Dienstag, 8. November 2016

Racial_Ethnic Profiling

Stop Racial_Ethnic Profiling from Benjamin Weiss.

Racial Profiling

Der Begriff «Rassistisches Profiling» bezeichnet alle Formen von diskriminierenden Personen- und Fahrzeugkontrollen gegenüber Personengruppen, welche von den Polizisten/-innen als ethnisch oder religiös «andersartig» wahrgenommen werden. Die folgenden Ausführungen erläutern diese Definition.
Der Ausdruck  «Racial Profiling» stammt aus den USA, wo vor allem Afroamerikaner/innen und Personen lateinamerikanischer Abstammung von überdurchschnittlich vielen polizeilichen Personenkontrollen betroffen sind. Es wird auch von «Ethnic Profiling» gesprochen. Im europäischen Kontext sind neben Schwarzen auch Personen aus der Balkanregion (insbesondere Roma) sowie aus arabischen Ländern und Musliminnen und Muslime von ungerechtfertigten Personen- und Fahrzeugkontrollen betroffen.
Weil in Europa das Adjektiv «rassisch» keine sachliche Bedeutung hat, sondern als Element von rassistischen Ideologien aufgefasst wird, verwenden wir im vorliegenden Themendossier ausschliesslich den Ausdruck «rassistisches Profiling». Dabei beziehen wir uns auf den Begriff des Rassismus in der weiten Bedeutung, welche auch alle Formen der kulturalisierenden Unterordnung umfasst.
Mehr Informationen zu Racial Profiling finden Sie im Themendossier „Rassistisches Profiling“ von humanrights.ch.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Reich ist, wer bequem von den Zinsen leben kann



3 Prozent besitzen so viel wie die restlichen 97 Prozent. Unter den 300 Superreichen wächst jetzt die Angst vor dem sozialen Aufstand. Interview mit dem Soziologen Ueli Mäder: Oliver Fahrn

work: Ueli Mäder, wann ist man wirklich reich?
Ueli Mäder:
Wenn man von den Zinsen seines Vermögens bequem leben kann. Dafür genügt eine Million heute nicht mehr. Es braucht schon ein paar Millionen. Aber wenn Sie einen Superreichen fragen, lautet seine Antwort: Ab 30 Millionen beginnt man reich zu sein.

Ein Haufen Geld, den man mit Lohnarbeit nicht verdienen kann.
Wie sagte einer meiner Gesprächspartner, der mit Finanzgeschäften schon jung sehr viel Geld gemacht hatte: «Wer arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.» Wir haben weit über 100 Reiche interviewt. Aber längst nicht alle würden über die Arbeitenden so verächtlich sprechen.

Also: Wie wird man reich?
Vor allem auch, indem man erbt. Die Hälfte der 300 Reichsten in der Schweiz ist als Sohn, Tochter oder über Heirat reich geworden. 2010 werden mindestens 40 Milliarden vererbt. Mehr als die Hälfte davon geht an Millionäre. Nur zehn Prozent der Erben erhalten drei Viertel aller Erbschaften.

Noch mehr Geld kommt zu schon sehr viel Geld?
Die fehlende Erbschaftssteuer treibt die enorme Konzentration der Vermögen in der Schweiz noch voran. Aber das ist nur ein Element. Zwischen 1989 und 2009 stieg das Vermögen der 300 Reichsten von 86 Milliarden auf 449 Milliarden Franken.

Trotz Krise?
Diese 300 Superreichen haben nur 10 Milliarden von 459 Milliarden verloren. Das war 2009. Inzwischen haben sie das längst mehr als wettgemacht.

In der kleinen Schweiz lebt, so lesen wir, jeder zehnte Milliardär der Welt.
Ja, wenn wir auch jene einbeziehen, die keinen Schweizer Pass haben. Die sozialen Unterschiede wachsen bei uns wie sonstwo kaum. Die Kluft zeigt sich sogar bei den verfügbaren Einkommen, mit denen auch die CS rechnet. Unter 165 Ländern landet die Schweiz in der Rangliste gerechter Vermögensverteilung auf dem drittletzten Platz. Schlechter sind nur Singapur und Namibia. Und seit kurzem wissen wir, dass in Basel 3 Promille der Steuerpflichtigen mehr Vermögen haben als die anderen 99,7 Prozent. Diverse Untersuchungen bestätigen das. Sie finden die Daten auf www.reichtumin- der-Schweiz.ch.

Die Schweiz ist also eine Oligarchie, eine Herrschaft von wenigen Superreichen? Das deckt sich gar nicht mit dem Bild, das wir von diesem Land haben.
Im Gegensatz zu vielen dieser Länder sichern das durchschnittliche Einkommen plus die Sozialversicherungen bei uns meist ein anständiges Leben. Die Einkommen sind etwas gerechter verteilt als die Vermögen. Und doch haben wir auch in der Schweiz fast eine halbe Million Menschen, die in Haushalten von Working Poor leben. Das sind Arbeitende, die vom Lohn die Familie nicht ernähren können. Das Bild von demokratisch gerechter Reichtumsverteilung täuscht.

Weil der generelle Lebensstandard in der Schweiz relativ hoch ist, nehmen wir die wachsende soziale Ungleichheit gar nicht richtig wahr?
Genau. Aber da gibt es noch ein anderes Problem. Die kleine Minderheit mit viel Reichtum und Macht tut auch viel dafür, dass sich in unseren Köpfen falsche Bilder halten. An Vorträgen frage ich das Publikum immer wieder, ob in der Schweiz mehr Menschen unter 20 Jahren oder mehr Menschen über 65 leben. Fast alle sind jeweils sicher, dass die Alten in der Mehrheit sind. Tatsächlich aber leben hier mehr unter 20jährige. Die wenigsten wissen, dass die Sozialausgaben zwar steigen, aber seit 2004 im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt abnehmen. Falsche Bilder sind hartnäckig, weil sie endlos wiederholt werden. In allen Medien, auf allen Kanälen. Die falschen Vorstellungen von der eigenen Gesellschaft dienen offenbar Interessen. Hier zum Beispiel jenen von Versicherungen und Sozialabbauern.

