an. Versteuern muss KCC gemäss Minengesetz so nur ein Promille des Umsatzes. Zudem kann sie ihre Milliardeninvestitionen beschleunigt abschreiben und Verluste über fünf Jahre von späteren Gewinnen abziehen: 2008 beendete die Firma mit einem Minus von 1,25 Milliarden Dollar. Der Kupferpreis war eingebrochen, die Erträge sanken, man stufte den Wert der Kupferreserven ab, schob Projekte auf die lange Bank. Der Buchverlust ist eine Garantie, dass KCCs Steuerlast leicht bleibt.
Steuersparen mit komplexen Firmenstrukturen gehört zum Geschäft der Rohstoffbranche. Den zehn grössten Konzernen gehören 6038 Tochterfirmen. Jede dritte hat den Firmensitz in einer Steueroase. Bei Glencore ist fast die Hälfte der 46 Töchter in einem Steuertiefstland zu Hause.
Fastenopfer und Brot für alle vermuten auch, dass Glencore die Umsatzzahlen im Kongo manipuliert. Mutanda Mining, die andere Glencore-Minengesellschaft vor Ort, wies für 2011 eine Produktionsmenge von 63'700 Tonnen Kupfer aus. Eine Quelle, die die Zahlen kennen muss, sagt: Es waren 10'000 Tonnen mehr. Der Kongo verurteilte Katanga Mining Anfang Mai zu Steuernachzahlungen und einer Busse von 14,5 Millionen Dollar. Die Firma hatte im ersten Quartal zu tiefe Kupferexporte angegeben.
Laut den Hilfswerken beschäftigt KCC zudem im Kongo 136 Ausländer zu 100 Prozent – diese besitzen aber Beraterverträge ausländischer Glencore-Filialen. Für die Angestellten der perfekte Deal. Sie müssen im Kongo deutlich weniger als die sonst fälligen 25 Prozent an den Staat abliefern. Auch damit entgehen dem Land Millionen.
Der Kongo ist nicht das einzige Land, in dem Glencore aggressiv Steuern optimiert. Im benachbarten Sambia wies ihre Minengesellschaft Mopani zwischen 2000 und 2008 konstant Verluste aus. Externe Prüfer entdeckten Unregelmässigkeiten, etwa aufgeblasene Betriebskosten. Jetzt ermittelt eine Kommission des britischen Parlaments.
Für Glencore ist trotzdem «nicht nachvollziehbar», auf welcher Grundlage die Vorwürfe der beiden Hilfsorganisationen basieren. «Glencore hält sich an sämtliche Steuer- und anderen Vorschriften der Demokratischen Republik Kongo», teilt Sprecher Bernhard Schmid dem Beobachter mit. KCC und Mutanda hätten letztes Jahr dem Kongo 166 Millionen Dollar Steuern abgeliefert. Und die Steuerleistungen würden «in den nächsten Jahren substantiell wachsen, weil das gegenwärtig hohe Investitionsniveau entsprechende Einnahmen zu generieren beginnt». Auch habe die Zahl ausländischer Mitarbeiter «signifikant abgenommen». Man versuche, «wo immer möglich kongolesische Staatsangehörige zu beschäftigen».
USA und EU handeln, die Schweiz wartet ab
Die Konsequenzen aggressiver Steuervermeidung spüren alle Förderländer. Obwohl sich der Preis von Gold, Silber und Nickel verdreifachte, jener von Kupfer, Platin und Zinn auf das Vierfache kletterte, Blei fünfmal teurer wurde, blieben ihre Einnahmen zwischen 2003 und 2008 praktisch gleich. Laut Schätzungen der OECD entgehen den Entwicklungsländern jährlich 160 Milliarden Dollar Steuereinnahmen. Das ist deutlich mehr als die 125 Milliarden, die alle OECD-Länder zusammen in die Entwicklungszusammenarbeit investieren.
Gegen diese Form der Steuerflucht gäbe es ein wirksames Mittel: transparentere Konzernrechnungen. Müssten die Firmen wichtige Kennziffern wie Umsatz, Gewinn, Steuerkosten länderweise ausweisen, kämen unsaubere Steuerpraktiken eher ans Licht. Wenn etwa eine auf den Bahamas beheimatete Tochterfirma ohne Personal 10 Prozent des Konzerngewinns erzielt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Briefkastenfirma handelt.