Weil wir nicht genau hinschauen, können die Superreichen ungestört walten?
Einer meiner Interviewpartner war Novartis- Chef Daniel Vasella. Er wurde von rund 100 Reichen unserer Studie als eine der acht mächtigsten Personen des Landes genannt. Ich habe ihn, der auch schon einen möglichen Wegzug der Novartis ins Ausland angedeutet hatte, auf seine Macht angesprochen. Vasella antwortete: «Wenn Sie mir das sagen, dann nehme ich das als Gegebenheit und Wahrnehmung gewisser Leute wahr.» Dann fragte er sinngemäss: Geht es den Menschen in der Region etwa nicht gut?

Die Untertanen sind zufrieden, wen stört meine Macht?
Das ist zu scharf ausgedrückt. Was aber stimmt: So bleiben viele wichtige Fragen unter dem Deckel. Etwa die Frage, ob eine solche Ballung von Macht und Geld vernünftig und sozial verträglich sei. Oder ob die Bürgerinnen und Bürger überhaupt noch eine Chance hätten, über ihr Leben und die Zukunft des Landes frei zu entscheiden.

Wir wundern uns, dass die Reichen und Mächtigen alle mit dem kritischen Soziologen Mäder sprechen wollten.
Es stimmt, kaum jemand hat ein Interview abgelehnt. Und viele der Befragten haben erfreulicherweise sehr offen gesprochen. Rolf Soiron zum Beispiel, einer der besonders einflussreichen und stark unterschätzten Köpfe, hat ungeschminkt über die Wendungen in seinem Leben gesprochen. Dagobert Kuster, früher Direktor der Volksbank und Firmengründer, sprach sich für einen sozial attraktiveren Kapitalismus aus – und für die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer! Ex-UBS-Banker und Ex-Ascom-Chef Urs Hägeli hat unter anderem über die Boni-Abzocker gesagt: «Mit ihrem egozentrischen System gefährden sie unseren sozialen Frieden.»

Der Banker Paul Feuermann, der bei Vontobel und UBS war, hat Ihnen Albträume gestanden. Er spricht von Volksaufständen, Verelendung und «dramatischen Veränderungen».
Er ist nicht der Einzige. Erstaunlicher ist, dass viele daraus keine weiterführenden Schlüsse ziehen möchten. Herr Vasella hält übrigens die Möglichkeit grösserer Umbrüche für durchaus wahrscheinlich. Das zeige auch ein Blick in die Geschichte.

Donnerstag, 29. September 2016

The Choice is Ours (2016) by The Venus Project



Produced/Directed by Roxanne Meadows and Joel Holt
Script by Roxanne Meadows
Editor Joel Holt, assisted by Roxanne Meadows & Nathaniel Dinwiddie
Original Score by Kat Apple

This film series explores many aspects of our society. To rethink what is possible in our world, we need to consider what kind of world we want to live in. Although we refer to it as civilization, it is anything but civilized. Visions of global unity & fellowship have long inspired humanity, yet the social arrangements up to the present have largely failed to produce a peaceful and productive world. While we appear to be technically advanced, our values and behaviors are not. The possibility of an optimistic future is in stark contrast to our current social, economic, and environmental dilemmas. The Choice Is Ours includes interviews with notable scientists, media professionals, authors, and other thinkers exploring the difficulties we face.

Part I provides an introduction and overview of cultural & environmental conditions that are untenable for a sustainable world civilization. It explores the determinants of behavior to dispel the myth of “human nature”, while demonstrating how environment shapes behavior. The science of behavior is an important - yet largely missing - ingredient in our culture.

Part II questions the values, behaviors, and consequences of our social structures, and illustrates how our global monetary system is obsolete and increasingly insufficient to meet the needs of most people. Critical consideration of the banking, media, and criminal justice systems reveals these institutions for what they really are: tools of social control managed by the established political and economic elite. If we stay the present course, the familiar cycles of crime, economic booms & busts, war, and further environmental destruction are inevitable.

Part III explains the methods and potential of science. It proposes solutions that we can apply at present to eliminate the use of non-renewable sources of energy. It depicts the vision of The Venus Project to build an entirely new world from the ground up: a “redesign of the culture”, where all enjoy a high standard of living, free of servitude and debt, while also protecting the environment.

Part IV explains how it is not just architecture and a social structure that is in desperate need of change, but our values which have been handed down from centuries ago. They too need to be updated to our technological age, which has the potential to eliminate our scarcity-driven societies of today. Our problems are mostly of our own making, but we can still turn things around before the point of no return. It’s not too late for an optimistic outlook on the fantastic possibilities that lie before us.

Jacque Fresco-Futurist, Industrial Designer, Social Engineer, Founder of The Venus Project

Jeffery A. Hoffman Ph.D - Prof. Aeronautics & Astronautics MIT, Former NASA Astronaut

Henry Schlinger, Ph.D., BCBA-D - Prof. Psychology CAL State University

Abby Martin - Journalist & Host "The Empire Files"

Karen Hudes - Economist, Lawyer, World Bank Whistleblower

Erin Ade - Reporter & Host "Boom Bust" – RT

Paul Wright - Founder & Director of Human Rights Defense Center, Editor of Prison Legal News, Author

Dylan Ratigan - Author & TV Host "The Dylan Ratigan Show"

Mark Jacobson, Ph.d - Prof. Civil & Env. Engineering, Stanford University. www.thesolutionsproject.org

Erik Brynjolfsson, Ph.D - Prof. of Management-MIT Sloan School of Management, Dir. MIT Initiative on the Digital Economy, Author

Lawrence M. Krauss, Ph.D - Foundation Prof. School of Earth and Space Exploration, and director of Origins Project, Arizona State University. Author "A Universe from Nothing".

Paul Hewitt - Author "Conceptual Physics"

Roxanne Meadows - Co-Founder The Venus Project

*special thanks also to Alexander "Obraz" ...Obraz.io who created the many 2d motion depictions (plus the sound fx!) of concepts such as the "hamburgers and fried chicken" segment and many others which are Alexander's inimitable work style and atteniton to details where we needed very specific illustrations of key points.

The Venus Project proposes an alternative vision of what the future can be if we apply what we already know in order to achieve a sustainable new world civilization. It calls for a straightforward redesign of our culture in which the age-old inadequacies of war, poverty, hunger, debt and unnecessary human suffering are viewed not only as avoidable, but as totally unacceptable. Anything less will result in a continuation of the same catalog of problems inherent in today's world.
Learn more at www.thevenusproject.com

Donnerstag, 15. September 2016

Dirty Diesel wird gefördert von Schweizer Händerln

von: https://www.dirtydiesel.ch/

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Bei Luftverschmutzung denken die meisten Leute an Neu-Delhi oder Peking. Sie auch? Zu Recht macht der Smog in asiatischen Städten immer wieder Schlagzeilen. Was dabei leicht übersehen wird: In afrikanischen Städten wie Dakar oder Lagos ist die Luftqualität noch schlechter. Hauptgrund für die ungesunde Luft sind Fahrzeugabgase.

Besonders problematisch ist der hohe Schwefelgehalt im Treibstoff. In afrikanischen Ländern werden Diesel und Benzin mit einem Schwefelgehalt verkauft, der bis zu 378-mal über dem europäischen Grenzwert liegt. Das haben Messungen von Public Eye vor Ort ergeben. Mit diesen qualitativ schlechten Treibstoffen lassen sich hohe Profite erzielen – auf Kosten der Gesundheit der Menschen und der Umwelt.

Unsere neuste Recherche zeigt, dass Schweizer Rohstoffhändler - allen voran Branchenleader Trafigura - das dreckige Geschäft mit dem giftigen Treibstoff für Afrika dominieren. Sie liefern ihn, verkaufen ihn vor Ort über eigene Tankstellen-Netzwerke und produzieren das Gemisch sogar selbst. Dabei nutzen sie die tiefen Grenzwerte in den Ländern systematisch aus und optimieren mit den giftigen Treibstoffen ihre Profitmargen. So tragen sie direkt zur Luftverschmutzung bei und sind somit mitverantwortlich für den frühzeitigen Tod tausender Menschen.

Das Handeln der Schweizer Rohstoffhändler ist aufgrund der laschen Standards zwar legal, aber es ist illegitim und verletzt die Menschenrechte. Wir finden: Das dreckige Geschäft muss aufhören!

Es ist Zeit zu handeln!

Wir setzen uns  zusammen mit verschiedenen afrikanischen Organisationen und dem UNEP (Umweltprogramm der UNO) für griffige Treibstoffstandards ein. Die Rohstoffhändler hier in der Schweiz sind die Nutzniesser dieses ungerechten Geschäftsmodells. Wir wollen sie dazu bringen, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen.

Deshalb drehen wir den Spiess um und schicken einen Container mit dreckiger Luft aus Ghana nach Genf, wo auch Branchenführer Trafigura seinen Sitz hat. Das Unternehmen kann dabei unter Beweis stellen, wie ernst es ihm ist  auch punkto Unternehmensverantwortung führend sein zu wollen.

Aktivistinnen und Aktivisten aus Ghana haben den Container gefüllt, gemeinsam müssen wir nun sicherstellen, dass Trafigura unsere Forderung nach sauberem Treibstoff auch hört: Unterschreiben Sie unsere Petition «Return to Sender»,  teilen Sie die Kampagne in ihrem Freundeskreis und folgen Sie uns auf Twitter unter ♯ReturnToSender! Um ein so profitables Drecksgeschäft stoppen zu können, braucht es viel öffentlichen Druck - jede Stimme zählt! Herzlichen Dank.
 
Jetzt gleich Petition unterschreiben!
Als Organisation setzt Public Eye (ehem. EvB) sich für jene Menschen ein, deren Rechte durch das Handeln von Schweizer Unternehmen verletzt werden. Danke, dass Sie sich mit uns engagieren.

Susanne Rudolf
Public Eye (bisher Erklärung von Bern)
 
 
Alle Infos und Fakten zur Kampagne
Alle Infos und Fakten zur Kampagne

Dienstag, 13. September 2016

Gebildet, aber kurzsichtig

Immer mehr Menschen sehen schlecht in die Ferne. Mitschuldig daran scheint der Schulunterricht. Mit einfachen Mitteln liesse sich die Beeinträchtigung eindämmen.

original: http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/gebildet-aber-kurzsichtig/story/25460713

Jedes Kind in der Grundschule im chinesischen Wuhan hat einen Metallbügel unter dem Kinn, egal, ob es lesen oder schreiben soll. Die gebogene Stütze soll verhindern, dass die Kinderaugen Büchern und Heften zu nah kommen, aus Angst, sie könnten später kurzsichtig werden. In vielen Ländern Asiens wird derzeit nahezu alles versucht, um der Augenerkrankung entgegenzuwirken – zum Beispiel mit Massen-Sehtests bei Schülern. Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der Kurzsichtigen. In Ländern wie China, Korea und Singapur sind oft 80 Prozent der Schüler und Studenten kurzsichtig, in Städten wie Seoul und Shanghai beinahe 100 Prozent. Jeder Fünfte ist mit mehr als minus sechs ­Dioptrien hochgradig fehlsichtig.