In den USA und in der EU gibt es Anstrengungen, dieses «Country-by-Country-Reporting» einzuführen, die Schweiz wartet jedoch ab. Glencore hält solche Pläne gar für «nicht nützlich». Die Kosten für eine Rechnungslegung nach Ländern stünden in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn, sagt ihr oberster Steuerexperte Tim Scott.
Ganz anders sieht es Andreas Missbach von der Erklärung von Bern: «Entwicklungsländer brauchen mehr als nur ausländische Hilfe, um dauerhafte Fortschritte in der Armutsbekämpfung zu machen. Sie müssen rasch ihre Steuereinnahmen erhöhen und den Kapitalabfluss eindämmen.» Steueroptimierung à la Glencore sei nur möglich, solange jede Tochterfirma separat besteuert werde. «Die Fiktion der Selbständigkeit verkennt, dass viele dieser Konstrukte einzig dem Zweck dienen, die Steuerzahlungen der Muttergesellschaft zu drücken.»
François Mercier von Fastenopfer sagt: «Wir wollen mit neuen Rechnungslegungsvorschriften ein Stück Transparenz schaffen.» Wenn klar werde, wie transnationale Konzerne Gewinne ins Ausland schaffen, könnten betroffene Länder besser reagieren – und etwa die Exporte stärker besteuern. «Wir sagen nicht, die Rohstoffkonzerne müssten raus aus dem Kongo. Sie sollen dort nur endlich fair Steuern zahlen.»
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Donnerstag, 21. Juni 2012
Kapitalismus der Dinge
reblog von: http://keimform.de/2012/kapitalismus-der-dinge/
Kapitalismus der Dinge
Von Stefan Meretz
Für mich waren die Commons in vielerlei Hinsicht eine Erleuchtung. Wenn Commons nicht bloß eine »Sache« ist, sondern vor allen die soziale Art und Weise, eine »Sache« herzustellen und zu erhalten, dann gilt das auch für die kapitalistische Elementareinheit, die Ware. Auch die Ware liegt nicht bloß im Regal und wartet darauf gekauft zu werden, sondern sie steht für die soziale Beziehung, die erforderlich ist, sie herzustellen (um Erhalten geht es selten).
Wenn das so ist, dann müsste man die »Sozialität« den Waren oder den Commons als Sachen auch ansehen. Sie müssten die sozialen Beziehungen, die »in sie geflossen sind« auch in ihrer Gestalt zeigen, dachte ich mir. Es ist so. Auf drastische Weise zeigt das der Film Behind the Screen.
Wieso soll man den Handy- und Computer-Waren ihre »Sozialität« ansehen, sie sehen doch im allgemeinen ganz schick aus, oder? Eben. So wie über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Mantel des Schweigens gedeckt wird, erhält die Ware eine schickes Outfit. Do not open! Nicht hingucken und nicht reingucken.
Und schließlich das Ende der Waren. Ungefähr drei Viertel des Elektronikschrotts landet im Süden — deklariert als Gebrauchtgeräte, denn Müllexport ist verboten. Kinder brennen aus dem Schrott einige Metalle heraus, Kupfer und anderes, und setzen dabei Gifte frei, die sie töten werden: »Eine Menge der Kinder, die hier arbeiten, werden ihren 20. Geburtstag wohl nicht erleben«. Auch das zeigt der Film.
Ökonomen nennen die gemacht-unerwünschten Effekte Externalitäten. In Wikipedia-Worten sind es die »unkompensierten Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf unbeteiligte Marktteilnehmer«. Unkompensiert, eine Verniedlichung, die das gängige Denkmuster zeigt. Denn wäre durch Kompensation etwas gewonnen? Wenn die Umwelt bereits zerstört ist und die Menschen schwer erkrankt oder gestorben sind? Sicher könnte man etwas »ausbessern« und »helfen«, im Nachhinein, aber eine Lösung wäre das nicht, eher eine Befestigung des schlechten Zustands.
Eine Lösung braucht eine neue Produktionsweise. Doch dieser Gedanke liegt völlig ausserhalb des ökonomischen Denkens. Wie eine Produktionsweise ohne destruktive Externalitäten aussehen kann, habe ich anderswo vorgestellt.