Auch in Europa ist die Fehlsichtigkeit ein wachsendes Problem. Das European Eye Epidemiology Consortium schätzt, dass ein Drittel der Europäer kurzsichtig ist. Für 2050 prognostiziert das Brien Holden Vision Institute, dass die Hälfte aller Menschen kurzsichtig sein wird, ­jeder Fünfte hochgradig. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist es ein globales Problem. In Entwicklungsländern und ländlichen Regionen fehlen Tausende Augenärzte und damit der Zugang zu Behandlungen und Sehhilfen.

Wenn nichts passiert, kann das für viele Länder teuer werden und für Betroffene weitreichen­de Folgen haben. Die WHO schätzt, dass etwa 158 Millionen Menschen wegen ihrer Kurzsichtigkeit nur einfachste Aushilfsberufe ausüben können. Das bedeute Einkommens­verluste zwischen 90 und 300 ­Milliarden US-Dollar pro Jahr. Experten wie Norbert Pfeiffer von der Augenklinik Mainz halten das Leiden für unterschätzt, weil Folgeerkrankungen drohen. «Hochgradig Kurzsichtige leiden zehnmal so häufig an Netzhautablösungen», sagt Pfeiffer. Grüner oder grauer Star treten häufiger und schwerer auf.

Schuld an den Problemen sind nur wenige Millimeter, die der Augapfel bei Kurzsichtigen länger gewachsen ist. Ein Millimeter entspricht 2,7 Dioptrien. Hornhaut und Linse des Auges brechen das Bild dann so, dass es vor der Netzhaut liegt und alles in der Ferne unscharf wird. Bei den meisten Menschen fängt es mit acht Jahren an, bis fünfzehn nimmt Kurzsichtigkeit schnell zu. Je später die Fehlsichtigkeit auftritt, desto langsamer schreitet sie fort.

Ruin der Augen

Über die möglichen Ursachen der Kurzsichtigkeit diskutieren Wissenschaftler schon lange: der Zeitpunkt der Geburt, das Stadtleben, sozialer Status, UV-Strahlung und Lichtfarben. Das meiste ist kaum belegt. Mittlerweile dominieren drei Thesen die Diskussion: Der Seh­abstand ist zu kurz. Die Menschen halten sich in zu dunklen Räumen auf. Oder die Genetik ist schuld. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus diesen Faktoren. Zumindest finden Forscher dafür seit einigen Jahren belastbare Hinweise.

Die Orinda-Studie in den USA hat Hunderte Schulkinder bis zu sieben Jahre lang begleitet und untersucht, wie sehr die Augenerkrankung davon abhängt, ob die Eltern kurzsichtig sind. Die Fehlsichtigkeit tritt dann tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit auf. Verhalten und Umwelt scheinen aber eine grössere Rolle zu spielen als die Gene.

Die These wird schon sehr lange diskutiert. Bis 1867 untersuchte etwa der Augenheilkundler Hermann Cohn über mehrere Jahre Tausende Schüler. Etwa 60 Prozent der Jugendlichen waren kurzsichtig. Mit einem Fotometer versuchte er, die Helligkeit der Räume zu messen, in denen sie unterrichtet wurden. Cohn kam zu dem Schluss, dass die Naharbeit, also das Lesen und Schreiben, und dunkle Schulräume schuld seien am «Ruin der Augen».

Heutige Untersuchungen bestätigen Cohns Ergebnisse. Mit der Gutenberg-Studie aus Mainz etwa, die zwischen 2007 und 2012 mehr als 15 '000 Probanden untersuchte, konnte Norbert Pfeiffer zeigen, dass Kurzsichtigkeit mit der Zahl der Schuljahre zunimmt. Nach dreizehn Jahren Schule waren jeder Zweite und beinahe doppelt so viele kurzsichtig wie nach neun Jahren.

Den Zusammenhang zwischen Helligkeit und Kurzsichtigkeit hat auch Frank Schaeffel von der Universität Tübingen untersucht. Der Neurobiologe setzte für seine Experimente Hühnern Streulinsen auf und liess sie so künstlich kurzsichtig werden. Eine Gruppe hielt er bei typischer Bürobeleuchtung (500 Lux), eine bei tageslichtähnlicher Beleuchtung (15'000 Lux). Die anderen durften raus auf den Balkon ans Tageslicht (mehr als 30'000 Lux). Die Augen der Balkonhühner waren nach dem Versuch weniger kurzsichtig. Schaeffel führt das auf die lichtabhängige Freisetzung von Dopamin aus der Netzhaut zurück. Der Botenstoff soll das Augenwachstum hemmen. Viel Licht führt zu viel Dopamin und verhindert so Kurzsichtigkeit.

Die Naharbeit in der Schule und die Helligkeit spielen also wahrscheinlich eine Rolle. Aber wie genau? «Bisher gibt es keine eindeutigen Beweise, wir sprechen davon, dass die Faktoren mit dem Problem assoziiert sind», sagt Pfeiffer. Für Frank Schaeffel hingegen ist die Datenlage überzeugend. Man könnte also erste Massnahmen ergreifen – mehr Licht in Schulen etwa.
In China gibt es nun dazu Versuche. Vor kurzem ist in der Stadt Yanxi eine Studie zu Ende gegangen, bei der Schulklassen in einem verglasten Raum unterrichtet wurden. Die Forscher haben die Helligkeit im Raum gemessen und wollen die Werte nun mit den Dioptrien der Schüler in Verbindung bringen. Sie sprechen von «ermutigenden» Ergebnissen.

Politik agiert kurzsichtig

Es könnte auch einfacher gehen. Mehrere Studien mit Hunderten Kindern belegen mittlerweile, dass Zeit im Freien die Folgen von Naharbeit kompensieren kann. 45 Minuten bei Tageslicht verringern die Häufigkeit von Kurzsichtigkeit um etwa 30 Prozent, 80 Minuten um circa 60 Prozent. Bisher werden diese Erkenntnisse aber kaum in Empfehlungen oder Vorschriften umgesetzt. Angesichts der drohenden Kosten und Verluste, die die WHO prognostiziert, verhält sich die Politik kurzsichtig.
Nur Taiwan ist offenbar entschlossen. 1999 rief die damalige Regierung einen Aktionsplan im Kampf gegen Kurzsichtigkeit aus. Innerhalb von fünf Jahren sollte der Anteil kurzsichtiger Grundschüler von 55 auf 10 Prozent sinken. Kindergärten und Schulen sollten Naharbeit einschränken, die Kinder eine aufrechte Sitz- und Lesehaltung lernen. Mehr als 15 Jahre später ist das ambitionierte Projekt gescheitert und doch ein Erfolg. Seit 2012 müssen sich taiwanesische Schüler täglich mindestens zwei Stunden draussen aufhalten. Die «3010-Regel» schreibt zudem nach jeder halben Stunde Naharbeit zehn Minuten Pause vor. Bis 2015 war die Häufigkeit der kurzsichtigen Erstklässler dennoch nur um drei Prozent gesunken.

Womöglich liegt das am Leistungsdruck. «Viele Kinder lernen bis zu zwölf Stunden am Tag und sind vielleicht pro Woche zwei Stunden draussen», sagt Pfeiffer. Und selbst wenn Kinder heute ihre Hausaufgaben beiseitelegen, sind Smartphones und Tablets zur Hand. Wie und ob Handys Kurzsichtigkeit verstärken können, ist wissenschaftlich aber noch nicht geklärt. Trotzdem: Taiwan ist das erste Land, in dem die Zahl kurzsichtiger Primarschüler sinkt. Ähnliche Massnahmen zur Vermeidung der Fehlsichtigkeit gibt es in anderen Ländern bislang nicht. Man beschränkt sich auf die Korrektur der Sehschwäche, sinnvoller wäre es, sie zu verhindern.

Schon Hermann Cohn forderte Ruhetage für das Auge. Kurzsichtige sollten daher das Lesen und Schreiben einige Wochen im Jahr ruhen lassen. Schaeffel und Pfeiffer raten, die Kinder einfach rauszuschicken. Es funktioniert ja, man weiss nur nicht, warum. «Selbst wenn es keinen Effekt auf die Kurzsichtigkeit hat, dann senkt es das Risiko für Diabetes, Haltungsschäden und vieles andere», sagt Pfeiffer. Das wäre doch auch was.

(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 14.03.2016, 23:40 Uhr)

Dienstag, 30. August 2016

Ethics of Consumption - cultural capitalism



In this RSA Animate, renowned philosopher Slavoj Zizek investigates the surprising ethical implications of charitable giving.

Dienstag, 9. August 2016

Kinder in den USA

Original: https://www.dasmagazin.ch/2016/08/05/das-bose-lauert-uberall/

Das Böse lauert überall

Amerikas Vorstadtstrassen sind wie leer gefegt, weil Eltern ihre Kinder nicht mehr allein vor die Tür lassen, aus Angst, verhaftet zu werden. Vertrauen ist das grösste Tabu, Paranoia oberste Pflicht. In den USA grassiert die Furcht vor allem und jedem.

 Das Magazin N°31/32 – 6. August 2016

In den ersten Wochen fällt es einem gar nicht auf. Wer neu aus Europa in eine durchschnittliche amerikanische Vorstadt zieht, der ist zunächst von der geballten Ladung Idylle erschlagen, den netten Holzveranden, den freundlichen Nachbarn, Jack und Cindy, die immerzu lächeln und Kuchen vorbeibringen und am 4. Juli ihren Garten mit amerikanischen Fahnen schmücken. Es müssen erst ein paar Monate vergehen, bis man merkt, dass hier etwas nicht stimmt. Noch aber kommt man nicht drauf, blickt dafür immer öfter verstohlen aus dem Fenster, weil man etwas sucht, weil hier einfach etwas fehlt. Nur: was denn? Bis einem endlich die Augen aufgehen.
Bei mir dauerte das ungefähr ein Jahr. Als ich an einem späten Nachmittag mit dem Auto durch unser Quartier fuhr, vorbei an Vorgärten mit Rasensprinklern, vorbei an adretten Backsteinhäusern mit Basketballkorb an der Garage, sah ich es plötzlich ganz deutlich. Es war, als hätte ich auf einmal eines dieser Vexierbilder entschlüsselt und das andere Bild entdeckt im Bild. Nicht mehr den alten Mann mit Glatze und Bart, sondern die nackte Frau. In diesem Moment brach die amerikanische Vorstadtidylle zusammen, denn ich sah – Tschernobyl.
Alles war wie immer, Cindys Blumen strahlten um die Wette, in der Luft lag der Geruch von gemähtem Gras dividiert durch gegrilltes Fleisch, doch endlich erkannte ich, was hier fehlt: Kinder. Keine Mädchen mit Zöpfen. Keine Jungs mit aufgeschlagenen Knien. Keine Kreidezeichnungen am Boden, lachende Sonnen und Marienkäfer auf zwei Beinen. Kein Geschrei zu hören, kein «18–19–20, ich koommeeee». In der Vorstadt, in der wir wohnen, zwanzig Minuten vom Weissen Haus entfernt, ist es so gespenstisch leer wie in einem dieser Roland-Emmerich-Filme über die Postapokalypse.
Jeden Donnerstag kommt bei uns die Müllabfuhr vorbei, was bedeutet, dass sämtliche Anwohner am Mittwochabend ihren Müll an die Strasse stellen. Und wenn man heimlich in ihre Säcke schaut, dann sieht man durchaus Spuren von Kinderleben, blaue Legokartons, Cornflakes-Schachteln in XXL-Familiengrösse, Babynahrung mit Bananengeschmack – allein die Kinder sieht man nie.
Man kennt das Klischee, das die Anti-Amerikaner unter uns, und davon gibt es in der Schweiz ja einige, immer wiederholen: Amerikaner würden ihre Kinder halt lieber vor den Fernseher setzen, während wir unsere draussen im Dreck wühlen lassen. Doch es ist, wie bei allen Klischees, komplexer.
Man kennt auch die Berichte über Helikoptereltern, die ihre Kinder überwachen und in Watte packen, als würden sie unter der Glasknochenkrankheit leiden. Doch auch hier ist der elterliche Überprotektionismus nur ein Symptom eines tiefer liegenden Phänomens, das nicht nur die Kindererziehung, sondern das ganze Land bestimmt: Die Angst geht um in Amerika.
Und plötzlich ergibt vieles Sinn, was man anfänglich als anders oder seltsam empfand: Warum man in der Schule täglich ein Formular unterschreiben muss, bevor man seine Kinder abholt. Warum auf Kindergeburtstagen nur die aufs Trampolin dürfen, deren Eltern eine schriftliche Bewilligung einreichen. Warum auf den Spielplätzen und in Parks, wo sich durchaus Kinder finden lassen, immer so viele Erwachsene herumstehen, die bei Not eingreifen und bei Streitereien schlichten. Warum die Liste mit möglichen Nebenwirkungen, auch wenn es sich nur um Kindermückenspray handelt, so endlos lang ist. Und warum man vor allem so selten Kinder sieht, die sich ohne Aufsicht irgendwo aufhalten. Weder in Bussen noch im Wald oder vor dem Supermarkt. Im Schwimmbad sowieso nicht.