Für mich haben die Commons einen wichtigen Beitrag geleistet, um zu verstehen, dass es nicht reicht, innerhalb der bestehenden Produktionsweise andere Waren herzustellen, sondern dass die Produktion von Waren selbst das Problem ist. Warenproduktion ist nicht neutral, sondern sie verkörpert im unmittelbaren stofflichen Sinne — in den Produktionsmitteln und den Produkten — wozu sie dient: aus Geld mehr Geld zu machen. Der Film Behind the Screen liefert das (unkommentierte) Anschauungsmaterial.
Warenproduktion ist getrennte Privatproduktion. Diese Trennung erzeugt die Externalitäten, unter denen wir letztlich alle leiden (unbesehen der erheblichen Unterschiede). Commons bedeuteten im Kern Aufhebung der Trennung und Vermittlung der unterschiedlichen Bedürfnisse bevor produziert wird. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Diese Potenz der Commons gilt es allerdings erst noch zu entfalten, aber sie wird auch weltweit immer mehr erkannt.
Wenn das so ist, dann müsste man die »Sozialität« den Waren oder den Commons als Sachen auch ansehen. Sie müssten die sozialen Beziehungen, die »in sie geflossen sind« auch in ihrer Gestalt zeigen, dachte ich mir. Es ist so. Auf drastische Weise zeigt das der Film Behind the Screen.
Wieso soll man den Handy- und Computer-Waren ihre »Sozialität« ansehen, sie sehen doch im allgemeinen ganz schick aus, oder? Eben. So wie über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Mantel des Schweigens gedeckt wird, erhält die Ware eine schickes Outfit. Do not open! Nicht hingucken und nicht reingucken.
Was man sieht, wenn man mal hinguckt
… davon handelt der Film Behind the Screen. Er zeigt die zwei Seiten der Warenproduktion: vor der Nutzung durch einen Käufer und danach. Vor der Nutzung geht es um werbewirksame Leistung und Outfit. Für Handys und Computer werden weltweit seltene Rohstoffe eingekauft, die unter für Mensch und Umwelt unvollstellbar zerstörerischen Methoden gewonnen werden. Der Zusammenbau erfolgt in abgeschotteten Fabriken, die nur dann Schlagzeilen machen, wenn die Selbstmordrate der Arbeiterinnen ein gewisses Maß überschreitet.Und schließlich das Ende der Waren. Ungefähr drei Viertel des Elektronikschrotts landet im Süden — deklariert als Gebrauchtgeräte, denn Müllexport ist verboten. Kinder brennen aus dem Schrott einige Metalle heraus, Kupfer und anderes, und setzen dabei Gifte frei, die sie töten werden: »Eine Menge der Kinder, die hier arbeiten, werden ihren 20. Geburtstag wohl nicht erleben«. Auch das zeigt der Film.
Was man sieht, wenn man reinguckt
… dazu muss man schon den eigenen Blick schärfen. Sieht ja alles so schick aus, auch unter der Haube. Doch was sehen wir dort: Extrem hohe Integration der kleinsten Bauteile. Die Ware ist ein monolithischer Klotz. Unreparierbar mit in der Regel inkompatiblen Komponenten, sobald man die Grenzen des Geräts verlässt, und das soll auch so sein. Neukaufen bringt Profit, nicht selbst reparieren. Modularität, Kompatiblität, Interkonnektivität, Langlebigkeit, Wiederverwendbarkeit, Recyclebarkeit sind Fremdworte.Ökonomen nennen die gemacht-unerwünschten Effekte Externalitäten. In Wikipedia-Worten sind es die »unkompensierten Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf unbeteiligte Marktteilnehmer«. Unkompensiert, eine Verniedlichung, die das gängige Denkmuster zeigt. Denn wäre durch Kompensation etwas gewonnen? Wenn die Umwelt bereits zerstört ist und die Menschen schwer erkrankt oder gestorben sind? Sicher könnte man etwas »ausbessern« und »helfen«, im Nachhinein, aber eine Lösung wäre das nicht, eher eine Befestigung des schlechten Zustands.
Eine Lösung braucht eine neue Produktionsweise. Doch dieser Gedanke liegt völlig ausserhalb des ökonomischen Denkens. Wie eine Produktionsweise ohne destruktive Externalitäten aussehen kann, habe ich anderswo vorgestellt.
Für mich haben die Commons einen wichtigen Beitrag geleistet, um zu verstehen, dass es nicht reicht, innerhalb der bestehenden Produktionsweise andere Waren herzustellen, sondern dass die Produktion von Waren selbst das Problem ist. Warenproduktion ist nicht neutral, sondern sie verkörpert im unmittelbaren stofflichen Sinne — in den Produktionsmitteln und den Produkten — wozu sie dient: aus Geld mehr Geld zu machen. Der Film Behind the Screen liefert das (unkommentierte) Anschauungsmaterial.
Warenproduktion ist getrennte Privatproduktion. Diese Trennung erzeugt die Externalitäten, unter denen wir letztlich alle leiden (unbesehen der erheblichen Unterschiede). Commons bedeuteten im Kern Aufhebung der Trennung und Vermittlung der unterschiedlichen Bedürfnisse bevor produziert wird. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Diese Potenz der Commons gilt es allerdings erst noch zu entfalten, aber sie wird auch weltweit immer mehr erkannt.
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Montag, 11. Juni 2012
Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat
Und hier das ganze Buch online: http://ginger-and-lemon.ch/media/uploads/2012-04-buch-2012-04-buch-commons.pdf
Bei Immunität gegen die handelsübliche Medizin hilft auch eine höhere Dosierung nicht. Die Behandlung muss neu gedacht, das Medikament neu entwickelt werden.
Tatsächlich scheint Ressourcenübernutzung gegen 'mehr Markt' ebenso immun wie gegen 'mehr Staat'. Sozialem Ausschluss beugt der Markt ohnehin nicht vor. Und dem Staat gehen inmitten massiver Krisen die Handlungsspielräume aus. Wir brauchen nicht mehr vom Gleichen, sondern eine politische Programmatik und Kultur jenseits eingefahrener Gleise. Wir brauchen einen Abschied vom Markt-Staat-Duopol, ein alternatives ökonomisches Betriebssystem, eine andere politische Kultur und ein Denken in neuen Kategorien. Doch jeder Übergang zu einem neuen Paradigma setzt voraus, dass genügend Menschen aktiv Teil der Geschichte werden und sich diese neuen Kategorien in ihrer Lebenspraxis aneignen.
90 Autorinnen und Autoren aus aller Welt zeigen, dass dieses Umdenken schwierig, aber möglich ist - in Theorie und Praxis. Der aktuelle Sammelband "Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat" spiegelt die Aktualität der Commonsdebatte und macht Mut, Neues zu probieren, und Lust auf "commoning".
Mit einer Einführung von Silke Helfrich, Commons Strategies Group und Mit-Herausgeberin des Buches „Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat", anschließend diskutieren miteinander und mit ihnen
Dr. Hermann E. Ott, MdB Bündnis 90/Die Grünen und
Fabio Reinhardt, Mitglied Abgeordnetenhaus Berlin, Piratenpartei
Moderation: Julia Gechter, Filmemacherin
Zum Buch: http://www.boell.de/publikationen/publikationen-commons-fuer-eine-neue-politi...
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Dienstag, 5. Juni 2012
The radical revolution
Montag, 21. Mai 2012
Willkommen im Hype-Kapitalismus
Der Facebook-Börsengang war vor allem heisse Luft. Die Episode ist das Symptom eines Systems, das vom Hurra-Geschrei seiner Bewunderer und Profiteure lebt. Die grosse Glocke übertönt die Dauerkrise.
Die Medien überschlugen sich: Lohnschreiber tippten sich die Finger wund, TV-Reporter berichteten aufgeregt und live von der Börse und durch das Internet stapfte allenthalben der Firmengründer als Leitfigur: Hereinspaziert zum Hype-Kapitalismus, wie er sich beim insgesamt doch eher laschen Börsengang von Facebook manifestierte und als weiteres Anzeichen für die systemische Krise des geltenden Wirtschaftsmodells zu deuten ist.
Denn der Hype-Kapitalismus lebt vom übertünchenden Hurra-Geschrei seiner Bewunderer und Profiteure und paart sich mit den spekulativen Auswüchsen eines Finanz- und Bankenwesens, das in den Worten des ehemaligen US-Notenbankchefs Paul Volcker seit der Einführung des Bankomaten nichts mehr erschaffen hat, was der Allgemeinheit wirklich gedient hätte. Das geschäftige Gewusel des Hype-Kapitalismus wird zudem untermalt von kultischen Elementen, wie sie etwa bei der Vorstellung eines neuen iPads oder iPhone zu beobachten sind: Die Bühne wird zum Geschäftsmodell, der Entrepreneur zum Magier.