Erotische Beziehung zur Angst
Keine Woche vergeht ohne neue Angst. Angst vor Terror, vor Muslimen und Mexikanern; vor zu vielen Waffen oder davor, keine Waffen mehr tragen zu dürfen; vor heimischen Zecken, südamerikanischen Zika-Viren und Atombomben aus Nordkorea; vor dem sozialen Abstieg, schlechten Schulnoten, hohen Cholesterinwerten und vor Schneefällen, die sich zu «Monsterstürmen» auftürmen könnten, wie es im vergangenen Winter im Fernsehen hiess. Worauf die Anwohner in meiner Vorstadt sämtliche Supermärkte leer kauften und sich im Keller Notunterkünfte einrichteten, als würden sie sich auch ein wenig drauf freuen. Als dann nach ein paar Tagen doch nur harmlose Schneeflocken vom Himmel fielen, die sich puderzuckrig auf die Vorgärten legten, da waren unsere Nachbarn Jack und Cindy nicht etwa empört, weil man sie in die Irre geführt hatte und sie sich umsonst Sorgen machten. Sie waren erleichtert und froh, dass alles noch einmal gut ausging. Kinder beim Schlitteln allerdings sah ich keine.
Dafür wurden in jenem Winter sämtliche Sitzbänke vor den Schulen in der Umgebung abgeschraubt, weil man nicht will, dass die Kinder nach dem Unterricht auf dem Schulhof spielen und sich die Eltern auf den Bänken ausruhen – wie man das bei Bahnhöfen macht, um die Penner zu vertreiben. So will man aus Versicherungsgründen, dass sich Eltern wie Kinder ohne Umwege sofort nach Hause begeben, es könnte ja sonst etwas passieren.
Es ist eine Unart dieser Tage, dass kein einziger Bericht über die USA ohne Verweis auf Donald Trump auskommt. Doch hier muss der Immobilienspekulant, der sich durch die Vorwahlen pöbelte und nun gegen Hillary Clinton antritt, erwähnt sein, denn natürlich ist der Aufstieg Trumps ohne Amerikas erotische Beziehung zur Angst nicht zu verstehen. Die Angst ist ein Lustgewinn, deshalb wird sie zelebriert und gepflegt, und sie ist der Kitt in der amerikanischen Gesellschaft.
Mehrmals schon liess Danielle Meitiv ihre Kinder Rafi, 11, und Dvora, 8, allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt.
Während Barack Obama seit acht Jahren vorgibt, alles immer im Griff zu haben, schürt Trump Ängste, wo er nur kann. «Wir sind ein Land der Verlierer geworden und werden verspottet», sagt er dauernd, worauf seine Anhänger johlen, als hätte er ihnen eine Gehaltserhöhung versprochen. Die Furcht vor dem eigenen Niedergang entfacht gleichzeitig Begeisterung, weil sie zusammenhält: Wir gegen die. Und wo kräftig mit Angst gedüngt wird, da gedeiht Hass, das weiss man aus der europäischen Geschichte.