Kapitalismus als prickelnde Unterhaltung
Die wachsende und für das Funktionieren von Demokratien tödliche soziale Ungleichheit übersieht der Hype-Kapitalismus geflissentlich. Ihm geht es zuvorderst um prickelnde Unterhaltung sowie die Verklärung der «Job Creators» als Schaffer von Arbeitsplätzen und mithin Helden, deren Steuerlast möglichst niedrig sein muss und denen Angestellte und Bürger gefälligst auf den Knien zu danken haben.
Verglichen damit war der amerikanische Kapitalismus der fünfziger Jahre allemal erfolgreicher, allerdings mit Spitzensteuersätzen von rund 90 Prozent und einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, die am Segen wachsender Produktiviät teilhaben durfte und eben jene Mittelklasse konstituierte, die zunehmend ausfranst.
Die Schreihälse sind am Zug
Aber jetzt sind eben die Schreihälse am Zug, deren Modell vor allem einer grossen Glocke bedarf, an die möglichst lautstark alles gehängt wird, was sich vergolden oder versilbern lässt. Dass die Facebook-Aktie am Freitag an der New Yorker Börse wie ein alter Plastikeimer in der Brandung dümpelte, wird dem Hype-Kapitalismus ebensowenig Abbruch tun wie ein mögliches Absacken des Zuckerberg-Papiers, wenn zuerst die Leerverkäufer antreten und danach die Facebook-Insider ihre Aktien auf den Markt werfen.
Immerhin unterhielt die New Yorker Show am Freitag prächtig und lenkte obendrein von der allgemeinen Dauerkrise ab, obschon wir uns ausgiebiger mit Mark Zuckerbergs Hochzeit hätten befassen sollen und weniger mit seinem Börsengang. Die Verehlichung des Facebook-Gründers war schliesslich real und greifbar und wirklich.
Ein Kommentar von Martin Kilian, Washington. Aktualisiert am 20.05.2012, Tages-Anzeiger online
Mittwoch, 9. Mai 2012
Spekulation mit Lebensmitteln Allianz als Hungermacher
Spekulation mit Lebensmitteln Allianz als Hungermacher
09.05.2012, 10:53
Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken
Die Finanzwelt muss sich seit kurzem mit einem heiklen Thema befassen: Spekulation mit Nahrungsmitteln. Nun klagt die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam die Allianz an. Der deutsche Versicherungskonzern verstärke den Hunger in der Welt. Geht es nach der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, wird es für den Allianz-Vorstand an diesem Mittwoch ungemütlich. Bei der Hauptversammlung in München werden kritische Aktionäre beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten. Der Grund: Das Unternehmen spekuliere mit Nahrungsmitteln - und zwar wie kein zweiter deutscher Konzern. Die Finanzwelt muss sich seit dem vergangenen Herbst mit dem heiklen Thema befassen. Damals beschrieb ein Bericht der Organisation Foodwatch den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hungersnöten. Als Nummer fünf im globalen Rohstoffhandel stand seinerzeit vor allem die Deutsche Bank am Pranger, die daraufhin zumindest zusagte, die fragwürdigen Geschäfte zu überprüfen. "Mit Besorgnis verfolgt auch die Deutsche Bank, dass immer wieder Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden müssen", schrieb das Geldhaus wenige Monate später. Weitere "börsengehandelte Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln" würden nicht aufgelegt, so lange eigene Untersuchungen der Bank nicht abgeschlossen seien. Sie sind im Gange. Doch eine Studie von Oxfam, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, rückt nun auch den Münchner Allianz-Konzern in den Fokus. Nach Recherchen der Organisation handelt der Versicherer wie kein zweites deutsches Unternehmen an Warenterminbörsen mit Nahrungsmitteln. In fünf Fonds setze das Unternehmen demnach auf steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere über die zum Konzern gehörende Kapitalanlage-Gesellschaft Pimco. Der Studie zufolge hatte die Allianz 2011 mehr als 6,2 Milliarden Euro in solche Fonds investiert, die Deutsche Bank knapp 4,6 Milliarden Euro. In einem globalen Markt, den Analysten auf rund 70 Milliarden Euro schätzen, kämen allein diese beiden Geldinstitute auf einen Anteil von rund 14 Prozent. Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Der Zusammenhang zwischen Termingeschäften und Hunger ist für Oxfam evident. Der Handel mit Agrar-Rohstoffderivaten stieg - einer Barclays-Untersuchung zufolge - von neun Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 99 Milliarden Dollar acht Jahre später. Schon ohne solche Geschäfte sei die Nahrungsmittelproduktion in armen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich erschwert worden, schreibt Oxfam - sei es durch den Klimawandel, sei es wegen der Vertreibung von Kleinbauern durch Großinvestoren oder sei es aufgrund der zunehmenden Erzeugung von Biokraftstoffen auf Flächen, die vormals Nahrungsmittel abwarfen.Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Dadurch werde der Markt insgesamt instabiler, die Preise schwankten stärker. "Genau darauf wetten Nahrungsmittelspekulanten", heißt es in der Oxfam-Studie (Titel: "Mit Essen spielt man nicht"): "Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisaufschläge auf die Spitze." Die Folge für die Ärmsten sei zwangsläufig Hunger. "Menschen in armen Ländern geben bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus", sagt Frank Braßel, Leiter der Oxfam-Kampagne. Die seien "den Preissprüngen durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln schutzlos ausgeliefert". Die deutsche Finanzwirtschaft reagiert unterschiedlich auf die Vorwürfe. Während die Deutsche Bank zwar prüft, aber ansonsten bestehende Fonds einstweilen weiterlaufen lässt, haben die Deka-Fonds im vorigen Monat die Reißleine gezogen. Zwar seien die Auswirkungen noch nicht "hinreichend und abschließend" geklärt, argumentierte die Sparkassen-Finanzgruppe - allerdings gebe es auch keine Entwarnung. Weswegen sich die Deka aus dem Geschäft mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Soja bis Ende des Jahres zurückziehe. Ein Allianz-Sprecher erklärt zu den Vorwürfen, Ursachen der hohen Nahrungsmittelpreise seien vor allem Bevölkerungswachstum, Klimawandel, politische Krisen oder Biosprit - und nicht der Derivatehandel. Für den Oxfam-Mann Braßel ist das kein Argument: "Viele der Gründe, warum Menschen hungern, können wir nicht beeinflussen. Aber die Spekulation mit Nahrungsmitteln könnten wir sofort stoppen." Aus Sicht der Allianz stellen sich die Dinge anders dar. Der Finanzkonzern investiere weniger als ein Prozent seiner Anlagen in Nahrungsmittelderivate. "Unsere Fonds setzen dabei nicht gezielt auf steigende Preise", sagt ein Sprecher, an den Finanzmärkten lasse sich ja auch auf fallende Preise setzen. Außerdem betont die Allianz, dass sie Geld in Hersteller von Düngemitteln oder Maschinen investiert - und die würden die Produktion von Nahrungsmitteln ankurbeln und den Hunger begrenzen. Kein Wunder, dass der Konzern die Oxfam-Forderung ablehnt, die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu stoppen: "Ein Ausstieg steht zurzeit nicht zur Debatte."