Nüsse sind verboten, Schokolade ist erlaubt
Die Angst um die Kinder ist aber vielleicht die intimste, sie sagt viel aus über den Zustand dieses Landes und verunsichert eine ganze Generation junger Eltern, die doch nur das Beste für ihre Kinder wollen, aber bei all den Schauermärchen und ob all der Panikmache nicht mehr wissen, was das Beste ist. Hinzu kommt, dass sie sich mit einer Fülle von Gesetzen herumschlagen müssen, die von Staat zu Staat variieren: Wer Kinder ohne Aufsicht auch nur für wenige Minuten im Auto lässt, in einem Park oder nur schon zu Hause, wer fremden Schulmädchen auf dem Spielplatz beim Klettern hilft und sie zufällig auch noch berührt, läuft Gefahr, von Beamten der Child Protective Services (CPS) ins Visier genommen zu werden, und das möchte niemand. C-P-S – diese drei Buchstaben lassen amerikanischen Eltern das Blut in den Adern gefrieren.
Dabei sind die USA doch das «land of the free», so dachte man jedenfalls, als man neu aus Europa herzog. Dass Eltern alles andere als frei sind, merkt man, wenn man die Kinder zur Schule anmeldet und sich durch die seitenlange Liste von Regeln kämpft: Die Badekappe muss weiss sein, das Kind gegen Hepatitis geimpft und die Lunchbox natürlich aus Plastik, sonst könnten sich die Kinder damit ja noch die Nasen blutig schlagen. An Nüssen könnten sie sich verschlucken, an Äpfeln die Zähne ausbeissen, Schokolade ist erlaubt.
Die ganze Verunsicherung führt ja nicht nur zu dieser gespenstischen Leere in meinem Quartier und dem Umstand, dass wir drei Tage lang alle Geschäfte nach weissen Badekappen absuchten. Die Folgen sind weitreichender und über das ganze Land verteilt. Wobei das nicht ganz stimmt. Kinder aus ärmeren Familien sind durchaus auf der Strasse, in Schwarzenvierteln von D.C., Chicago oder Baltimore etwa klettern sie ohne Aufsicht auf Gerüste und Bäume, weil die Eltern keine Zeit haben, sich um sie zu kümmern. Weil sie arbeiten und abends zu müde sind. Angst zu haben und teilzunehmen an der nationalen Panik ist ein Privileg und gehört auf die Liste von Christian Landers hervorragendem Blog: «Stuff White People Like».

Revolutionärin oder Rabenmutter
In Connecticut überhörte Maria Hasankolli eines Morgens im November ihren Wecker, worauf sich ihr Sohn, 8 Jahre alt, allein auf den Weg machte. Zwei Polizisten hielten ihn an, begleiteten ihn zur Schule, fuhren daraufhin zur verschlafenen Mutter zurück und legten ihr Handschellen an. Die Anklage lautete, sie habe ihr Kind willentlich in Gefahr gebracht, es war von einer 10-jährigen Gefängnisstrafe die Rede. Hasankolli kam gegen 2500 Dollar Kaution wieder frei. Sie geht jetzt jeden Abend mit der Angst ins Bett, sie könnte den Wecker noch einmal überhören, schreibt sie: «Dann nehmen sie mir meinen Sohn weg.»
In Arizona fuhr Brenda Mayers mit ihrem Mann und ihren vier Kindern vom Schwimmbad nach Hause, es war später Nachmittag, und sie wollten noch etwas essen. Die Jüngeren schliefen, die beiden Älteren folgten dem Vater in eine Filiale von Burger King. Mayers stieg aus dem Auto und setzte sich an einen der Tische neben den Parkplätzen, der Wagen keine fünf Meter von ihr entfernt, die Fenster offen. Nur einmal ging sie kurz hinein, um Servietten zu holen und sich die Hände zu waschen, doch das reichte: Ein Gast am Nebentisch rief die Polizei.
Mayers erhielt eine Busse, weil es verboten ist, Kinder unter sieben Jahren mehr als fünf Minuten allein im Auto zu lassen. «Dass es nicht mal eine Minute war, tat nichts zur Sache.» Ein paar Wochen später führten Beamte der Kinderschutzbehörde CPS mit den Lehrern von Mayers’ Kindern Gespräche. Auch die Kinder wurden vernommen, ohne dass Mayers dabei sein durfte. Sie hat nun eine dicke Akte und musste einen mehrtägigen Elternkurs besuchen, obwohl sie vier Kinder hat. Und als sie neulich in einem Park von einem Polizisten gerügt wurde, weil ihr Sohn zu nahe am Ufer lief, wollte sie sich erst wehren, liess es dann aber bleiben und entschloss sich, von nun an zu Hause zu bleiben. «Burger essen und im Park spazieren gehen, das ist in diesem Land zu gefährlich geworden.»
Mittagessen mit Danielle Meitiv, Mutter von Rafi, 11, und Dvora, 8. Meitiv ist entweder Revolutionärin oder Rabenmutter, je nachdem, wie man es betrachtet. Sie selbst will gegen «diese Totalhysterie» ankämpfen, die in Amerika grassiere und die Städte «in tote Kulissen verwandelt», für die sich keiner mehr zuständig fühle, «weil wir ja immer zu Hause sind».
Dank einer nationalen Kampagne gelten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als verdächtig.
Mehrmals schon liess Meitiv ihre Kinder allein in den Park, was hier ähnliche Reaktionen auslöst, als hätte sie ihnen zum Geburtstag Zigaretten geschenkt. Meitiv hörte auch nicht damit auf, nachdem die Polizei bereits interveniert hatte und die Männer von der Jugendschutzbehörde CPS begannen, sie auszuspionieren. Sie nahm sich einen Anwalt und hielt dagegen. Die Meldung der renitenten Mutter, die sich nicht verbieten lassen will, ihre Kinder ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herumlaufen zu lassen, ging vor einem Jahr um die Welt, selbst das russische Fernsehen hat darüber berichtet. «In anderen Ländern ist das doch ganz normal. Was also soll die Aufregung?»
Danielle Meitiv ist in den Siebzigerjahren in einem jüdischen Viertel in Queens aufgewachsen. «Einen gefährlicheren Ort gab es damals nicht in den USA», Bandenkriege, Cracktote, «und dennoch liessen mich meine Eltern draussen spielen. Und wenn ich die sechsspurige Strasse zur Synagoge überqueren musste, da habe ich jemanden um Hilfe gefragt.» Das Bauchgefühl habe sich verändert, so Meitiv, man gehe heute immer davon aus, dass etwas passiert; und wer das schlimmstmögliche Szenario nicht einkalkuliert, der gelte als schlechte Mutter oder mieser Vater.

Die Angst mit Löffeln gegessen
Wann war der Tag, die Woche, das Jahr, als sich die Angst in den Köpfen der Amerikaner ausbreitete und immer häufiger auch in jenen der Schweizer? Warum hat sich unser Blick derart verändert? Wie ist es möglich, dass dieses Bauchgefühl allen Statistiken trotzt und sich so hartnäckig hält? Mord, Raub, Vergewaltigung, Entführung, das Leben in den USA war nie sicherer als heute. Selbst für Schwarze. Und dennoch wurden noch nie so viele Ortungsgeräte verkauft. Handy-Apps und Zimmerkameras, mit denen man seinen Nachwuchs jederzeit überwachen kann, sind mittlerweile Standard im Kinderzimmer. Mit der Angst der Eltern lässt sich Geld verdienen.
Als Meitiv in den Siebzigerjahren aufwuchs, wurden Bilder verschwundener Kinder auf Milchflaschen gedruckt, die auf den Frühstückstischen standen: «Hast du mich gesehen?», war auf den Flaschen zu lesen, mit denen Millionen von Amerikanern ihre Cornflakes-Schüsseln füllten – sie assen die Angst mit dem Löffel. Damals begann man, den Kindern zu verbieten, mit Fremden mitzugehen, «Stranger Danger» hiess die nationale Kampagne, und fortan galten Kastenwagen, die langsam im Quartier herumschleichen, als verdächtig. Auch dafür gibt es, wie für so vieles, eine Bezeichnung: «Man in a Van» – diese Warnung vor Fremden kennt hier jedes Kind. Obwohl 90 Prozent der Kindsmisshandlungen von Verwandten oder Freunden begangen werden, aber das nur nebenbei.
Als dann das Fernsehen 24 Stunden pro Tag zu senden begann, explodierte die elterliche Paranoia, sagt Danielle Meitiv. «Die emotionalen Einzelschicksale, die pausenlos auf uns niederprasseln, haben unser Denken und unsere Risikowahrnehmung verändert und uns alle in einen permanenten Schreckenszustand versetzt.» Denn die Botschaft, die alle diese Geschichten in die Wohnzimmer transportieren, sei: Pass bloss auf, es könnte auch deinen Kindern passieren. Mit dem Resultat, dass alle überall Gefahr wittern. «Wer ein Kind allein auf der Strasse sieht, der denkt sich: Was ist denn mit dem passiert?, anstatt sich zu fragen: Und wo, bitte schön, sind all die anderen?»
Mit dem Aufstieg der Angst, so Meitiv, erhielt die Jugendschutzbehörde CPS, so etwas wie die Schweizer Kesb, immer mehr Macht. Sie habe keine Angst vor Einbrechern, sagt Meitiv, sie habe Angst davor, dass Nachbarn die CPS anrufen, weil sie ihre Kinder wieder mal allein spielen lässt. «Die Leute von den CPS sind unantastbar. Sie können Familien entzweien, Kinder in Internate stecken, Männer als potenzielle Vergewaltiger abstempeln. Ein Wort der CPS genügt, und dein Leben stellt sich auf den Kopf.»
Weil keiner Ärger will, würden Amerikaner alles für ihre Kinder tun, daher der Überprotektionismus. «Wir züchten eine Generation polierter Kids, für die wir alles tun und die wir möglichst lang von der Welt abschotten. Mit 16 kiffen sie zwar heimlich und haben Oralsex, aber vom Leben keine Ahnung.»

Ruhe statt Panik – ein Tabu in Amerika
Die geistige Mutter des Widerstands gegen Meitivs «Totalhysterie» heisst Lenore Skenazy und lebt in New York. Sie liess ihren 9-jährigen Sohn in Manhattan allein mit der U-Bahn fahren und schrieb 2008 eine Kolumne darüber, mit dem Titel: «Here’s Your Metrocard, Kid». Damit löste sie eine landesweite Empörung aus. «Andauernd wurde ich gefragt, was ich getan hätte, wenn er nicht zu Hause angekommen wäre. Aber das ist ja gar keine Frage. Es ist eine Verurteilung.» Sie habe sich erlaubt, nicht mit dem Schlimmstmöglichen zu rechnen, sondern damit, dass alles gut kommt. Ruhe statt Panik. Ein Tabu in Amerika.
Seitdem wird Skenazy jährlich zur schlechtesten Mutter des Landes gewählt, in den USA gibt es ja für alles eine Liste. Sie führt einen Blog, hilft Eltern, die mit Behörden Schwierigkeiten haben, weil sie etwa ihr Kind für eine Minute im Auto liessen, und sie hat die «Free Range Kids»-Bewegung gegründet – so etwas wie die Freilandhaltung bei Hühnern. Skenazy nennt es «Streifradius». Kinder sollen umherstreunen und ihr Viertel entdecken, statt die Jugend im elterlichen Käfig abzusitzen. Zudem unterstützt sie Projekte in Schulen, die die Selbstständigkeit der Kinder fördern, und spricht an Tagungen von «diesem total überhitzten Land» und den Auswirkungen auf die Kleinsten.
Dieser Überhitzung bin ich vor Kurzem wieder begegnet, als ich von einer freundlichen Fahrkartenverkäuferin daran gehindert wurde, mit meinen drei Kindern in den Zug zu steigen: «So sind nun mal die Regeln.» Und die Regel lautet, dass ein Erwachsener nur mit maximal zwei Kindern reisen darf, weil man allein auf drei nicht aufpassen könne, was streng genommen ja auch stimmt. Falls etwa ein Helikopter auf den fahrenden Zug stürzen würde und es zur Entgleisung käme, hätte ich tatsächlich Mühe, mich um alle zu kümmern. «Dann nehme ich halt das Auto», sagte ich, und sie nickte.
Jährlich kommt es zu 1,5 Millionen Unfällen auf den Strassen der USA, 35 000 Menschen sterben, das Auto ist das gefährlichste Verkehrsmittel von allen. Aber hey, keine Panik.