sueddeutsche.de wirtschaft
Von Michael Bauchmüller und Alexander Hagelüken
Die Finanzwelt muss sich seit kurzem mit einem heiklen Thema befassen: Spekulation mit Nahrungsmitteln. Nun klagt die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam die Allianz an. Der deutsche Versicherungskonzern verstärke den Hunger in der Welt. Geht es nach der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, wird es für den Allianz-Vorstand an diesem Mittwoch ungemütlich. Bei der Hauptversammlung in München werden kritische Aktionäre beantragen, den Vorstand nicht zu entlasten. Der Grund: Das Unternehmen spekuliere mit Nahrungsmitteln - und zwar wie kein zweiter deutscher Konzern. Die Finanzwelt muss sich seit dem vergangenen Herbst mit dem heiklen Thema befassen. Damals beschrieb ein Bericht der Organisation Foodwatch den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation und Hungersnöten. Als Nummer fünf im globalen Rohstoffhandel stand seinerzeit vor allem die Deutsche Bank am Pranger, die daraufhin zumindest zusagte, die fragwürdigen Geschäfte zu überprüfen. "Mit Besorgnis verfolgt auch die Deutsche Bank, dass immer wieder Menschen unter Nahrungsmittelknappheit leiden müssen", schrieb das Geldhaus wenige Monate später. Weitere "börsengehandelte Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln" würden nicht aufgelegt, so lange eigene Untersuchungen der Bank nicht abgeschlossen seien. Sie sind im Gange. Doch eine Studie von Oxfam, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, rückt nun auch den Münchner Allianz-Konzern in den Fokus. Nach Recherchen der Organisation handelt der Versicherer wie kein zweites deutsches Unternehmen an Warenterminbörsen mit Nahrungsmitteln. In fünf Fonds setze das Unternehmen demnach auf steigende Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse, insbesondere über die zum Konzern gehörende Kapitalanlage-Gesellschaft Pimco. Der Studie zufolge hatte die Allianz 2011 mehr als 6,2 Milliarden Euro in solche Fonds investiert, die Deutsche Bank knapp 4,6 Milliarden Euro. In einem globalen Markt, den Analysten auf rund 70 Milliarden Euro schätzen, kämen allein diese beiden Geldinstitute auf einen Anteil von rund 14 Prozent. Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Der Zusammenhang zwischen Termingeschäften und Hunger ist für Oxfam evident. Der Handel mit Agrar-Rohstoffderivaten stieg - einer Barclays-Untersuchung zufolge - von neun Milliarden Dollar im Jahr 2003 auf 99 Milliarden Dollar acht Jahre später. Schon ohne solche Geschäfte sei die Nahrungsmittelproduktion in armen Ländern in den vergangenen Jahren deutlich erschwert worden, schreibt Oxfam - sei es durch den Klimawandel, sei es wegen der Vertreibung von Kleinbauern durch Großinvestoren oder sei es aufgrund der zunehmenden Erzeugung von Biokraftstoffen auf Flächen, die vormals Nahrungsmittel abwarfen.Manche Anbieter haben die Reißleine gezogen Dadurch werde der Markt insgesamt instabiler, die Preise schwankten stärker. "Genau darauf wetten Nahrungsmittelspekulanten", heißt es in der Oxfam-Studie (Titel: "Mit Essen spielt man nicht"): "Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisaufschläge auf die Spitze." Die Folge für die Ärmsten sei zwangsläufig Hunger. "Menschen in armen Ländern geben bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus", sagt Frank Braßel, Leiter der Oxfam-Kampagne. Die seien "den Preissprüngen durch die Spekulation mit Nahrungsmitteln schutzlos ausgeliefert". Die deutsche Finanzwirtschaft reagiert unterschiedlich auf die Vorwürfe. Während die Deutsche Bank zwar prüft, aber ansonsten bestehende Fonds einstweilen weiterlaufen lässt, haben die Deka-Fonds im vorigen Monat die Reißleine gezogen. Zwar seien die Auswirkungen noch nicht "hinreichend und abschließend" geklärt, argumentierte die Sparkassen-Finanzgruppe - allerdings gebe es auch keine Entwarnung. Weswegen sich die Deka aus dem Geschäft mit Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Soja bis Ende des Jahres zurückziehe. Ein Allianz-Sprecher erklärt zu den Vorwürfen, Ursachen der hohen Nahrungsmittelpreise seien vor allem Bevölkerungswachstum, Klimawandel, politische Krisen oder Biosprit - und nicht der Derivatehandel. Für den Oxfam-Mann Braßel ist das kein Argument: "Viele der Gründe, warum Menschen hungern, können wir nicht beeinflussen. Aber die Spekulation mit Nahrungsmitteln könnten wir sofort stoppen." Aus Sicht der Allianz stellen sich die Dinge anders dar. Der Finanzkonzern investiere weniger als ein Prozent seiner Anlagen in Nahrungsmittelderivate. "Unsere Fonds setzen dabei nicht gezielt auf steigende Preise", sagt ein Sprecher, an den Finanzmärkten lasse sich ja auch auf fallende Preise setzen. Außerdem betont die Allianz, dass sie Geld in Hersteller von Düngemitteln oder Maschinen investiert - und die würden die Produktion von Nahrungsmitteln ankurbeln und den Hunger begrenzen. Kein Wunder, dass der Konzern die Oxfam-Forderung ablehnt, die Spekulation mit Nahrungsmitteln zu stoppen: "Ein Ausstieg steht zurzeit nicht zur Debatte."
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